Innerhalb des deutschen Expressionismus formiert sich 1911 die Künstlergruppe des "Blauen Reiter". Der Name ist zunächst der Titel eines Almanachs, der 1912 von Wassilj Kandinsky und Franz Marc herausgegeben wird. Mit Erscheinen dieser Publikation wird der eigentliche Durchbruch des so genannten Primitivismus eingeleitet. ‚Echte’ Kunst wird nun ohne Rücksicht auf malerische Traditionen verbunden mit Ursprünglichkeit. In seiner Abhandlung „Über die Formfrage“, schreibt Kandinsky: „Es ist eine enorme Kraft im Kinde, die sich hier äußert und die das Kinderwerk dem Werk des Erwachsenen gleich hoch (und oft viel höher!) stellt.“
Die Arbeit untersucht anhand einiger Bildbeispiele den Einfluss von Kinderzeichnungen auf die Arbeiten der verschiedenen Künstler des Blauen Reiters und geht dabei auch allgemein auf das Phänomen der Kinderzeichnung ein.
Inhaltsverzeichnis
1. ‚Kinderkunst’ und die Suche der Künstler des ‚Blauen Reiter’ nach den Ursprüngen der Kunst
2. Das Phänomen Kinderzeichnung
3. Alexej von Jawlensky, die „Synthese der Bildelemente“
4. Wassily Kandinsky, das „Prinzip der Inneren Notwendigkeit“
5. Gabriele Münter und „Das Geben eines Extrakts“
6. Verschiedene Künstler - ähnliche Suche - verschiedene Funde
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht den maßgeblichen Einfluss der Kinderzeichnung auf die künstlerische Entwicklung der Malergruppe „Der Blaue Reiter“. Dabei wird analysiert, wie die Künstler durch die intuitive und formale Reduktion kindlicher Zeichnungen zu neuen, abstrakten Ausdrucksformen und einer spirituellen Erneuerung der Kunst gelangten.
- Analyse des Phänomens Kinderzeichnung und dessen universeller formaler Merkmale.
- Untersuchung der Rezeption kindlicher Formsprache bei Alexej von Jawlensky.
- Erörterung der Bedeutung des „Prinzips der inneren Notwendigkeit“ bei Wassily Kandinsky.
- Betrachtung von Gabriele Münters Suche nach dem wesentlichen „Extrakt“ in der Malerei.
- Synthese der unterschiedlichen künstlerischen Funde innerhalb der Gruppe des Blauen Reiters.
Auszug aus dem Buch
Alexej von Jawlensky, die „Synthese der Bildelemente“
Wenige Mitglieder des Blauen Reiters hatten Kinder. Jawlensky aber hatte einen Sohn, der ihn mit seinen Bildern anregte und ihm auf selbstverständliche Art und Weise eine formal reduzierte Bildsprache vorführte. Jawlensky war von der kindlichen Formsprache in den Bildern seines siebenjährigen Sohnes derart begeistert, dass er sie den anderen Kollegen zeigte und auch diese von den Bildern schwärmten.
Franz Marc schreibt in einem Brief: „Er [Jawlensky] zeigte mir am anderen Tage alles, was André bisher gemacht hat, -es grenzt wirklich ans Wunderbare. Unter manchen könnte ruhig `Matisse´ stehen, kein Künstler könnte Zweifel hegen. Und dabei verbirgt sich das Unzulängliche seines Alters niemals, aber es gibt seinen Dingen einen Einschlag, der ans Mysteriöse grenzt.“ Unter dem Einfluss der französischen Symbolisten hat Jawlensky die „Synthese“ als Schlagwort in die Diskussionsrunde des Blauen Reiters gebracht. Unter einer Synthese verstand er das Zusammenziehen der Bildelemente auf wenige charakteristische Formen, um eine direkte, von allen Nebensächlichkeiten befreite Sicht der Dinge zu erzielen.
Zusammenfassung der Kapitel
‚Kinderkunst’ und die Suche der Künstler des ‚Blauen Reiter’ nach den Ursprüngen der Kunst: Die Einleitung beleuchtet die Entstehungsgeschichte der Gruppe „Der Blaue Reiter“ und ihr Ziel, durch die Wiederentdeckung ursprünglicher Kunstformen eine erstarrte Tradition zu überwinden.
Das Phänomen Kinderzeichnung: In diesem Kapitel werden die allgemeinen Merkmale und ästhetischen Werte der Kinderzeichnung, wie Symbolik, Physiognomisierung und Flächenbetonung, detailliert analysiert.
Alexej von Jawlensky, die „Synthese der Bildelemente“: Der Fokus liegt hier auf der formalen Reduktion, die Jawlensky durch die Beobachtung der Zeichnungen seines Sohnes inspirierte und in seinen Werken, wie „Obersdorf-Winter“, zur Anwendung brachte.
Wassily Kandinsky, das „Prinzip der Inneren Notwendigkeit“: Dieses Kapitel behandelt Kandinskys theoretische Auseinandersetzung mit dem Geistigen in der Kunst und wie er das Unverfälschte in Kinderzeichnungen für seine Entwicklung hin zur Gegenstandslosigkeit nutzte.
Gabriele Münter und „Das Geben eines Extrakts“: Die Analyse zeigt, wie Münter kindliche Formsprache für ihre „Murnauer Ansichten“ adaptierte, um einen gefühlten Inhalt als wesentliches „Extrakt“ darzustellen.
Verschiedene Künstler - ähnliche Suche - verschiedene Funde: Das Fazit stellt die unterschiedlichen Ansätze der Künstler gegenüber und reflektiert das Scheitern der Vision einer dauerhaften geistigen Erneuerung durch die Rückbesinnung auf kindliche Ursprünge.
Schlüsselwörter
Der Blaue Reiter, Kinderkunst, Kinderzeichnung, Expressionismus, Abstraktion, Primitivismus, Wassily Kandinsky, Gabriele Münter, Alexej von Jawlensky, Formsprache, innere Notwendigkeit, Synthese, moderne Kunst, Murnauer Ansichten, Gegenstandslosigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Einfluss, den Kinderzeichnungen auf die Künstler der Gruppe „Der Blaue Reiter“ ausübten und wie sie diese Eindrücke in ihre eigene Malerei integrierten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentral sind die theoretischen Konzepte von Abstraktion, Primitivismus, das „Prinzip der inneren Notwendigkeit“ und die formale Analyse kindlicher Gestaltungsmittel wie Farbe, Linie und Raumdarstellung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie unterschiedliche Künstler des „Blauen Reiters“ auf die „Kunst der Kinder“ reagierten und diese als Impuls für die Modernisierung ihrer eigenen Bildsprache nutzten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine bildwissenschaftliche Analyse durch den Vergleich von exemplarischen Gemälden der Künstler mit charakteristischen Merkmalen der Kinderzeichnung, ergänzt durch die Auswertung zeitgenössischer Quellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Phänomens Kinderzeichnung sowie spezifische Fallanalysen zu den Künstlern Jawlensky, Kandinsky und Münter.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär über die Begriffe „Der Blaue Reiter“, „Kinderzeichnung“, „Abstraktion“ und „formale Reduktion“ erschließen.
Welche Rolle spielt der „Almanach Der Blaue Reiter“ für die Künstler?
Der Almanach diente als Plattform, um durch das Nebeneinanderstellen verschiedenster Kunstwerke, inklusive Kinderzeichnungen, „erhellende Konfrontationen“ zu schaffen und eine neue Sicht auf die Kunstgeschichte zu begründen.
Warum empfand Kandinsky die kindliche Sichtweise als so bedeutend für seine Arbeit?
Kandinsky sah in der „Ungetrübtheit“ des kindlichen Blicks die Fähigkeit, das „Innere“ eines Gegenstands direkt zu erfassen und in eine Form zu kleiden, was für seine eigene Suche nach dem „Geistigen in der Kunst“ zentral war.
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- Simone Henninger (Author), 2001, Der Blaue Reiter und die Kinderkunst - Die Suche der Künstler des 'Blauen Reiter' nach den Ursprüngen der Kunst, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12193