Die Handlungsrelevanz des Wissens über Handlungen Multinationaler Unternehmen für die Kaufentscheidung

Eine Befragung


Wissenschaftliche Studie, 2007

57 Seiten, Note: 1.5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abstract

1. Einleitung
1.1 Gegenstand und Problemstellung
1.2 Ziel und Aufbau der Arbeit

2. Relevante Akteure und Entwicklungen in der neuesten Phase der Globalisierung
2.1 Multinationale Unternehmen (MNU`s)
2.2 Nichtstaatliche Organisationen (NGOs)
2.3 Abnehmende Regulierungsmacht der Nationalstaaten
2.4 Corporate Citizenship (CC)

3. Engagierte Unternehmen und ihre Kunden
3.1 Das soziale Engagement ausgewählter Unternehmen der Bekleidungsindustrie
3.2 Die Handlungsrelevanz von sozialem Engagement für die Kaufentscheidung

4. Operationalisierung und Methode des empirischen Teils

5 Die Wahrnehmung der sozialen Verantwortung durch MNUs aus der Bekleidungsindustrie
5.1 Das Wissen der Kunden
5.2 Das Kaufverhalten beim Kleidungskauf
5.3 Das Wissen der Befragten und sein Einfluss auf ihre Kaufentscheidung

6 Fazit

7 Bibliographie

8.Fragebogen

Abbildungsverzeichnis

Abb. 6-1: Die Wahrnehmung der sozialen Verantwortung durch Unternehmen und die Kaufentscheidung der Kunden

Tabellenverzeichnis

Tab. 1-1: Aufbau der Arbeit

Tab. 3-1: Bewertung von Unternehmen der Bekleidungsindustrie bezüglich ihres sozialen Engagements (Quelle: EvB 2006, S. 18-20)

Tab. 3-2: Forschungsstand: Die Handlungsrelevanz für die Kaufentscheidung der Wahrnehmung der sozialen Verantwortung durch Unternehmen

Tab. 4-1: Potentielle Missstände in der Produktion von welchen die Befragten schon gehört/davon gelesen haben (Quelle: eigene Darstellung)

Tab. 4-2: Einflussfaktoren für die Kaufentscheidung

Tab. 4-3: Kategorienbildung der Kategorien des Indizes Kaufverhalten

Tab. 5-1: Vergleich der „Codes of Conduct“ bezüglich der festgehaltenen Arbeitsvorschriften (Quelle: „Codes of Conduct“ von Nike, Puma, Adidas, Levi Strauss und H&M, eigene Darstellung)

Tab. 5-2: Demographische Angaben nach Fakultät und Geschlecht

Tab. 5-3: Genannte Gründe für die Auslagerung der Produktion durch MNUs der Bekleidungsindustrie in Prozent aller Befragten (gerundet)

Tab. 5-4: Informationsstand bezüglich des Themas der sozialen Verantwortung von Unternehmen von aussen betrachtet (Quelle: eigene Darstellung)

Tab. 5-5: Informationsstand bezüglich des Themas der sozialen Verantwortung von Unternehmen nach eigener Einschätzung (Quelle: eigene Darstellung)

Tab. 5-6: Relevanz des Preises für die Kaufentscheidung

Tab. 5-7: Relevanz der Qualität für die Kaufentscheidung

Tab. 5-8: Relevanz der Marke für die Kaufentscheidung

Tab. 5-9: Relevanz der Wahrnehmung der sozialen Verantwortung durch das produzierende Unternehmen für die Kaufentscheidung

Tab. 5-10: Sind Preis und/oder Qualität und/oder Marke die einzigen relevanten Faktoren, anhand welcher die Befragten über Kauf oder Nicht-Kauf entscheiden?

Tab. 5-11: Ist es für die Befragten wichtig, ob das Kleidung produzierende Unternehmen in Skandale verwickelt ist?

Tab. 5-12: Ist es für die Befragten wichtig, ob ihre Kleidung von Kindern gefertigt wurde?

Tab. 5-13: Ist es für die Befragten wichtig, ob ihre Kleidung unter Einhaltung der Menschenrechte gefertigt wurde?

Tab. 5-14: Ist es für die Befragten wichtig, ob sich das Unternehmen an seinen Produktionsstandorten für den Umweltschutz einsetzt?

Tab. 5-15: Ist es für die Befragten wichtig, ob sich das Kleidung produzierende Unternehmen für soziale Projekte einsetzt?

Tab. 5-16: Ist es für die Befragten wichtig, ob die Kleidung produzierende Unternehmung die Verantwortung für die Arbeitsbedingungen ihrer Zulieferer übernimmt?

Tab. 5-17: Ist es für die Befragten wichtig, ob das Kleidung produzierende Unternehmen an seinen Produktionsstandorten Arbeitnehmerrechte durchsetzt und einhält?

Tab. 5-18 : Einflussfaktoren des Kaufverhaltens

Tab. 5-19: Wissensstand bezüglich der sozialen Verantwortung von Unternehmen und das Kaufverhalten

Tab. 5-20: Kaufverhalten der Gruppe mit maximaler „Wissenspunktzahl“

Abstract

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Wissen von Studenten der Universität Zürich, Käufern von Kleidung, über die Wahrnehmung der sozialen Verantwortung – die Rede ist von umweltfreundlicher Produktion, der Einhaltung der Menschenrechte usw. - durch Unternehmen der Bekleidungsindustrie und ihrer Handlungsrelevanz bezüglich der Kaufentscheidung. Nach einer einleitenden Darstellung der theoretischen Grundlage, des Forschungsstandes und der Methode, wird auf die Resultate der durchgeführten Befragung unter 81 Studenten der philosophischen und der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zü- rich eingegangen und dargelegt, wie der Zusammenhang zwischen dem Wissen und dem Kaufverhalten beim Kleidungskauf untersucht wurde und welche Resultate die Studie hervorgebracht hat. Es zeigte sich, dass für die überwiegende Mehrheit der Befragten vor allem der Preis und die Qualität entscheidend sind und weniger die Wahrnehmung der sozialen Verantwortung durch das produzierende Unternehmen.

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit soll dem Leser einen Eindruck davon verschaffen, wie Studenten der wirtschaftswissenschaftlichen sowie der philosophischen Fakultät der Universität Zürich über die Wahrnehmung der sozialen Verantwortung durch Multinationale Unternehmen (MNU) der Bekleidungsindustrie informiert sind, und welche Handlungsrelevanz dieses Wissen für diese Studenten besitzt.

1.1 Gegenstand und Problemstellung

Mit dem Begriff Globalisierung, wie er in dieser Arbeit verwendet wird, ist die jüngste Phase1 der weltweiten Vernetzung ökonomischer und sozialer Aktivitäten gemeint. Diese neueste Phase der Globalisierung unterscheidet sich von früheren zwar nicht im alltäglichen Leben und Handeln über nationalstaatliche Grenzen hinweg, in dichten Netzwerken mit hoher, wechselseitiger Abhängigkeit und Verpflichtungen, sondern durch die Selbstwahrnehmung der Transnationalität, durch die Ortslosigkeit von Gemeinschaft, Arbeit und Kapital aufgrund der enormen Senkung der Transportund Kommunikationskosten (vgl. Beck 1997, S. 31).

Mit der Globalisierung der Weltwirtschaft sind nationalstaatliche Grenzen für Multinationale Unternehmen (MNU), die in mehreren Ländern wirtschaftlich tätig sind (für eine präzisere Begriffsdefinition siehe Kapitel 2.1), zunehmend bedeutungsloser geworden. Durch die weltweite Produktionsverlagerung nutzen Multinationale Unternehmen Standortvorteile, und die oftmals weniger strengen gesetzlichen Bestimmungen vor Ort, um so kostenarm wie möglich zu produzieren. MNUs werden mit dem Vorwurf konfrontiert, dass sie durch die Produktion in weniger entwickelten Ländern die dortige Gesetzeslage zum eigenen Vorteil ausnutzen (vgl. Hengstmann 2004, S. 69). Sie stellen sich dabei oft auf den Standpunkt, dass sie auf die länderund regionenspezifische Gesetzgebung vor Ort keinen Einfluss haben. Gerade die Bekleidungsindustrie, welche in dieser Arbeit thematisiert wird, steht seit Jahren im Zentrum zivilgesellschaftlicher Kampagnen (vgl. Mark-Ungericht 2002: 79). Dies hängt mit der Schwierigkeit der Überwachung globaler Beschaffungsund Produktionsketten zusammen: „Je unübersichtlicher und undurchschaubarer die Netzwerke sind und umso geringer der direkte Kontakt mit Subkontraktoren2 und Zwischenhändlern ist, desto stärker sind Unternehmen dem Risiko ausgesetzt, für problematische Unternehmenspraktiken auch dann verantwortlich gemacht zu werden, wenn diese Unternehmen nicht der eigenen und unmittelbaren Kontrolle unterworfen sind“ (Mark-Ungericht 2002, S. 79).

Nichtstaatliche Organisationen (NGO für Non-Governmental Organisation, für die Definition siehe Kapitel 2.2) wie Green Peace und andere prangern die Zustände (vgl. Mark-Ungericht 1999, S. 535) in vielen Fabriken an, und haben mittels Skandalmarketing oftmals erreicht, dass Unternehmen boykottiert wurden und/oder negativ in den Medien erschienen (vgl. Mark-Ungericht 1999, S. 537). Solche Skandale bergen Reputationsrisiken, die Umsatzeinbussen und langfristige Schäden nach sich ziehen können. Unternehmen investieren – manche aus intrinsischer, andere aus extrinsischer Motivation heraus - oftmals in Massnahmen zur Wahrnehmung ihrer sozialen Verantwortung, weil sie einer Kosten-Nutzen Rechnung standhalten (vgl. Daub 2005, S. 169).

Für MNUs, die gewisse Standards einhalten oder einen Aufwand betreiben, welcher sogar über das von NGOs verlangte Niveau hinausgeht ist es wünschenswert, dass die Information über allenfalls vorbildliche Produktionsanlagen den Weg zum (potentiellen) Kunden finden, weil davon positive Auswirkungen auf die Verkäufe erwartet werden könnnen (vgl. Schwenk 2005, S. 1). Insbesondere die Frage des Einflusses der vorhandenen Information auf die Kaufentscheidung des Kunden wird in dieser Arbeit diskutiert.

1.2 Ziel und Aufbau der Arbeit

Das Ziel dieser Arbeit ist es, etwas über die Handlungsrelevanz für Kunden von sozialen Aktivitäten von MNUs in der Bekleidungsindustrie zu erfahren.

Die Fragestellung lautet:

Welche Aktivitäten zur Wahrnehmung der sozialen Verantwortung betreiben MNUs der Bekleidungsindustrie, wie viel und was wissen die Studenten der Universität Zü- rich über die Produktion von Kleidung in Billiglohnländern sowie über Aktivitäten von MNUs der Bekleidungsindustrie zur Wahrnehmung ihrer sozialen Verantwortung an ihren Produktionsstandorten, und welche Handlungsrelevanz bezüglich ihrer Kaufentscheidung besitzt für sie das Wissen über das Verhalten dieser MNUs?

In der vorliegenden Arbeit interessiert deshalb einerseits, welche sozialen Aktivitäten grosse „Player“, MNUs der Bekleidungsindustrie, betreiben und andererseits (und vor allem), was die Gruppe der oben genannten Studenten über diese Aktivitäten von MNUs weiss und welche Handlungsrelevanz dieses Wissen besitzt. Die Arbeit ist im Weiteren folgendermassen aufgebaut:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 1-1: Aufbau der Arbeit

Als Informationsquelle der Bevölkerung wirken die Medien, welche jegliche Schritte der MNUs aufmerksam beobachten. In dieser Arbeit wird auf eine Diskussion der Medien und ihren Handlungen verzichtet: Wie der Kunde zu seiner Information kommt ist nebensächlich.

Als nächstes wird auf jene für die Fragestellung relevanten Akteure und Entwicklungen in der neuesten Phase der Globalisierung eingegangen.

2. Relevante Akteure und Entwicklungen in der neuesten Phase der Globalisierung

Die folgenden Kapitel diskutieren die für die Fragestellung relevanten Akteure (MNUs, NGOs), den Prozess der abnehmenden Regulierungsmacht der Nationalstaaten sowie die soziale Verantwortung von Unternehmen im Kontext der Globalisierung.

2.1 Multinationale Unternehmen (MNU`s)

Unter einer Multinationalen Unternehmung (MNU) wird nach Welge und Holtbrügge (2003, S. 40 f.) in dieser Arbeit eine Unternehmung verstanden,

- welche in mehreren Ländern wirtschaftlich tätig ist
- deren Auslandtätigkeit einen wesentlichen Teil der Geschäftstätigkeit ausmacht
- deren Management in weltweiten Kategorien denkt und handelt
- deren Unternehmensstrategie unter weltweiter Perspektive konzipiert wurde
- deren Muttergesellschaft oberstes Entscheidungszentrum ist, nach deren Vorgaben sich die Tochtergesellschaften orientieren sollen.

„Multinationale Unternehmen geraten mit ihrem Verhalten immer wieder ins Zentrum der Kritik, so zum Beispiel bezüglich ihrer Aktivitäten in den Entwicklungsund Schwellenländern“ (Scherer 2003, S. 3). Nämlich dann, wenn die Presse auf teilweise „unakzeptable Arbeitsbedingungen“ hinweist, unter welchen Konsumgüterprodukte wie etwa Bekleidung, in Schwellenund Entwicklungsländern hergestellt werden (vgl. Scherer 2003, S. 3). Die Arbeitsund Sozialgesetze in diesen Ländern entsprechen selten den Standards der westlichen Industrienationen oder werden von den zuständigen Behörden nicht durchgesetzt. Die Kritikpunkte an den Arbeitsbedingungen in Entwicklungsländern reichen von Kinderarbeit, unzureichender Arbeitssicherheit, der Unterschreitung gesetzlich vorgeschriebener Mindestlöhne, der Unterdrückung gewerkschaftlicher Betätigung, unzumutbaren Arbeitszeiten und erzwungenen Überstunden bis hin zu Diskriminierung (vgl. Scherer/Blickle/Dietzfelbinger 2002, S. 11).

Die Bekleidungsindustrie gilt als Vorreiter der Globalisierung (vgl. Jütte-Overmeyer 2002, S. 243). Markenartikelunternehmen Nordamerikas und Westeuropas lassen

„ihre Produkte von Zulieferern in Südostasien und Lateinamerika zu einem Bruchteil der Lohnkosten in ihren Heimatländern fertigen“ (Scherer 2003, S. 4). Werden die Produkte dann auch noch unter (teilweise) kritikwürdigen Bedingungen produziert, ruft dies Kritiker auf den Plan: Die Bekleidungsindustrie ist eine jener Branchen, die besonders im Fokus von Menschenrechtsorganisationen stehen, welche die Produktionsbedingungen anprangern. Insbesondere von „Sweatshop“-Zuständen ist immer wieder die Rede (vgl. Scherer 2003, S. 4). Mit der Globalisierung ist die Branche deshalb vor eine Vielzahl an Herausforderungen und Veränderungen gestellt: Viele Unternehmen haben mit der Formulierung von „Codes of Conduct“, Verhaltensstandards, in den Betrieben reagiert (z.B. maximale Arbeitszeit pro Woche, Diskriminierungsverbot u.v.m.) (vgl. Scherer 2003, S. 5).

Multinationale Unternehmen werden insbesondere deshalb kritisiert, weil ihr Machtpotential seit den 70er Jahren (mit der jüngsten Phase der Globalisierung) nochmals zugenommen hat. Dieses Machtpotential stützt sich auf folgende Tatsachen (vgl. Beck 1997, S. 16 ff.):

- Aufgrund der gesunkenen Kosten der Informationsübermittlung und im Transportwesen, können die Komponenten eines Produktes in verschiedenen Teilen der Erde produziert werden.
- Nationalstaaten stehen in Konkurrenz um die Frage, wo sich die Multinationalen Unternehmen ansiedeln. Dieser Wettbewerb sorgt für eine Abwärtsspirale betreffend Arbeits-, Umweltund Sozialstandards sowie betreffend Steuervergünstigungen.
- Multinationale Unternehmen können Regulierungsarbitrage betreiben, indem sie Arbeitsplätze und Produktionsstätten dorthin verlagern, wo die gesetzlichen Auflagen am geringsten sind.

In den nächsten zwei Kapiteln werden die Rolle der Nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) und die abnehmende Regulierungsmacht der Nationalstaaten besprochen.

2.2 Nichtstaatliche Organisationen (NGOs)

Unter Nichtstaatlichen Organisationen sollen in dieser Arbeit Vereinigungen verstanden werden, deren Ziel es ist, durch international vernetzte Formen der Kommunikation, der Zusammenarbeit und des Protests, Einfluss auf das Handeln staatlicher und privater Entscheidungsträger (wie z.B MNUs) auszuüben: „Ihr grösstes Wirkungspotential demonstrieren Nicht-Regierungsorganisationen [...] mit ihrer Fähigkeit, die Öffentlichkeit zu mobilisieren“ (Scherer 2003, S. 233). NGOs sind „nichtamtliche transnationale Organisationen, die Kontakte zum ‚Economic and Social Council’ der United Nations (ECOSOC) unterhalten, dem Wirtschaftsund Sozial- Rat der Vereinigten Nationen“ (Scherer 2003, S. 232). Daneben gibt es noch weitere bestehende Verbindungen zwischen NGOs und internationalen Regierungsorganisationen, beispielsweise zur International Labor Organisation (ILO) (vgl. Scherer 2003, S. 232). Eine der wichtigsten Funktionen von NGOs liegt [...] „in der Überwachung von [...] Multinationalen Unternehmen und anderen globalen Akteuren und in der Anprangerung existentieller Missstände“ (Scherer 2003, S. 232).

Zu den wichtigsten NGOs gehören Menschenrechtsorganisationen und Umweltschutzorganisationen (vgl. Risse 2002, S. 255 ff.). NGOs kommt heute die Rolle einer Art dritten Kraft im Prozess einer nachhaltigen Entwicklung zu (vgl. Daub 2005, S. 168). Sie haben ein Interesse daran, ein spezifisches Publikum (Pädagogen, Medienvertreter, politische Enscheidungsträger und die Wirtschaft) zu erreichen und beeinflussen die Handlungsfähigkeit von Unternehmen über die drei Kanäle Politik, Öffentlichkeit und Markt (vgl. Dyllick 1990, S. 133). Die Auswirkungen der Aktionen von NGOs sind im Vorfeld oftmals nicht abzuschätzen. Bei spektakulären Aktionen erzeugen die Medien zumeist einen starken öffentlichen Druck, welcher sich – nicht zwingend – bei den Konsumenten und damit am Markt bemerkbar macht. Dieser Faktor führt oftmals dazu, dass Wirtschaftsunternehmen unter Druck gesetzt werden, Forderungen von NGOs (zumindest teilweise) zu erfüllen. Das oftmals hohe Ansehen der nichtstaatlichen Organisationen trägt dazu bei, dass ihre Protestaktionen eine grosse Öffentlichkeitswirkung zu erzeugen imstande sind. NGOs versuchen dadurch, die jeweilige Unternehmensführung zu einem Gesinnungswandel zu bewegen (vgl. Daub 2005, S. 168/169). Wirtschaftsunternehmen, insbesondere MNUs (im Gegensatz zu den aufgrund ihrer Grösse weniger im Fokus von NGOs stehenden KMUs), sind deshalb oft an einer Kooperation mit NGOs interessiert, da die Abwehr von Ansprüchen negative Auswirkungen auf den Geschäftsgang und damit die Rentabilität der Unternehmung hätte (vgl. Göbel 1992, S. 21).

Die MNUs der Bekleidungsindustrie stehen unter besonderer Beobachtung durch NGOs. Heins (2005, S. 174) kritisiert, dass NGOs ihre Strategien danach differenzieren, um welches Unternehmen oder um welche internationale Organisation es sich im Einzelnen handelt. So würden Autohersteller wie BMW oder Porsche ebenso wenig ins Visier internationaler NGOs geraten wie Firmen aus Entwicklungsländern.

2.3 Abnehmende Regulierungsmacht der Nationalstaaten

Die gewachsene Bedeutung der MNUs hat die Kontrolle der Staaten über die Wirtschaft und die wirtschaftlichen Akteure geschmälert. MNUs sorgen dafür, dass die Produktion international geworden ist und dass Produktionsfaktoren wie das Management, Mitarbeiter und Technologie zu grenzüberschreitenden, mobilen Faktoren wurden (vgl. Kobrin 2001, S. 190). Wie Daub (2005, S. 145) schreibt, ist das Verhältnis zwischen Nationalstaaten und MNUs in eine neue Phase eingetreten. Die Organisationsmacht des Staates, mit dessen Hilfe er seine Regulierungsund Kontroll- funktionen ausführt, wird durch die Selektionsmacht3von Unternehmen massiv eingeschränkt (vgl. Brock 1997, S. 17). Multinationale Unternehmen haben ihren Hauptsitz in einem Land, wirtschaften aber auch in anderen Ländern und unter anderen Gesetzgebungen (vgl. Kobrin 2001, 182): „Multinationalen Unternehmen bietet sich so etwa die Möglichkeit, sich ein Stück weit von nationaler Gesetzgebung und – ausübung zu lösen und in einem quasi ‚rechtsfreien’ Raum zu agieren“ (Scherer 2003, S. 103). Regierungen, welche versucht haben, ihre Binnenwirtschaft mit traditionellen und nicht-tarifären Handelsschranken abzuschotten, laufen Gefahr, vom internationalen Handel und der internationalen Arbeitsteilung abgekoppelt zu werden (vgl. Scherer 2003, S. 103).

Daub (2005, S. 149) spricht davon, dass MNUs allmählich eine historische Legitimation und eine soziale Rolle erhalten würden, die sich in vielerlei Hinsicht der Legitimation und Rolle des Staates annähere. Die klare Aufgabentrennung von Staat und Wirtschaft verwischt. Es besteht die Forderung von Seiten der OECD, dass MNUs mit nationalen, politischen Behörden, zum Beispiel in Fragen des Umweltschutzes, der Verbraucherinteressen oder des Technologietransfers, zusammen arbeiten sollen, um in den Gastländern zum ökonomischen, sozialen und ökologischen Fortschritt beizutragen (vgl. o.V., OECD Guidelines for International Enterprises, S. 14 ff.).

2.4 Corporate Citizenship (CC)

Es gibt eine Reihe unterschiedlicher Ansätze (neokonservative Sicht, Corporate Social Responsibility (CSR), Corporate Citizenship (CC)), welche sich dahingehend unterscheiden, wie weit die soziale Verantwortung von Unternehmen gehen soll/darf. Der (CC-)Ansatz von Matten und Crane (2005) wird in dieser Arbeit als Ausgangspunkt gewählt, weil im Kontext der Globalisierung die MNU`s immer mächtiger werden (und wurden), sie Aufgaben der Nationalstaaten übernehmen und nicht mehr blosse Wirtschaftsakteure sind und/oder ab und zu als Gönner auftreten. Nach dem Corporate Citizen-Begriffs im Sinne von Matten und Crane (2005, S. 166 ff.) geht die Verantwortung von Unternehmen über die neokonservative Ansicht, nach welcher das Unternehmen nur für Vorgänge innerhalb der Unternehmung verantwortlich ist, hinaus. Corporate Citizenship nach Matten und Crane (2005) geht auch weiter als die freiwillige, philanthropische Aktivität innerhalb des unmittelbaren Umfelds der Unternehmung oder der Corporate Responsibility-Ansatz, welcher nach Carroll (1999, S. 268 ff.) vier Arten der unternehmerischen Verantwortung unterscheidet: ökonomische (Profitabilität), rechtliche (Befolgung der Gesetze), ethische (faires Handeln) und philantropische (Unterstützung von Projekten) Verantwortung. Nach Definition von Matten und Crane sind MNUs (auch) politische Akteure, Staatsbürger mit Rechten und Pflichten. MNUs kommt im Zuge der Globalisierung eine politische Verantwortung zu, um den Steuerungsverlust der Nationalstaaten auszugleichen (siehe Kapitel 2.3 zur abnehmenden Regulierungsmacht der Nationalstaaten). MNUs sollen ihre Regulierungsmacht nutzen und für Bürgerrechte garantieren, welche Regierungen nicht mehr oder noch nicht gewährleisten, sowie jene Rechte garantieren, welche die Regierungen der betroffenen Staaten nicht imstande sind zu sichern (vgl. Matten/Crane 2005, S. 172). Beispiele für mögliche Einsatzmöglichkeiten von MNUs sind die Unterstützung politischer Entscheidungen, die Gewährleistung des privatisierten Wohlfahrtsstaates, der Aufbau einer Demokratie, die Beeinflussung von Systemwechseln, die Sicherung grundlegender Sozialund Umweltstandards und weitere (vgl. Matten/Crane 2005, S. 172/173).

Im Kontext der Globalisierung, wo sich Wirtschaft und Politik nicht mehr strikt trennen lassen, die MNUs immer mächtiger werden, die Bemühungen nationalstaatlicher Gesetzgeber immer häufiger zu kurz greifen (vgl. Scherer 2003, S. 280), erscheint es sinnvoll, dass MNUs insbesondere in Ländern, welche überhaupt „keine demokratischen und rechtsstaatlichen Institutionen ausgebildet haben“ (Scherer 2003, S. 280), das politische Vakuum füllen und wie im Sinne von Matten und Crane auch als politische Akteure agieren. Für diese doppelte Rolle der MNUs spricht auch die Tatsache, dass MNUs in vielen Ländern bereits für Rechte garantieren, für welche der Staat nicht sorgen kann oder will (vgl. Matten/Crane 2005, S. 172).

Auf die Beziehung zwischen Moral und Ökonomie beim Kleidungskauf, soll nun als nächstes eingegangen werden. Es werden Werke von Priddat (2005), von Matten/Crane (2004) sowie der Erklärung von Bern (2006) betrachtet.

3. Engagierte Unternehmen und ihre Kunden

Nachfolgend sollen die relevanten Befunde von Studien über das soziale und ökologische Engagement von Unternehmen der Schweizerischen Bekleidungsindustrie sowie solche, welche sich mit der Handlungsrelevanz von sozialem Engagement von Unternehmen für die Kaufentscheidung befasst haben, vorgestellt werden.

3.1 Das soziale Engagement ausgewählter Unternehmen der Bekleidungsindustrie

Mitarbeiter der Erklärung von Bern prüften die Geschäfte von Unternehmen der Bekleidungsindustrie auf Mindeststandards, Kontrollen und Transparenz: Sie interessierte im Speziellen, ob die Unternehmen mit einem schlechten oder unvollständigen Standard arbeiten, weil sie in diesen Fällen daraus schliessen konnten, dass den Menschen in den Fabriken kein „Leben in Sicherheit und Würde“ (EvB 2006, S. 17) garantiert werden könne. Wer den Aufwand für Kontrollen der Lieferanten abschiebe, vernachlässige seine Verantwortung. Wünschenswert sei ein (protokollierter) Dialog mit den Produzenten.

Glaubenswürdige Unternehmen konnten den Mitarbeitern der Erklärung von Bern Anpassungspläne für eine bessere Zukunft mit mehr Information und Transparenz vorlegen. Ein weiterer Aspekt der Bewertung bildeten die sozialen und ökologischen Regeln in den Unternehmen sowie ihre Umsetzung (vgl. EvB 2006, S. 17). Von jenen in dieser Arbeit thematisierten Unternehmen wurden Adidas, Nike, Puma, Levi Strauss, Benetton und H&M bewertet. Keinem dieser Unternehmen wurde von der Erklärung von Bern die beste Bewertung („Erste ernsthafte Bemühungen konnten dokumentiert werden“) vergeben. Stattdessen wurden alle erwähnten Unternehmen als „mittelmass“ klassiert.

[...]


1 Bereits im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts führten gewichtige Erfindungen (Dampfschiff, Telegraph) zu Tendenzen der weltweiten Vernetzung. Die Globalisierung wurde durch Phasen des Protektionismus, insbesondere aufgrund der zwei Weltkriege, zurückgebunden und erfährt spätestens seit den 70er Jahren wieder enormen Auftrieb (vgl. Müller 2001, S. 1).

2 Dies bezeichnet einen nachgelagerten Lieferanten oder Dienstleister des Lieferanten.

3 Staaten und Unternehmen nutzen unterschiedliche Strategien, um ihre (wirtschaftlichen) Ziele zu erreichen: Staaten legen Rahmen und Regeln fest (Organisationsmacht); MNUs haben die Möglichkeit, mittels Standortwahl auszuwählen, welcher Gesetzgebung sie unterstellt sein möchten (Selektionsmacht) (vgl. Bode 1999, S. 47).

Ende der Leseprobe aus 57 Seiten

Details

Titel
Die Handlungsrelevanz des Wissens über Handlungen Multinationaler Unternehmen für die Kaufentscheidung
Untertitel
Eine Befragung
Hochschule
Universität Zürich  (Institute of Organization and Administrative Science (IOU))
Veranstaltung
Seminar
Note
1.5
Autor
Jahr
2007
Seiten
57
Katalognummer
V121760
ISBN (eBook)
9783640264513
ISBN (Buch)
9783640264780
Dateigröße
1618 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Handlungstheorie, MNU, Multinationale Unternehmen
Arbeit zitieren
Master of Arts UZH Stefan Heini (Autor), 2007, Die Handlungsrelevanz des Wissens über Handlungen Multinationaler Unternehmen für die Kaufentscheidung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121760

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