In der autobiographischen Erzählung „Abschied von den Eltern“ berichtet der Autor
Peter Weiss in Form eines Ich-Erzählers von seiner Kindheit und Jugend bis zum
frühen Erwachsenenalter von fünfundzwanzig Jahren, als er das Elternhaus
endgültig verlässt. Die Erzählung ist in einem Erzählfluss ohne Absätze oder
sonstige Gliederungsformen niedergeschrieben. In diesem Rückblick auf die
Jugendjahre seines Lebens erzählt er von seinen Eltern und dem Wunsch, gegen
deren Willen einen künstlerischen Beruf zu erlernen. Entscheidend sind dabei auch
die politischen Umstände dieser Zeit, die ihm die Jugendzeit zusätzlich erschwert
haben und bei ihm seit der Emigration nie mehr ein Gefühl von Heimat aufkommen
ließen.
„Wie die besten seiner Werke mutet auch die Biographie des Peter Weiss
gleichnishaft an: es ist die Geschichte eines Mannes, der ein Leben lang auf
der Suche nach einer Heimat war- und der sie schließlich gefunden hat. Aber
seine Heimat war nicht ein Land und nicht etwa eine Ideologie. Vielmehr war
es die Kultur, die ihm schließlich Schutz bot.“
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Biographie des Peter Weiss
3. Jugend im Exil
3.1. Die Beziehung zum Vater und die Tabuisierung des Judentums
3.2. Die Beziehung zur Mutter
3.3. Heimatlosigkeit und Leben im doppelten Exil
3.4. Versuche zu der Loslösung vom Elternhaus
3.5. Die stetige Außenseiterrolle
4. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Gefühl der Heimatlosigkeit und die stetige Außenseiterrolle des Autors Peter Weiss, basierend auf seinem autobiographischen Werk „Abschied von den Eltern“. Ziel ist es, die biographischen und psychologischen Ursachen dieser Entfremdung, insbesondere im Kontext der Emigration und schwieriger familiärer Verhältnisse, kritisch aufzuarbeiten.
- Die familiäre Prägung und das gestörte Verhältnis zu den Eltern
- Die Auswirkungen der jüdischen Herkunft und deren Tabuisierung
- Die Erfahrung von Heimatlosigkeit im politischen Exil
- Der langwierige Ablösungsprozess vom Elternhaus und die Suche nach einer eigenen Identität
- Die Funktion des Schreibens als therapeutische Trauerarbeit
Auszug aus dem Buch
3.1. Die Beziehung zum Vater und die Tabuisierung des Judentums
Die Beziehung zu seinen Eltern beschreibt Weiss von Anfang an als schwierig. Schon zu Beginn des Romans schreibt er: „Nie habe ich das Wesen dieser beiden Portalfiguren meines Lebens fassen und deuten können.“
Das Leben des Vaters war von „unermüdlicher Arbeit“ geprägt und bot der Familie ein zumindest finanziell sorgenfeies Leben. Ihm gelang es schließlich, ein Heim „durch die Jahre der Emigration hindurch, durch ständige Übersiedlungen, Anpassungsschwierigkeiten und den Krieg hindurch“ zu retten. Diese Einstellung zum Leben verlangte Eugen Weiss auch von seinem Sohn, denn „Leben war Ernst, Mühe, Verantwortung“.
Peter Weiss honoriert das Verdienst des Vaters, der Familie ein neues Heim durch viel Arbeiten, viele Reisen und Fabriken zu geben: „ich sehe mich heute so, wie sie mich damals sahen, ich verstand nicht, wie schwer sie um ihr Dasein kämpften, ich verstand nicht, welch unsägliche Bemühungen es kostete, dieses Heim mit all seinen Insassen am Leben zu erhalten.“
Dennoch sagt Weiss, dass der Vater nie „Glück unter diesem Besitz“ erfahren hat. Eugen Weiss konnte keine Beziehung zu seinen Kindern aufbauen. Für Peter Weiss war der „stärkste Eindruck seines Wesens seine Abwesenheit“ und er bemängelte überdies, dass er nie mit seinen Kindern kommunizieren konnte. Dies scheitert dann vor allem an der „Unmöglichkeit gegenseitigen Verstehens“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die autobiographische Erzählung „Abschied von den Eltern“ ein und erläutert die thematische Fokussierung auf die Identitätsfindung des Autors unter den Bedingungen von Exil und familiärer Entfremdung.
2. Die Biographie des Peter Weiss: Dieses Kapitel gibt einen chronologischen Überblick über das Leben von Peter Weiss, von seiner Geburt in Nowawes über die Emigrationsjahre bis hin zu seinem literarischen Durchbruch und seinem Wirken als bedeutender politischer Dramatiker.
3. Jugend im Exil: Dieser Abschnitt analysiert die vielfältigen Ursachen für das ausgeprägte Außenseitergefühl des Autors, das durch familiäre Konflikte und die politischen Umstände der Emigration maßgeblich geprägt wurde.
3.1. Die Beziehung zum Vater und die Tabuisierung des Judentums: Das Kapitel untersucht die schwierige emotionale Distanz zum Vater und die fatale Entscheidung der Familie, die jüdische Herkunft zu leugnen, was beim jungen Peter Weiss zu Verwirrung und Identitätskonflikten führte.
3.2. Die Beziehung zur Mutter: Die Analyse beleuchtet das belastete Verhältnis zur Mutter, deren strenge Erziehung und Unfähigkeit zu emotionaler Wärme den Sohn in die Flucht in imaginäre Welten und die Kunst trieben.
3.3. Heimatlosigkeit und Leben im doppelten Exil: Hier wird thematisiert, wie die ständigen Umzüge und der Verlust der kulturellen Basis das Gefühl der Entwurzelung verstärkten und den Autor zum „doppelten Exil“ – sowohl politisch als auch in selbstgewählten Rückzugsräumen – zwangen.
3.4. Versuche zu der Loslösung vom Elternhaus: Dieses Kapitel schildert die aktiven, jedoch durch historische Ereignisse erschwerten Versuche von Peter Weiss, sich aus der Abhängigkeit der Familie zu befreien und eine eigene berufliche und persönliche Identität zu etablieren.
3.5. Die stetige Außenseiterrolle: Der Abschnitt fasst zusammen, wie das Unzugehörigkeitsgefühl, das bereits in der Kindheit begann, den Autor durch alle Lebensphasen begleitete und ihn auch im Kreis anderer Exilanten oder Arbeiter in die Isolation führte.
4. Schlussbemerkung: Die abschließende Betrachtung deutet „Abschied von den Eltern“ als notwendige therapeutische Trauerarbeit, die es Peter Weiss ermöglichte, die Vergangenheit zu verarbeiten und eine bewusste, politisch engagierte Haltung als Künstler einzunehmen.
Schlüsselwörter
Peter Weiss, Abschied von den Eltern, Exilliteratur, Identitätsfindung, Kindheit, Jugend, Vater-Mutter-Beziehung, Judentum, Emigration, Außenseiter, Heimatlosigkeit, Psychoanalyse, Trauerarbeit, Kunst, Selbstfindung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das autobiographische Werk „Abschied von den Eltern“ von Peter Weiss, um zu verstehen, wie familiäre Belastungen und politische Emigration die Identitätsentwicklung des Autors beeinflusst haben.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zu den Schwerpunkten zählen die gestörte Eltern-Kind-Beziehung, die Identitätsproblematik aufgrund der jüdischen Herkunft, das Gefühl der ständigen Heimatlosigkeit sowie die Bedeutung von Kunst als kompensatorische Gegenwelt.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, die Ursachen für das stetige Gefühl der Außenseiterrolle des Autors zu ergründen und aufzuzeigen, wie er diese traumatischen Erfahrungen in seiner literarischen Arbeit verarbeitet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Analyse unter Einbeziehung psychoanalytischer Ansätze, um die biographischen Hintergründe des Autors und deren Niederschlag im Text zu interpretieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Beziehung zum Vater und zur Mutter, die Erfahrung der Emigration als Verlust von Heimat sowie die konkreten Versuche des Autors, sich vom Elternhaus zu lösen und eine eigene künstlerische Existenz aufzubauen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Peter Weiss, Exilliteratur, Identitätsfindung, Heimatlosigkeit, Außenseiterrolle, Trauerarbeit und die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie.
Warum war die jüdische Herkunft ein so konfliktreiches Thema für die Familie Weiss?
Der Vater versuchte, die jüdische Identität durch Übertritt zum Christentum und durch das Leugnen der Herkunft zu verbergen, was für Peter Weiss zu einer massiven Verunsicherung führte, da er seine eigene Geschichte lange nicht durchschaute.
Warum wird das Werk „Abschied von den Eltern“ als Trauerarbeit bezeichnet?
Der Autor verarbeitet in dem Buch nach dem Tod seiner Eltern die Versäumnisse der Vergangenheit, um sich von der familiären Prägung zu befreien und als gereifter, gesellschaftlich bewusster Künstler den Weg in die Zukunft zu finden.
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- Kerstin Krauss (Author), 2007, Peter Weiss - Jugend im Exil, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121969