Die spanische Emigration des 20. Jahrhunderts aus Sicht spanischer und lateinamerikanischer Autoren

Miguel Delibes: "Diario de un emigrante"; Miguel Barnet: "Gallego"


Examensarbeit, 2008

109 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkungen

1. Die spanische Auswanderung nach Amerika

2. Miguel Delibes
2.1 Biographie und Werke
2.2 Delibes und Kastilien
2.3 Delibes und die politische Situation Spaniens
2.4 Delibes' Diarios

3. Miguel Barnet
3.1 Biographie und Werke
3.2 Barnet und die kubanische Politik
3.3 La novela-testimonio: Eine Gattung in der Diskussion

4. Hintergründe und Form von Diaro de un emigrante und Gallego

5. Migration in der Sicht der Psychoanalyse und der Soziologie

6. Migration in den untersuchten Werken
6.1 Die Vorbereitung der Migration
6.2 Die Überfahrt
6.3 Die Zeit in der neuen Heimat
6.3.1 Die ersten Monate
6.3.2 Die folgende Zeit
6.4 Die Rückkehr
6.5 Krankheiten

7. Linguistische Aspekte
7.1 Diario de un emigrante
7.2 Gallego

8. Politische Aspekte

Schlussbetrachtung

Bibliographie

Anhang: Anmerkungen zu Akkulturation und Krankheitsmerkmalen

Vorbemerkungen

In einer Zeit, in der von Arbeitnehmern immer mehr Flexibilität bei der Suche nach einem Arbeitsplatz erwartet wird und das Fernsehen fast täglich Sendungen wie „Mein neues Leben“, „Deutschland adé“ oder „Goodbye Deutschland“ anbietet, erscheint Deutschland in den Medien als ein Auswandererland: „Da wohnen, wo andere Urlaub machen!“ Mit dieser Maxime scheinen Länder überall auf der Welt die Deutschen zu locken. Im Jahr 2006 waren es 155.000 deutsche Emigranten, so viele wie seit 1954 nicht mehr[1], wobei zu beachten ist, dass die Zahl der Remigranten ebenfalls über die Marke von 140.000 stieg, man also nicht von einer reinen Emigrationswelle sprechen kann, sondern von einer fast ausgeglichenen Wanderungsbilanz. Und auch wenn bereits seit fast 2 Jahren das Thema Auswanderung im Fernsehen aufbereitet wird, suchen Produktionsfirmen weiterhin Personen, die eine Auswanderung planen und sich gern bei den Vorbereitungen und dem Umzug ins Ausland von der Kamera begleiten lassen wollen[2]. Die Begeisterung der Menschen, sich auf irgendeine Weise im Fern­sehen einem Millionenpublikum zu präsentieren, mag ein Merkmal unserer Zeit sein, doch wurden die Medien auch schon früher genutzt, um die eigene oder eine fremde Emigration in ihrer Gesamtheit, von dem Entschluss zu Emigrieren bis zum Einleben in der neuen Heimat, einer größeren Masse zu beschreiben. Neben dem, bereits in der Antike entwickelten, klassischen Reisebericht entwickelte sich mit der Zeit auch eine Strömung, die sich nicht mit der Reise (in Form von Entdeckungsfahrten, Bildungs-reisen oder schlicht von Urlaub), sondern mit der Auswanderung in ein anderes Land auseinandersetzte. Dass sich jene Emigranten die Briefe und zum Teil auch Bücher schrieben ihrer Rolle als Vorreiter für die Daheimgebliebenen bewusst waren, beweisen viele Werke: Auf der einen Seite waren die Auswanderer geradezu verpflichtet, den Daheimgebliebenen den Beweis zu liefern, dass man sich in der neuen Heimat bewiesen hatte und ein besseres Leben als zuvor führte, auf der anderen Seite konnten sie durch ihre Beschreibungen auch weitere Landsleute dazu bewegen, auszuwandern[3].

Die beiden vorliegenden Werke, Diario de un emigrante[4] (1958) von Miguel Delibes und Gallego[5] (1983) von Miguel Barnet[6], sind in einer Zeit entstanden, in der die großen europäischen Emigrationswellen des vergangenen 19. Jahrhunderts und der Weltkriegsjahre beendet waren, und die nächsten großen Wellen der politischen und wirtschaftlichen Flüchtlinge vielmehr begannen, sich Richtung Europa zu richten. Beide Werke beschäftigen sich mit der Emigration eines Spaniers nach Lateinamerika im 20. Jahrhundert, im Falle Delibes' nach Chile, in Barnets Werk nach Kuba, nachdem beide Nationen ihre Unabhängigkeit erreicht haben und nicht mehr spanische Kolonie sind. Die Romane präsentieren die Geschehnisse aus der persönlichen Sicht des Emigranten, ersterer in der Tagebuchform, letzterer in einem Rückblick auf das bisherige Leben des Protagonisten. Dieser Blickwinkel besitzt in der spanischsprachigen Literatur eher Seltenheitscharakter, da diese sich vielmehr mit der Figur des indiano, des reichen Rückkehrers, als mit der des Emigrierenden beschäftigte.

Ziel dieser Arbeit ist es, die beiden Werke auf ihre Darstellung der Emigration zu untersuchen und hierbei drei übergeordnete Aspekte hervorzuheben. In Kapitel 6 wird ein psychoanalytischer, bzw. soziologischer Blick auf die beiden Werke geworfen, wobei hier die argentinischen Psychoanalytiker Grinberg und Grinberg und die deutsche Sozialwissenschaftlerin Mackovic-Stegemann mit ihren jeweiligen Arbeiten die Grund­lage für die Untersuchung geben. In beiden Arbeiten wird die Migration in verschiedene Etappen eingeteilt und die Gesundheit von Migranten untersucht, was einen interessan­ten Ausgangspunkt für eine Lektüre der beiden vorliegenden Bücher darstellt. Zusätz­lich zu den gesundheitlichen Aspekten wird auch das Verhalten der Immigranten im Umgang mit der neuen Umgebung und der Kultur des aufnehmenden Landes nachvoll­zogen werden. Neben diesem besonders auf der Psychoanalyse basierenden Aspekt werden die Werke auch auf die Sprache untersucht, da das Spanische in beiden Büchern sowohl in seiner spanischen als auch in seiner lateinamerikanischen Ausprägung präsent ist. Die Fragestellung in Kapitel 7 lautet daher, in wieweit sich das Spanische den regio­nalen Varietäten anpasst, ohne die Herkunft der Protagonisten, ihre aktuelle Situation in der neuen Heimat und ihren psychologischen Entwicklungsstand in Bezug auf die Migration zu vergessen. Hierbei wird auf der Ebene der Protagonisten erneut die Psychoanalyse eine Rolle spielen, doch soll vor allem untersucht werden, in wieweit es den beiden Autoren gelungen ist, die beiden Varietäten in dem jeweiligen Buch darzustellen. Die politische Aussage der Werke ist der dritte Aspekt, unter dem die Bücher untersucht werden. Der Kubaner Miguel Barnet ist für seine Regimetreue bekannt, so dass auch von Gallego angenommen wird, dass es sich um ein politisch motiviertes Werk handelt, das im Zeichen der kubanischen Ideologie steht. Im Gegensatz hierzu liegt die Vermutung nahe, dass Miguel Delibes' Diario de un emigrante vielschichtiger ist, und neben einer nicht politisch motivierten Migration und deren Beschreibung, auf einer weiteren Ebene durchaus kritische Stimmen in Bezug auf das Leben in den 50er Jahren unter Franco versteckt sind. Die Fragestellung, ob und wenn ja, in wieweit die beiden Werke politisch motiviert, bzw. in sich politisch sind, ist die, mit der sich das Kapitel 8 auseinandersetzt.

Vor der Analyse der beiden Werke werden die spanische Emigration und die beiden Autoren vorgestellt. Die Beschreibung der spanischen Emigration im 19. und 20. Jahrhundert dient in dieser Arbeit als Basis für die später folgende Untersuchung der Emigration in den Werken, da gerade in Gallego immer wieder Bezug auf die gali­cische[7] Auswanderung genommen wird und es für ein Verstehen dieser Anspielungen unerlässlich ist, Hintergrundinformationen einzuholen. Ebenfalls angebracht ist das Eingehen auf die Biographie der Autoren, da beide auf ihre Weise politische Schrift­steller sind. Miguel Delibes' Werke können nur im Zusammenhang mit der Zensur unter Franco wirklich verstanden werden, weshalb auch dieser Aspekt dargestellt wird. Auch wenn eine ausführliche Diskussion der novela-testimonio[8] Barnets weit über die hier behandelte Thematik hinausgehen würde, muss diese doch diskutiert und die Proble­matik um die Testimonialliteratur Barnets dargestellt werden. Beide Werke sind in der Literaturwissenschaft bisher wenig rezipiert worden, was wohl vor allem daran liegen mag, dass es jeweils andere Werke sind, für die die beiden Autoren bekannt geworden sind, die von sich selbst weniger vom Schriftsteller, als vielmehr vom schreibenden Jäger (im Falle Delibes') oder vom schreibenden Ethnologen (Barnet) sprechen. Diese Tatsache führt dazu, dass die Untersuchungen der Texte in den Kapiteln 4-8 weniger auf Sekundärliteratur, als vielmehr auf eigenen Überlegungen basieren. Aus diesem Grund ist auch eine Diskussion mit anderen Forschern und deren Untersuchungen kaum möglich. Auch wenn sich die Literaturwissenschaftlerin Tajes dem Thema der Migration annimmt und u.a. auch auf Krankheiten eingeht, konzentriert sie sich doch sehr stark auf die Identitätsfrage, die hier natürlich auch gestellt wird. Vielmehr stellt die vorlie­gende Arbeit aber den Versuch dar, über die Grenzen der einzelnen Disziplinen hinweg zu schauen und sich mit den verschiedenen Aspekten der Migration zu beschäftigen.

Bedanken möchte ich mich an dieser Stelle vor allem bei meinen Eltern, sowie Andreas Zipfel und Hanna Wischhusen für die sehr hilfreichen Gespräche, Korrekturen und Anmerkungen.

1. Die spanische Auswanderung nach Amerika

Die spanische Auswanderung nach Amerika begann im frühen 16. Jahrhundert, kurz nachdem Christoph Kolumbus[9] zurückgekehrt war und die spanische Krone die Eroberung des Kontinents unterstützte. Während des 16., 17. und 18. Jahrhunderts hatte die Auswanderung spanischer Bürger in die amerikanischen Kolonien vor allem das Ziel, die dortigen Machtverhältnisse zu stützen und in den Kolonien zu arbeiten: Solda­ten (sowie deren Familien) und Geistliche bildeten die beiden großen Gruppen der ersten Einwanderer. Durch die zunehmende wirtschaftliche Bedeutung der Kolonien (besonders durch Mexiko und die andinen Silberminen), nahm der Anteil der Emi­granten aus wirtschaftlichen Gründen zu, während die Zahl der Soldaten abnahm.

In dieser Zeit war die Emigration immer mehr von der Figur des indiano geprägt, dem es gelungen war, „hacerse las Américas“: Als armer Auswanderer hatte er in der Kolonie Geld verdient und kehrte dann als reicher Mann nach Spanien zurück, um dort in Ruhe alt zu werden[10]. Dieser Traum war einer der Hauptgründe, aus Spanien zu emigrieren, doch vergaßen die Bewunderer des indianos nur allzu oft, dass eben nur die Reichen die Rückkehr bezahlen konnten, während die Mehrzahl der Emigranten gescheitert war und entweder in Amerika verstarb oder ohne Möglichkeit zur Rückkehr nach Spanien in den Kolonien arbeitete. Wie auch in der heutigen Zeit waren die Emi­granten schon ab dem 18. Jahrhundert eine wichtige Geldquelle für die Daheimge­bliebenen. Ohne die „remesas“ wäre das Leben gerade in den ärmeren Regionen Spaniens, z.B. Galicien oder Asturien, noch härter gewesen, und viele Familien waren von diesen Geldsendungen abhängig. So war es neben dem Mythos des indiano auch die Notwendigkeit außerhalb des eigenen Dorfes Geld für die Familie zu verdienen, die viele Spanier in die Emigration trieb. Die Emigration aus politischen oder religiösen Gründen war eher selten, wie z.B. bei den Jesuiten, die aufgrund ihres Glaubens verfolgt wurden und nach Amerika flüchteten[11].

Die große Zeit der spanischen, besonders der galicischen, Emigration nach Amerika begann Ende des 18. Jahrhunderts und ist auf verschiedene Ursprünge zurück­zuführen: Um die postalische Korrespondenz zwischen dem Königreich und Amerika zu regulieren, wurden 1764 in Galicien die Correos Marítimos gegründet, was zu einem verstärkten Interesse an den Kolonien führte. Durch die ca. 20 Jahre später erfolgende Liberalisierung des Handels zwischen Spanien und Amerika rückte der Kontinent gedanklich näher, die Risiken und vor allem die Gewinnchancen einer Emigration wurden bewusster wahrgenommen, und als es zwischen 1768 und 1771 in Spanien zu einer Agrarkrise kam, die mehrere Ernten vernichtete und besonders die nördlichen Regionen hart traf, suchten immer mehr Galicier ihr Glück in den Kolonien. Die gali­cische Landbevölkerung war bereits an eine kurzfristige Emigration nach Kastilien gewöhnt, wo sich besonders die Männer als Saisonarbeiter auf den Feldern verdingten, um die Familie am Leben zu erhalten. Aufgrund der gesunkenen Transportkosten, der immer schlechter werdenden Lebenssituation in der galicischen Heimat, sowie dem Glauben an eine bessere Zukunft in den Kolonien, wanderten immer mehr Männer aus (Rodríguez Galdo, 1993, S. 66ff). Die spanische Krone unterstützte die Auswanderungs­willigen, da sie ihre Besitztümer durch englische Kolonialisten gefährdet sah, und organisierte – wenn auch recht erfolglos – eine Besiedlung der La Plata-Region mit galicischen Familien. 1778 suchte sie „paisanos, labradores o artesanos de oficios útiles, como son herreros, carpinteros, albañiles y otros semejantes“ (Real Orden, zitiert in Rodríguez Galdo, 1993, S. 34), denen neben Land auch eine Unterbringung, ein Jahr Verpflegung und Saatgut versprochen wurden. Insgesamt wanderten so mehr als 2000 Personen[12], vor allem Galicier, Asturier und Kastilier, von der spanischen Krone unter­stützt, in die La Plata-Region aus (ibid.). Neben diesem Emigrationsziel war es vor allem Kuba, das galicische Auswanderer aufnahm. Beide Regionen hatten bereits galici­sche Gemeinschaften, die den Neuankömmlingen das Einleben erleichterten[13].

Als die lateinamerikanischen Kolonien sich unabhängig erklärten und von Spanien immer mehr zu lösen begannen, kam es zwar zu einer Rückreisewelle spanischer Kolonialisten, doch blieben die meisten Spanier in den neu gegründeten Staaten, da die dortigen Regierungen „políticas poblacionistas, ententidas como forma de atracción de población blanca“ (ibid. S. 111) betrieben und versuchten, große Regionen wie die Pampa zu besiedeln. Parallel hierzu kam es zu einer verstärkten Emi­gration nach Kuba, der letzten amerikanischen Kolonie Spaniens bis 1898. Sowohl die unabhängigen Staaten als auch Kuba hatten einen großen Bedarf an Arbeitern und versuchten, möglichst viele Einwanderer zu erhalten. In diesem Fall kann man durchaus von „erhalten“ im Sinne von „recibir“ sprechen, da sich ein Markt für diese colonos entwickelte: In Spanien wurden die Emigranten in spe von enganchadores ange­sprochen, die ihnen eine günstige Überfahrt nach Kuba oder Puerto Rico versprachen. Auf häufig illegalem Wege wurden sie dann aber vor allem nach Argentinien und Uruguay gebracht, wo sie 1-3 Jahre für Unternehmer arbeiten mussten, um die Über­fahrt zu bezahlen. Hauptverdiener an diesen Geschäften waren die Geschäftsleute in Lateinamerika, unter ihnen sogar ein argentinischer Konsul (ibid. 113f)[14]. Opfer dieser Praktiken waren insbesondere junge galicische Männer, die nicht genug Geld hatten, um sich vom Militärdienst freikaufen zu können, und durch die Emigration einem Einsatz im kubanischen Unabhängigkeitskrieg oder später im Marokko-Krieg entgehen wollten.

Kuba begann Anfang des 20. Jahrhunderts mit einer Immigrationspolitik, die durch verschiedene Gesetze immer stärker den Einwandererfluss regulierte: Auf der einen Seite wurden weiterhin Überfahrten für spanische Arbeiter subventioniert, auf der anderen Seite wurden die Altersbeschränkungen immer strikter, so dass kaum noch Spanier die älter als 50 Jahre waren, einreisen konnten. Mit der Einführung des 1902 von US-Besatzern gegründeten Lagers "Tiscornia", welches als Auffanglager umfunk­tioniert wurde[15], hielt die kubanische Regierung den Strom der Ankömmlinge ebenfalls unter Kontrolle: Im "Campamento de Tiscornia" wurden alle Einwanderer unterge­bracht, die nicht gegen Gelbfieber geimpft waren oder keinen Bürgen auf Kuba vorwei­sen konnten. Letztere konnten das Lager verlassen, wenn sie als Arbeiter benötigt wurden oder eine Person oder eine Institution für sie einstand. Die Unterbringung war im Gegensatz zu den Lagern auf dem lateinamerikanischen Festland nicht kostenlos, sondern musste von den Lagerbewohnern bezahlt oder abgearbeitet werden (González, 1992, 167ff).

Mit der Weltwirtschaftskrise endete die Epoche der lateinamerikanischen Immi­grationspolitik schlagartig: Waren bis 1930 fast 3,3 Mio Spanier[16] nach Lateinamerika ausgewandert, so schotteten sich die meisten Länder nach der Krise fast vollständig ab: Die Zahlen lagen zwischen 1880 und 1930 bei durchschnittlich fast 890.000 spanischen Einwanderern jährlich, doch sank die Zahl zwischen 1931 und 1936 auf nur noch 15.500[17]. Der Bürgerkrieg von 1936 bis 1939 und die daran anschließende Zeit des Franquismus führten zu ca. einer Millionen politischen Flüchtlingen, von denen allein im Jahre 1939 mehr als 400.000 Flüchtlinge in französischen „Centres d'Accueil“ unter­kamen. Aufgrund des bis 1946 herrschenden Ausreiseverbotes nach Lateinamerika[18], versuchten viele Spanier, Europa über Portugal oder Frankreich zu verlassen und gingen vornehmlich nach Mexiko, welches zwischen 1939 und 1948 ca. 12.000 spanische Intellektuelle aufnahm. Chile zeigte sich ebenfalls aufnahmebereit und empfing, unter besonderer Mithilfe Pablo Nerudas, des damaligen Konsuls in Frankreich, knapp 2000 politische Flüchtlinge Spaniens (Aróstegui, 1992, 458). Ab 1946 war die Ausreise für diejenigen Spanier erlaubt, die entweder eine Einladung oder einen Arbeitsvertrag aus einem lateinamerikanischen Staat erhielten. Letzteres geschah besonders in den späten 50er Jahren, als die Quantität der spanischen Auswanderer deutlich abnahm und die lateinamerikanischen Staaten sich darauf konzentrierten, den Arbeitern zeitlich befristete Arbeitsverträge anzubieten. Soldevilla[19] spricht bei diesem Zeitraum von einer Phase „no ya de emigración «espontánea» sino dirigida y planificada a partir de las necesidades del Estado español“[20], in welcher nicht mehr nur Amerika (besonders Mexiko, Venezuela und Argentinien), sondern vor allem auch Europa das Ziel der mehr als 2 Millionen Auswanderer war. Im Jahr 1965 gingen fast 90% der Spanier (vgl. Fernández Vargas, 1992, 588) in das europäische Ausland – besonders nach Deutschland und Großbritannien - um dort als Gastarbeiter ein temporäres Zuhause und deutlich bessere Arbeitsbedingungen zu suchen als der spanische Staat ihnen bieten konnte.

Die Emigranten des frühen 20. Jahrhunderts waren zu einem großen Teil jung und männlich, doch die Tendenz, die sich bereits in den 20er Jahren gezeigt hatte, setzte sich auch in den 40er und 50er Jahren fort: Das Alter der Auswanderer stieg auf einen Durchschnitt von über 25 Jahren und der Anteil der Frauen pendelte sich bei ca. 50% ein (Soldevilla, 1992, 162), was gerade zu Beginn dieser Phase damit zusammenhing, dass viele Frauen endlich die Möglichkeit erhielten, ihren Männern nach Amerika zu folgen (Fernández Vargas, 1992, 558). Zudem kam es zu einer Veränderung der Moti­vation für die Auswanderung: Die Emigranten verfolgten nicht mehr das Ziel, es den indianos gleichzutun und möglichst reich zu werden, sondern waren vielmehr auf der Suche nach einem vernünftigen Arbeitsplatz, der ihre Lebenssituation etwas verbesserte.

In Lateinamerika angekommen, gab es für die meisten Spanier verschiedene Kontaktpersonen: Zum Einen die Familienmitglieder oder Bekannten, die sich für die Ausreise eingesetzt und dem Neuankömmling einen Arbeitsplatz besorgt hatten. Zum Anderen gab es bereits seit dem 19. Jahrhundert die Centros Gallegos, Catalanes, etc., in denen die Auswanderer Unterstützung fanden. Nach der Überfahrt begannen die meisten Migranten dort zu arbeiten, wo auch ihre Bezugspersonen arbeiteten. Soldevilla weist darauf hin, dass sie in den ersten Jahren nur wenig Geld verdienten und sich als eine Person „trabajador y honrado“ (1992, 170) beweisen mussten, bevor sie den nächsten Schritt gehen konnten – den der Selbstständigkeit. Das dafür nötige Geld liehen sie sich nicht bei Banken, sondern bei anderen Spaniern, die schon längere Zeit im Land lebten. Auf diese Weise entstand ein enggeflochtenes Netz und System der Auswanderer, das neben dem Geldverleih auch die Unterstützung der neuen Selbst­ständigen (und ein hieraus resultierendes schnelles Rückzahlen des Geldes) und den Gedanken beinhaltete, dass der erfolgreich Etablierte nun dem nächsten Immigranten ebenfalls Geld leihen würde. Die Selbstständigkeit fanden die meisten nicht mehr wie im vergangenen Jahrhundert im Primärsektor, sondern nun vermehrt im Sekundärsektor.

Mit der Änderung des Auswanderungsgesetzes 1971, welches sich mehr an einer inner-europäischen Migration orientierte und diese förderte, der Demokratisierung Spaniens nach Francos Tod 1975, dem EU-Beitritt 1986 und einer zunehmend als unsicher empfundenen Situation in Amerika, nahm die Zahl der Amerika-Emigranten immer mehr ab[21]. Spanien begann sich langsam von einem Emigrations- in ein Immigrationsland zu verwandeln. Es sind heute vornehmlich legale lateinamerikanische Einwanderer und größtenteils illegale afrikanische Immigranten, die voller Hoffnung den langen Weg auf sich nehmen, um jenes Glück in Spanien zu suchen, welches die Spanier seit dem 18. Jahrhundert in Lateinamerika gesucht hatten.

2. Miguel Delibes

2.1 Biographie und Werke

Miguel Delibes wurde 1920 im kastilischen Valladolid geboren und wuchs auch dort auf. Um der Einberufung zum Militärdienst bei der Infanterie während des Bürger­krieges zuvorzukommen, meldete er sich 1938 als Freiwilliger zur Marine und leistete auf einem Kreuzer seinen Dienst auf Seiten der „Nationalen“[22]. 1940 schloss er sein vor dem Krieg begonnenes Studium des Wirtschaftsrechts mit der Promotion in Handels­recht ab. Nachdem er wenige Jahre in einer Bank gearbeitet hatte, wurde er 1944 bei der Zeitung „El Norte de Castilla de Valladolid“ erst als Karikaturist und Filmkritiker (insgesamt befasste er sich mit 388 Filmen!), dann als Redakteur eingestellt. Ein Jahr darauf erhielt er eine zusätzliche Anstellung an der „Escuela de Comercio de Valladolid“, wo er den Lehrstuhl seines Vaters in Legislación Mercantil Española übernahm. Im Januar 1948 erhielt Delibes für seinen ersten Roman, La sombra del ciprés es alargada, den Premio Nadal[23]. Neben seiner Tätigkeit bei „El Norte de Castilla“ als Karikaturist und Journalist (ab 1952 als Subdirektor, 1958 bis 1963 dann als Direktor), publizierte Delibes weitere Romane und Sachbücher. 1955 reiste er auf Einladung des „Círculo de Periodistas de Santiago de Chile“ für 3 Monate nach Chile und nahm in Santiago und weiteren chilenischen Städten, sowie in Buenos Aires an Konferenzen über die aktuelle spanische Literatur teil. 1964 erhielt er eine Einladung der Universität Maryland, USA, als Gastprofessor und lehrte dort 3 Monate.

Bisher hat Delibes 20 Romane, drei Theaterstücke (unter ihnen auch die Theater­fassung des 1966 erschienenen Romans Cinco horas con Mario, mit welchem er außerhalb Spaniens am häufigsten in Verbindung gebracht wird) und weitere Bücher, vor allem über die Region Kastilien und die Jagd, publiziert. Unter den vielen Auszeichnungen, die er erhalten hat, finden sich der Premio Fastenrath der Real Academia Española (1957), der Premio de las Letras de Castilla y León (1984), der Premio Cervantes (1993), 4 Ehrendoktorwürden und 1975 die Ernennung zum Mitglied der RAE. Er lebt weiterhin in Kastilien und hat 1998, trotz sehr schwerer Krankheit, seinen historischen Roman El hereje veröffentlicht.

2.2 Delibes und Kastilien

„Lo bueno del novelista[24] es que su intención no es ambiciosa: su objetivo lo constituyen, simplemente, los hombres y el paisaje.“ (Delibes zitiert in García Domínguez, 2005, 239). Diese Aussage Delibes' stammt aus dem Jahr 1955, in welchem er durch seine Reise nach Chile insgesamt zu zwei Büchern (Un novelista descubre América und Diario de un emigrante) und einer Serie von Reisechroniken (erschienen bei Destino und in seiner Zeitung) inspiriert wurde. An anderer Stelle äußerte sich Delibes folgendermaßen über den Roman:

Un género literario donde se contaba una historia inventada [...] encaminada a explorar las contradicciones que anidan en el corazón humano y, por tanto, requiere, al menos, un hombre, un paisaje y una pasión. [...] Y tal vez para llegar al último repligue de ese corazón humano, o al más disimulado y recóndito origen de la injusticia, utilizé la fórmula del realimso [...] un realismo aderezado con ribetes poéticos procedentes bien de los personajes protagonistas [...] bien del sentido de la misma peripecia (zitiert in Maier, 2004, 56).

Thematisiert werden also nach Delibes in einem Roman die Beziehungen, Spannungen und Konflikte (una pasión), die sich aufgrund der Interaktionen des Individuums (un hombre) mit der natürlichen und gesellschaftlichen Umgebung (el paisaje) ergeben (vgl. ibid.)[25]. In einem Artikel über die novela moderna, den modernen Roman in Spanien, sagte er, eines ihrer Merkmale sei „su propensión a la objetividad, su empeño por ocultar el artificio disimulando la presencia del narrador.“[26] Durch das Weglassen eines allwissenden Erzählers werde die objektive Position des Erzählers gestärkt, welcher im modernen Roman weit verbreitet sei (vgl. ibid. 66): „[...] el autor crea su mundo, le infunde vida y, luego, discretamente, se coloca al margen“ (ibid. 67). Mit seiner Aus­sage, eher ein schreibender Jäger, als ein jagender Autor zu sein[27], untertreibt Delibes natürlich sein literarisches Können, doch weist er indirekt bereits auf einen Aspekt hin, der sich in seinen Werken (sowohl den Romanen als auch seinen anderen Publikationen) sehr häufig findet – die Jagd, die Natur generell und die Landschaft Kastiliens. Delibes bedient sich bei seinen Beschreibungen häufig eines realen Ambientes (Kastilien), ohne jedoch auf ein reales Vorkommnis zurückzugreifen (García Domínguez, 2005, 151).

Während seiner Reise durch den Süden Amerikas hielt Delibes in verschiedenen Städten Vorträge zu der damals aktuellen Situation des spanischen Romans[28]. Mit Bezug auf Kollegen wie Gironella, Cela, Laforet und Suárez Carreño erklärte er, dass in Spanien durchaus viel und gut geschrieben werde. Er referierte aber nicht nur über die genannten Autoren, sondern bezog sich auch auf jene Generation, die erst nach dem Krieg geboren wurde und in diesen Jahren noch keine Zeit hatte, sich so zu entwickeln, dass sie bereits herausragende Autoren hervorbringen konnte, wie die Generation vor ihr (ibid. 240f).

Manuel Alvar beschreibt Delibes als „etnólogo y folklorista, dialectólogo y etimologista“[29] und fügt hinzu, dass dessen Werke einen Sprachatlas Kastiliens enthalten und die für die jeweiligen Regionen zutreffenden Ausdrücke (besonders für Tiere und Pflanzen) präsentieren[30] ´[31]. Delibes selbst ist der Meinung, dass das Objekt des Schriftstellers die Menschen und die Landschaft sind[32] und es ist nicht verwunder-lich, dass er aufgrund seiner Liebe zu Kastilien fast ausschließlich diese Region als Handlungsort wählte: Nur drei seiner Werke spielen nicht in dieser Region Spaniens, unter ihnen das in dieser Arbeit untersuchte Diario de un emigrante. Viele Kritiker sehen in seinen Werken auch den Aufruf, die Natur zu bewahren und nicht weiter durch Rodungen und Umweltverschmutzung zu zerstören[33]. Sowohl positive als auch negative Kritik erhielt er für diesen „Provinzialismus“ und die Naturverbundenheit (vgl. Maier, 2004, 54), die neben Naturerlebnissen (wie z.B. der Jagd) vor allem durch die Sprache der Protagonisten gekennzeichnet sind. Viele Werke Delibes' sind weniger durch die Handlung als vielmehr durch detaillierte Beschreibungen und Reflektionen geprägt, die sich mit ihrer sprachlichen Einfachheit[34] vor allem auf Kastilien, seine Natur und die Bewohner beziehen. Alvars Aussage, dass Delibes ein Ethnologe und Dialektologe sei, ist nicht ganz unbegründet: Die Beschreibungen der Menschen und ihrer Sprache, der Natur Kastiliens zu dem jeweiligen Zeitpunkt des Schreibens der Werke, zeichnen Delibes durchaus als Beobachter und Zeitzeugen der Region aus. Miguel Delibes „ha testimoniado como nadie sobre su tierra y sus gentes“ schreibt Conte[35] und sieht dieses testimoniale Element in den frühen Werken, aber ebenso in allen drei Tagebüchern, die dem Leser einen Blick sowohl in die 50er als auch in die 90er Jahre ermöglichen und durch die Schilderungen des Protagonisten Lorenzos auch die Veränderungen der spanischen Nation beschreiben[36].

In Bezug auf die Sprache unterscheidet Delibes zwischen der „lenguaje rural“, der Sprache der Bauern, Jäger und Fischer, und der „lenguaje popular“, der Sprache, die in den unteren Schichten der Städte gesprochen wird (Alvar, 1993, 170). In den Städten sind verschiedene Varietäten vorzufinden, die in den Werken repräsentiert werden, von der Sprache des hinzugezogenen Dörflers bis zu der des Reichen. Delibes versuchte die Sprache seiner Protagonisten möglichst realistisch und getreu der Sprache Kastiliens wiederzugeben, wobei es ihm erst im Laufe der Jahre gelang, den jeweiligen Charak­teren eine eigene sprachliche Welt zu schaffen, die nicht, wie zu Beginn seiner Schaffenszeit, als zu „culta“ empfunden wurde (Gullon, 1980, 40). Bestes Beispiel für das Aufeinandertreffen verschiedenster Varietäten ist das Werk El disputado voto del señor Cayo (1978), wo die Landsprache in geradezu verherrlichender Weise dargestellt wird, während die Sprache der Städter als grob und ärmlich daherkommt (ibid.). Diesen generellen Unterschied, den Delibes zwischen „pueblo“ und „ciudad“ sah, kommen­tierte er bei seiner Dankesrede zur Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Uni­versität Saarbrücken im Jahre 1990:

En mis libros he tratado de reflejar la naturaleza, y la vida rural. He buscado en el campo y en los hombres que lo pueblan la esencia de lo humano. Y cuando no era en el campo – en el mundo puramente rural – era en la pequeña capital de provincia asomada al llano o a la montaña. Al contrario que la mayor parte de los narradores contemporáneos que mostraban preferencia por la gran ciudad, por la urbe, yo me he aproximado a las pequeñas comunidades, dominado por la idea de que la megápolis uniformaba al hombre, que cada día resultaba más difícil hallar en la gran ciudad a un individuo, a un hombre diferenciado. Me parecía que la urbe producía grupos de hombres iguales, indistintos; hombres en serie. El muestrario humano, con sus vicios y virtudes, el contraste, era más evidente en la pequeña capital o en el campo (Delibes, 1990b, 199).

Dass Delibes sich bei der Beschreibung der Natur und des ländlichen Lebens durchaus auch einer Sprache bedient, die nicht unbedingt in den Wörterbüchern, wohl aber in der gesprochenen Sprache der Bevölkerung zu finden ist, ist ihm bewusst:

Me temo que muchas de mis propias palabras, de las palabras que yo utilizo en mis novelas de ambiente rural [...], van a necesitar muy pronto de notas aclaratorias como si estuviesen escritas en un idioma arcaico o esotérico, cuando simplemente han tratado de traslucir la vida de la Naturaleza y de los hombres que en ella viven y designar el paisaje, a los animales y a las plantas por sus nombres auténticos. Creo que el mero hecho de que nuestro diccionario omita muchos nombres de pájaros y plantas de uso común entre el pueblo es suficientemente expresivo en este aspecto (zitiert in Gullon, 1980, 41).

Gerade wenn sich die Sprache der Protagonisten in die Welt des Jagens begibt, wird es für den nicht-jagenden Leser manchmal schwer, den Beschreibungen zu folgen. Doch dieser Jagdjargon und die kastilisch-ländlich geprägte Sprache zeichnet Delibes und seine Werke aus und wird von Conte, ebenso wie die Sprache der Stierkämpfer oder des Flamencos, als weitaus literarischer empfunden als die Jugendsprachen (2002, 19).

Miguel Delibes selbst gestand mehrmals ein, dass seine Werke durchaus starke autobiographische Züge (z.B. im Bereich der Jagd oder auch der Chile-Reise) aufweisen (Maier, 2004, 57), was seiner literarischen Zeitzeugenrolle nicht widerspricht. Aber gerade deshalb muss besonders darauf geachtet werden, den Autor Delibes und seine Protagonisten, vor allem den Tagebuchschreiber Lorenzo, nicht miteinander zu verwechseln. Auch wenn Delibes sich selbst nicht als den typischen Intellektuellen sieht, so liegen doch Welten zwischen dem Pedell und Hobbyjäger Lorenzo, seiner umgangssprachlichen Sprechweise, sowie seinem Machogehabe und dem Autor und Hobbyjäger Delibes - selbst wenn dieser von seinen Protagonisten sagte, sie seien „mis alter ego“ und dass er aus Lorenzo „un yo mismo“ machen wolle, mit dem er die Hobbys teilen und alt werden könne (vgl. García Domínguez, 2005, 575f). Auf die Verbindung, die zwischen Delibes' Erfahrungen in Lateinamerika und dem Werk Diario de un emigrante festzustellen ist, wird in Kapitel 4 genauer eingegangen, wenn die Hintergründe der Werke untersucht werden.

2.3 Delibes und die politische Situation Spaniens

Wie bereits erwähnt, nahm Delibes als Marine-Soldat am Bürgerkrieg auf Francos Seite teil. Trotzdem vertrat er nach dem Krieg die Meinung, dass es auf beiden Seiten Böse und Gute gab und dass die beiden Seiten sich miteinander vertragen und versöhnen sollten[37]. Bereits dieser Vorschlag, sich mit dem Gegner zu versöhnen, muss als politische Aussage verstanden werden: Die Faschisten sahen aufgrund ihrer Idee, alle Gegner zum Schweigen zu bringen und/oder auszurotten, in dem Versöhnungs­gedanken die Gefahr, das ihnen dienliche Feindbild zu verlieren[38]. Schon in seinen ersten Veröffentlichungen zeigte Delibes sich in seinen Werken als Gegner des Krieges generell, da dieser seiner Meinung nach fast ausschließlich auf dem Rücken des kleinen Mannes ausgetragen wurde. Die Regierung sah neben der Zensur auch weitere Maßnahmen als probate Mittel, um eine kritische, i.e. ihrer Ideologie widersprechende, Meinung zu verhindern: gesellschaftliche Ausgrenzung, soziale Erpressung durch Bildungs- und Berufsverbote oder Inhaftierungen[39].

Geriet Delibes durch seine journalistische Arbeit sehr schnell in den Fokus der Zensur, so wurde dies durch seine Schriftstellertätigkeit nochmals verstärkt. Schon bei seinem zweiten Roman, Aún es de día, musste er 1949 die Streichung von insgesamt 212 Zeilen aus dem Manuskript akzeptieren, was in dem Sinne positiv zu sehen ist, als dass nicht das gesamte Buch verboten wurde, wie es in den 40er Jahren noch gängige Praxis war, sondern „nur“ Zeilen gestrichen wurden. Der häufigste Grund für das Eingreifen der Zensoren waren Politik, Erotik[40] und eine Geringschätzung der Kirche (García Domínguez, 2005, 149f). Denn auch wenn die Regierung, bzw. die im Laufe der Zeit jeweils hierfür zuständigen Ministerien, den eigenständig arbeitenden Zensoren keine Liste der zu zensierender Inhalte vorgab, sondern diese persönlich darüber entschieden, was zensiert werden sollte, stellten die oben genannten Themen die drei Gebiete dar, die am strengsten überwacht wurden. In seiner Tätigkeit bei „El Norte de Castilla“ musste sich Delibes immer wieder mit der Zensur auseinandersetzen: Die Zeitung wurde zwar nicht, wie so viele andere Zeitungen, nach Francos Machter­greifung geschlossen, doch wurden bei ihr, wie auch den anderen weiterhin erlaubten Zeitungen, durch die Regierung grundsätzlich die Direktoren ausgewählt und formelle und inhaltliche Vorschriften gemacht: Die Anzahl der Artikel, die während eines Zeitraumes zu Reden oder Entscheidungen Francos von wem zu schreiben und wo innerhalb des Zeitung zu platzieren waren, der Stil und die inhaltlichen Bezüge, fast sämtliche redaktionellen Tätigkeiten wurden vorgeschrieben, seit am 25. April 1938 das Pressegesetz durch das Regime in Kraft gesetzt wurde[41]. Die Tatsache, dass es ausgerechnet die Franquisten waren, die den Untertitel „independiente“ des „Norte de Castilla“ strichen, ist tragisch-komisch. Alonso de los Ríos[42] spricht von ihnen als den „goebbels de la época“ (1993, 101), Delibes selbst von einem „aparato inquisitorial [...] coactivo, cerrado y maquiavélico“ (Delibes, 1990c, 162). Nachdem er 1953[43] den Posten des Subdirektors, wenige Jahre später den des Direktors übernahm, gab es immer wieder Beschwerden, dass die Zeitung nicht ausreichend an den „Día de la victoria“[44] erinnert habe oder dass Gesetze kritisiert worden seien (ibid. 102). 1963 trat Delibes von seinem Posten als Direktor des „El Norte de Castilla“ zurück und beendet seine Arbeit als Journalist, nachdem er sich mit dem damals für die Zensur zuständigen Minister für „Información y Turismo“ endgültig überworfen hatte: „No soy político en absoluto, lo que hice en mi etapa de director fue defender la dignidad de una profesión. Se trataba de pisar la raya de la censura e ir ganando espacio“ (zitiert in Maier, 2004, 67f).

Die Tatsache, dass die Pressezensur von der Bücherzensur getrennt war und sein Verhalten als Journalist die Bücherzensoren nicht in ihrer Arbeit beeinflusste, erleichterte es Delibes, weiterhin Bücher zu publizieren[45]. In der Nachkriegszeit waren es nicht nur Erotik und Kirchenkritik, die dem Regime ein Dorn im Auge waren - der Krieg selbst durfte kaum erwähnt werden. In seinen ersten Werken verzichtete Delibes auf „eindeutige politische Stellungnahmen“ (Wogatzke, 1991, 459) und präsentierte Protagonisten die mal zur einen, mal zur anderen Seite gehörten, ohne in seinen Wer­tungen eine bestimmte Ideologie zu präferieren. Erst mit dem Erscheinen von Cinco horas con Mario (1966) wandte er sich deutlicher gegen das Regime und stellte dieses in einer innovativen, die Zensur äußerst geschickt umgehenden, Form bloß. Gerade dieses Werk – von der Literaturkritik als regimekritisches Buch gepriesen – wurde von den Zensoren ohne Einschränkung genehmigt und sogar für seinen Stil gelobt, doch steht Cinco horas con Mario gleichzeitig auch für die ebenfalls häufig zu findende Form der Selbstzensur des Autors, die der staatlichen Zensur zuvorkam. Delibes hatte ursprünglich geplant, Mario und seine Frau Carmen miteinander reden zu lassen, sah jedoch keine Möglichkeit, Marios regimekritische Äußerungen unzensiert veröffentlichen zu können und ließ daraufhin Mario sterben und allein Carmen sprechen (vgl. Knetsch, 1999, 225f).

Doch nicht nur die Regierung Francos, sondern später, nach dem Tod des Generals, auch die unsolidarische Gesellschaft und die Kirche wurden von Delibes angeklagt. Erstgenannte kritisierte er ob ihres Gehorsams dem Generalísimo gegenüber und flüchtete sich in die Natur als Schauplatz seiner Werke, der Kirche warf er ihre Rolle während der Franco-Zeit vor (Alonso de los Ríos, 1993, 106). Hier unterschied er genau zwischen dem Glauben des Einzelnen, welchen er durchaus unterstützte, und der Institution der Kirche, die in seinen Augen kollaboriert hatte, so dass es für ihn keinen Widerspruch gab zwischen der Gläubigkeit seiner Protagonisten und einer Kritik an der Kirche selbst. Zusammenfassend lässt sich über Delibes' Ideologie und seinen Umgang mit der Zensur sagen, dass er an eine Aussöhnung glaubte, die sich langsam im Laufe der Zeit entwickeln und nicht durch plötzliche, starke Veränderungen hervorgerufen werden sollte. In seinen Werken stellen die jüngeren Menschen nie die Schuldfrage, es kommt nicht zu einer Vergangenheitsbewältigung, sondern vielmehr zu einem Blick der nur auf das Jetzt und die Zukunft gerichtet ist (Wogatzke, 1991, 466)[46]. Die Tatsache, dass die meisten seiner Protagonisten nicht politisch aktiv sind, einige von ihnen gar apolitisch oder gleichgültig, unterstreicht seine Überzeugung, dass von der Politik keine große Hilfe bei einer Verbesserung der Lebenssituation oder bei einer Aussöhnung zu erwarten sei. Zudem sollte auch diese fehlende Politikbegeisterung, bzw. -unterstützung als Aussage zu Francos Regime verstanden werden. Unter der Zensur besonders in seiner Rolle als Journalist leidend, musste Delibes neue Wege suchen, um die staatliche Kontrolle zu umgehen, was ihm in der Literatur aus den oben genannten Gründen leichter und besser gelang[47]: „Desde que vi mi segunda novela censurada, dije que hay que hacer algo para evitar la censura. Se sabía más o menos lo que no se podía decir y había que tomar precauciones“ (Delibes zitiert in Knetsch, 1999, 225). Soledad Alameda[48] sieht gerade darin, dass sie unter Franco Wege finden mussten, die Zensur zu umgehen, einen wichtigen Grund für die Qualität kritischer Autoren.

2.4 Delibes' Diarios

Bei Miguel Delibes' Werk Diaro de un emigrante handelt es sich um einen in Tagebuch-Form geschriebenen Roman, der die Fortsetzung des 1955 veröffentlichten Romans Diario de un cazador ist, für den Delibes den „Premio Nacional de Literatura“ erhielt. Die Tagebuch-Trilogie Delibes' wurde 40 Jahre nach dem Erscheinen des ersten Diarios mit Diario de un jubilado komplettiert und besteht aus den Tagebucheinträgen Lorenzos, eines Hobbyjägers[49], der während des ersten Bandes als Pedell in der kasti­lischen Stadt Valladolid arbeitet, im zweiten Tagebuch nach Chile auswandert und sich nach einem Jahr auf die Rückreise macht, und im dritten Band als Pensionär in Kastilien lebt. Conte weist darauf hin, dass die Tagebücher keine klassische Trilogie darstellen: Das erste Buch wurde geschrieben, ohne dass an eine Trilogie gedacht wurde, nach dem zweiten Band konnte Delibes sich eine ganze Serie vorstellen und die Veröffentlichung des dritten Bandes dauerte schließlich doch bis 1995. Auch die klassische Einheit von Aktion, Raum und Zeit wird aufgehoben, da nur Lorenzo und seine chavala die drei Tagebücher miteinander verbinden (Conte, 2002, 14-15).

In dem Werk von 1955, dem Diario de un cazador, erzählt Lorenzo, 19 Jahre alt, in kurzen Tagebucheinträgen von seinem Leben als Pedell und Hobbyjäger. Trotz seiner Arbeit in der Schule benutzt er sowohl in seinen Erzählungen als auch in Wiedergaben von Gesprächen eine freche, direkte Sprache, die voller umgangssprachlicher Elemente ist. Lorenzo schreibt über seine Probleme mit den Nachbarn und seiner Mutter, von seinen Kinobesuchen und seinen Freunden, mit denen er sonntags jagen geht und sonst viel Zeit im Café verbringt. Sein Vater ist nach Lorenzos Aussage aus Trauer gestorben, weil er nach einem Arbeitsunfall nicht mehr jagen gehen konnte. In der churrería ihres Vaters lernt Lorenzo Ana kennen und verliebt sich in sie. Er umwirbt die Friseurin und wird schließlich ihr Freund, obwohl die Besitzerinnen des Frisiersalons (die beiden vierzigjährigen „Las Mimis“), in dem Ana arbeitet, sich gegen ihn stellen.

In Diario de un emigrante wandert Lorenzo mit seiner Ana nach Chile aus, weil sie von ihrem Onkel Egidio nach Santiago eingeladen wurden. Der Grund für die Migration ist weniger in der finanziellen Situation der beiden zu finden, als vielmehr in einer generellen Neugier, Amerika kennenzulernen und dies in Verbindung mit der Sicherheit, beim Onkel wohnen zu können und somit einen Ansprechpartner zu haben. Ana und Lorenzo haben in der Zeit zwischen den beiden Tagebüchern geheiratet und seine Mutter ist – ebenfalls bevor dieses Tagebuch einsetzt - gestorben. Nachdem Egidio ihm eine Stelle als Laufbursche in seiner Firma besorgt hat, beginnt Lorenzo bald, sich nach einer anderen Anstellung umzusehen, um nicht völlig vom Onkel abhängig zu sein. Er und Ana ziehen in eine eigene Wohnung, er arbeitet in einem Hotel und eröffnet schließlich einen Schuhputzsalon. Da dieser aber nicht den erhofften Erfolg bringt, nimmt Ana ihre Arbeit als Friseurin wieder auf und schafft es schließlich, hiermit mehr Geld als Lorenzo zu verdienen. Auch nach der Geburt ihres ersten Kindes, Lorencín, sehnen sich beide nach Spanien zurück –Lorenzos gekränkter Stolz, dass er nicht allein in der Lage ist, seine Familie zu ernähren, spielt hier ebenfalls eine Rolle– , doch liegt die Rückreise aufgrund der fehlenden finanziellen Mittel in weiter Ferne. Erst ein Lotto­gewinn ermöglicht ihnen die Rückfahrt in die kastilische Heimat, gut ein Jahr nachdem sie in Santiago de Chile angekommen sind. Die Tagebucheintragungen Lorenzos enden jedoch, bevor die drei Remigranten spanischen Boden betreten.

Im dritten Tagebuch, Diario de un jubilado, berichtet Lorenzo von seiner Zeit als Pensionär. Mit 60 Jahren befindet er sich im Vorruhestand, weil er der Meinung gewesen ist, genug in seinem Leben gearbeitet zu haben. Er sieht fern, spielt wie gewohnt Lotto, geht aber nicht mehr zur Jagd. Seine zwei Kinder leben zwar inzwischen nicht mehr im Hause, möchten aber weiterhin vom Geld der Eltern profitieren. Das Geld reicht Lorenzo und Ana deshalb nicht aus, so dass er doch wieder anfängt zu arbeiten. Er kümmert sich um den 80-jährigen Dichter Don Tadeo Piera, der den sozio-politischen Wandel Spaniens seit dem Tod Francos nicht verkraftet und darunter leidet, dass man nun, nachdem man ihn 40 Jahre lang glauben gemacht habe der „Gute“ zu sein, von ihm behaupte, böse zu sein. Lorenzo antwortet ihm darauf in der für Delibes typischen Weise: „[...] eso nunca se sabe, que para unos serían buenos y para otros malos“[50]. Lorenzo beginnt zu einer Prostituierten zu gehen, die nach kurzer Zeit anfängt, ihn mit Fotos zu erpressen. Er schaltet zwar die Polizei ein, kann jedoch nicht verhindern, dass Ana von den Geschehnissen erfährt. Sie verlässt ihn daraufhin und kehrt erst zu ihm zurück, als er mit einer Salmonellenvergiftung im Krankenhaus liegt. Mit dem Diario de un jubilado hält Delibes der spanischen Wohlstands-gesellschaft der 90er Jahre einen Spiegel vor und kritisiert in ironischer Weise das Konsumdenken und den Materialismus (Maier, 2004, 287), gleichzeitig aber auch das Verharren mancher Spanier in den Erinnerungen an den Generalísimo, dem auch noch im 21. Jahrhundert Kränze an seine Ruhestätte im Valle de los Muertos gelegt werden und für den noch immer Demonstrationen stattfinden[51]. Im Vergleich zu den beiden Vorgängern ist Diario de un jubilado deutlich kritischer und setzt die Ironie als Medium für Kritik ein, was auch unter dem Gesichtspunkt gesehen werden muss, dass die beiden ersten Tagebücher noch unter Franco geschrieben wurden, das letzte Buch dagegen nicht der staatlichen Zensur unterlag.

3. Miguel Barnet

3.1 Biographie und Werke

Miguel Barnet wurde 1940 in Havanna geboren und ging dort auf US-amerika­nische Schulen. Aus einer Mittelschicht stammend, studierte er an der „Escuela de Publicidad“, als Fidel Castro und seine Bewegung des 26. Juli den Diktator Batista am 1. Januar 1959 stürzten. In dieser Zeit schrieb Barnet bereits Gedichte, die von den afro-kubanischen Erzählungen und der Religion der ehemaligen Sklaven beeinflusst waren. 1963 erschienen diese Gedichte in dem Band La piedra fina y el pavorreal (das Vorwort hierzu schrieb der Autor Roberto Fernández Retamar), gefolgt von dem Buch Isla de güijes (1964), welches ebenfalls Gedichte enthielt, die das Ziel hatten, bereits bekannte anthropologische Inhalte in eine „perfectly crafted, readable literary form“[52] zu bringen. Von 1961 bis 1966 arbeitete Barnet als Dozent für Ethnologie und Folklore an der „Escuela de Instructores de Arte“ und sammelte dort nicht nur Erfahrungen im Bereich der Ethnologie, sondern lernte vor allem Fernando Ortiz kennen, den Begründer der kubanischen Anthropologie und Musikethnologie. In Bezug auf seine intellektuelle Entwicklung wies Barnet immer wieder auf die wichtige Rolle Ortiz' hin, der ihn in die Welt der Ethnologie einführte. Ebenfalls in den 60er Jahren kam Barnet in Kontakt mit Alejo Carpentier, der im „Editorial Nacional“ sein Vorgesetzter war, und mit José Lezama Lima, welcher ihm Freund und Unterstützer bei seinen literarischen Arbeiten war.

1966 veröffentlichte Barnet mit Biografía de un cimarrón jenes Werk, mit dem er national und international für Aufsehen sorgte. Auf der Basis von Tonbandaufnahmen wurde die Geschichte des über 100 Jahre alten ehemaligen Sklavens Esteban Montejo erzählt[53], der von den Zuckerplantagen Kubas in die Wälder flüchtete, sich nach der Abschaffung der Sklaverei als Arbeiter verdingte und im Unabhängigkeitskrieg als mambí gegen die Spanier kämpfte. Montejos Erzählung wurde zweimal verfilmt, Hans Werner Henze und Hans Magnus Enzensberger komponierten ein Rezital und das Buch wurde in mehr als 24 Sprachen übersetzt[54]. Barnet schuf mit dem Cimarrón eine innovative Form der Literatur, die er als „novela-testimonio“ bezeichnete, und veröffentlichte 1969, also 3 Jahre nach der Publikation des Cimarróns, hierzu eine Theorie. Weitere Werke in diesem Stile erschienen in den Folgejahren: La canción de Rachel (1969, in Verbindung mit dem Essay „La novela testimonio: socio-literatura“), Gallego (1981) und La vida real (1986). Des weiteren veröffentlichte Barnet mit La fuente viva eine Essaysammlung, weitere Poesie (hierunter sein aktuellestes Werk Actas del final), Kurzgeschichten (2006 erhielt er den Premio Juan Rolfo für die Kurzgeschichte Fátima o el Parque de la Fraternidad[55]) und ethnologische Studien.

Barnet erhielt neben anderen Preisen den Premio Nacional de Literatura de Cuba (1994) und im Jahr 2007 den Premio Iberoamericano de Letras José Donoso. 1995 gründete er die Fundación Fernando Ortiz und wurde ein Jahr später kubanischer Mitar­beiter für die von der UNESCO ins Leben gerufene „La Ruta del Esclavo“. Der 2004 mit dem Bundesverdienstkreuz für seine Verdienste um die kulturellen Beziehungen zwischen Kuba und der Bundesrepublik ausgezeichnete Miguel Barnet lebt heute in Havanna und verlässt die Insel nur zu wenigen Anlässen.

3.2 Barnet und die kubanische Politik

Miguel Barnets Verhältnis zur Politik[56] und sein literarisches Schaffen sind weitaus schwieriger voneinander zu trennen, als dies bei Miguel Delibes der Fall ist:

Die feine Poesie und die schöngeistigen Ideen in meinen Werken sollten nie darüber hinwegtäuschen, dass meine Bücher und mein ganzes Schaffen eine einzige Basis haben: Eine radikale und revolutionäre Ethik, die ich jederzeit zu verteidigen bereit bin[57].

Während Delibes durchaus als politischer Journalist und Autor bezeichnet werden kann, dessen Werke die Politik aber nicht besonders hervorheben, politisiert der Ethnologe und Autor Barnet seine Werke weitaus direkter und macht auch keinen Hehl aus seiner regimetreuen Ideologie. Nachdem der Verlag „El Puente“, in dem sein zweites Buch erschienen war, 1964 bei der Regierung in Ungnade gefallen war, wurde das Leben und Schaffen auf Kuba für die „El Puente“-Autoren deutlich erschwert: Manche wurden auf den Index gesetzt, andere in die damals üblichen „Unidades Militares de Ayuda a la Producción“ (UMAP, Arbeitslager, in die vor allem regimekritische Personen verbannt wurden und dort z.B. auf den Zuckerplantagen arbeiten mussten) geschickt. Barnet entkam diesem Schicksal, wobei der Grund hierfür weiterhin unklar bleibt. Laut eigener Aussage hatte er bereits 1963 mit der Recherche für den Cimarrón begonnen, worin ein möglicher Grund liegen könnte (Sklodowska, 1994, 59). In einem Interview mit Edmunco García[58] wurde Barnet auf die UMAPs angesprochen und verneinte, dass Carpentier oder andere Personen ihn vor den Lagern bewahrt hätten. Biografía de un cimarrón entsprach den Erwartungen des Castro-Regimes an seine Intellektuellen, so dass man Barnet spätestens nach der Veröffentlichung nicht mehr negativ gegenüber eingestellt war, das Werk als Rehabilitation ansah. Nichtsdestotrotz durfte auch er während der fünf Jahre dauernden Kulturoffensive „Verde Olivo“ (1971-76) nicht ausreisen, obwohl er wiederholt ins Ausland eingeladen wurde, so z.B. um die Veröffentlichungen der Übersetzungen seiner Werke Biografía de un cimarrón und Cancion de Rachel beizuwohnen oder um ein DAAD-Stipendium in Anspruch zu nehmen[59]. Diese Zeit nutzte er, um viele Werke zu schreiben und zu forschen, ohne jemals daran zu denken, Kuba zu verlassen (Barnet, 2007).

Miguel Barnet blieb Kuba treu und sprach auch 2004 von Kuba als seinem „armen, bedrohten und vor allem unverstandenen Land[...]“ (zitiert in Barnet, 2004b). Eine Kritik am Regime ist ihm in den wenigen Interviews die er gibt völlig fremd, stattdessen greift er auf die üblichen Schuldzuweisungen zurück, die auch Fidel Castro zu seinen Zeiten als Regierungschef gern angewandt hat: Durch den Boykott der USA gehe es Kuba nicht gut, doch der Sozialismus lasse Kuba weiterhin besser dastehen, als andere lateinamerikanische Länder (ibid.). Barnet unterstützt gar – wie er sie nennt – harte, radikale Maßnahmen: „Natürlich hat unsere Regierung harte Maßnahmen, radikale Maßnahmen getroffen. Wären diese Maßnahmen aber nicht getroffen worden, wären wir unter Umständen das nächste Ziel einer militärischen Intervention geworden“ (ibid.).

[...]


[1] Kaiser, Alphons (05.01.2008): „Deutsche Auswanderer: Sie sind dann mal weg“ . 12.07.2008 <http://www.faz.net/s/Rub7FC5BF30C45B402F96E964EF8CE790E1/Doc~EC04F01EE3E874F5FAC4DDB7FD708B0EC~ATpl~Ecommon~Scontent.html>

[2] Mit ähnlichen Worten werben Produktionsfirmen wie Janus TV (<http://www.janus-tv.de/janustv_d/produktionen/infotainment/auswandern.php> 13.07.2008), die für mehrere Fernsehsender verschie­dene Sendungen produziert, und nach Personen suchen, die „ihre“ Auswanderung ins Fernsehen bringen wollen.

[3] Als ein deutscher Vertreter der schreibenden Emigranten kann Gottfried Duden genannt werden, der mit seinem Werk Bericht über eine Reise nach den westlichen Staaten Nordamerika's und einen mehrjährigen Aufenthalt am Missouri (in den Jahren 1824 bis 1827), in Bezug auf Auswanderung und Überbevölkerung schon sehr früh im 19. Jahrhundert die deutsche Auswanderung nach Nord­amerika unterstützte und mit seinem Buch, einer Sammlung von 36 Briefen und 6 Abschnitten, die seiner Meinung nach vorherrschende Überbevölkerung Deutschlands zu reduzieren versuchte.

[4] Den Hinweis auf dieses Werk verdanke ich Maria del Carmen Alfonso García der Universidad de Oviedo.

[5] Wie auch im Spanisch Argentiniens, kann sich der Ausdruck „gallego“ auf Kuba sowohl auf die Galicier, als auch auf Spanier allgemein beziehen.

[6] Das Werk wurde 1988 in einer spanisch-kubanischen Co-Produktion unter dem gleichen Titel verfilmt. Da es aber nicht möglich war, den Film zu beschaffen, wird er in diese Arbeit nicht miteinbezogen.

[7] Die spanische Region „Galicia“ wird in dieser Arbeit mit „Galicien“ übersetzt, die Region „Galizien“ dagegen liegt in Polen und in der Ukraine.

[8] In dieser Arbeit wird ausschließlich die Schreibweise „novela-testimonio“ und nicht „novela testimonio“ angewandt. Barnet selbst nutzt in Texten ebenfalls die erstgenannte Variante, allerdings findet sich die Version ohne Bindestrich u.a. im Titel seines Aufsatzes „Novela testimonio: socio-literatura“, im Text dann wieder die erstgenannte Schreibweise. Es wird in dieser Arbeit kein Unter­schied zwischen Testimonio- und Testimonialliteratur gemacht, sondern nur der zweite Begriff benutzt, der den ersten miteinschließt.

[9] Gerade galicische Autoren weisen immer wieder darauf hin, dass Kolumbus' Schiff „Santa María“ eigentlich „La Gallega“ hieß und in der Region Pontevedra gebaut und der heiligen Maria gewidmet worden war (vgl. Rodríguez Galdo, María Xosé (1993): Galicia, país de emigración, Colombres: Archivo de Indianos, S. 16)

[10] Ein Beispiel für diesen reichen Rückkehrer ist im 20. Jahrhundert César Areces Rodríguez, der 1935 El Corte Inglés gründete und sein Geld auf Kuba und in den USA verdient hatte.

[11] Die Vertreibung der über 150.000 Juden im Jahre 1492 durch die Reyes Católicos und die Vertreibung der moriscos zwischen 1609 und 1611 zählen zwar ebenfalls zu einer religiösen Emigration, doch war in beiden Fällen Amerika nicht das Ziel.

[12] Bei den Angaben von Personenzahlen sollte grundsätzlich beachtet werden, dass diese sehr schwer zu bestimmen sind: Illegale Einwanderer wurden nicht gezählt, eine Unterscheidung zwischen Passagieren und Auswanderern wurde bei den Schiffsüberfahrten nicht gemacht, ebensowenig wie zwischen der Frage nach dem Herkunfts- oder dem Abreiseort. Die Zahlen der von französischen oder portugiesischen Häfen ausgewanderten Spanier ist ebenfalls nicht genau geklärt.

[13] Ende des 19. Jahrhunderts betrug der Anteil der Galicier an den in Buenos Aires lebenden Spaniern mehr als 50% (Rodríguez Galdo, 1993, S. 116).

[14] Martínez Martín, spricht in diesem Zusammenhang von einem "siglo de oro del proyecto oligárquico" (S. 165), in welchem der wirtschaftliche Aufschwung vom Staat unterstützt wurde, jedoch nur die führenden Klassen zu (mehr) Reichtum gelangten (Martínez Martín, Jesús A. (1992): "Planteamiento socioeconómico: España e Iberoamérica" in: Historia general de la emigración española a Iberoamérica. Volumen 1. Madrid: Información y Revistas, S. 151-176).

[15] Das Lager bestand aus zwei Baracken (à 100 Betten) für Frauen und Kinder, sowie aus 4 Baracken für Männer, einer Kantine und Sanitäranlagen. Kranke wurden außerhalb des Lagers in einem Kran­kenhaus untergebracht. Bis zur de facto-Stilllegung 1930 gab es immer wieder Kritik an den schlechten Bedingungen im Lager, dem schlechten Essen und den überhöhten Preisen (González, Elda (1992): „La Llegada“ in: Historia general de la emigración española a Iberoamérica. Volumen 1. Madrid: Información y Revistas. S. 259-274, S. 267ff).

[16] Naranjo, Consuelo (1992): "Análisis cuantitativo" in: Historia general de la emigración española a Iberoamérica. Volumen 1. Madrid: Información y Revistas. S. 177-200, S. 180. Von diesen 3,3 Mio gingen ca. 1,6 nach Argentinien und 1,2 nach Cuba. Als nächstes Land wird bereits Brasilien mit 0,23 Mio spanischen Immigranten genannt (S. 183), so dass von einer deutlichen geringeren Zahl für Chile ausgegangen werden muss. Ella González rechnet für Chile mit einer Zahl von unter 50.000 Einwanderern (1992, 267).

[17] Aróstegui, Julio (1992): "La emigración de los años treinta" in: Historia general de la emigración española a Iberoamérica. Volumen 1. Madrid: Información y Revistas, S. 435-360, S. 441.

[18] Für das Jahr 1937 spricht Aróstegui (1992, 447) von lediglich 265 offiziellen spanischen Auswanderern.

[19] Soldevilla, Consuelo (1992): „Cantrabria: Cien años de emigración a América 1860-1960“ in: Historia general de la emigración española a Iberoamérica. Volumen 2. Madrid: Información y Revistas, S. 147-172, S. 160.

[20] Fernández Vargas spricht von der Entwicklung einer erlaubten Emigration hin zu einer unterstützten Emigration und verweist hier besonders auf die Gründung des Instituto Español de Emigración, im Jahre 1951 (Fernández Vargas, Valentina (1992):„Análisis cuantitativo“ in: Historia general de la emigración española a Iberoamérica. Volumen 1. Madrid: Información y Revistas, S. 579-614, S. 580).

[21] 1955 lag die Zahl der Auswanderer nach Amerika noch bei mehr als 62.000, 20 Jahre später waren es nur noch 20.000 Spanier, die den Ozean in der Absicht überquerten, ein neues Leben aufzubauen. 60% von ihnen arbeiteten für die katholische Kirche (besonders in Peru) in sozialen Projekten (Fernández Vargas, 1992, 584 und 592). Für das Jahr 2006 liegen nur Zahlen der staatlichen unterstützen Auswanderung vor. Von den insgesamt 6895 Unterstützten gingen nur 26 nach Amerika, wobei keine Unterscheidung zwischen Lateinamerika und den USA und Kanada gemacht wird. Zahlen für die nicht von staatlicher Seite unterstützten Emigranten liegen leider nicht vor. <http://www.ine.es/jaxi/tabla.do?path=/t20/p315/l0/&file=ea01001.px&type=pcaxis&L=>. 27.06.2008

[22] Obwohl es an verschiedenen Stellen (siehe z.B. Maier, 2004, 47 oder http://cvc.cervantes.es/actcult/delibes/cronologia/1920_1939.htm) belegt ist, dass Delibes auf der Seite Francos kämpfte, weist García Domínguez (S. 82/83) widersprüchlicherweise darauf hin, dass Delibes aufgrund seines Alters und seiner katholischen Erziehung unpolitisch war und die Franquisten mehr als Feinde der Kirche denn als politische Feinde ansah. Auch die Tatsache, dass Delibes sich später gegen Franco wandte, sollte nicht über die Tatsache hinweg täuschen, dass er während des Bürgerkrieges auf dessen Seite gekämpft hat. García Domínguez (2005): El quiosco de los helados. Miguel Delibes de cerca. Barcelona: Ediciones Destino. Maier, Winfried (2004): Das „Spanienproblem“ und die „Zwei Spanien“ bei Miguel Delibes. Würzburg: Universität.

[23] Bei diesem Preis handelt es sich um eine vom in Barcelona ansässigen Verlag Destino ausgelobte Auszeichnung, die seit 1944 (die Preisverleihungen finden traditionell zu Beginn des Folgejahres statt) vergeben wird und derzeit ein Preisgeld in Höhe von 18.000 Euro beinhaltet (siehe <http://www.edestino.es/Data/Pildoras/Pack10/arc10_47.pdf> 26.06.2008).

[24] Mit dieser Aussage deutete Delibes bereits an, dass er zwar auf Einladung der Journalisten nach Chile gereist war, sich in seinem Selbstverständnis aber schon mehr als Autor denn als Journalist sah!

[25] Zu seinem Verhältnis zum Realismus sagte Delibes, dass es ihn nicht störe, dass man ihn als Autor des Realismus sähe. „Hay diferentes formas de realismo. En el mío creo que hay un aura poética mágica que lo hace más tolerable y menos convencional“ (zitiert in Maier, 2004, 57).

[26] Delibes, Miguel (1990): „Novela divertida y novela interesante“ in: Pegar la hebra. Barcelona: Destino, S. 57-68. S. 63. Im Folgenden wird auf diesen Artikel mit „Delibes, 1990a“ Bezug genommen.

[27] „Soy un cazador que escribe antes que un escritor que caza.“ und „[Soy] un hombre-de-campo-con-una-pluma-en-la-mano“ Delibes, Miguel (1990): „Un hombre de aire libre“ in: Pegar la hebra. Barcelona: Destino, S. 193-202. S. 196. Im Folgenden wird auf diesen Artikel mit „Delibes, 1990b“ Bezug genommen.

[28] An dieser Stelle sei erneut darauf hingewiesen, dass Delibes vor Reiseantritt vor allem einen Ruf als Journalist hatte und erst während der Reise in seinen Aussagen das literarische Element an Wichtig­keit zunahm.

[29] Alvar, Manuel (1993): „Castilla habla“ in Miguel Delibes. Premio Letras Españolas 1991, Madrid, Ministerio de Cultura, Dirección General del Libro y Bibliotecas, Centro de las Letras Españolas, S. 157-187, S. 179.

[30] Der in seinen Werken zu findende Reichtum an regionalen, teilweise vom Aussterben bedrohten Ausdrücken, war auch ein Grund für die Aufnahme Delibes' in die RAE.

[31] Alvar erwähnt in einer Rezension des Buches Castilla habla auch Testimonialwerke wie den Cimarrón und spricht von einer „antropología cultural“ (S. 516), der er auch Delibes' Werk zuord­net. Er geht allerdings nicht weiter auf Barnet und mögliche Parallelen/Unterschiede zu Delibes ein. Alvar, Manuel (1988): „Castilla habla. (Comentarios a un libro de Miguel Delibes)“. Dicenda: Cuadernos de filología hispánica. Num. 7, 1988. Universidad Complutense de Madrid. S. 507-520.

[32] Vgl. Salvador, Gregorio (1993): „Las Américas de Delibes“ in Miguel Delibes. Premio Letras Españolas 1991, Madrid, Ministerio de Cultura, Dirección General del Libro y Bibliotecas, Centro de las Letras Españolas, S. 189-204.

[33] Fernando Parra sieht in Delibes einen schreibenden Ökologen, der seiner Zeit weit voraus war. Parra, Fernando (1993): „Delibes al aire libre: Un ecologista de primera hora“ in: Miguel Delibes. Premio Letras Españolas 1991, Madrid, Ministerio de Cultura, Dirección General del Libro y Bibliotecas, Centro de las Letras Españolas, S. 74-93.

[34] Vgl. Gullon, Agnes (1980): La novela experimental de Miguel Delibes. Madrid: Taurus. S. 39.

[35] Conte, Rafael (2002): „Lorenzo, uno y trino“ in: Delibes, Miguel: Los diarios de Lorenzo. Mis libros preferidos IV. Barcelona: Ediciones Destino, S. 9-27. S. 9.

[36] „Miguel Delibes es un novelista social en el sentido de Proust, de Tolstoi... Él se interesa por la sicología social antes que por las estructuras sociales. Por eso es tan importante para mí, no sólo como lector sino también como historiador. La novelística es una fuente inagotable y riquísima de documentación histórica para reconstruir el pasado inmediato de este país. El período de la pos­guerra, particularmente, y sobre todo en lo que se refiere a burguesía de provincias.“ (der Historiker Raymond Carr, zitiert in Maier, 2004, 55).

[37] Delibes sprach vom Bürgerkrieg auch als „el drama de Caín y Abel“.

[38] Abgesehen davon, dass es in demokratischen Verhältnissen zu einem Machtverlust der Franquisten hätte kommen können.

[39] Wogatzke-Luckow, Gudrun (1991): Figuren und Figurenkonstellationen im erzählerischen Werk von Miguel Delibes (1947 – 1987). Genève: Droz. S. 461.

[40] Zwei kleine Anekdoten zur Film-Zensur: Bei der ebenfalls von der Zensur betroffenen Verfilmung des Buchs Mi idolatrado hijo Sisí mit dem Titel Retrato de Família kritisierte Delibes, dass die Erotikszenen zu exzessiv seien. Als der Direktor Giménez Rico ihm erklärte, die Szenen habe er sich nicht ausgedacht, sondern in dem Werk gefunden, antwortete er: „Pero allí donde yo cierro la puerta, tú la abres.“ Giménez Rico erklärte auch, dass man mit den Zensoren verhandeln musste: „Te dejo esta teta a cambio de que me quites esta referencia a la guerra. [...] Quita ese culo, y te dejo que te cagues en la puta guerra“ (García Domínguez, 2005, 385).

[41] Vgl. hierzu Delibes, Miguel (1990): „La censura de la prensa en los años cuarenta“ in: Pegar la hebra. Barcelona: Destino, S. 161-184. Im Folgenden wird auf diesen Artikel mit „Delibes, 1990c“ Bezug genommen.

Der Artikel gibt einen Überblick über die Macht, die die „Delegación de Prensa“ aber auch andere staatliche Organe auf die Zeitung Delibes' ausübten: Kritik an veröffentlichten Artikeln oder die Vorgabe von Inhalten politischer, sportlicher und wirtschaftlicher Natur, bzw. ein Publikations­verbot anderer Inhalte, Drohungen und Sanktionen in Form von Entlassungen oder Papierratio­nierungen.

[42] Alonso de los Ríos, César (1993): „Delibes: Periodismo y testimonio“ in Miguel Delibes. Premio Letras Españolas 1991, Madrid: Ministerio de Cultura, Dirección General del Libro y Bibliotecas, Centro de las Letras Españolas, S. 95-111.

[43] Die Zeitung hatte damals einen Umfang von lediglich 6 Seiten, was vor allem auf die damaligen Papierrationierungen und eine generelle Zeit des Mangels zurückzuführen ist (vgl. Delibes, Miguel (1990): „Yo trabajé a las órdenes de Orson Welles“ in: Pegar la hebra. Barcelona: Destino, S. 9-14. Im Folgenden wird auf diesen Artikel mit Delibes 1990d Bezug genommen. S. 10).

[44] Beim „Día de la victoria“ handelt es sich um den von den Franquisten einberufenen Festtag, der an das Ende des Bürgerkrieges am 01.04.1939 erinnern sollte. 1964 wurden die militärischen Triumph­züge, die bis dahin die militärische Überlegenheit der „Nationalen“ unter Beweis gestellt hatten, zwar zugunsten des „Desfile de la paz“ reduziert, doch der militärisch-nationalistische Charakter wurde auch so nicht abgelegt. Zudem wurde nun am 30. Mai ein „Desfile de la victoria“ veranstaltet, um weiterhin den nationalen Streitkräften zu gedenken. Nach Francos Tod wurde der „Día de la victoria“ in „Día de las fuerzas armadas“ umbenannt und auch im Gedenken aller Toten der Unterteilung zwischen Sieger und Besiegte des Krieges ein Ende gesetzt (vgl. Macher, Julia (2002): Verdrängung um der Versöhnung willen? Die geschichtspolitische Auseinandersetzung mit Bürgerkrieg und Franco-Diktatur in den ersten Jahren des friedlichen Übergangs von der Diktatur zur Demokratie in Spanien (1975 – 1978). Gesprächskreis Geschichte. Heft 48. Historisches Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung. 03.04.2008. <http://library.fes.de/pdf-files/historiker/01441.pdf> S. 7-132, vgl. S. 72-77.

[45] Vgl. Knetsch, Gabriele (1999): Die Waffen der Kreativen. Bücherzensur und Umgehungsstrategien im Franquismus (1939 – 1975). Frankfurt a.M.: Vervuert. S. 224f.

[46] Gerade in Bezug auf die Frage, inwieweit die spanische „transición“ dem Land auf Dauer dienlich war und vor allem sein wird, ist die Lektüre von Machers Arbeit (2002) sehr zu empfehlen. Sie vertritt die These, dass der friedliche Übergang und das kollektive Vergessen kurzfristig durchaus Erfolg hatten, doch langfristig Schäden auftreten werden und in Form des niedergeschlagenen Mili­tärputsches von 1981 und des ETA-Terrorismus bereits aufgetreten sind.

[47] Rafael Conte bezeichnete die Autoren Spaniens der 60er Jahre als „[...] los escritores de los años 60, o sea los realistas más políticos, más comprometidos.“ (Conte, Rafael (1993): „El narrador y los narradores“ in Miguel Delibes. Premio Letras Españolas 1991, Madrid: Ministerio de Cultura, Dirección General del Libro y Bibliotecas, Centro de las Letras Españolas, S. 207-223.

[48] Alameda, Soledad (1980): „Miguel Delibes, entre el alba y el crepúsculo: `es que soy triste´“ in País Semanal (06.01.1980), S. 10-13.

[49] Unter der caza ist in den Tagebüchern Lorenzos die Niederjagd zu verstehen, also das Jagen von z.B. Vögeln und Hasen. Diese Form der Jagd war in den 50er Jahren im ländlichen Spanien sehr populär, bei der es weniger um das Erlegen von Tieren zum Zwecke des Überlebens ging, als um einen Sport in der freien Natur. Conte (2002, 17) versucht die Jagd als etwas nicht moralisch Verwerfliches zu zeigen, indem er auf das traditionelle Verhältnis von Jäger und dem Gejagten hinweist, in dem mal der Jäger und mal der Gejagte triumphiert.

[50] Delibes, Miguel (2002): Diario de un jubilado in: Los diarios de Lorenzo. Mis libros preferidos IV. Barcelona: Ediciones Destino. S. 497.

[51] Ein Ausdruck der ewigen Gestrigkeit mancher Spanier ist die Seite www.generalisimofranco.com, auf der Franco nicht nur gefeiert wird, sondern auch „Kriegslügen“ aufgedeckt und die demokra­tischen Parteien Spaniens kritisiert werden. Auch wenn man Franco nicht mit Hitler gleichsetzen kann, so mag die Tatsache, dass dem Spanier weiterhin in solcher Art gehuldigt wird, zu denken geben. Zum Vergleich: Gibt man im Internet die Adresse www.hitler.de ein, so gelangt man automa­tisch auf die Seite www.shoa.de auf der sich ein mehrfach ausgezeichnetes Forum befindet, welches sich „der wissenschaftlich-didaktischen Auseinandersetzung mit den Themen Drittes Reich, Antise­mitismus und Holocaust sowie ihren Nachwirkungen bis in die Gegenwart widmet“ (so die Autoren im Bereich „Über uns“). Alle Seiten: 16.06.2008.

[52] Sklodowska, Elzbieta (1994): „Miguel Barnet (28 January 1940 - )“ in: Luis, William (ed. and introd.); González, Ann (ed. and introd.); Modern Latin-American Fiction Writers: Second Series. Detroit: Gale, S. 57-65, S. 58.

[53] Auf die Problematik beim Biografía de un cimarrón (im Folgenden mit Cimarrón abgekürzt) und allgemein bezüglich der novela-testimonio wird in Kapitel 3.3 eingegangen.

[54] Vgl. Rodríguez Fernandez, Mario. „Miguel Barnet“ in: Atenea (Concepc.). 2007, no. 495, S. 214-218. 21. Juli 2008 <http://www.scielo.cl/pdf/atenea/n495/art12.pdf> S. 216

[55] Die Erzählung wurde auf der Homepage der Universidad de Concepción veröffentlicht: <http://www.scielo.cl/pdf/atenea/n495/art13.pdf>.

[56] Barnet wurde 2008 zum vierten Mal in das kubanische Parlament gewählt <http://www.parlamentocubano.cu/espanol/legislatura7/diputados%20ch.htm>. Er ist u.a. in einer Arbeitsgruppe tätig, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, zum französischen Parlament freund­schaftliche Kontakte aufzunehmen, um „mostrar nuestra realidad, muchas veces deformada en el extranjero“ <http://www.parlamentocubano.cu/espanol/grupos amistad/introduccion.htm>. Beide Seiten 18.07.2008.

[57] Barnet in einem Interview mit der Zeitschrift matices, die ihn im Rahmen seiner Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuzes befragte. Barnet, Miguel (2004b): „`Ich bin ein freier Mann´. Inter­view mit dem kubanischen Autor Miguel Barnet“. Neuber, Harald in: matices. Zeitschrift zu Latein­amerika, Spanien und Portugal. Ausgabe 41, Frühjahr 2004. 09.04.2008, <http://www.matices.de/41/barnet/>. Keine Seitenangabe.

[58] Barnet, Miguel: „Entrevista a Miguel Barnet“, Transkript des Interviews mit Edmundo García vom September 2007 <http://www.walterlippmann.com/docs1700-e.html>. Keine Seitenangaben. Der kubanische Fernsehmoderator und Radiokommentator García lebt seit 2000 in Miami und interviewte Barnet im September 2007 in seiner Radioshow.

[59] Vgl. Strausfeld, Michi (2000): „Isla - Diáspora - Exilio: anotaciones acerca de la publicación y distribución de la narrativa cubana en los años noventa“ in: Reinstädler, Janett (eds.) (2000): Todas las islas la isla: nuevas y novísimas tendencias en la literatura y cultura de Cuba. Frankfurt am Main: Vervuert; Madrid: Iberoamericana. S. 11-24, S. 13/14.

Ende der Leseprobe aus 109 Seiten

Details

Titel
Die spanische Emigration des 20. Jahrhunderts aus Sicht spanischer und lateinamerikanischer Autoren
Untertitel
Miguel Delibes: "Diario de un emigrante"; Miguel Barnet: "Gallego"
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Romanisches Seminar)
Note
1,5
Autor
Jahr
2008
Seiten
109
Katalognummer
V122033
ISBN (eBook)
9783640268832
Dateigröße
966 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Emigration, lateinamerikanische Literatur, Miguel Barnet, Miguel Delibes, Psychoanalyse, Spanien, Kuba, Chile, Tagebuch
Arbeit zitieren
Sebastian Frese (Autor), 2008, Die spanische Emigration des 20. Jahrhunderts aus Sicht spanischer und lateinamerikanischer Autoren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122033

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