Gullivers Holodeck

Medienrevolutionen und ihre kulturellen Konsequenzen


Hausarbeit, 2008

12 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Gullivers Reisen

3. Neue Medien -> Neue Blicke -> Neue Menschen?

1. Einleitung

Die unter den Schlagworten „Neue Medien“ und „Digitalisierung“ seit einigen Dekaden stattfindende Medienrevolution ist eine allumfassende Umwälzung.

Produktion und Distribution von Waren werden quer durch alle Branchen neu organisiert. Filme streifen ihre anfällige analoge Erscheinung ab und werden von hochauflösenden Kameras auf Festplatten gespeichert, von Computern prozessiert um schließlich über Datenautobahnen direkt in die Kinos beziehungsweise die Wohnzimmer gestreamt zu werden.

Musik wird nicht mehr nur in teuren, professionellen Tonstudios produziert, sondern kommt immer öfter aus computerisierten Kinderzimmern und Studentenbuden.

Texte werden nicht mehr mit der Schreibmaschine, sondern auf Rechnern mit Textverarbeitungsprogrammen geschrieben, die eine den „Typewriter“ imitierende Benutzeroberfläche vorweisen. Ebooks und iPods revolutionieren die Rezeption dieser kulturellen Produkte und stürzen ganze Industrien in eine Sinnkrise.

Aber vor allem verschiebt diese omnimediale Veränderung unsere Wahrnehmung der Welt. McLuhan beschreibt dieses beeinflussende Potential von Medien:

„Denn die >>Botschaft<< jedes Mediums oder jeder Technik ist die Veränderung des Maßstabs, Tempos oder Schemas, die es der Situation des Menschen bringt.“[1]

Unsere Wahrnehmung der Welt, beziehungsweise die Positionierung unseres in der Welt Seins wird von uns also nicht willkürlich beeinflusst, sondern ist medial und in diesem Zusammenhang vor allem technisch vorbestimmt. McLuhan vertieft diesen Gedanken an anderer Stelle:

„Das alle Bereiche des Menschen erfassende Medium selbst, und nicht der Inhalt, ist die Botschaft, die Message. Und das Medium ist nicht nur Message, sondern auch Massage – jedes Zusammenspiel der Sinne wird von ihm durchgeschüttelt, durchdrungen und ständig umgeformt.“[2]

Ein Medium im Sinne von McLuhan trägt seine Botschaft oder anders formuliert seine Wirkung bereits in sich, unabhängig von seinem Gebrauch.

Am Beispiel des Internets verdeutlicht bedeutet dies: Nicht der Inhalt ist die Botschaft des Netzes, sondern die Auswirkungen des Netzes auf den Menschen im Allgemeinen und seine Wahrnehmung der Welt und seine Positionierung in dieser im Speziellen.

„Wir müssen uns immer vor Augen halten, dass wann immer wir eine neue Technologie anwenden oder wahrnehmen, wir uns ihr mit Leib und Seele ausliefern. Wann immer wir fernsehen oder ein Buch lesen, nehmen wir diese Ausweitung von uns selbst in unser individuelles System auf und machen die Erfahrung eines Verschließens oder einer Verschiebung der Wahrnehmung.“[3]

Im folgenden sollen die kulturellen Konsequenzen dieser Verschiebung der Wahrnehmung anhand von Beispielen aus der narrativen Praxis verdeutlicht werden.

Zuerst soll das vorgestellte Zusammenspiel von Medien und Wahrnehmung anhand zweier historischer Medienrevolutionen, nämlich der Erfindung des Teleskops und des Mikroskops und deren Spuren in der Literatur an einem Beispiel exemplarisch veranschaulicht werden. Im weiteren Verlauf soll der Zusammenhang zwischen bildproduzierenden beziehungsweise bildprozessierenden Medien, menschlicher Wahrnehmung und deren Auswirkungen anhand einiger Beispiele aus der Filmgeschichte im Kontext der digitalen Medienrevolution verdeutlicht werden.

2. Gullivers Reisen

Analog zu den oben beschrieben Zusammenhängen lässt sich der 1726 erschienene Roman „Gullivers Reisen“ von Jonathan Swift unter medienwissenschaftlichen Gesichtspunkten untersuchen.

Swift beschreibt in seinem Roman vier Reisen des Gulliver. In diesem Rahmen sind die ersten beiden Reisen von Interesse.

Gullivers erste Reise führt den Protagonisten als Schiffbrüchigen nach Lilliput, wo er von den zwergenhaften Bewohnern gefangen genommen, zu Frohndiensten verpflichtet, angeklagt und letztlich verurteilt wird. Gulliver befreit sich schließlich und flieht. Seine nächste Reise lässt ihn Brobdingnag, das Land der Riesen entdecken.

Gulliver wird zuerst von einem Bauernpaar aufgenommen und schließlich an den König von Brobdingnag verkauft. Hier muss er sich mit den eifersüchtigen Angriffen des Hofzwerges auf sein Leben auseinandersetzen. Letztlich wird Gulliver vom König in seine Heimat entlassen.

Der Roman kann durchaus als Effekt der Erfindung beziehungsweise der Verbesserung und Verbreitung des Mikroskops bzw. des Teleskops im 17. Jahrhundert gewertet werden, welche eine unumkehrbare Erschütterung des etablierten Weltbildes zur Folge hatte.

In diesem Rahmen soll diese These ausschließlich an Gullivers Reise in das Land der Riesen in Verknüpfung mit der zeitgenössischen Rezeption von mikroskopischen Bildern geprüft werden, die zwischen Faszination und Irritation oszillierte.

Swift selbst lässt seinen Helden erklären, dass Größe und Schönheit relative Begriffe zu sein scheinen, die vor allem vom eigenen Standpunkt und der eigenen Erscheinung abhängen:

„Ich erinnere mich, daß mir, als ich in Lilliput war, das Aussehen jener Zwergenmenschen das schönste der Welt zu sein schien. Als ich mich dort einst mit mit einem Gelehrten, (...), darüber unterhielt, sagte er, daß mein Gesicht viel schöner und glatter zu sein schien, wenn er mich vom Boden betrachtete , als es beim näheren Zusehen der Fall sei, wenn ich ihn in der Hand aufgehoben und nahe herangebracht habe; das war gestand er, im Anfang ein sehr ekelhafter Anblick. Er sagte, in meiner Haut könne er große Löcher entdecken, die Stoppeln meines Bartes seien zehnmal dicker als die Borsten eines Ebers, und mein Teint bestehe aus verschiedenen Farben, die ganz und gar nicht zusammenpaßten.“[4]

[...]


[1] McLuhan, Marshall: Die magischen Kanäle, Understanding Media, Basel 1994, S. 22f

[2] McLuhan, Marshall: Das Medium ist die Botschaft = The Medium ist the Message, Dresden 2001, S.173

[3] McLuhan, Marshall: Das Medium ist die Botschaft = The Medium ist the Message, Dresden 2001, S. 234

[4] Swift, Jonathan: Gullivers Reisen, Frankfurt am Main, insel taschenbuch, 2008, S.136f

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Gullivers Holodeck
Untertitel
Medienrevolutionen und ihre kulturellen Konsequenzen
Hochschule
Universität Potsdam  (IKM)
Veranstaltung
Seminar
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
12
Katalognummer
V121950
ISBN (eBook)
9783640267262
Dateigröße
401 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gullivers reisen, star treck, holodeck, marshall mcluhan, mcluhan, neue medien, medienrevolution, tron, matrix, stanislaw lem, lem, swift, medium, message, medienwissenschaft, teleskop, mikroskop, pc, computer, galileo, galilei, roman
Arbeit zitieren
Christian Schliebs (Autor), 2008, Gullivers Holodeck, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121950

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