Eudaimonia. Lebensführung und Glückseligkeit bei Epikureern und Stoikern


Hausarbeit, 2008
25 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Historisch-philosophische Einordnung der Hellenistischen Philosophie

2. Epikureer
2.1 Epikur und sein Weltbild
2.2 Lust als das höchste Gut
2.2.1 Katastematische und kinetische Lust
2.2.2 Geistige und körperliche Lust
2.3 Weg zur Lust: ataraxia
2.3.1 Begierden klassifizieren und kontrollieren: phronesis, Selbstgenügsamkeit
2.3.2 Furcht bekämpfen: Philosophie, gesellschaftspolitischer Rückzug und Freundschaft
2.4 Zusammenfassende Konklusion und Bewertung des epikureischen Glücks

3. Stoiker
3.1 Stoiker und ihr Weltbild
3.2 Tugend als das höchste Gut
3.3 Weg zur Tugend: apatheia
3.3.1 Von dem, was in unseren Händen liegt, worauf wir keinen Einfluss haben und adiaphora
3.3.2 Einstimmig und gemäß der Natur leben
3.4 Zusammenfassende Konklusion und Bewertung des stoischen Glücks

4. Der entscheidende Unterschied: ataraxia und apatheia: Ist der Mensch ein Lust- oder ein Tugend-Wesen?
4.1 Ataraxia versus apatheia
4.2 Mensch als Lust- oder Tugendwesen?

5. Literaturverzeichnis

„Leer ist die Rede jenes Philosophen, durch die kein menschliches Leiden geheilt wird. Denn wie eine Heilkunst nichts taugt, wenn sie nicht die Krankheiten aus dem Körper vertreibt, so auch nicht eine Philosophie, wenn sie nicht das Leiden der Seele austreibt.“ (Epikur)

0. Einleitung

Das Glück, obwohl es ein philosophisches Thema ist, ist auch für Nicht-Philosophen interessant. Glücklich sein oder zumindest Glück haben möchte Jeder. Dadurch dass das Glück oder das Streben danach in der Natur des Menschen zu liegen scheint, zeigt es aber auch seine Bedeutung für die praktische Philosophie. Denn, wie schon Epikur erklärt, sollte Philosophie nicht leer sein, sondern Menschen dienen.

Die zwei größten und einflussreichsten Schulen des Hellenismus sind die Epikureer und die Stoiker. Eudaimonia, Glückseligkeit ist das angestrebte Ziel beider Lehren. Beide Schulen stützen sich auf die Natur des Menschen, haben aber unterschiedliche Erkenntnisse. Während Epikur die Lust zum von Geburt an angestrebten Gut erklärt, behauptet die Stoa, die Tugend sei das höchste Gut. In dieser Arbeit sollen die beiden Lehren in ihren Wegen zum Glück vorgestellt und der jeweilige Glücksbegriff am Ende bewertet werden. Meine These ist dabei, dass der Mensch von Natur aus ein Lustwesen ist, weil es ihm von vorn herein ganz unmöglich ist ein Tugend-Wesen zu sein. „Lust“ gebrauche ich dabei im streng epikureischen Sinne (Abwesenheit von Unlust) und „Tugend“ im stoischen Sinne (als aufrechte Vernunft).

Die Arbeit folgt folgendem Aufbau: Zunächst ist es interessant, im ersten Kapitel den Grund und die Notwendigkeit der Glücksphilosophie in der hellenistischen Zeit historisch-philosophisch zu beleuchten um die Relevanz der Lehren im darauf Folgenden vor Augen zu haben. Im zweiten Kapitel werden Epikur als Urheber und Ideengeber des Epikureismus und seine Weltanschauung kurz vorgestellt. Dem folgt die Darstellung seiner Position, indem die Lust, als das höchste Gut der Epikureer erläutert wird. Epikur unterscheidet zwischen sog. katastematischer und kinetischer sowie geistiger und körperlicher Lust, die auch jeweils erläutert werden. Jetzt wird sein Weg zur Glückseligkeit werden erläutert. Dabei werden Begierden und Furcht als zwei Quellen der Unlust und ihre Bewältigungsmethoden vorgestellt. Mit einer Konklusion soll das Kapitel über Epikurs Lehre kurz zusammengefasst und zum besseren Verständnis an dieser Stelle schon zwischenbewertet werden.

Ähnlich verfahre ich mit der stoischen Lehre: Im Kapitel zwei wird nach einer knappen Vorstellung des Gründers, Zenon von Kition, seinen Nachfolgern und ihrem Weltbild das höchste Gut der Stoiker, die Tugend, beleuchtet und schließlich der Weg dorthin aufgezeigt. Dabei wird Epiktets Aufteilung der Dinge in beeinflussbare und nicht beeinflussbare erläutert und die stoischen Lehrsätze des einstimmigen und des naturgemäßen Lebens dargestellt. Die wichtigsten Ideen des Kapitels werden wieder in einer Konklusion kurz zusammengefasst und kritisch beurteilt.

Der Unterschied zwischen den Ideen der Glückseligkeit bei Epikureern (ataraxia) und Stoikern (apatheia ) wird im Kapitel 4 erörtert. Daraufhin frage ich, ob die Natur, auf die ich beide Philosophien anlehnen, den Menschen als einen nach Lust oder nach Tugend strebendes Wesen erschaffen hat.

1. Historisch-philosophische Einordnung der Hellenistischen Philosophie

Die Hellenistische Zeit bezeichnet eine Periode, die mit dem plötzlichen Tod Alexander des Großen, 323 v. Chr. begann. Als das Ende des Hellenismus gilt das Ende des letzten griechisch geprägten Großreichs, des Ptolemäerreichs (30 v. Chr.).[1]

Die Polis, die griechischen Staatstadt, welche für den Menschen vor der hellenistischen Periode „nicht nur politisches Machtzentrum und fester Sozialverband, sondern vor allem auch der Ort sittlicher Bewährung“[2] gewesen ist, verliert durch Eroberungen und den Tod Alexanders an Bedeutung. Die Auswirkungen in der geisteswissenschaftlichen Ebene sollen in diesem Kapitel verdeutlicht werden. Der einzelne Mensch stand vor Alexanders Herrschaft hinter dem Staat und ordnete sich ihm unter.[3] Doch schon während Alexanders Eroberungszüge, die bis nach Indien reichten, löste sich die feste, nationale Institution Polis in Ansätze eines Kosmopolitismus auf.[4] Long und Sedley beschreiben „Alexanders Hellenisierung des östlichen Mittelmeerraums“[5] als Interesse weckend für viele Nicht-Griechen an der griechischen Kultur. Diese gingen nach Athen, um am Leben der blühenden Philosophie in dieser Stadt teilzuhaben. Andersrum wurde die von Alexander gegründete Stadt Alexandria in Ägypten unter der Förderung der Ptolemäer interessant für Naturforscher, Mathematiker und Gelehrte, die aus Griechenland in das neu gegründete Forschungszentrum abwanderten.[6] Diese Ein- und Auswanderungen der Intellektuellen hatten nicht nur zur Folge, dass die Identifizierung des griechischen Volkes mit der griechischen nationalen Institution Polis, stark nachließ. Auch die Philosophie selbst nahm durch die Migration eine bemerkenswerte Wende: Während Platon und Aristoteles sowie ihre Anhänger sich in Athen auch im großen Maße einer vielseitigen Wissenschaftsforschung wie Mathematik, Zoologie und politischer Geschichte verschrieben, wurden diese Disziplinen mit der Migration aus Athen zum großen Teil weggetragen. Philosophie als die übergreifende Wissenschaft, wurde stark zu einer Spezialdisziplin eingegrenzt.[7]

Nach seinem Tod hinterließ Alexander zudem keinen regierungsfähigen Thronerben. Das entstandene Machtvakuum erschütterte die Grundfesten der Polis noch heftiger:

Es begann eine Zeit politischer Wirren und militärischer Auseinandersetzungen um die Alleinherrschaft, bis sich, etwa um 280 v.Chr., drei neue Königreiche etablierten, und zwar das der Ptolemäer in Ägypten, das Seleukidenreich, das sich von der östlichen Mittelmeerküste bis zur indischen Grenze erstreckte, und die makedonische Herrschaft der Antigoniden.[8]

Durch diese Ereignisse verloren die Menschen endgültig die Orientierung und das Interesse an der Polis. Die neu entstandenen Schulen (Epikureer, Stoa, aber auch Skepsis etc.) „versuchten als praktische Philosophien neue Orientierungshilfen zu geben und vor allem die Frage zu beantworten, wie man zu einem sinnerfülltem Leben gelangen könne.“[9] Die Lebensführung des Individuums rückte also in den Mittelpunkt der Philosophie: Die Philosophie der Glückseligkeit, des guten Lebens und der Ethik generell war der geistige Rückzug und Protest gegen die politisch-gesellschaftlichen Umwälzungen.

Wie diese Philosophien verstanden und gelebt wurden, wird in den Kapiteln zwei und drei anhand der beiden einflussreichsten Schulen, die der Epikureer und der Stoiker, verdeutlicht.

2. Epikureer

Als Epikureer bezeichnet man Anhänger Epikurs. Epikureer bildeten neben den Stoikern die wichtigste philosophische Schule der Zeit. Epikur, Begründer und Ideengeber der Schule, wird im folgenden Kapitel vorgestellt. Seinen Vorstellungen von Eudaimonia folgen im Weiteren.

2.1 Epikur und sein Weltbild

Epikur ist 341 v. Chr. auf Samos geboren und war ein Schüler des Atomismus[10] bei Demokrit[11] und dies beeinflusste auch seine Ethik. Die Naturlehre dient gewissermaßen der Erreichung des Lebensziels, also der Eudaimonia. Zum Beispiel sollen Menschen durch vernünftige Erkenntnisse der Naturforschung keine Ängste vor dem Tod haben:

Unsterblichkeit gibt es nach der Theorie des Atomismus nicht. Die Seele, die sich Epikur als Komplex unendlich feiner Atome vorstellte, löse sich auf und gehe dann neue Atomverbindungen ein. Da man nur einmal lebe, solle man sein Leben möglichst optimal genießen.[12]

306 v. Chr. ging Epikur nach Athen und kaufte sich einige Jahre später, durch Spenden der Athener unterstützt, ein Grundstück mit einem Garten. Dieser Garten sollte ein „Refugium in den politischen Wirren der Zeit“[13] sein. Er soll die Aufschrift getragen haben: „Fremdling, hier wird dir's wohl sein; hier ist das höchste Gut die Lust.“[14] „Mäßig und einfach lebte hier Epikur mit seinen Schülern in einträchtigem Streben, in herzlicher Freundschaft, wie in einer friedvollen Familie. […]Das ganze Altertum kannte kein Beispiel eines schöneren und reineren Zusammenlebens, als das Epikurs und seiner Schule.“[15]

Epikurs Philosophie zielte auf den Menschen und seine Bedürfnisse und nicht auf die Politik oder Öffentlichkeit ab. Long und Sedley erklären dazu: „Unter den philosophischen Schulen war die seine [die des Epikurs, Anm. Rauser] gewiß die, welche am meisten nach innen schaute[…]“.[16] Die Philosophie sei außerdem „aufs Praktische gerichtet, sie soll uns eine gesicherte, von aller Unruhe und allem Drucke des Aberglaubens freie Lebensauffassung geben; sie ist vernunftvolles Streben nach Glückseligkeit“[17]

2.2 Lust als das höchste Gut

Für Epikur liegt das Glück in der Lust. Er begrünet: „[…]Die Lust [ist], wie wir sagen, Ursprung und Ziel des glückseligen Lebens.“[18] Allerdings darf man Lust im epikureischen Sinne nicht missverstehen: Epikurs Ziel ist nicht die ausschweifende Lust und die Suche nach immer mehr Genüssen. Schon Epikur selbst wehrt sich gegen die Vorwürfe:

Wenn wir also sagen, die Lust sei das Ziel, meinen wir damit nicht die Lüste der Hemmungslosen und jene, die im Genuß bestehen, wie einige, die dies nicht kennen und nicht eingestehen oder böswillig auffassen, annehmen, sondern: weder Schmerz im Körper noch Erschütterung in der Seele zu empfinden.[19]

Lust ist also bereits die Abwesenheit von Schmerz und seelischer Erregtheit: „Um dessentwillen tun wir ja alles, damit wir weder Schmerz noch Unruhe empfinden. Sooft dies einmal an uns geschieht, legt sich der ganze Sturm der Seele[…]“[20] Genau dieser Zustand bezeichnet das höchste Gut, die angestrebte ataraxia, „die Unerschütterlichkeit der Seele“[21].

Lust ist also für Epikur eine innere positive Stimmung, bei der jegliche körperliche oder seelische Leiden abwesend sind. Er erklärt auch: „Keine Lust ist an sich ein Übel. Aber das, was bestimmte Lustempfindungen verschafft, führt Störungen herbei, die um vieles stärker sind als die Lustempfindungen“.[22] Also gibt es durchaus Lüste, die zu vermeiden seien.

2.2.1 Katastematische und kinetische Lust

Die erreichte Freiheit von Schmerz und Leid ist die höchste Lust. Diese Lust ist ein Zustand und wird von Epikur als katastematische, zuständliche Lust bezeichnet. So ist das Satt sein die Freiheit von Hunger[23]. Aber auch die Nahrungsaufnahme selbst sei laut Epikur eine Lust. Diese sei eine Lust in Bewegung oder auch kinetische Lust also eine Lust die keinen fortdauernden Zustand hat.[24]

Diese Unterscheidung dürfe man nicht als qualitativ verschiedene Lustarten bewerten. Vielmehr seien es zwei verschiedene Zustände einer einzigen Lust. Sowohl der Übergang von Unlust zur Lust als auch das Ergebnis gehören also dem größten Gut, der Lust an und sind lediglich quantitativ in ihre Dauer und Schwankungen. Die höchste Lust, die ataraxia jedoch kann für sich nur vollkommen frei von Unlust sein.[25]

Franz erklärt, dass die katastematische Lust aber nur aus kinetischer hervor gehen. Er unterscheidet weiter die katastematische Lust in zwei Begriffe: „(a) als Zustand, der immer nur vorübergehend ist; (b) als eine Grundstimmung und Lebenshaltung, die mit körperlicher Gesundheit (hygíeia) und seelischer Unerschütterlichkeit (ataraxíā) verbunden ist.“[26] Krautz führt dazu aus: „Die ungetrübte Grundstimmung ist nur dann zu erreichen, wenn das Mängelwesen Mensch elementare Entbehrungen […] auf Dauer zu überwinden vermag.“[27] Die einzige Ausnahme bei dieser Regelung scheint für Epikur die Philosophie zu sein, wenn er sagt:

Bei den übrigen Tätigkeiten stellt sich der Ertrag erst dann ein, wenn sie gerade vollendet worden sind, bei der Philosophie läuft der Reiz mit dem Erkenntnisvorgang zusammen. Denn nicht nachdem Lernen kommt der Genuß, sondern zugleich mit dem Lernen stellt sich auch der Genuß ein.[28]

2.2.2 Geistige und körperliche Lust

Epikur spricht von Schmerzfreiheit und Freiheit von seelischer Unruhe, wenn er das höchste Gut meint. Ein Unterschied zwischen geistiger und körperlicher Lust scheint hier evident.

Auch gibt es bei Epikur Aussagen zu den jeweiligen Grenzen der Lustempfindung:

Die Lustempfindung im Fleische wächst nicht mehr, wenn erst einmal das schmerzhafte Gefühl des Mangels aufgehoben wird, sondern variiert nur. Des Denkens Lustgrenze wird erzeugt durch die Ergründung gerade jener Zusammenhänge, die dem Denken die größten Ängste verschafften, und all dessen, was damit verwandt ist.[29]

Auch hier werden die beiden Lüste qualitativ aber nicht voneinander getrennt. Die Geistige ist zwar höher bewertet, das hat aber den Grund, dass „der Geist, anders als die Sinnlichkeit, nicht auf die unmittelbar gegenwärtigen Empfindungen eingeschränkt ist, sondern zukünftige sinnliche Lüste antizipieren und vergangene in die Erinnerung zurückrufen kann“[30]. Daraus ergibt sich aber auch, dass die geistige Lust auch auf die sinnliche bezogen ist. Sie ist „nichts als im Geiste vorgestellte sinnliche Lust“[31]

Wie die Lust als Zustand und damit als Glückseligkeit erreicht werden kann, wird im Kapitel 2.3 deutlich.

2.3 Weg zur Lust: ataraxia

Es gibt zwei Hauptquellen[32] der Unlust, die aber beide „versiegen“ können, wenn der Mensch richtig mit ihnen umgeht. Das Kapitel 2.3.1 hat die erste Quelle der Unlust, die Begierden des Menschen, zum Thema. Diesen soll man sich laut Epikur nicht komplett verweigern, sondern sie mit Hilfe der phronesis vernünftig und tugendhaft einschätzen und bewerten. Die Selbstgenügsamkeit unterstützt dabei. Im Kapitel 2.3.2 wird die zweite Quelle der Unlust, die Furcht, untersucht. Diese wird vor allem mit Hilfe der Philosophie, dem Rückzug aus dem gesellschaftspolitischen Leben und der Freundschaft besiegt.

2.3.1 Begierden klassifizieren und kontrollieren: phronesis, Selbstgenügsamkeit

Die eine der beiden Quellen für die Unlust, also für das Übel, das das lustvolle Leben stört, sind die Begierden des Menschen. Epikur lehnt weder das Eingehen auf die Begierden völlig ab, noch ist für ihn das Erfüllen aller Begierden erstrebenswert. Im Brief an Menoikeus klassifiziert er sie:

Wir müssen […] berücksichtigen, daß die Begierden zum einen anlagebedingt, zum anderen ziellos sind. Und zwar sind von den anlagebedingten die einen notwendig, die andern nur anlagebedingt; von den notwendigen wiederum sind die einen zum Glück notwendig, die andern zur Störungsfreiheit des Körpers, die dritten zum bloßen Leben.[33]

Es wird also deutlich, dass nur anlagebedingte (also die dem Menschen natürliche) Begierden, die notwendig sind, erfüllt werden sollen. Diese können 1.) „zum bloßen Leben“ notwendig sein, 2.) „zur Störungsfreiheit des Körpers“ oder 3.) „zum Glück“.

1.) Das bloße Leben bezeichnet die überlebensnotwendigen Funktionen wie Nahrungsaufnahme, Schlaf, etc. Dass diese Bedürfnisse erfüllt werden sollen, scheint selbstverständlich.

2.) Mit körperlicher Störungsfreiheit ist ein gesunder Körper gemeint. Es geht also um Schmerzfreiheit und um das körperliche Wohlfühlen.

Epikur versucht mit seiner Philosophie einerseits rational darzustellen, warum der Schmerz leicht beseitigt werden kann[34] und ihn andererseits durch Lust zu kompensieren und zwar „nicht nur durch gegenwärtige Lust [...], sondern auch durch die Erwartung künftiger oder die Erinnerung vergangener Freuden“[35].

Zum einen erklärt Epikur zunächst, dass nicht jeder Schmerz vermeidenswert sei:

[Wir]übergehen […] zahlreiche Lustempfindungen, sooft uns ein übermäßiges Unbehagen daraus erwächst. Sogar zahlreiche Schmerzen halten wir für wichtiger als Lustempfindungen, wenn uns eine größere Lust darauf folgt, daß wir lange Zeit die Schmerzen ertragen haben. Jede Lust also ist […] ein Gut, jedoch nicht jede ist wählenswert; wie auch jeder Schmerz ein Übel ist, aber nicht jeder ist in sich so angelegt, daß er immer vermeidenswert wäre.[36]

Mancher Schmerz soll also ertragen werden, um als Folge eine größere (als der Schmerz) Lust zu erleben.[37] Den Schmerz, den man nicht ertragen will, weil ihm auch keine größere Lust folgt, kompensiert Epikur durch andere Lust. Am deutlichsten wird dies im Brief an Idomeneus:

Den glückseligen Tag feiernd und zugleich als letzten meines Lebens vollendend schreibe ich euch dies: ihn begleiten Blasen- und Darmkoliken, die keine Steigerung der ihnen innewohnenden Heftigkeit zulassen. Doch all dem widersetzt sich die Freude meines Herzens über die Erinnerung an die von uns abgeschlossenen Erörterungen.[38]

Trotz der schlimmsten Schmerzen schafft es Epikur durch die Erinnerungen an frühere glückselige Momente seinen Schmerz zu ertragen und glücklich zu sein.[39]

Die Erkenntnis, dass der Schmerz leicht zu verachten sei „denn der eine bringt zwar eine schneidende Qual, aber seine Dauer ist beschnitten; der andere dauert zwar im Fleische, aber seine Qual ist stumpf“[40] bedeutet dass es nur den schlimmen kurzen Schmerz gibt, weil er entweder verheilt oder zum Tode führt[41] und den chronischen, der jedoch noch gut ertragbar sei, da er die Lust im Körper nicht übersteige.[42]

3.) Die anlagebedingte, notwendige Begierde nach Glück ist zweifellos auf das seelische Wohlbefinden bezogen. Die Schwierigkeit, dass ataraxia an sich, zu der die Erfüllung bestimmter Begierden erst führt, auch schon mit Seelen ruhe übersetzt ist, scheint lösbar: Die Übersetzung Seelenruhe ist eine indirekte Übersetzung von ataraxia. Die Römer übersetzten den Begriff nämlich mit „tranquillitas animi“, woraus die deutsche Übersetzung entstammt. Ataraxia bedeutet aber vielmehr eine sowohl seelische als auch körperliche Erregungsfreiheit.[43]

Aus dem Überleben des Menschen (durch Nahrungsaufnahme, etc.), seiner körperlichen Unversehrtheit und Schmerzlosigkeit und aus dem seelischen Glück entsteht das höchste Gut, die ataraxia. Diese ist nichts anderes als eine unerschütterliche Erregungsfreiheit des gesamten Menschen.

Durch das Wählen und Meiden der Begierden nach dieser Klassifizierung, erreiche der Mensch die „Gesundheit des Körpers“ und die Unerschütterlichkeit der Seele.[44] Für das richtige Wählen und Meiden sorge dabei die phronesis:

Denn nicht Trinkgelege und aneinandergereihte Umzüge, auch nicht das Genießen von Knaben und Frauen, von Fischen und allem übrigen, was eine aufwendige Tafel bietet, erzeugen das lustvolle Leben, sondern ein nüchterner Verstand, der die Gründe für jedes Wählen und Meiden aufspürt und die bloßen Vermutungen vertreibt, von denen aus die häufigste Erschütterung auf die Seelen übergreift.[45]

Und weiter argumentiert Epikur:

Für dies alles ist die Einsicht [phronesis, Anm. Rauser] Ursprung und höchstes Gut. Daher ist die Einsicht sogar wertvoller als die Philosophie: ihr entstammen alle übrigen Tugenden, weil sie lehrt, dass es nicht möglich ist, lustvoll zu leben, ohne einsichtsvoll, vollkommen und gerecht zu leben, ‹ebensowenig, einsichtsvoll, vollkommen und gerecht zu leben› ohne lustvoll zu leben.[46]

Hiermit wird der Vorwurf der Epikur-Kritiker widerlegt, dass die Epikureer nicht tugendhaft, sondern aus purer, ausschweifender Lust heraus lebten. An dieser Stelle wird deutlich, wie die Einsicht dem Menschen zeigt, dass Tugend und Lust ohne einander nicht existieren können. Die Begierden werden also durch die phronesis so eingeordnet, dass die Erfüllung nur bestimmter Begierden zu erstreben sei und dadurch die aus den übrigen (nicht natürlichen, nicht notwendigen) Begierden stammende Unlust vermieden wird.

„Aus der Überzeugung, daß nur die notwendigen Begierden gestillt werden müssen, ergab sich als weiteres großes Gut die Selbstgenügsamkeit.“[47] Allerdings handelt es sich bei epikureischer Selbstgenügsamkeit um keine asketische, auf Lüste verzichtende Einstellung. Sie sei ein hohes Gut, weil wir uns, „wenn wir das meiste nicht haben, mit dem Wenigen […] begnügen, da wir im vollen Sinne überzeugt sind, daß jene am lustvollsten den Aufwand genießen, die seiner am wenigsten bedürfen.“[48] Man soll sich also mit dem Wenigen begnügen können, um mehr Freude am Vorhandenen zu erleben.

Die phronesis entscheidet also zusammen mit der Selbstgenügsamkeit über die zu stillenden Begierden. Nur notwendige Begierden sollen befriedigt werden. Ihre Befriedigung regelt das Verhältnis zwischen Schmerz und Lust und ist notwendig zum Überleben, zur körperlichen Gesundheit und zum seelischen Glück. Wie das seelische Glück genau erreicht wird, wird in dem nächsten Kapitel dargestellt.

2.3.2 Furcht bekämpfen: Philosophie, gesellschaftspolitischer Rückzug und Freundschaft

Neben den Begierden ist nach Epikur die Furcht eine Quelle der Unlust. Es geht dabei um die Furcht vor Göttern und vor dem Tod, weil der Mensch diesen beiden hilflos ausgeliefert scheint[49]. Epikur rät sich mit den beiden Phänomenen rational auseinander zu setzen.

Zu der Furcht vor den Göttern sagt er: „Wenn du die Gottheit für ein unvergängliches und glückseliges Wesen hältst, wie die allgemeine Anschauung derGottheit vorgeprägt wurde, dann hänge ihr nichts an, was ihrer Unvergänglichkeit fremd oder mit ihrer Glückseligkeit unvereinbar ist.“[50] Er leugnet nicht die Existenz der Götter verneint aber die Idee, Götter könnten sich in das Leben der Menschen einmischen. Es sei ausgeschlossen, dass Götter die Menschen belohnen genauso wie es nicht möglich sei, dass sie die Menschen bestrafen. Denn beides sind Eigenschaften von Menschen, aber nicht von Göttern.[51] Götter leben für Epikur nicht unter Menschen und seien völlig sorglos. Die einzige Verbindung zu den Menschen sei die Rolle der Götter als Vorbilder und Ideale des glückseligen Lebens.[52] Alle Himmelserscheinungen, welche die Menschen für göttliches Eingreifen nehmen liegen im Nichtverstehen. Deswegen sagt Epikur:

Es ist nicht möglich die Angst bezüglich entscheidendsten Gesetzmäßigkeiten zu lösen, wenn man nicht verstanden hat, welches die Gesetzlichkeit des Alls ist, sondern von sich aus irgend etwas auf Grund der Mythen argwöhnt. Es ist also nicht möglich ohne Naturforschung unbeeinträchtigte Lustempfindungen zu erlangen.[53]

[...]


[1] Vgl. Meyers Lexikon online (2008)

[2] W. Weinkauf (2001), S. 9

[3] Vgl. Ebd.

[4] Vgl. R. Ruffing (2007), S. 60

[5] A.A. Long u.a. (2006), S. 1

[6] Vgl. Ebd.

[7] Vgl. A.A. Long u.a. (2006), S. 2

[8] W. Weinkauf (2001), S. 10

[9] W. Weinkauf (2001), S. 10 f.

[10] „Atomismus: Annahme, daß die Dinge insgesamt aus Atomen (s. d.) zusammengesetzt sind, daß alles Geschehen auf Mischung und Entmischung, Vereinigung und Trennung, Anziehung und Abstoßung, Umlagerung der Atome beruht“

[Eisler: Wörterbuch d. phil. Begriffe, S. 555. Dig. Bibliothek Bd. 3: Geschichte der Philosophie, S. 13971 (vgl. Eisler-Begriffe Bd. 1, S. 102-103)]

[11] Vgl. A.A. Long u.a. (2006), S. 5

[12] R. Ruffing (2007), S. 63

[13] R. Ruffing (2007), S. 60

[14] M. Bertram (2004), S. 3659 [Lange: Geschichte des Materialismus, S. 136. (vgl. Lange-Mat., S. 79)]

[15] Ebd.

[16] A.A. Long u.a. (2006), S. 5

[17] M. Bertram (2004), S. 21596 [Eisler: Philosophenlexikon, S. 799. (vgl. Eisler-Phil., S. 154)]

[18] Epikur, H.-W. Krautz (2000), S. 47

[19] Epikur, H.-W. Krautz (2000), S. 49

[20] Epikur, H.-W. Krautz (2000), S. 47

[21] Ebd.

[22] Epikur, H.-W. Krautz (2000), S. 69

[23] Vgl. M.Hossenfelder (1996), S. 165

[24] Vgl. M. Franz (1999), S. 497

[25] Vgl. M. Hossenfelder (1996), S. 165

[26] M. Franz (1999), S. 497

[27] Epikur, H.-W. Krautz (2000), S. 164

[28] Epikur, H.-W. Krautz (2000), S. 85

[29] Epikur, H.-W. Krautz (2000), S. 71

[30] Epikur, H.-W. Krautz (2000), S. 166

[31] M. Hossenfelder (1996), S. 165

[32] Vgl. M. Hossenfelder (1996), S.167 f.

[33] Epikur, H.-W. Krautz (2000), S. 45

[34] Vgl. M. Hossenfelder (1996), S.167 f.

[35] M. Hossenfelder (1996), S. 169

[36] Epikur, H.-W. Krautz (2000), S. 47

[37] Eine anstrengende, sportliche Betätigung, die den Körper ermüdet und Muskelschmerzen hervor ruft, führt letztendlich dazu, dass der Körper gesünder und stärker wird. Ein medizinischer Eingriff, der schmerzhaft ist, hat zur Folge die Heilung des Körpers.

[38] Epikur, H.-W. Krautz (2000), S. 61

[39] Die Legende, Epikur setzte sich kurz vor dem Tod in einen Bottich heißen Wassers, tränke Wein und unterhielte sich mit seinen Freunden, weist aber darauf hin, dass er auch die gegenwärtigen Freuden zur Kompensierung des Schmerzes zu nutzen wusste.

[40] Epikur, H.-W. Krautz (2000), S. 81

[41] Vgl. M. Hossenfelder (1996), S. 169

[42] Vgl. auch „Es verharrt das Schmerzende nicht ununterbrochen im Fleische, sondern das Extrem ist nur ganz kurze Zeit zugegen; was aber das Lustspendende im Fleische gerade noch überwiegt, verweilt nicht viele Tage. Die langewährenden Gebrechen hingegen enthalten ein Übermaß an Lustspendendem im Fleische über das Schmerzende.“ (Epikur, H.-W. Krautz ( 2000), S. 67

[43] Vgl. M. Hossenfelder (1996), S. 164

[44] Vgl. Epikur, H.-W. Krautz (2000), S. 47

[45] Epikur, H.-W. Krautz (2000), S. 49

[46] Ebd.

[47] M. Hossenfelder (1996), S. 170

[48] Epikur, H.-W. Krautz (2000), S. 49

[49] Vgl. M. Hossenfelder (1996), S. 167

[50] Epikur, H.-W. Krautz (2000), S. 43

[51] Vgl. ebd.

[52] Vgl. Epikur, H.-W. Krautz (2000), S. 67

[53] Epikur, H.-W. Krautz (2000), S. 67

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Eudaimonia. Lebensführung und Glückseligkeit bei Epikureern und Stoikern
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Einführung in die antike Philosophie
Note
1,5
Autor
Jahr
2008
Seiten
25
Katalognummer
V121917
ISBN (eBook)
9783640264018
ISBN (Buch)
9783640264148
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eudämonie, Eudaimonia, Glücksphilosophie, Glück, Epikur, Epiktet, Marc Aurel, Antike, Hellenismus, Stoa, Epikureismus, Stoiker, Epikureer, Schmerz, Leid, Lust, Vernunft
Arbeit zitieren
Helena Rauser (Autor), 2008, Eudaimonia. Lebensführung und Glückseligkeit bei Epikureern und Stoikern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121917

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