"Penthesilea" von Heinrich von Kleist als antiklassizistische Tragödie in besonderer Konkretisierung der Iphigenie


Seminararbeit, 2018

17 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Bezüge der Penthesilea zur antiken Tragödie
2.1 Die antike Tragödie
2.2 Bezüge zur antiken Tragödie in Penthesilea

3 Penthesilea als antiklassizistische Tragödie

4 Penthesileaals„Anti-Iphigenie“
4.1 Goethes Iphigenie aufTauris
4.2 Penthesilea und Iphigenie im Vergleich

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Das Ekelhafte ist niemals Objekt der schönen Kunst“, erklärt Zschokke (1808) in seiner Rezension von Heinrich von Kleists Penthesilea, einem der wohl ambivalentesten Stücke seiner Zeit.1 Die Empfindungen der damaligen und modernen Rezensenten spaltend, liefert Kleist mit seiner Tragödie eines der meist diskutierten Dramen der Epoche, in der er lebte und wirkte, der Weimarer Klassik.

Der Ausdruck von Brutalität und Affekt des 1808 erschienenen Werks stellte die zeitgenössische Definition von Kunst auf den Kopf. Während in der Klassik Harmonie, Schönheit, Edelmut und besonders das reine Gemüt des Menschen primäre Kriterien darstellen, zeichnet Penthesilea sich durch gänzlich andere Merkmale aus. Das Elementare und Intensive, was die Klassik zu mäßigen versucht, findet in Kleists Drama Charakter.2 Annähernd 70 Jahre mussten verstreichen, bis Penthesilea reüssieren durfte und noch immer löste es unbehagliches Grauen aus, wenn Penthesilea ihren Achill tatsächlich zerriss.

Doch wodurch genau grenzte sich Kleists Werk so stark von der damaligen Klassik ab, dass es entweder euphorische Begeisterung oder aber Ablehnung auslöste und zu so kontroversen Debatten führte? Bei der Beantwortung dieser Fragen gerät immer wieder der Begriff des Antiklassizistischen in den Fokus. Um letztlich die Frage beantworten zu können, ob Penthesilea als antiklassizistische Tragödie verstanden werden muss, werden in dieser Hausarbeit eingehend diejenigen Charakteristika untersucht, welche Kleists Trauerspiel von anderen zeitgenössischen Werken unterscheiden.

Im ersten Kapitel dieser Arbeit wird als theoretische Grundlage der Begriff der antiken Tragödie, welche sowohl Kleist als auch Klassikern wie Goethe als Vorlage diente, anhand von Gustav Adolf Seecks Forschungsliteratur definiert. Im Anschluss wird Penthesilea im Kontext der antiken Tragödie betrachtet, mit besonderem Augenmerk auf Euripides’ Werken Medea. Hippolytos und Bakchen. Für die Analyse wird hier besonders die Literatur Jochen Schmidts herangezogen. Das dritte Kapitel befasst sich mit dem Hauptthema der Arbeit, dem Antiklassizistischen in Penthesilea. Um die Charakteristika herauszuarbeiten, werden die Forschungsergebnisse Werner Fricks, Jochen Schmidts und Walter Müller­Seidels hier besonders beachtet, da sie sich in außerordentlichem Maße mit den antiklassizistischen Wendungen Kleists befassen.

Im letzten Kapitel der Untersuchung wird die Figur der Penthesilea Goethes Iphigenie gegenübergestellt. Einleitend wird Goethes Protagonistin mit Orientierung an Mario Leis’ Ausarbeitung des Werkes charakterisiert, um sie dann genauer mit Penthesilea vergleichen zu können. Auch hier bilden Fricks, Schmidts und Müller-Seidels Forschungsliteraturen Grundlage der Arbeit.

Die Analyse in dieser Arbeit soll Kleists Werk systematisch im Kontext der Weimarer Klassik, aber auch der antiken Tragödie darstellen, sodass sich ein tieferes Verständnis für Penthesilea entwickeln kann, denn schließlich liegt Kleists „innerstes Wesen [...] darin.“3

2 Bezüge der Penthesilea zur antiken Tragödie

2.1 Die antike Tragödie

„Die Tragödie ist Nachahmung einer guten und in sich geschlossenen Handlung von bestimmter Größe, in anziehend geformter Sprache, [...], die Jammer und Schaudern hervorruft und hierdurch eine Reinigung von derartigen Erregungszuständen bewirkt.“4

Aristoteles Definition der antiken Tragödie in seiner Poetik formuliert einerseits die grundlegenden zeitgenössischen Aspekte und bezieht sogar die Wirkung der Tragödie auf das Publikum mit ein, lässtjedoch andererseits relevante Aspekte wie etwa die Beteiligung eines Chors außen vor. Eine modernere Definition nach Gustav Adolf Seeck, auf welche ich mich auch in meiner Analyse beziehen werde, könnte die attischen Tragödie als ein mehrstündiges, ernstes Theaterstück beschreiben, welches gewöhnlichen Stoff des griechischen Mythos mit einem in einen Konflikt geratenden und daran scheiternden Helden behandelt.5

Auf formaler Ebene herrscht ein Wechsel zwischen Sprech- und Liedszenen, welche mit tänzerischen Bewegungen und poetisch gehobener Sprache betont werden sowie metrisch streng getaktet sind. Während die Sprechszenen maßgeblich im jambischen Trimeter verfasst wurden, sind die Chorlieder nicht stichisch aufgebaut, was bedeutet, dass keine konformen Verse nacheinander folgen. Während heute zwischen betonten und unbetonten Silben unterschieden wird, hat die griechische Metrik noch zwischen kurzen und langen Silben unterschieden.6

Auch die Ausarbeitung der Szenen differenziert sich vom heutigen Schema. Das moderne Drama, also auch die Tragödie als Form des Dramas, teilt sich in fünf Akte ein. Der erste Akt, die Exposition, führt Ort, Handlung und Figuren ein, während der zweite Akt, das erregende Moment, die Handlung einleitet und die Spannung steigert. Der Klimax im dritten Akt beschreibt die maximale Stufe der Konfliktentwicklung, in welcher der Held sich mit einer Krise auseinandersetzen muss, welche als Ergebnis die Peripetie mit sich bringt. Im vierten Akt, dem retardierenden Moment, bewegt die Handlung sich auf die ,Tragödie’ zu, die dann im fünften und letzten Akt, der Katastrophe, ihren Lauf nimmt und letztendlich mit der Lösung des Konfliktes durch den Untergang des Helden endet. Die attische Tragödie wurde noch nicht in dieser strengen Akteinteilung verfasst, denn im fünften Jahrhundert waren weder Zahl noch Länge der Szenen festgelegt. Etwa vierhundert Jahre später spricht Horaz erstmals von einer groben Einteilung in fünf Akte.7

Aus dem Zeitalter der antiken Tragödie, welches um 550 v. Chr. begann und um 500 n. Chr. endete, sind die Namen von etwa 250 Dichtern bekannt, aus denen drei „große Tragiker“ herausragen.8 Von Aischylos, Sophokles und Euripides sind insgesamt 32 Tragödien überliefert, auf welche ich im weiteren Verlauf der Arbeit eingehen werde. Beispiele hierfür sind Perser und Prometheus von Aischylos, König Ödipus und Elektra von Sophokles, sowie Medea, Hippolytos, Iphigenie bei den Taurern und Bakchen von Euripides. In diesen Werken wird auch der für die antike Tragödie typischen Leidenschaft, der Grausamkeit und der exzessiven Gewalt, Ausdruck verliehen.9

Nach Aristoteles war einst Aischylos der Tragiker, welcher als erster neben dem Chor Schauspieler einsetzte. Er führte die Einzelrolle ein, welche drei dramatische Funktionen erfüllt. Die erste Funktion beschreibt die der Hauptfigur, deren Schicksal die Tragödie behandelt. Neben dieser Hauptfigur kann eine weitere, der Hauptfigur nahestehende Einzelrolle hinzugefügt werden. Diese zweite Funktion kann dazu dienen, „der kollektiven Klage des Chors eine persönlich-individuelle hinzuzufügen.“10 Mit Einsatz der dritten Funktion wird eine außenstehende Person eingeführt, welche durch Einbringung neuer Informationen eine Wendung der dramatischen Entwicklung herbeiführen kann. Ein Beispiel hierfür ist der Eintritt des Boten, welcher nicht direkt durch das visuelle Bild aufder Bühne, aber indirekt durch die zu überbringende Nachricht die Spannung steigern kann.11

[...]


1 HeinrichZschokke: Miszellenfürdie neueste Weltkunde. ZweiterJahrgang. Aarau 1808.

2 Vgl. Jochen Schmidt: Heinrich von Kleist. Die Dramen und Erzählungen in ihrer Epoche. Darmstadt 2003, S. 107.

3 Brief 118. Heinrich von Kleist an Marie von Kleist. Spätherbst 1807. In: Heinrich von Kleist. Sämtliche Werke und Briefe. 3. Auflage, hg. von Helmut Sembdner, München 1984, S. 797. Der Sammelband wird im FolgendenzitiertunterVerwendungder Sigle ,SWB 1984’ und Seitenangabe.

4 Gustav Adolf Seeck: Die griechische Tragödie. Stuttgart 2002, S.15.

5 Ebd., S. 15f.

6 Ebd., S. 184f.

7 Ebd„ S. 193.

8 Ebd., S. 47.

9 Ebd„ S. 16f.

10 Ebd„ S. 17.

11 Ebd., S. 39-42.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
"Penthesilea" von Heinrich von Kleist als antiklassizistische Tragödie in besonderer Konkretisierung der Iphigenie
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
2,0
Jahr
2018
Seiten
17
Katalognummer
V1217867
ISBN (Buch)
9783346644367
Sprache
Deutsch
Schlagworte
penthesilea, heinrich, kleist, tragödie, konkretisierung, iphigenie
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, "Penthesilea" von Heinrich von Kleist als antiklassizistische Tragödie in besonderer Konkretisierung der Iphigenie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1217867

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