"Was ist so schlimm an den Bildern, dass Gott sie verbieten muss, und zwar ganz vorn, gleich hinter dem Fremdgötterverbot?", fragt Jan Assmann in einem lesenswerten Aufsatz und postuliert das Bilderverbot als "Gebot der Gebote", als "Kern des Kerns". Diesen Kern herauszuschälen, ist die Intention dieser Seminararbeit. Sie wagt sich dabei auf "vermintes Gelände" vor, denn Konsens besteht beim Bilderverbot zwar darin, dass dieses ein Alleinstellungsmerkmal Israels und ein "zentrales Theologumenon der israelitischen Religion" war; die meisten weiteren Fragen werden indes kontrovers diskutiert. Wie beim Häuten der Zwiebel trägt die Arbeit Schicht um Schicht ab, arbeitet sich von aussen nach innen vor – und versucht so, den Kern zu erfassen, ihn von allen Seiten zu beäugen – im Wissen darum, dass jede Darstellung des Göttlichen letztlich unzulänglich ist, ja: bleiben muss, dass der Blick auf die kā·ḇôḏ Gottes nur Umrisse preisgibt, An- und nicht Einblicke, wie sie auch Ezechiel in seinen Visionen beschreibt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Aussenschicht: Götterbilder
3. Die Aussensicht: Das Bilderverbot in nichtjüdischen Quellen
4. Von aussen nach innen: Die Entstehung des Bilderverbotes
5. Der Zwischenhalt: Das Angesicht Gottes und das Schauen Gottes
6. Von Innen zum Inneren: Das Bilderverbot in der Bibel Israels
7. Im Inneren: Das Aufscheinen des Verborgenen
8. Von innen nach aussen: Das Bilderverbot als Konkretion des Seins
9. Die Aussen-Innen-Schnittstelle: Der Tempel als Kompromiss
10. Das Aussen im Innern: Das Bildverbot als Charakteristikum
11. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung und Entstehung des Bilderverbots im Judentum als zentrales Alleinstellungsmerkmal und theologisches Grundprinzip, indem sie die Entwicklung von den antiken Götterbildern hin zu einer bildlosen Gottesbeziehung schrittweise nachzeichnet.
- Die Funktion und Wirkung von Götterbildern in der Umwelt Israels.
- Der Prozess der Entstehung des Bilderverbots als prozedurales Werden.
- Die Ambivalenz von Bilderverbot und Offenbarungserfahrung.
- Das Konzept der "Nicht-Darstellung" als Schutz vor Bildverehrung und Bewahrung der Transzendenz Gottes.
- Der Tempel und die Tora als komplementäre bzw. ersetzende Elemente zum Kultbild.
Auszug aus dem Buch
2. Die Aussenschicht: Götterbilder
Bilder und Darstellungen von Gottheiten waren im Umfeld Israels weit verbreitet. Die anthropomorphen Abbildungen markierten die Präsenz der Gottheit im Hier und Jetzt, waren Orte der Vergewisserung und markierten zugleich den göttlichen Macht- und Wirkungsanspruch. Die Bilder wollten nicht primär die Gottheit in ihrem So-Sein abbilden, sondern repräsentierten ihr Da-Sein als Wirkmacht. Die Abbildungen sind Symbol und Akt in einem. Mit dem Bild ist das in ihm Verkörperte vollgültig anwesend; es materialisiert stellvertretend das Immaterielle. In ihm fallen die horizontale und die vertikale Achse in eins, sie sind Kulminationspunkte der Mensch-Gott-Korrelation. Die horizontale Dimension interagiert dabei als Stufen-Modell: Man nähert sich der Gottheit schrittweise, gelangt über Höfe und Räume von aussen nach innen, wobei das im Zentrum dargestellte Kultbild oft nicht allen zugänglich war.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des Bilderverbots ein und definiert das Ziel der Arbeit, den "Kern" dieses zentralen Theologumens israelitischer Religion freizulegen.
2. Die Aussenschicht: Götterbilder: Dieses Kapitel erläutert die Funktion anthropomorpher Götterbilder als Orte der Vergewisserung und Wirkmacht in der Umwelt Israels.
3. Die Aussensicht: Das Bilderverbot in nichtjüdischen Quellen: Es wird untersucht, wie nichtjüdische Autoren wie Tacitus das Bilderverbot wahrnahmen und welches Bild vom Judentum dadurch gezeichnet wurde.
4. Von aussen nach innen: Die Entstehung des Bilderverbotes: Hier werden die Hauptlinien der Entstehung des Bilderverbots beleuchtet, insbesondere nomadische Einflüsse, die Entwicklung des Monotheismus und prophetische Polemiken.
5. Der Zwischenhalt: Das Angesicht Gottes und das Schauen Gottes: Dieses Kapitel thematisiert die religiöse Bedeutung der Gottesschau und grenzt diese von der Vorstellung eines notwendigen anthropomorphen Kultbildes ab.
6. Von Innen zum Inneren: Das Bilderverbot in der Bibel Israels: Anhand der Erzählung vom Goldenen Kalb wird die biblische Reflexion über das Bilderverbot als Identitätsmarker und Reaktion auf konkrete Krisensituationen analysiert.
7. Im Inneren: Das Aufscheinen des Verborgenen: Fokus auf die Sichtbar-unsichtbar-Polarität und wie insbesondere Ezechiels Visionen das Göttliche dynamisieren, ohne die Grenze zur Bildhaftigkeit zu überschreiten.
8. Von innen nach aussen: Das Bilderverbot als Konkretion des Seins: Das Kapitel arbeitet heraus, wie das Bilderverbot von einem kultischen Tatbestand zu einer Identitätskonkretion durch das Wort (Tora) wird.
9. Die Aussen-Innen-Schnittstelle: Der Tempel als Kompromiss: Der Tempel wird als notwendiger Übergangsort und Schutzraum gegen das Abgleiten in den Götzendienst interpretiert.
10. Das Aussen im Innern: Das Bildverbot als Charakteristikum: Ein Blick auf die Bedeutung des Bilderverbots für die drei abrahamitischen Religionen und dessen fortwährende Virulenz.
11. Schluss: Zusammenfassung der wesentlichen Erkenntnisse: Das Bilderverbot als Triumph der Geistigkeit über die Sinnlichkeit und als Absage an die Versklavung durch Bildhaftigkeit.
Schlüsselwörter
Bilderverbot, Jahwe, Götterbilder, Tora, Monotheismus, Kult, Transzendenz, Immanenz, Offenbarung, Anthropomorphismus, Identitätsmarker, Ezechiel, Goldene Kalb, Religionsgeschichte, Bildtheologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Bilderverbot im Alten Testament als zentrales theologisches Alleinstellungsmerkmal Israels und untersucht dessen Ursprung, Funktion und Bedeutung für das jüdische Glaubensverständnis.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zu den Schwerpunkten zählen die Rolle von Kultbildern im antiken Umfeld, der Übergang von bildlicher Verehrung zur bildlosen Tora-Frömmigkeit sowie die theologische Reflexion über die Transzendenz Gottes.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, den "Kern" des Bilderverbots herauszuschälen und zu verstehen, warum die Nicht-Darstellung des Göttlichen zu einem grundlegenden Charakteristikum des Judentums wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor wählt einen schichtweisen Ansatz, vergleichbar mit dem Häuten einer Zwiebel, um sich dem Phänomen exegetisch und religionsgeschichtlich von verschiedenen Seiten zu nähern.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die historische Entstehung des Verbots, die Auseinandersetzung mit der nichtjüdischen Umwelt, biblische Erzählungen wie das Goldene Kalb und die Bedeutung des Tempels als Raum der Nicht-Darstellung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Bilderverbot, Jahwe, Transzendenz, Tora, Kultbild, Offenbarung, Monotheismus und Identitätsstiftung.
Inwiefern spielt der Tempel eine Rolle für das Bilderverbot?
Der Tempel wird als "notwendiger Kompromiss" verstanden: Er dient dem menschlichen Bedürfnis nach Konkretion, bewahrt aber durch seine strenge Architektur und die Abwesenheit eines anthropomorphen Kultbildes die Heiligkeit des unsichtbaren Gottes.
Warum ist laut Autor die Tora als Ersatz für Bilder zu verstehen?
Die Tora gilt als Manifest des Bundes und als "Vision der Audition". Wo das Wort (Tora) als Leitschnur tritt, verliert das materielle Bild seine Bedeutung und Verehrungswürdigkeit.
- Arbeit zitieren
- Thomas Wehrli (Autor:in), 2021, "Du sollst dir kein Kultbild machen". Wie die Nicht-Darstellung des Heiligen zum Proprium des Judentums wurde, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1217452