Ist Gottes Existenz beweisbar? Die Auseinandersetzung zwischen Anselm von Canterbury (1033-1109) und Gaunilo von Marmoutiers (+1083)


Hausarbeit, 2001

11 Seiten, Note: 1,25


Leseprobe

Ist Gottes Existenz beweisbar? – Einleitung

Die sogenannte Frühscholastik ist in der Zeit von 1050 bis 1150 n.Chr. anzusiedeln. Die Grundgedanken der scholastischen Philosophie gehen in diesem Zeitraum aus der Erziehung der Geistlichkeit in den Klosterschulen hervor, mit der Entstehung der städtischen Kathedralschulen und der Universitäten im 13. und 14. Jahrhundert werden sie sich später zur sogenannten Hochscholastik weiterentwickeln.

Bereits in der Frühscholastik zeichnet sich eine klar umrissene Aufgabe für die Philosophie im christlich geprägten Mittelalter ab: Das, was der Glaube schon als unanfechtbare Wahrheit besitzt, ist vernunftsmässig zu begründen und verstehbar zu machen.[1]

Am Anfang steht dieser Position die der Antidialektiker entgegen, Vertretern der traditionellen klösterlichen Kultur, die die Betätigung der Vernunft (ratio) immer der geoffenbarten Glaubenswahrheit unterordnen, die in der Autorität der Bibel und der Kirchenväter begründet ist. Dies zeigt sich beispielhaft in der Auseinandersetzung zwischen Berengar von Tours (~1000-1088), der wegen seiner Lehre mehrmals von der Kirche verurteilt wurde und Lanfrank (~1005-1089), der zuerst als Schulleiter, später auch als Abt und Erzbischof in Dienst der Kirche stand. Berengar stritt mit Lanfrank um die Antwort auf die Frage, ob die formale Logik, die aristotelische Dialektik, auch auf den Glauben, die Eucharistielehre, angewandt werden dürfe, die er bejahte. Bisher waren diese beide Bereiche, Wissenschaft und Glaubenswahrheit, nur streng voneinander getrennt betrachtet worden. Berengars Absicht war es `nur mit der Vernunft´ (sola ratione) die Wahrheit des christlichen Glaubens zu beweisen oder gegebenenfalls eine falsche Auffassung des Glaubens zu korrigieren. Lanfrank hingegen wollte im Bereich der Theologie allein das Wort Gottes seiner Wissenschaft zugrunde legen, nicht die Gedanken der Menschen. Konkret ging es, wie gesagt, um die Theorie des Abendmahles. Berengar deckte einen Widerspruch im Verhältnis von Eigenschaft und Substanz in der christlichen Glaubenslehre seiner Zeit auf, insofern sie aussagte, dass die Eigenschaften von Brot und Wein beim Abendmahl blieben, ihre Substanz jedoch verschwinde und durch die Substanz Christi ersetzt würde. Dies ließ sich jedoch, wie Berengar zeigte, nicht mit der aristotelischen Logik, der Grundlage der damaligen Wissenschaft, vereinbaren: Denn Eigenschaften, so Berengar, lassen sich nie ohne Substanz, an denen sie Eigenschaft sind, denken. Für Berengar ist die Vernunft die Eigenschaft, durch die der Mensch Ebenbild Gottes ist, woraus sich logischerweise eine Verpflichtung zum Gebrauch der Vernunft ergibt, durch die der Mensch seine Ebenbildlichkeit bewahrt. Vernunftgebrauch baut für Berengar aber auf das damals gelehrte System der Wissenschaften (artes) auf. Neben der Logik gehört zu ihm Grammatik, Rhetorik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie.[2]

Obwohl Anselm von Canterbury (1033-1109) ein Schüler Lanfranks war, schlägt er die Richtung Berengars ein. Auch er möchte `nur mit der Vernunft´ die Wahrheit des christlichen Glaubens beweisen. Thema dieser Arbeit ist Anselms berühmter Versuch aus dem Proslogion, die Existenz Gottes allein mit den Mitteln der menschlichen ratio zu beweisen, sowie die Kritik dieses Beweises von Gaunilo von Marmoutiers (gest.1083). Anselm hielt diese für so wichtig, dass er sie zusammen mit seinem Text abschreiben ließ, nicht ohne dass er sich gegen sie verteidigte.[3] Nicht befassen werde ich mich mit dem wohl berühmtesten modernen Kritiker von Anselms `ontologischem´ Beweis, Immanuel Kant.

Anselms Argument

„Was Descartes war für die Philosophie der Neuzeit, das war

Anselm von Canterbury für die Philosophie des Mittelalters.

Wie Descartes war Anselm ein unableitbarer Anfang.“[4]

Anselm von Canterbury wurde 1033 in Aosta geboren, 1060 trat er in Bec (Frankreich) in den Benediktinerorden ein, wurde dort Prior und Leiter der Schule, 1079 Abt. Im Jahre 1093 wurde er dann zum Erzbischof von Canterbury ernannt. 1109 verstarb er in Canterbury.

Sein Reformgeist wurde nicht von allen englischen Bischöfen gleichermaßen unterstützt, und so kam es zu zweimaligen Exilaufenthalten (1097-1100 und 1103-1106). Nach Anselms kirchenpolitischen Ansichten sollte sich die Kirche aus ihrer ´Magdschaft´ befreien und sich zur `freien Braut´ entwickeln, konkret: ihr Selbstbewusstsein gegenüber Ostrom, also der griechisch-orthodoxen Kirche, und dem Islam stärken.[5] Anselms philosophische Absicht war es, die Wahrheit des im Sinne der antiken Philosophie gedeuteten Christentums zu beweisen und eine Vertiefung der klösterlichen Lebensform mit Hilfe der Dialektik zu erreichen.[6]

[...]


[1] Vgl. H.-J.Störig: Kleine Weltgeschichte der Philosophie. Frankfurt a.M. 1999, S.264-267.

[2] Kurt Flasch: Das philosophische Denken im Mittelalter. Von Augustin zu Machiavelli. Stuttgart 1986, S.187-190.

[3] Die drei Texte sind zusammengefasst in: Burkhard Mojsisch (Hrsg.): Kann Gottes Nicht-Sein gedacht werden? Die Kontroverse zwischen Anselm von Canterbury und Gaunilo von Marmoutiers. Mainz 1989.

[4] Kurt Flasch (Hrsg.): Geschichte der Philosophie in Text und Darstellung. Bd. 2. Mittelalter. Stuttgart 1982, S.204.

[5] Vgl. G. Binding: Anselm von Canterbury (Lexikonartikel), in: Lexikon des Mittelalters, München/ Zürich 1980ff., Bd.1, Sp.680-687.

[6] Vgl. Flasch 1986, wie Fn. 2, S.191ff

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Ist Gottes Existenz beweisbar? Die Auseinandersetzung zwischen Anselm von Canterbury (1033-1109) und Gaunilo von Marmoutiers (+1083)
Hochschule
Burg Giebichenstein - Hochschule für Kunst und Design Halle  (Fakultät Kunst)
Note
1,25
Autor
Jahr
2001
Seiten
11
Katalognummer
V12192
ISBN (eBook)
9783638181327
ISBN (Buch)
9783640856817
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gottesbeweis, Gott, Existenz, Glauben, Anselm von Canterbury
Arbeit zitieren
Simone Henninger (Autor), 2001, Ist Gottes Existenz beweisbar? Die Auseinandersetzung zwischen Anselm von Canterbury (1033-1109) und Gaunilo von Marmoutiers (+1083), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12192

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