Wie exotisch waren Frauen in der Frühen Neuzeit?


Seminararbeit, 2000

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I. EINLEITUNG

II. ALLE MENSCHEN SIND VON NATUR AUS UNGLEICH
1. Beteiligungsmöglichkeiten von Frauen am öffentlichen Geistesleben bis zur Aufklärung
2. Die Verbannung alles „Weiblichen“ aus der Wissenschaft
3. Die Forderung nach „natürlichen“ Rechten
...und die Antwort der Wissenschaft mit „natürlicher“ Ungleichheit
4. Die Analogie von Rasse und Geschlecht
5. Eine Antwort auf viele Probleme: die Theorie von der Geschlechterpolarität
6. Widersprüchlichkeiten
7. Die Folgen der „natürlichen“ Ungleichheit für Frauen

III. SCHLUSSBETRACHTUNG: DIE AMBIVALENZ DER WISSENSCHAFT

IV. LITERATURVERZEICHNIS

I. EINLEITUNG

Nachdem ich mir einen Forschungsüberblick über das Thema Rasse und Geschlecht verschafft hatte, stellte ich fest, daß wenig Literatur vorhanden ist, die beide Aspekte miteinander in Beziehung setzt.

Ausgehend von dem Standardwerk Londa Schiebingers „Am Busen der Natur“ boten sich doch einige Möglichkeiten der Auswahl weiterführender Literatur, und so fokussierte ich meinen Themenbereich insofern, als ich weiße Frauen im Vergleich mit weißen und schwarzen Männern in den Mittelpunkt meiner Arbeit stellte.

Wie „exotisch“ waren Frauen in der Frühen Neuzeit? Mit dieser Frage versuche ich mich in dieser Proseminar-Arbeit auseinanderzusetzen, indem ich die Rolle der weißen Frauen als „Exotinnen“ in der Wissenschaft betrachte und genauer auf biologische und soziale Ausschließungsgründe durch männliche Wissenschaftler eingehe. Zunächst soll aufgezeigt werden, daß Frauen bis ins 18. Jahrhundert hinein in der Wissenschaft tätig waren. Anschließend werden die Faktoren genannt, die dazu beitrugen, Frauen ebenso wie „das Weibliche“ aus der Wissenschaft auszugrenzen. Weiters wird deutlich gemacht, wie „Gleichheit“ und „Differenz“ als Ein- und Ausschlußkriterien instrumentalisiert wurden. Danach wird gezeigt, wie weiße Männer der sozialen Oberschichten sich selbst zur Norm erhoben und Unterschiede sowohl zu weißen Frauen als auch zu schwarzen Männern in den Körpern festzumachen versuchten. Zudem wird dargelegt, wie wirkmächtig eine Theorie sein konnte, die von scheinbar naturgegebenen körperlichen Eigenschaften auf geistige und soziale Kompetenzbereiche schloss. Außerdem wird klar gemacht, wie widersprüchlich die Argumentationen der Gleichheitsgegner in sich waren. Nicht zuletzt wird offenkundig gemacht, welche Auswirkungen eine ausschließlich von weißen Männern betriebene Wissenschaft zeitigte.

II. ALLE MENSCHEN SIND VON NATUR AUS UNGLEICH

1. Beteiligungsmöglichkeiten von Frauen am öffentlichen Geistesleben bis zur Aufklärung

Obwohl historisch gesehen Frauen im Allgemeinen von den klassischen Bildungseinrichtungen ausgeschlossen waren, erwiesen sich manche Epochen als günstiger für deren Beteiligung an Studien. So konnten zum Beispiel zwischen dem 6. und 12. Jahrhundert, als die Kirche das Monopol für Bildung und Erziehung besaß, Männer und Frauen gleichermaßen auf diese Weise zu Macht gelangen. Die mittelalterlichen Universitäten, die ab dem 12. Jahrhundert aufblühten, standen jedoch - mit Ausnahme Italiens - von Anfang an nur für Männer offen. Sie wirkten im Gegensatz zu den Klöstern berufsbildend und ermöglichten den Männern Karrieren, die Frauen nie erreichen konnten.[1] Die humanistische Bildung des 15. und 16. Jahrhunderts erhielt sich wiederum für einige adelige Frauen bis ins 17. Jahrhundert als Frauenideal. So wurde zum Beispiel Anna Maria van Schurmann durch ihre keusche Gelehrsamkeit auch von Männern bewundert, da sie durch ihre Enthaltsamkeit „weibliche Mängel“ überwand und sozusagen männlich wurde.[2]

Die moderne Wissenschaft entstand - außerhalb der mittelalterlichen Universitäten - im Europa des 17. und 18. Jahrhunderts in gesellschaftlichen Einrichtungen wie Fürstenhöfen, privaten Salons und Handwerkerorganisationen. Die Beteiligung von Frauen an der wissenschaftlichen Betätigung hing von ihrer Stellung im sozialen Gefüge ab,[3] und Frauen von Stand wurden ermutigt, sich u. a. mit Naturphilosophie, Mathematik, Physik und Chemie zu beschäftigen. Die Adelsfrauen machten ausgiebig von dieser historischen Chance Gebrauch[4] und verschafften sich z. B. wie die adelige Physikerin Emilie du Châtelet Zugang zu Gelehrtenkreisen, was dieser durch die Unterstützung ihres langjährigen Freundes Voltaire gelang, der rangniedriger, aber wissenschaftlich profilierter war.[5] Nebenbei fungierten viele gesellschaftlich hochstehende Frauen in den ausschließlich von ihnen geführten Pariser Salons als erfolgreiche Mäzeninnen junger Männer und konnten sich zugleich am dort stattfindenden literarischen Diskurs beteiligen.[6] Einschränkend muß hinzugefügt werden, daß das „Spiel des Geistes“ als Unterhaltung galt, die „weibliche“ Tugenden fördern sollte, und Frauen im Allgemeinen nur die untergeordnete Rolle des Fragenstellers spielten. Zum andern aber waren viele Frauen Amateurinnen, die selbst nie die Möglichkeit hatten, am offiziellen Wissenschaftsbetrieb teilzunehmen.[7] Ebensowenig durften deutsche Frauen des Handwerkermilieus ein städtisches Amt betreiben. Doch die Gildenzugehörigkeit brachte vielen von ihnen beschränkte Bürgerrechte, und aufgrund ihrer gewerblichen Tätigkeit konnten sie vor allem in den Beobachtungswissenschaften - wie Astronomie und Entomologie - forschen. Eine dieser frühen Naturforscherinnen war Maria Sibylla Merian, die ihre geschäftlichen und wissenschaftlichen Interessen eigenständig vertrat, junge Frauen ausbildete und technische Experimente anstellte. Sie reiste 1699 in die holländische Kolonie Surinam, wo sie die regionalen Insekten und Pflanzen studierte. Mit ihren noch heute anerkannten Schriften stellte sie die europäische Insektenkunde auf eine breitere empirische Basis.[8]

Als Könige im 17. Jahrhundert die bedeutendsten europäischen Akademien gründeten, ging die Wissenschaft von den Höfen an diese staatlichen Institutionen über und wurde zum Beruf. Schiebinger weist darauf hin, daß durch dieses neu entstandene soziale und politische Prestige Frauen der Zugang verwehrt war, und obwohl keine einzige europäische Akademie die Aufnahme von Frauen in ihren Statuten ausdrücklich verbot, blieben sie - außer in Italien - bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts von der vollen Mitgliedschaft ausgeschlossen. Als eine bemerkenswerte Ausnahme kann hier Maria Winkelmann-Kirch erwähnt werden, die dank ihrer Heirat zur Hilfsastronomin der Berliner Akademie der Wissenschaften aufsteigen konnte.[9]

2. Die Verbannung alles „Weiblichen“ aus der Wissenschaft

Obwohl ihnen der Zugang zu Universitäten und Akademien verschlossen blieb, konnten europäische Frauen in der frühen Neuzeit durch die Netzwerke des Adels und durch die gewerbliche Tätigkeit im öffentlichen Geistesleben eine feste, wenn auch eingeschränkte Stellung behaupten. Nachdem die alte Ordnung zusammengebrochen und das Zunftwesen sowie die Vorrechte des Adels aufgehoben waren und die Wissenschaft sich vom privaten Bereich in die öffentliche Sphäre verschob, verringerte sich der Einflußbereich von Frauen dramatisch. Zugleich trug die neue empirische Wissenschaft zum Untergang der weiblichen Allegorie der Scientia bei, die als Führerin zur Wahrheit gegolten hatte. Daneben forderte der Engländer Bacon eine männliche, aktive Philosophie, welche die als weiblich verstandene Natur formen und sich zugleich gegenüber der Geisteskultur Frankreichs abgrenzen sollte, die - besonders im Hinblick auf die Pariser Salons - ebenfalls feminin erschien. Letztere wurden schließlich - wie auch alles Poetische - durch das herabsetzende Etikett des „Weiblichen“ aus der Wissenschaft verbannt.[10]

3. Die Forderung nach „natürlichen“ Rechten...

Seit dem 15. Jahrhundert wurde in der „Querelle des femmes“, einer Debatte über das Wesen der Frau, von deren BefürworterInnen Bildung für alle Frauen gefordert.[11] Adelige Frauen in Frankreich hatten seit dem 17. Jahrhundert den literarischen Diskurs mitbestimmt, und ihre Meinungen waren gehört worden, vor allem auch deshalb, weil in der französischen Frühaufklärung ausdrücklich anerkannt worden war, das der Geist kein Geschlecht habe, womit Francois Poullain de la Barre meinte, daß für die Frau nichts unerreichbar sei.[12] Nach Ansicht Honeggers zeigt der Geschlechterdiskurs, der mit dem 1787 erschienen Buch „Ueber die Weiber“[13] von Ernst Brandes einen ungeheuren Auftrieb erlangte, die kulturelle Ratlosigkeit, die „nach einer neuen wissenschaftlichen Lösung lechzen läßt“[14], da die Debatte auch unmittelbar lebenspraktische Bedeutung hatte. Denn Honegger erkennt zwischen 1770-1800 einen tiefgreifenden kulturellen Transformationsprozeß, der vor allem das Bürgertum betraf. Nachdem sich der bürgerliche Hausvater in einen autonom handlungsfähigen Berufsmensch, Staatsbürger, Ehemann und Familienoberhaupt aufgesplittert hatte, galt er wie selbstverständlich als alleiniger Inhaber von Freiheits- und Gleichheitsrechten.[15]

Doch infolge der herausfordernden Maxime der Aufklärung „Alle Menschen sind von Natur aus gleich“, und da in der Französischen Revolution selbstverständlich auch Französinnen am Sturz des Ancien Régime teilgenommen hatten, forderten v. a. Frauen weißer Hautfarbe -d. h. das minderwertige Geschlecht der dominanten Rasse - und männliche Schwarze - d. h. das dominante Geschlecht einer „minderwertigen“ Rasse - dieselben Rechte, die bis dahin weißen Männern der europäischen Oberschicht vorbehalten waren.[16] So klagte z. B. Olympe de Gouges, Tochter eines Fleischhauers, in der 1791 veröffentlichten „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ die vollen Rechte für Frauen sowohl im politischen als auch im „privaten“ Raum ein:[17]

Mann, bist du fähig, gerecht zu sein? Es ist eine Frau, die dich danach fragt; wenigstens dieses Recht wirst du ihr nicht nehmen. Sag mir - wer hat dir die unumschränkte Macht gegeben, mein Geschlecht zu unterdrücken? Deine Kraft? Deine Talente? [...] suche, erforsche und unterscheide wohl, wenn du es vermagst, die Geschlechter in der Ordnung der Natur. Überall wirst du sie vermischt finden, überall wirken sie in harmonischem Zusammenspiel an diesem unsterblichen Kunstwerk.

Der Mann allein [sic!] hat sich aus dieser Ausnahme ein Prinzip zurechtgestümpert. Bizarr, blind, von Wissenschaften aufgeblasen und degeneriert, will er in diesem Jahrhundert der Aufklärung und des durchdringenden Denkens, mit krassester Unwissenheit als Despot einem Geschlecht befehlen, das mit allen intellektuellen Fähigkeiten begabt ist; er will die Revolution genießen und will seine Rechte auf Gleichheit einfordern, um nicht noch mehr sagen zu müssen.[18]

[...]


[1] Vgl. Schiebinger, Londa: Schöne Geister. Frauen in den Anfängen der modernen Wissenschaft. A. d. Engl. v. Susanne Lüdemann u. Ute Spengler. Stuttgart 1993 (englisch 1989), S 21, 31-34.

[2] Vgl. Anderson, Bonnie S. u. Judith P. Zinsser: Eine eigene Geschichte. Frauen in Europa. Bd. 2: Aufbruch. Vom

Absolutismus zur Gegenwart. A. d. Engl. von Pia Holenstein Weidmann. Frankfurt/Main 1995, S 101-108.

[3] Vgl. Schiebinger: Geister, S 15-37.

[4] Vgl. Schiebinger: Geister, S 66-75.

[5] Vgl. Schiebinger: Geister, S 103.

[6] Vgl. Schiebinger: Geister, S 55-57; Wunder, Heide: Er ist die Sonn’, sie ist der Mond. Frauen in der Frühen Neuzeit. München 1992, S 254.

[7] Vgl. Schiebinger, Londa: Am Busen der Natur. Erkenntnis und Geschlecht in den Anfängen der Wissenschaft.

A. d. Engl. v. Margit Bergner und Monika Noll. Stuttgart 1995, S 284; Schiebinger: Geister, S 39f, 57, 70.

[8] Vgl. Schiebinger: Geister, S 104-123; Schiebinger: Natur, S 285-287; Anderson/Zinsser: Frauen, S 105.

[9] Vgl. Schiebinger: Geister, S 40-49, 128-148.

[10] Vgl. Schiebinger: Geister, S 200-228, 344.

[11] Vgl. Wunder: Mond, S 267; Anderson/Zinsser: Frauen, S 112.

[12] Vgl. Wunder: Mond, S 254; Schiebinger: Geister, S 13, 252-254.

[13] [Brandes, Ernst]: Ueber die Weiber. Leipzig 1787. Zit. n. Honegger, Claudia: Die Ordnung der Geschlechter.

Die Wissenschaften vom Menschen und das Weib. 1750-1850. Frankfurt/New York2 1991, S 47.

[14] Honegger: Geschlechter, S 45.

[15] Vgl. Honegger: Geschlechter, S 14.

[16] Vgl. Wunder: Mond, S 251f; Schiebinger: Natur, S 23, 207-209; Honegger: Geschlechter, S 73.

[17] Vgl. Schiebinger: Geister, S 318; Wunder: Mond, S 252f; Honegger: Geschlechter, S 73f.

[18] Zit. n. der Übersetzung von Neda Bei und Ingeborg Schwarz. Olympe de Gouges: Les Droits de la Femme. -

In: Autorinnengruppe Wien 1981, 45-75. Zit. n. Honegger Geschlechter, S 74.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Wie exotisch waren Frauen in der Frühen Neuzeit?
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Lesarten der „sexuellen Differenz“ in der Frühen Neuzeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
16
Katalognummer
V121953
ISBN (eBook)
9783640271177
ISBN (Buch)
9783640271351
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frauen, Frühen, Neuzeit, Lesarten, Differenz“
Arbeit zitieren
Marion Luger (Autor), 2000, Wie exotisch waren Frauen in der Frühen Neuzeit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121953

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