Individualisierungstheorie und berufliche Mobilität am Beispiel „getrennt zusammenlebender“ Partnerschaften


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

40 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Individualisierung und Berufsmobilität
2.1 Gesellschaft im Wandel – eine Individualisierungstendenz
2.2 Definition von Individualisierung – die Individualisierungsthese
2.2.1 Individualisierung anhand der „Pluralisierung von Lebensformen“
2.2.2 Kritik der Pluralisierungsthese am Beispiel von Rosemarie Nave-Herz
2.3 Definition: Berufliche Mobilität
2.4 Gründe für die zunehmende Zahl beruflich mobiler Menschen
2.5 Persönliche Voraussetzungen für eine mobile Arbeitsweise
2.6 Die Beziehungsform „Getrenntes Zusammenleben“ aufgrund Beruflicher Mobilität
2.7 Fazit: Berufliche Mobilität

3 Berufsmobile Partnerschaftsbeziehungen am Beispiel von „Getrennt Zusammenlebenden“
3.1 Begriffsbestimmung
3.2 Konstellationsmöglichkeiten
3.3 Merkmale dieses Beziehungstypus
3.3.1 Zur Feststellung dieser Zugänge
3.4 Der Personenkreis / Sozialforschung
3.5 Vor- und Nachteile
3.6 Fazit: „getrennt zusammenlebende“ Partnerbeziehungen

4 Lebens- und Arbeitswelt von „Getrennt Zusammenlebenden“
4.1 Verständnis von Arbeitswelt
4.2 Auswirkungen dieser beruflichen Veränderungen auf die Partnerschaft
4.3 Konflikte in der Vereinbarkeit von Beziehung und Beruf
4.3 Fazit: Arbeitswelt von mobilen „Getrennt Zusammenlebenden“

5 Resümee

6 Literatur- und Quellenverzeichnis

7 Anhang

8 Erklärung

1 Einleitung

Unter Berücksichtigung der veränderten beruflichen Erwerbsmöglichkeiten und der daraus resultierend ansteigenden Zahl grenzüberschreitend und nomadisch arbeitender, also berufsmobiler Menschen, sollen hier die Lebensverhältnisse dieser gesellschaftlichen Gruppe aus individualisierungstheoretischer Perspektive in Betracht genommen werden. Die Abwendung von dem strikten, im Industriezeitalter gereiften Bild eines idealen Erwerbstätigen, welcher sich seinen Lebensunterhalt ein Leben lang an ein und demselben Arbeitsplatz verdient, um somit seine Frau und Familie zu versorgen, ist selbstverständlich unlängst erfolgt. Es stellt sich jedoch weiterhin die Frage, welche Kriterien dieser alten Monumente, die mit einer „Tragödie der Gleichförmigkeit“ (Englisch, 2001: 32) zu beschreiben sind, sich gewandelt haben und welche noch weiterhin in den Hinterköpfen vieler Personen verborgen liegen. Als Beispiel stellen sicherlich nur noch wenige Männer die Emanzipation in Frage, meist solche, die der geistigen Übermacht einiger Frauen nicht gewappnet sind.

Aber wie steht es um das Relikt des monotonen Arbeitsplatzes in der Nähe des festen Wohnorts? Sehnen sich nicht sehr viele, wenn nicht der überwiegende Teil der Bevölkerung, nach einem festen Beschäftigungsverhältnis in einem möglichst großen Betrieb, welcher meist zumindest nach außen die Sicherheit auf Lebenszeit verkörpert? Aus aktuellen Geschehnissen, wie die Schließung und Umsiedlung des NOKIA-Werkes in das Ausland oder die massenhaften Entlassungen in Großkonzernen wie HENKEL und SIEMENS trotz beträchtlicher Gewinne, lässt sich jedoch immer häufiger auf andere Veränderungen schließen. Es prophezeit sich ein ganz anderes Bild fernab von beruflicher Sicherheit. Diese Wandlungsprozesse machen sich vermehrt Personen zu Eigen, die der Sicherheit im Sinne von Sesshaftigkeit, von materiellem Reichtum und von beengenden Statussymbolen abgeschworen haben, um ihren Lebensweg anders zu definieren. Diese sogenannten Freiberufler, Projektarbeiter oder auch Jobnomaden, ohne diesen Ausdruck negativ besetzen zu wollen, wenden sich von territorialen Grenzen und dem herkömmlichen Verständnis von Schutz und Stabilität ab. Somit bleibt die Erkundung von stabilen Verhältnissen und partnerschaftlichen Beziehungen im Fokus dieser scheinbar völlig eigenständigen Persönlichkeiten.

Neben der Analyse des gesellschaftlichen Wandels und der daraus resultierenden beruflichen Mobilität dieser Personenkreise soll daher ebenso der Schwerpunkt auf ihre zwischenmenschlichen und partnerschaftlichen Beziehungen gelegt werden. Das Hauptaugenmerk fixiert sich auf diese in der Familiensoziologie als „getrennt Zusammenlebende“ (LAT´s - „living apart together“) bezeichneten Partnerschaften (Peuckert, 2008: 78), da bei Singles seltener ein Konflikt vorliegt, der mit dem lokalen Haftenbleiben in einer Region oder an einer Person verbunden wird. Bei Singles stellt sich nicht die Frage nach dem „dort bleiben, weil der/die Partner/in ebenso dort bleibt“. Vielmehr ist es die Verbundenheit an die Herkunftsfamilie, das Elternhaus oder auch an den Freundeskreis in der Heimat. In dieser Arbeit soll allerdings mehr Wert auf die Vereinbarkeit von Partnerschaft und beruflicher Mobilität gelegt werden.

Gemäß dieser Betrachtungsweise stellen sich unter anderem Fragen, wie:

„Welche Folgen hat die Individualisierungstheorie auf die Pluralisierung der Familienformen?“, „Was genau sind die Gründe und die Auswirkungen von Berufsmobilität?“, „Wie wirkt sich diese berufliche Mobilität auf das familiäre Leben und die sozialen Beziehungen dieser Persönlichkeiten aus?“, „Sind die „klassische und traditionelle Familienstrukturen“ mit diesen Bedingungen überhaupt vereinbar? Oder hat das Leben an zwei Orten zwangsweise mit der Entscheidung zwischen Partnerschaft mit eventuellem Kinderwunsch und beruflicher Karriere zu tun?“. „Wie kann man sich überhaupt die Arbeitswelt dieser Individuen vorstellen?“

Unter diesen Fragestellungen werden nach der Einleitung im Kapitel 2 die Individualisierungstheorie der Gesellschaft und die berufliche Mobilität als mögliche Rahmenbedingungen von „getrennt zusammenlebenden Partnerschaften“ beschrieben. Desweiteren wird im Kapitel 3 auf dieses Familienmodell genauer Bezug genommen. Darauf folgend wird die Lebens- und Arbeitswelt dieser mobilen und „berufsnomadisch“ lebenden Menschen im vierten Kapitel analysiert, wonach abschließend im Schlusskapitel ein kritisches Resümee erfolgt.

2 Individualisierung und Berufsmobilität

2.1 Gesellschaft im Wandel – eine Individualisierungstendenz

„Menschen streben nach einem ausgewogenen Verhältnis von Dauerhaftigkeit und Wandel, von Verlässlichkeit und Erneuerung.“ (Schneider, 2002b: 22)

Die Welt wandelt sich. Neben den ökologischen Veränderungen, wie der zunehmenden Rolle des Klimaschutzes oder der rasch angestiegenen Bedeutung ökologischer Landwirtschaft (die noch vor nicht all zu langer Zeit belächelt wurde) und dem daraus resultierten Bio-Boom oder den politischen Modifikationen in Bezug auf die abnehmende Rechts-Links-Koordination der politischen Parteienlandschaft, die laut Aussage Ulrich Becks, einer Grammatik der Subpolitik entgegensteht, nimmt natürlich auch eine veränderte ökonomische Struktur Einfluss auf das gesellschaftliche und berufliche Leben des Einzelnen. Eine hochtechnisierte und kommunikative Zeit, die für Spannungen und Konflikte in den sozialen Geflechten sorgt, in denen dieser Wandel nicht oder nicht in der erforderlichen Geschwindigkeit bewältigt werden kann. Eine zunehmend wissensbasierte und wissensaustauschende Orientierung, die sich weniger an feste und starre Grenzen hält und die nationalstaatliche, sprachliche und kulturelle Barrieren aufzuheben scheint. (Vgl. Beck, 1986: 254ff.)

Die wissenschaftlichen und technischen Fortschritte dieses Zeitalters bringen immer mehr kommunikationsfördernde Errungenschaften hervor. Das herkömmliche (Festnetz-) Telefon beispielsweise, welches sich zur Mitte des 20. Jahrhunderts als absolute Neuheit erwies und viele Jahre brauchte, um sich in der breiten Bevölkerung zu manifestieren, ist heute fast schon wieder überholt und wurde durch das Zeitalter des mobilen Telefons (Handy) und vor allem durch die weltumfassende Netzwerkgesellschaft des Internets unlängst in absolute Nachrangigkeit gestellt. Man bedenke, dass das Telefon noch 50 Jahre bis zur massenhaften Verbreitung brauchte. Im Gegensatz dazu, schaffte es das World-Wide-Web in lediglich 5 Jahren zur weltweiten Anerkennung und zum flächendeckenden Gebrauch. (Englisch, 2001: 56)

All diese weitreichenden Aspekte führen dazu, dass sich auch die Menschen mit ihren facettenreichen Persönlichkeiten diesen gesellschaftlichen Modifikationen anzupassen haben. Sie schreiben ihre eigene individuelle Geschichte, die sich von dem einzementierten Bild des Fabrikarbeiters oder Mitarbeiters im Multikonzern als direkte Folgeerscheinung der Industrialisierung mehr und mehr verabschiedet. Das permanente und ständig wiederkehrende Abarbeiten von Aufgaben verliert an Wichtigkeit. Moderne programmierte Maschinen sorgten dafür, dass Muskelkraft bei der Beschäftigung allein, kaum noch von Bedeutung ist. Es zeigt sich, dass Innovationen, Kreativität und Kommunikation hervorgehend aus Informationen und Wissen des Einzelnen, das Gut des Menschen, welches keine Technologie erbringen kann, unerlässlich sind. Doch da das Wissen einer einzelnen Person auch nur begrenzt ist, werden die Fortschritte der Kommunikation in wachsendem Maße genutzt und dringend benötigt, um so mit Hilfe des Austausches durch andere „Ideenspeicher“ und Wissensreservoirs die eigenen Errungenschaften gemeinsam auf ein Höchstmaß ausbauen zu können. Das individuelle Wissen und dessen Informationsfluss gewinnt somit mehr, als die Aspekte der Produkte und der Arbeitskraft selbst, an Bedeutung. (Vgl. Englisch, 2001: 53ff.; Schneider, 2002b: 15ff.)

Sicherlich finden sich noch mehr als genug Arbeitnehmer, die in einem festen Arbeitsverhältnis mit einheitlichen Arbeitsverträgen stehen, täglich ihren eingeschliffenen Weg zum Arbeitsplatz beschreiten und auch dort fortschrittliche Leistungen erbringen. Aber die Verantwortlichen der Betriebe müssen sich immer häufiger zugestehen, dass durch Einschränkung des Arbeitsfeldes und durch Kompetenzbegrenzung der Mitarbeiter keine oder kaum Neuerungen und Fortschritte zu erzielen sind. Bei den Unternehmen, in denen sich potenzielle Ideengeber befinden, diese sich jedoch aufgrund der Betriebshierarchien eingeengt und unterfordert fühlen, werden sich kaum neue, marktführende Innovationen entwickeln können. (Vgl. Berger, 1996: 185; Englisch, 2001: 31ff.; Schneider, 2002b: 15ff.) Folglich zeigt sich gerade bei kompetenzeingeschränkten Mitarbeitern, dass „Dauerhaftigkeit und Sicherheit zunehmend abgelöst werden durch eine flexible Dynamik mit allen Risiken und Chancen.“ (Schneider u.a., 2002b: 15)

Deborah Risi: „Als Lebenslänglicher, also bei einer Firma Festangestellter, sitzt du im goldenen Käfig der Abhängigkeit, und das kann heute tödlich sein. In einer sich ständig verändernden Arbeitswelt ist Freiheit einfach der verlässlichste Weg zur Sicherheit.“ (Englisch, 2001: 102)

Diese kreativen Mitarbeiter suchen nicht selten nach neuen Arbeitsplätzen, in denen sie sich entfalten können, auch wenn sie dafür einige Entfernungskilometer in Kauf nehmen müssen. Nicht selten wollen sich genau diese Personen auch auf ihre Eigenverantwortung und freie Persönlichkeitsentfaltung verlassen können und wagen den Schritt in die freie Projektarbeit oder in die unternehmerische Selbstständigkeit. Das Ziel, mehr Freiheit und Selbstverwirklichung zu erfahren, erstreckt sich dabei auch auf die freie Einteilung von Freizeit und Arbeitszeit, was wiederum die Integration der Familie in den Lebensalltag erleichtern kann. (Vgl. Englisch, 2001: 118) Dieser Aspekt verleiht dem Begriff Sicherheit und Stabilität eine neue Sichtweise, fernab von relativer Sicherung durch Bindung an ein (nicht eigenes) Unternehmen. All jenes, was unter anderem die weitreichende Begriffsbestimmung der „Individualisierung“ in sich birgt. Jedoch kann diese „hochgradig individualisierte, selbstbezügliche“ Karriere auch zu einer einfachen „universellen Lebensform“ werden. (Vgl. Luhmann, 1989: 149ff.) So beispielsweise, wenn aus dem freiheitlichen Berufsleben eine dauerhafte Jobsuche wird und man durch äußerliche Zwänge diese Karriereform wählen muss. (Vgl. Schneider, 2002b: 15ff.; Berger, 1996: 22ff.; Englisch,

2001: 37ff.) Eine tiefergreifende Analyse zur Arbeitswelt und zur „Harmonisierung von Familie und Beruf“ (Schneider, 2002b: 16) ist im Kapitel 4 zu finden.

Dennoch bemerkt Peuckert mit Hilfe von Forschungsarbeiten nach Meyer (1992), Klages (1993) und Herbert (1988), dass sich ein Wertewandel infolge der gesellschaftlichen Individualisierung vollzieht, bei dem die materialistischen Werte (Pflicht- und Akzeptanzwerte) tendenziell nachlassende Betonung erfahren. Ansteigend sind hingegen die postmaterialistischen Werte, auch Selbstentfaltungswerte, zu beobachten. (Vgl. Peuckert, 2008: 335)

Es kommt so vermehrt zu nomadischen Bewegungen im Alltags- und Berufsleben unter den Menschen, ob nun gewollt aus liberalistischen Bestrebungen oder ungewollt aus Gründen mangelnder Arbeitsmöglichkeiten. Laut einer Studie des Economic Policy Institute in Washington stellt die zweite Form, also die unfreiwillige in die Selbstständigkeit entlassenen, zumindest in Amerika sogar eine Minderheit innerhalb der freien Agenten dar. (Englisch, 2001: 101) Die nomadische Kultur, die längst ausgestorben schien, gewinnt wieder immer stärker werdende Bedeutung in Form eines neuen Sozialisationsverständnisses. Die Modernisierungsprozesse der heutigen Zeit weisen einen recht eindeutigen Weg in die Zukunft: Eine Enttraditionalisierung, eine Abwendung aus starren Konstruktionen, Rastern und Verhaltensmustern. Ebenso zeigt sich dieser Prozess im sozialen Bereich der Familien- und Beziehungsstrukturen (siehe: 2.2.1 „Pluralisierung von Lebensformen“) und auf soziografischen Terrain bei dem Blick auf die berufliche Mobilität sowie bei der Betrachtung vieler anderer Ebenen (in der Kultur unter dem Stichwort Multikultivierung, in der Bildung unter dem Leitbild der Reformpädagogen usw.). Eine territoriale und emotionale, in Bezug auf „alteingesessene“, Sesshaftigkeit ist gerade bei den nachkommenden Generationen verschwindend gering, so dass sich in zunehmendem Maße eine Mobilisierung in vielen Teilen der Gesellschaft durchzieht. Es wird jedoch auch verzeichnet, dass die Mobilitätsbereitschaft Deutschlands im internationalen Vergleich (Vgl. Schneider u.a., 2002a: 28ff.; Schneider, 2002b: 17ff.; Pelizäus-Hoffmeister, 2001: 41; Englisch, 2001: 33ff.; Berger, 1996: 185ff.)

„Mit dem Ende des Industriezeitalters ist die Welt in Bewegung geraten. Globalisierung, Digitalisierung, Virtualisierung und Individualisierung lösen herkömmliche Grenzen auf und legen neue Horizonte frei. Nie zuvor in der Menschheitsgeschichte wurde Mobilität in dem Maße gefordert und gefördert wie heute. Der goldene Käfig der Ortsfestigkeit steht sperrangelweit offen. …“ (Englisch, 2001: 33)

2.2 Definition von Individualisierung – die Individualisierungsthese

In seinen Ausführungen zur reflexiven Modernisierung (Vgl. Beck, 1986: 254ff.) nimmt Ulrich Beck über die Zusammenhänge von allmählichen Veränderungen der arbeitsgesellschaftlichen und systemischen Vergesellschaftungsprozesse hinaus in seiner „Individualisierungsthese“ auch Bezug auf die sozialintegrativen Modernisierungskonsequenzen. Er knüpft damit an Erklärungsmodelle seiner Vorgänger, wie Durkheim, Simmel und Weber an, „die den Übergang in die Moderne als Prozess der Freisetzung des Menschen aus ständischen Bindungen und als Zunahme des Entscheidungsspielraums beschreiben.“ (Peuckert, 2008: 326). Beck versteht unter Individualisierung die Konsequenzen fortschreitender Enttraditionalisierungs- und Rationalisierungsprozesse. In seiner These bezieht er sich auf die Veränderungen des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft. Erkennbar wird dieses an der Veränderung der innerfamilialen und geschlechtsspezifischen Rollen, deren klare Konturen sich in diesem Prozess relativieren. Beck gelangt so in seinem Theorem zu einem gesellschaftlichen Wandel, der ohne ein starres Kulturverständnis von Familie, Milieu, Klasse oder Schicht auskommt. Beschrieben wird die Auflösung ausgeprägter, sozialintegrativer Milieus mit den Folgen „zunehmender Differenzierung und Pluralisierung von Lebenslagen und Lebensformen“. (Berger, 1996: 58) Dieses hat eine Kritik an fundamentalen soziologischen Grundbegriffen, wie der Familie oder den Großgruppenbegriffen Schicht und Klasse, zur Folge, welche in klassischer Form kaum noch in der Realität anzutreffen sind. Jedoch finden sich auch hier widersprüchliche Aussagen, wie am Beispiel von Tanner in der Neuen Zürcher Zeitung (siehe Artikel im Anhang), welcher vor einer neuen „Klassengesellschaft“ aufgrund der aktuellen Individualisierungstendenzen warnt. Um einen Prozess als Möglichkeit zur Individualisierung bezeichnen zu können, muss man zum einen durch Differenzierung und Pluralisierung zu einer erweiterten Vielfalt von Handlungsoptionen gelangen und zum anderen die kulturellen und institutionellen Strukturen diesem Muster der Selbstverantwortung anpassen. (Vgl. Pelizäus-Hoffmeister, 2001: 27, Berger, 1996: 58ff.)

Der Begriff Individualisierung wird von Beck anhand von drei Dimensionen bestimmt: „Herauslösung aus historisch vorgegebenen Sozialformen und –bindungen im Sinne traditionaler Herrschafts- und Versorgungszusammenhänge („Freisetzungsdimension“), Verlust von traditionalen Sicherheiten im Hinblick auf Handlungswissen, Glauben und leitende Normen („Entzauberungsdimension“) und […] eine neue Art der sozialen Einbindung ( „Kontroll- bzw. Reintegrationsdimension“)“. (Beck, 1986: 206)

Laut Klein u.a. beschreibt Individualisierung einen Prozess, „in dessen Verlauf die Einstellungen, Werte, und Verhaltensweisen der Individuen in zunehmendem Maße auf deren autonomer Entscheidung basieren und nicht länger von gesellschaftlichen Traditionen, Institutionen und Großgruppen abhängig sind“ (Klein u.a., 2000: 13) Auch bei Burkart und Kohli (1989: 407) wird in definitorischer Weise die Individualisierung als „universalistisch ausgerichteter Prozess verstanden, nämlich als Herausbildung von Fähigkeit, Freiheit und Notwendigkeit zur eigenen Entscheidung für alle Individuen.“ (Peuckert, 2008: 30f.; Pelizäus-Hoffmeister, 2001: 26ff.)

In der Mikro-Ebene ausgedrückt, heißt Individualisierung die Zunahme von persönlichen Entfaltungs- und Wahlmöglichkeiten neben den daraus resultierenden Sach- und Entscheidungszwängen. Wie angedeutet, wird unter den zugenommenen Gestaltungsmöglichkeiten nicht verstanden, „dass alles möglich wäre, aber es bedeutet, dass mehr Optionen bestehen als in der Vergangenheit.“ (Schneider u.a., 2002a: 29) Beck spricht hier von „Riskanten Freiheiten“, wenn er die größere Autonomie und die erweiterten Handlungsoptionen mit den strukturellen Zwängen in Relation setzt. Auf der Makro-Ebene wird von einer individualisierten Gesellschaft gesprochen, wenn durch veränderte Rahmenbedingungen individuelles Handeln ermöglicht wird. Diese Handlungsoptionen haben ebenso weitreichende Konsequenzen für die Lebensführung der einzelnen Personen, die in ihren Folgen wiederum zur sog. „Pluralisierung der (familialen) Lebensformen“ führen. (Vgl. Peuckert, 2008: 30ff.; Schneider u.a., 2002a: 28ff.; Pelizäus-Hoffmeister, 2001: 26ff.; Berger, 1996: 51ff.)

2.2.1 Individualisierung anhand der „Pluralisierung von Lebensformen“

„Zugegeben, die Familie war einige Zeit lang etwas aus der Mode gekommen. Doch heute liegt sie schon wieder voll im Trend. Nur wenn man etwas genauer hinschaut, dann mehren sich die Zweifel. Die zunehmende Mobilität und die fortschreitende Individualisierung scheinen doch mehr also nur oberflächlich an an dem Familienmodell zu nagen.“ (Wolf-Dietrich Bukow in: Buchkremer u.a., 2000: 9)

Der zuvor beschriebene gesellschaftliche Wandel hat gegebener Maßen auch Einfluss auf die konstitutiven Strukturen der Familien- und Lebensformen der Gegenwart. So lösen sich in zunehmender Weise die tradierten Muster der „Normalfamilie“ oder auch „bürgerlichen Kleinfamilie“ auf und werden durch individuellere, facettenreichere und besser angepasste Formen ersetzt. Als Lebensformen sind bei Hradil (2004: 87) „die relativ beständigen Konstellationen zu verstehen, in denen Menschen im Alltag mit den ihnen am nächsten stehenden Mitmenschen zusammenleben“. Der Wandel wird anhand eines Vergleichs mit dem Maßstab der „Normalfamilie“ (siehe hierzu: Peuckert, 2008: 23) ermittelt. Diese Pluralisierung vollzieht sich anhand mehrerer charakteristischer Merkmale.

Am Beispiel des Deinstitutionalisierungsprozesses der Ehe, einer „Abnahme der normativen Verbindlichkeit des bürgerlichen Familienmusters“ (Peuckert, 2008: 28), ist beispielsweise zu erkennen, dass sich der Monopolstatus dieser familialen Instanz zunehmend auflöst. Die Heirat ist nicht mehr die einzige Option des Zusammenlebens. An ihre Stelle treten nebenher auch andere, gesellschaftlich akzeptierte und teilweise begünstigte Konturen, wie die Nichteheliche Lebensgemeinschaft. Das einst normierte Profil von Heirat und Zusammenleben als Manifestation der Beziehung ist in Wanken geraten. Das erste dieser benannten, konstitutiven Partnerschaftselemente, die Hochzeit, musste eine kulturelle Legitimationseinbuße hinnehmen. So fand in der Vergangenheit ein Prozess der Entdiskriminierung und Legitimation von Beziehungsformen statt, die den formalen Akt der Eheschließung aus diversen Gründen nicht eingehen wollten. (Vgl. Schneider und Ruckdeschel in Bien/Marbach, 2003: 246) Anhand der gestiegenen Zahlen der Ehescheidungen ist diese Behauptung relativ eindeutig zu belegen: „Seit 1965 hat sich die Scheidungsziffer damit mehr als verdreifacht.“ (Peuckert, 2008: 170). Als zweite, einst konstitutive Konstanten der Ehe bestanden das Zusammenwohnen, -leben und –wirtschaften. In modernen, pluralisierten und normabweichenden Familienformen muss daher berücksichtigt werden, dass es sich bei Familie und Haushalt um zwei grundsätzlich zu unterscheidende soziale Gebilde handelt: So stellt die Familie eine sozio-biologische und der Haushalt eine sozio-ökonomische Einheit dar. (Vgl. Peuckert, 2008: 23f.) Diese können, müssen jedoch nicht in einer partnerschaftlichen Beziehung vereint werden. Da sich jedoch die Ansprüche am Arbeitsmarkt geändert haben und somit die persönlichen Anforderungen an Flexibilität und Mobilität gestiegen sind, ist auch hier eine Veränderung zu verzeichnen. Inzwischen besteht eine viel größere Bedeutung der Festigkeit darin, dass „die Beziehung[en] vom Paar selbst als solche definiert werden und sie muss auch von außen als solche identifiziert werden können.“ (Schneider und Ruckdeschel in Bien/Marbach, 2003: 246)

Eine weitere Ursache für die Pluralisierung besteht darin, dass es vermehrt zu einer „Erosion der bio-sozialen-Doppelnatur der Familie“ kommt. Diese Ausdifferenzierung von biologischer und sozialer Elternschaft wird in der Bevölkerung auch als „Patchworkfamilie“ oder als „multiple Elternschaft“ formuliert. Empirisch lässt sich dieses insofern nachweisen, „dass heute immer mehr Minderjährige mit den (sozialen) Eltern, mit denen sie aufwachsen, nur noch zur Hälfte oder überhaupt nicht mehr leiblich verwand sind.“ (Peuckert, 2008: 25)

[...]

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Individualisierungstheorie und berufliche Mobilität am Beispiel „getrennt zusammenlebender“ Partnerschaften
Hochschule
Duale Hochschule Baden-Württemberg Heidenheim, früher: Berufsakademie Heidenheim
Veranstaltung
Soziologie der Familie und der Lebensalter
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
40
Katalognummer
V121841
ISBN (eBook)
9783640431564
ISBN (Buch)
9783640431748
Dateigröße
748 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Studienarbeit als Leistungsnachweis im Modul Familiensoziologie. Studiengang: Sozialwesen.
Schlagworte
Familiensoziologie, "Getrennt zusammenlebende Partnerschaften", Berufsmobilität, Soziologie, Individualisierung, Pluralisierung von Lebensformen, Living Apart Together (LAT)
Arbeit zitieren
Norman Böttcher (Autor), 2008, Individualisierungstheorie und berufliche Mobilität am Beispiel „getrennt zusammenlebender“ Partnerschaften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121841

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