Spätestens seit dem Aufkommen von AIDS und den entsprechenden Kampagnen, die Bevölkerung darüber aufzuklären wie man sich prophylaktisch vor der Krankheit schützen kann, gerieten Geschlechtskrankheiten wie Syphilis oder Gonorrhö in den Hintergrund und wurden lange Zeit geradezu „vergessen“. Die aktuellen Zahlen bestätigen, dass die Krankheiten im Laufe der letzten Jahre wieder vermehrt in der Bevölkerung auftauchen und sich konstant auf einem hohen Niveau befinden. Die Behandlung der Syphilis stellt seit der Entdeckung von Antibiotika kein medizinisches Problem mehr dar – durch die Einnahme von Penicillin über einen gewissen Zeitraum ist die Krankheit in den frühen Phasen vollständig heilbar. Aber wie war es vor der Entdeckung des Penicillins? Und stellte es sich nicht als ein Hindernis für einen Erkrankten dar, sich als „Moralsünder“ überhaupt in Behandlung zu begeben, implizierte das damalige Krankheitsverständnis der Gesellschaft doch den Vorwurf des sexuellen Fehlverhaltens?
Diese Arbeit beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten von cirka 1880 bis 1930. Ein besonderes Augenmerk soll darauf gelegt werden, wie sich die geschlechtliche Rollenverteilung innerhalb der Gesellschaft mit der Sexualität und somit einer möglichen Infektion darstellte, welche Handlungsmöglichkeiten für Frau und Mann bestanden und welche Bedeutung die Prostitution sozial, gesellschaftlich, medizinisch und politisch für die Thematik hatte.
Weiter ist es Ziel dieser Arbeit zu zeigen, ob es einen Denkwandel innerhalb der Bevölkerung und bei den Politikern die sich mit der Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten beschäftigten, gab. Diese Frage bezieht sich auf die Zuschreibung von Schuld, die Interpretation der Krankheit als „Suchtseuche“ bzw. medizinisches Problem und die Behandlung und Versorgung von Geschlechtskranken. Im Fazit soll geklärt werden, ob die einzelnen Maßnahmen im Kampf gegen die Erkrankungen erfolgreich waren oder nicht.
Durch die Aufteilung der Abhandlung in einen allgemeinen und eine stadtspezifischen Teil wird demonstriert, dass sich die im allgemeinen Teil reichsweit beschriebene Entwicklung im Kampf gegen die Syphilis etc. von den tatsächlichen Gegebenheiten am Beispiel der Stadt Karlsruhe stellenweise unterscheidet.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1) Problemsicht
1.1) Krankheitsbild und Allgemeines
1.2) Die gesellschaftliche Problematik der Erkrankung
1.3) Bedingungen für die Verbreitung der Syphilis
1.4) Die Ungleichberechtigung der Geschlechter
2) Die DGBG
2.1) Vorgeschichte
2.2) Zielsetzung, Mitglieder und Gründungsursache
2.3) Tätigkeiten der DGBG
2.3.1) Frauenzentrierte Aufklärungsarbeit
2.3.2) Männerzentrierte Aufklärungsarbeit
2.3.3) Ausstellungen
3) Lösungsansätze und Maßnahmen
3.1) Der Kampf gegen die Prostitution
3.1.1) Änderungsvorschläge
3.2) Die Sozialversicherung
3.3) Die Geschlechtskrankenfürsorge im Krankenhaus
3.4) Die Beratungsstellen
3.5) Zwangseinweisungen
3.6) Die Schutzmittel
3.7) Die medizinischen Fortschritte
3.7.1) Quecksilber und Guaiacumholz
3.7.2) Die Entdeckung des Salvarsans
4) Die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten in Karlsruhe
4.1) Die Karlsruher Beratungsstelle von 1916 – 1933
4.2) Die freie Arztwahl in Karlsruhe
4.3) Aufstellung von Schutzmittelautomaten in Karlsruhe
4.4) Die Karlsruher Hautklinik
5) Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die historische Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten in Deutschland im Zeitraum von 1880 bis 1930, mit besonderem Fokus auf die Rolle der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten (DGBG) und die Auswirkungen gesellschaftlicher Moralvorstellungen auf medizinische Lösungsansätze sowie die lokale Umsetzung in Karlsruhe.
- Soziale und gesellschaftliche Stigmatisierung von Geschlechtskrankheiten
- Aufklärungsstrategien und die Rolle der DGBG
- Regulierung der Prostitution und das Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten (GBG)
- Die Entwicklung von Schutzmitteln und medizinischen Therapiemethoden
- Stadtspezifische Analyse der Bekämpfungsmaßnahmen in Karlsruhe
Auszug aus dem Buch
3.1.1) Änderungsvorschläge
Neisser lehnte das bestehende sittenpolizeiliche System der Prostitutionsüberwachung ab, doch ebenso dessen Aufhebung. Solange der Staat durch sozial- und wohlfahrtspolitische Maßnahmen die Prostitution nicht beseitigen könne, habe er das „Recht und die Pflicht“, die von der Prostitution ausgehenden „hygienischen und moralischen Gefahren“ zu bekämpfen und die Prostitution damit „unschädlich“ zu machen. Neissers Reformvorschlag war es, eine von der Polizei räumlich getrennte „Sanitätskommission“ zu gründen, zum Beispiel in Anschluss an ein Krankenhaus, die für eine medizinisch-hygienische Überwachung zuständig wäre.
Dieser Sanitätskommission seien die Prostituierten sowie ganz allgemein Geschlechtskranke zur regelmäßigen Kontrolle zu melden, die sich nicht an die ärztlichen Anordnungen hielten. Dort sollten diese Personen gesundheitlich aufgeklärt, gegebenenfalls untersucht und behandelt werden. Laut Neisser dürfe die medizinische Überwachung keinen „polizeilichen“ oder „bürgerlich entehrenden“ Charakter besitzen, vielmehr war für ihn der „hygienische Zweck“ wichtig.
Zusammenfassung der Kapitel
1) Problemsicht: Beleuchtung der medizinischen Grundlagen sowie der gesellschaftlichen Stigmatisierung und der Ursachen für die Verbreitung von Syphilis und Gonorrhö.
2) Die DGBG: Darstellung der Gründung, Zielsetzungen und Aufklärungsaktivitäten der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten.
3) Lösungsansätze und Maßnahmen: Analyse der gesellschaftspolitischen und medizinischen Maßnahmen, einschließlich der Prostitutionskontrolle, Sozialversicherung, Zwangseinweisungen und medizinischer Fortschritte wie dem Salvarsan.
4) Die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten in Karlsruhe: Praxisbeispiel der Umsetzung des GBG, der Beratungsstellenproblematik, der freien Arztwahl und der Einführung von Schutzmittelautomaten in Karlsruhe.
5) Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Wirksamkeit der Maßnahmen und des Wandels des Krankheitsverständnisses hin zu einer rein medizinischen Betrachtung.
Schlüsselwörter
Geschlechtskrankheiten, Syphilis, Gonorrhö, DGBG, Prostitution, Reglementierung, GBG, Aufklärungsarbeit, Sozialhygiene, Schutzmittel, Salvarsan, Karlsruhe, Gesundheitsfürsorge, Sittenpolizei, Medizinischer Fortschritt
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Magisterarbeit analysiert den Kampf gegen Geschlechtskrankheiten zwischen 1880 und 1930, wobei der Fokus auf dem gesellschaftlichen Wandel im Umgang mit Infizierten und der Rolle staatlicher sowie gesellschaftlicher Institutionen liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Stigmatisierung von Erkrankten, die Rolle der DGBG in der Volksaufklärung, die rechtliche Regulierung der Prostitution und die medizinische Behandlung der Syphilis.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Wandel der gesellschaftlichen Denkweise und den Erfolg politischer sowie medizinischer Maßnahmen am Beispiel von Deutschland und spezifisch der Stadt Karlsruhe aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse unter Auswertung von Archivquellen (insbesondere des Stadtarchivs Karlsruhe), zeitgenössischer Publikationen und Sekundärliteratur zur Medizingeschichte.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine allgemeine Darstellung der Bekämpfungsmaßnahmen (Aufklärung, Prostitutionsbekämpfung, Sozialrecht) und eine lokale Fallstudie zu den Entwicklungen in Karlsruhe.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Geschlechtskrankheiten, Stigmatisierung, DGBG, Reglementierung der Prostitution und den Wandel zur medizinischen Behandlung charakterisiert.
Welche Rolle spielten die Beratungsstellen in Karlsruhe?
Sie dienten als Schnittstelle zwischen der Gesundheitsfürsorge und der Aufsicht, wobei sie durch Diskretion und kostenlose Diagnose versuchten, die Hemmschwelle bei den Erkrankten abzubauen.
Wie beeinflusste der Erste Weltkrieg die Situation?
Der Krieg führte zu einem starken Anstieg der Infektionszahlen, was den Druck auf die Behörden erhöhte, Maßnahmen zur Zwangseinweisung zu erlassen und die Kontrolle über heimkehrende Soldaten zu verschärfen.
Welche Bedeutung hatte das Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten (GBG) von 1927?
Das GBG markierte einen Wendepunkt, da es die obrigkeitliche Reglementierung der Prostitution abschaffte und die Behandlungspflicht auf beide Geschlechter ausweitete.
- Quote paper
- Daniel Sorg (Author), 2007, Der Kampf gegen die Geschlechtskrankheiten - Probleme, Lösungen und ihre Umsetzung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121795