Die "Individualisierungsdebatte"

Kritik an Ulrich Becks These der Individualisierung


Essay, 2008
6 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Die „Individualisierungsdebatte“

Kritik an Ulrich Becks These der Individualisierung

Ulrich Beck versteht Individualisierung als einen gesellschaftlichen Veränderungs-prozess in welchem der Wandel der Selbstverhältnisse der einzelnen Individuen aus einem Wandel der sozialen Strukturen resultiert. In der spätmodernen Gesellschaft wenden sich die Prinzipien der Modernisierung[1] selbst auf die moderne Gesellschaft an.[2] Während sich zuvor, die Modernisierung begleitend, jeweils neue Traditionen, Institutionen und Lebensformen neu bildeten, geraten diese in der Spätmoderne unter Auflösungsdruck. Im Gegensatz zur weit verbreiteten Annahme, die entwickelt-en Industriestaaten befänden sich auf dem ‚Gipfel der Gesellschaftsgeschichte’, diagnostiziert Beck einen Bruch innerhalb der Moderne. Diesen Prozess der Modern-isierung bezeichnet Beck, in Anlehnung an Luhmann, als ‚reflexive Modernisierung’ . Jedoch ist ihr Ergebnis nicht die Auflösung der ersten, industrie-gesellschaftlichen Moderne in eine Post-Moderne, sondern in eine andere - die ‚Zweite Moderne’ . Es handelt sich um den Übergang der Industriegesellschaft zur „Risikogesellschaft“[3]. Ein besonderes Charakteristikum der Zweiten Moderne ist das Dominantwerden bisher-iger Nebenfolgen der Modernisierung. Es entsteht eine Vielzahl neuer Risiken wie Arbeitslosigkeit oder Umweltkatastrophen. Auch wächst die Unsicherheit der Individ-uen hinsichtlich ihres eigenen Lebenslaufs.

Die, durch Fortschrittseuphorie gekennzeichnete, erste Moderne setzte die Individu-en zuvor aus den traditionellen Milieus und ständischen Vorgaben frei. Es handelte sich um eine bewusste und gewollte Abkehr von Tradition sowie um den Versuch der Überwindung materiellen Mangels und wird somit weithin positiv bewertet. In der ‚Zweiten Moderne’ hingegen kommt es zu einem zweiten Individualisierungsschub, der die Beständigkeiten der Individuen erodieren lässt. Entscheidend für diesen Frei-setzungsprozess war der Anstieg des materiellen Wohlstands, die Bildungsexpans-ion sowie der Ausbau des Sozialstaates in den 1950er und 1960er Jahren, welche eine generelle Verbesserung des Lebensstandards in Deutschland bewirkten . Beck bezeichnet dies als „Fahrstuhleffekt“[4], da fast alle sozialen Schichten einen nahezu automatisierten sozialen Aufstieg erlebten. Dieser verursachte eine Chancenneu-verteilung, die jedoch weder die Klassenstrukturen aufbrach noch die soziale Ung-leichheit beseitigte. Es handelt sich dabei nicht um eine gezielte Überwindung der vorigen Stufe gesellschaftlicher Entwicklung, sondern um einen eigendynamisch im Verborgenen verlaufenden Prozess, der die Modernisierung weiter vorantreibt. „Die Risikogesellschaft ist keine Option, die im Zuge politischer Auseinandersetzungen gewählt oder verworfen werden könnte. Sie entsteht im Selbstlauf verselbständigter, folgenblinder, gefahrentauber Modernisierungsprozesse.“[5] Dadurch steigen jedoch der Entscheidungszwang und die Selbstverantwor-tlichkeit. Jede/r Einzelne ist somit betroffen von sozialem Aufstieg sowie den Risiken. Es gebe keinen erwartbaren Normalverlauf, keine Normalbiographie mehr, so Beck. Jeder werde somit zum eigenverantwortlichen „Planungsbüro und Handlungszentrum“[6]. Die Folgen des Individualisierungsvorganges können als ‚ambivalent’ bezeichnet werden, da Individualisierung einerseits die intersubjektiv erlebbaren Gemeinschaftsbezüge zu zerstören, die gesicherten Sozialkontakte der Individuen zu unterbinden und diese somit zunehmend voneinander zu isolieren scheint. Andererseits scheint sie aber auch zu einer Ausdifferenzierung der Lebenslagen und damit zu einem Gewinn an Handlungsspielräumen zu führen.

[...]


[1] Individualisierung, Domestizierung, Rationalisierung, Differenzierung sowie Globalisierung oder Beschleunigung

[2] Ulrich Beck stellt im Gegensatz zu anderen Theoretikern nicht die traditional-vormoderne Gesellschaft der modernen Gesellschaft gegenüber sondern kontrastiert die klassisch-moderne mit der spätmodernen Gesellschaft.

[3] Beck, Ulrich(1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Suhrkamp. Frankfurt/ Main, S.26.

[4] Beck, Ulrich(1986), S. 122

[5] Beck, Ulrich(1993): Die Erfindung des Politischen. Zu einer Theorie reflexiver Modernisierung. Suhrkamp. Frankfurt/ Main, S. 36

[6] Beck, Ulrich (1986), S. 217

So wird zum Beispiel Arbeitslosigkeit nicht mehr dem Staat sondern der Verantwortung beziehungsweise Schuld des Individuums zugeschrieben, dessen Abhängigkeit von externen, aus der Perspektive der Akteure, schwer einsehbaren Entscheidungsvorgängen wächst.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Die "Individualisierungsdebatte"
Untertitel
Kritik an Ulrich Becks These der Individualisierung
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Vorlesung: Einführung in die Soziologie 2
Note
1
Autor
Jahr
2008
Seiten
6
Katalognummer
V121808
ISBN (eBook)
9783640265428
ISBN (Buch)
9783656576785
Dateigröße
365 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In diesem Essay werden Kritikpunkte(von SozialwissenschaftlerInnen) an Becks Theorie aufgegriffen und ausgeführt. Ich habe dazu auch eine Hausarbeit hochgeladen, die die einzelnen Kritikpunkte ausführlicher behandelt. Dieser Essay ist (ohne Deckblatt oder "Angaben zu Uni u.ä.") 4 Seiten lang.
Schlagworte
Individualisierungsdebatte, Vorlesung, Einführung, Soziologie
Arbeit zitieren
Lilli Leopold (Autor), 2008, Die "Individualisierungsdebatte", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121808

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