Erec und Enites 'minne' auf dem Weg zur Herrschaftsübernahme


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
28 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 minne
2.1 minne und Liebe – eine kurze Begriffserläuterung
2.2 Liebe und Ehepraxis im Hochmittelalter
2.3 Höfische Liebe in der Literatur

3 Charakteristik
3.1 Erec
3.1 Enite

4 Entstehung und Entwicklung der minne
4.1 Erste Begegnung in Tulmein
4.2 Sperberkampf in Tulmein
4.3 Heimritt
4.4 Hochzeit in Karadigan
4.5 Herrschaftsübernahme in Karnant

5 Das Verligen
5.1 Schuldfrage
5.2 Funktion

6 Fazit

7 Bibliographie
7.1 Quellentexte
7.2 Forschungsliteratur

1 Einleitung

Saget mir ieman, waz ist minne? weiz ich des ein teil, sô wist ichs gerne mê.

der sich baz denn ich versinne,

der berihte mich, durch waz sie tuot sô wê. minne ist minne, tuot sie wol:

tuot sie wê, so heizet sie niht rehte minne. sus enweiz ich, wie sie denne heizen sol obe ich rehte râten künne

waz diu minne sî, sô sprechet denne jâ. minne ist zweier herzen wünne:

teilent sie gelîche, sost diu minne dâ: sol abe ungeteilet sîn,

sô enkans ein herze aleine niht enthalten.[1]

„Sagt mir jemand, was Liebe ist?“ Eine große Frage – vielleicht die größte und wichtigste der Menschheit – und auch diejenige, deren Antwort die größte Herausforderung kostet. „Liebe ist zweier Herzen Freude“ – eine einfache Antwort, die ausdrückt, dass Liebe immer wechselseitig und glücklich sein muss, denn „tut sie weh, so heißt sie nicht wahrheitsgemäß Liebe“. In dieser Weise konstatiert zumindest Walther von der Vogelweide.

Erec und Enite lieben sich. Zwar nicht gleich zu Beginn ihrer Beziehung, aber ihre Zuneigung wächst und entwickelt sich zu einer großen Liebe. Ohne große Hindernisse kommen sie an ihr Ziel: sie gewinnen gemeinsam einen Ritterkämpfe und Schönheitspreise, ziehen ruhmreich am Artushof ein um dort Hochzeit zu halten, kehren in Erecs Heimat zurück und bekommen so- gleich die Herrschaft übertragen. Aber am Höhepunkt ihrer Laufbahn und Gipfel ihrer Liebe, als alle Wünsche erfüllt zu sein scheinen, scheitern sie kläglich und fallen tief. Und die Liebe? Sie ist immer noch ihrer „zweier Herzen Freude“, dennoch wird sie zur Ursache ihres Scheiterns. Das Paar muss sein Ansehen restaurieren, seine Ehre wiederherstellen, sich auf einer langen âventiure -Fahrt neu beweisen.

Chrétiens de Troyes „ Erec et Enide “ ist der erste Artusroman und auch eine der ersten Unterneh- mungen im europäischen Mittelalter einen weltlichen Stoff zu verdichten, Probleme zu be- handeln, die von dieser Welt sind. So hier den Werdegang eines Ehepaares (Schmid 110). Hart- mann von Aue hat die Geschichte von Erec ins Deutsche übertragen und ihr dabei seine eigene Färbung gegeben.

In dieser Arbeit wird der erste Teil Hartmanns Dichtung im Hinblick auf die Paarkonzeption analysiert. Erec und Enite werden von ihrer ersten Begegnung bis hin zu ihrer Herrschaftsüber- nahme in Karnant und dem darauf folgenden verligen begleitet: wie ihre Wege zusammen führen und nach einer gewissen gemeinsam zurückgelegten Strecke ihre Liebe entsteht und wächst, wel- cher Qualität diese ist, wie sie in der Ehe mündet und wie sie das Paar dort stolpern lässt; wie die beiden nicht nur die Stationen der Liebe durchwandern, sondern auch, wie sie parallel dazu die Stufen der Gesellschaft hinaufsteigen um den Gipfel der Anerkennung bei Hofe zu erklimmen – und wie sie schließlich bei der dortigen Gratwanderung das Gleichgewicht verlieren.

Und vielleicht findet sich auf diesem Wege sogar eine Antwort auf Walthers Frage nach der Liebe.

2 minne

Wie Walther von der Vogelweide im zwölften Jahrhundert bereits fragte, was denn minne sei, ta- ten es schon viele andere Dichter und Denker vor ihm und bis zum heutigen Tag. Um Erec und Enites Werdegang, die Entwicklung ihrer Liebe und ihres Zusammelebens zu analysieren, ist es zunächst unabdingbar, einige Worte zur Liebe, den Theorien die zu ihr entwickelt wurden und ihrer Auslebung im Mittelalter zu verlieren. An dieser Stelle sei also zunächst ein Blick auf die Wortbedeutung geworfen, im Folgenden das Liebesverständis und die Ehepraxis in der Gesell- schaft des europäischen Hochmittelalters betrachtet und anschließend die höfische Liebe[2], wie sie in der Literatur dieser Zeit erscheint, beleuchtet. Dabei kann das Wesen der Liebe in seiner auf Menschlichkeit beruhenden Komplexität nicht umfassend aufgezeigt, wohl aber eine ungefähre Skizze von ihr gezeichnet werden.

2.1 minne und Liebe – eine kurze Begriffserläuterung

Der Begriff minne bezeichnet die unterschiedlichsten positiven Relationen zwischen Menschen und geht somit in seiner Semantik weit über den heutigen Begriff Liebe hinaus. In erster Linie meint minne geistige Liebe, eine höhere, religiöse Liebe, auch Anbetung und Verherrlichung, die nicht nur einer Person oder Gott entgegengebracht werden kann, sondern auch einer Tätigkeit oder einem Land. Des weiteren bezeichnet minne Freundschaft, Zuneigung, Wohlwollen, wie sie der Familie, den Gefolgsleuten oder Lehnsherren gezollt wird. Schließlich meint sie die zwi- schengeschlechtliche Liebe, aber auch hier in erster Linie geistiger Art, als Einklang von Geist und Seele zweier Personen. minne beinhaltet das semantische Feld der Gemeinsamkeit, des Ein- verständnisses und der Erinnerung, wie es sich aus der Berührung der beiden indogermanischen Wurzeln *moino- ('Tausch, Wechsel') und *men- ('denken, erinnern') formt (Ehrismann, 140).

Die körperliche Liebe oder Sinnlichkeit reiht sich als gering geachtete Bedeutungsnuance erst ganz am Ende ein – und trägt später, als sie mehr Dominanz gewinnt, auch die Schuld am verschwinden des Lexems minne.[3]

Der Begriff liebe existierte bereits im Mittelhochdeutschen. Er kann mit nhd. „Freude“, „Lust“, „Liebe“ übersetzt werden und beschrieb somit den Genuss der erfüllten, erwiderten minne, oder einfach die „freudige minne“. Schon im 12. Jahrhundert wurde er, wenn auch selten, synonym gebraucht, bis er im 16. Jahrhundert den Begriff minne völlig verdrängte (Ehrismann, 138).

2.2 Liebe und Ehepraxis im Hochmittelalter

Tonangebend war in der Gesellschaft des 11. und 12. Jahrhunderts die christliche Liebesphiloso- phie und Ehelehre. In der christlichen Liebesphilosophie, die von den Kirchenvätern begründet worden war, wurde grundsätzlich zwischen amor spiritualis oder caritas und amor carnalis oder cupiditas unterschieden (Bumke 1986, 516). Die geistige, beziehungsweise die geistliche Liebe, die sich zu Weisheit und Tugend hingezogen fühlt, eben die 'richtige' und 'gute' Liebe, wird der fleischlichen Liebe, der Sinnes- oder Wollust, der weltlichen, der 'falschen' und somit 'schlechten' Liebe gegenübergestellt. Die eine solle man anstreben, die andere vermeiden. So erklärt Hierony- mus gar, es sei Ehebruch in der Ehe der cupiditas zu frönen. Laut Augustinus sind Sinn und In- halt der Ehe Nachkommen, Treue und Sakrament. Die Treue verspricht eine Art Heilmittel gegen das sexuelle Verlangen. Das Sakrament besteht in dem Vergleich der Eheverbindung mit der Bindung des Mannes zu Gott: die Ehe soll also ein Abbild der göttlichen Verbindung darstellen und hat somit religiösen Charakter. Liebe oder Zuneigung wurden in der Ehe nicht vorausgesetzt (L'Hermite-Leclercq 234). Das ideale eheliche Zusammenleben wurde mit dem Begriff maritalis affectio beschrieben. Zwar meint er „Zuneigung“, auch die geschwisterliche oder die dem Herrn entgegengebrachte, vor allem aber ist er ein Rechtsterminus, der die Ehe vom Konkubinat unter- scheidet; Sinnlichkeit ist in seiner Bedeutung nicht inbegriffen (L'Hermite-Leclercq 235).

Der Gedanke der Zweiteilung der Liebe wurde vom Sündenfall abgeleitet: erst mit ihm entstand nach christlichem Verständnis die libido, die geschlechtliche Lust zwischen Frau und Mann. Und deshalb sei auch die Paradiesehe von Adam und Eva nur zum Zweck der Fortpflanzung ge- schlossen worden. Das Paar vereinigte sich nur zum Erzeugen der Nachkommenschaft, da ihre Geschlechtsorgane ihrem Willen unterworfen waren. Nachdem aber der Sexualtrieb durch den Sündenfall in die Welt gekommen war, brauchte es die Ehe als Institution zur Eindämmung der cupiditas, ganz nach Apostel Paulus: „Wegen der Gefahr der Unzucht soll aber jeder seine Frau haben und jede soll ihren Mann haben. Der Mann soll seine Pflicht gegenüber der Frau erfüllen und ebenso die Frau gegenüber dem Mann.“[4] (Bumke 1986, 541)

Die mittelalterliche Ehepraxis kam mit den christlichen Vorstellungen allerdings nicht unbedingt überein. Auch ihr Zweck war die Erzeugung von Nachkommen und auch hier wurde auf Liebe keinen Wert gelegt. Geheiratet – und vor allem verheiratet – wurde im Hinblick auf ökono- mische, politische und gesellschaftliche Vorteile. Dabei wurde keine Rücksicht auf Einver- ständnis oder Wünsche der Eheleute genommen, obwohl die Kirche diese Zustimmung eigentlich verlangte. Eheschließungen über die Stände hinweg oder nichtachtend der sozialen Stellung waren verpönt und wurden kaum praktiziert.

Um die Gleichberechtigung innerhalb der Ehe, wie es Paulus in seinem Brief schreibt, stand es ähnlich schlecht, genauso wie um die vorgeschriebene Monogamie. Der Mann durfte Mätressen haben, beging die Frau jedoch Ehebruch, wurde dies schwer bestraft: Sinn und Zweck der Ehe waren ja die Nachkommen, würde die Frau allerdings das Kind eines anderen Mannes zur Welt bringen, wären die Nackommen nicht mehr reinen Blutes. Obwohl die Kirche Ehen als unauflös- bar betrachtete, wurden Scheidungen eingereicht und Frauen verstoßen, oft weil man sie un- fruchtbar wähnte. Die Kirche erklärte die Bindung dann als ungültig; wegen Ehehindernissen. (Bumke 1986, 544)

2.3 Höfische Liebe in der Literatur

In der höfischen Literatur spielt die Liebe – beziehungsweise die Frage nach dem, was Liebe ist oder sein könnte – eine große Rolle. Viele Dichter gaben Antworten, indem sie Geschichten er- zählten oder Lieder sangen, in denen die höfische Liebe dargestellt und als Ideal erklärt wird.

In der Literatur wird die christliche Polarisierung von Liebe übernommen. Die Unterscheidung zwischen geistlicher und weltlicher Liebe allerdings wird hinfällig, es handelt sich um zweierlei weltliche Liebe (Bumke 1986, 518). Wie diese beiden Seiten zu unterscheiden sind lässt sich am besten an einem weiteren Wort Walthers von der Vogelweide erklären: „Nideriu minne heizet diu sô swachet / daz der lîp nâch kranker liebe ringet: / diu minne tuot unlobelîche wê. / Hôhiu minne reizet unde machet / daz der muot nâch hôher wirde ûf swinget“[5]

Mit der niederen minne ist hier nicht die uneheliche, ehebrecherische oder unerfüllte gemeint, sondern diejenige, die nach „kranker liebe“, nach armseliger Lust strebt. Gemeint ist also das körperliche Verlangen nach sexueller Befriedigung, und zwar nur nach dieser. Schmerzen wird diese Minne, da sie eben nicht das ist, was der Mensch braucht. Sie ist nicht Einklang von Seele und Geist, sondern lediglich Vereinigung der Körper für kurze Zeit. Gerade deshalb wird der Mensch mit der rein sexuellen Befriedigung nie völlige Zufriedenheit erlangen, sie weiterhin su- chen und nicht in ihr finden und an diesem Teufelskreis zugrunde gehen. Die hohe minne, eben der Einklang zweier Seelen, „zweier herzen wünne“, ist diejenige, die emporsteigt, die erhebend ist und Kraft gibt, das Gemüt zu hohem Ansehen und Herrlichkeit hinaufschwingt; kurz, die 'Hochgefühl' erzeugt.

Die hohe minne beschränkt sich nicht auf bestimmte Paarkonstellationen: sie kann inner- und außerhalb der Ehe stattfinden und gar einen Ehebruch provozieren, sie kann erwidert werden oder unerwidert und damit unerfüllt bleiben, sie kann selbstlos und zeitlos, aber auch vergänglich sein. Ihre Ausformungen sind also so vielfältig, dass es nicht möglich ist, sie einheitlich zu de- finieren (Schnell, 98). Jedoch wird schnell klar, dass es gattungsspezifische Merkmale gibt: so singt der Troubadour oft für verheiratete, unerreichbare Frauen und seine Liebe ist eine vergeis- tigte, absolute, aber unerfüllte. In der Gattung des Romans jedoch stößt man oft auf klare Paarstrukturen. Dort werden Geschichten von erfüllter Liebe, oft auch von Liebe in der Ehe (Schnell, 127) und den dort möglicherweise auftretenden Problemen erzählt. Einen Kodex, nach dem die Liebe im höfischen Roman funktioniert, gibt es nicht, jedoch lassen sich wiederkehrende Motive und Ideen erkennen, wie zum Beispiel Aufrichtigkeit, Treue, Beständigkeit, Warten auf die Liebesgunst und Freiwilligkeit der sexuellen Hingabe (Schnell 135).

Auch gewisse in der Darstellung von Liebe in Paarbeziehungen im höfischen Roman lassen sich gewisse Strukturähnlichkeiten feststellen: die Entwicklung von Minnegefühlen, das 'Verlieben', geschieht oft nach dem Schema sehen lieben (Schnell, 139), wobei hier im Grunde doch meist nur die erotische Liebe gemeint ist. Daran würde die Kirche sich stoßen, denn es wäre nur das Äußere an einem Menschen, dass die Liebe entfachen würde, und diese Liebe kann nur die amor carnalis, die sexuelle Begierde sein. Die Dichter mussten in ihren Werken also den triebhaften Charakter der Liebe verschleiern. Dies taten sie mit einer Vielfalt von sprachlichen und inhaltli- chen Mitteln; es kam zu einer Sublimierung der (sexuellen) Liebe bis hin zu einer Idealisierung und Abstrahierung (Schnell, 138), bis hin zur „hôhiu minne“. In der mittelalterlichen Literatur beherbergt ein schöner Körper auch immer einen edlen Geist Es kann sich also durchaus auf den ersten Blick in das Wesen eines Menschen verliebt werden. Obendrein fungieren die Augen als Fenster, beziehungsweise Boten des Herzens, der Charakter ist also ebenfalls einsehbar. Das Ver- lieben ist also kein rein äußerlicher Vorgang. Die Verinnerlichung der Liebe und damit der letzte Schritt der vollkommenen geistigen und seelischen Vereinigung erfolgt dann durch den Herztausch: nun sind die beiden Liebenden für immer vereint – auch bei räumlicher Trennung (Schnell, 139).

Der Beginn vieler Beziehungen verläuft nach der Dreierfolge visio → cogitatio → actus (Schnell, 140). So beginnt das höfische Lieben oft mit dem Nachdenken des 'Betroffenen' über die in ihm selbst wahrgenommene Veränderung, wobei er das Bild der Geliebten voller Sehn-

sucht im Geiste betrachtet. Die Wichtigkeit, die diesem Schritt beigemessen wird, rührt von der mittelalterlichen Anerkennung des inneren Schauens, des Denkens und der Imagination her (Schnell, 140). Und eben dieser reflektierende Schritt unterscheidet die Liebe vom Trieb. Amor carnalis wäre es, wäre der vermeintlich Liebende vom Anblick des begehrten Objekts zum Handeln übergegangen, hätte er sein sexuelles Verlangen schnellst möglich zu befriedigen ver- sucht. Der höfisch Liebende jedoch erlebt immer wieder Phasen des verdâht -Seins (Schnell, 141).

3 Charakteristik der Protagonisteb

Um die Entwicklung der minne zwischen den beiden Protagonisten Erec und Enite analysieren zu können, ist es unveräußerlich, sich ein Bild von den beiden Figuren zu machen. Deshalb zu- nächst ein kurzer Blick auf ihre Charakteristik wie sie zu Beginn des Romans – zu Beginn ihrer Beziehung – gezeichnet ist.

3.1 Erec

Als

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

wird der Protagonist zu Beginn der Geschichte vorgestellt. So erfährt der Rezipient von seiner hohen Geburt, dass er über gewisse Fähigkeiten verfügt und von Gott oder dem Schicksal[6] be- günstigt ist. Nicht erwähnt wird, ob Erec bereis seine ritterliche Tugend bewiesen hat; die beiden Leitkategorien, mit denen seine Charakteristik gezeichnet wird, bleiben also inhaltslos stehen (Cormeau/Störmer, 179).

Er ist nicht mit König Artus – wie alle anderen Ritter des Hofes – auf die rituelle Jagd nach dem weißen Hirsch gegangen, sondern reitet

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bei seiner Königin Ginover. Warum, erfährt man nicht vom Erzähler; allerdings aber, dass Erec sich freiwillig von den Rittern absondert.[7] Man kann vermuten, dass Hartmanns Erec noch kein Ritter ist und deshalb nicht an der Jagd teilnehmen soll. Mag auch sein, dass es daran liegt, dass Erec noch keine Freundin an seiner Seite hat und das Jagen nach dem weißen Hirschen und somit auch das Gewinnen des Siegerkusses von der schönsten Dame am Hof unpassend wäre[8]. Auch ist es möglich, dass Erec in einer bestimmten Bindung zu Frauen beziehungsweise dem Weiblichen steht und deshalb, von den Damen angezogen, ihnen gefolgt ist (Gephart, 175). Objektiv betrach- tet befindet sich Erec in einer 'neutralen' Situation: weder repräsentiert er den Artushof wie die anderen Ritter auf der Hirschjagd, noch ist er bewaffnet auf âventiure gezogen (Kuhn 1973, 41).

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will seiner Herrin einen Dienst erweisen und Auskunft über den fremden Ritter einholen, dem sie auf der Heide begegnen. Hierbei wird er von dessem Begleiter, dem Zwerg Maliclisier, mit der Peitsche geschlagen:

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Diese Schande wird noch größer, da er sie nicht auch wieder vor den Augen der Frauen vergelten kann, denn

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Auch hier tritt die eigenartige Relation Erecs zum Weiblichen zu Tage: er definiert seine Schande darüber, dass die Königin und die Frauen ihn gesehen haben und beachtet zunächst nicht die Verletzung seiner Ehre für sich. Allerdings ist dies wenig verwunderlich: warum auch begleitet er als einziger Mann die Frauen unbewaffnet und ist somit unfähig, sie in einer et- waigen Gefahrensituation zu beschützen?

Um seine Ehre – repräsentativ für die der Königin und des ganzen Artushofes (Voß, 6) – zu retten, muss er sich an dem Ritter rächen, dessen Zwerg ihn so schwer beleidigt hat. Er muss ihn im Kampf besiegen. Somit begibt er sich, nach einer langen Rede, in der er sein leit und seine schame kund tut, auf seine erste âventiure – und lässt die Damen unbeschützt zurück. Gerade in Erecs Monolg (113-143) wird deutlich, dass Hartmann den Akzent auf das Emotionale legt (Bumke 2006, 22) und dass hier ein schwer getroffener, unerfahrener junger Mann spricht. So wäre auch die Reaktion seiner Herrin zu verstehen, die ihn nur ungern gehen lässt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Durch den gefühlsbetonten Tonfall intensiviert Hartmann auch die Beziehung von Erec und Gi- nover: die Königin nimmt gegenüber Erec eine partiell mütterlich-festhaltende Rolle ein und do- miniert den jungen Mann (Gephart, 176).

Erec tritt also als ein junger Mann auf, der den Status als Ritter offensichtlich noch nicht erreicht hat und sich erst vor seiner Herrin, dem Hof und sich selbst beweisen muss. Außerdem fehlt ihm die noch nötige Erfahrung, um mit der Gelassenheit eines Ritters zu handeln. Erec ist keine

[...]


[1] Walther von der Vogelweide 69, 1-13 („Sagt mir jemand was Liebe ist? / weiß ich dessen ein Teil, so wüsste ich gerne mehr. / wer sich besser als ich darauf versteht, / der unterweise mich, weswegen sie so schmerzt. / Liebe ist Liebe tut sie wohl / tut sie weh, so heißt sie nicht wahrheitsgemäß Liebe. / Sons weiß ich nicht, wie sie überdies noch heißen soll. / Falls ich richtig denken würde / was die Liebe sei, dann sagt darauf ja. / Liebe ist die Freude zweier Herzen: / teilen sie sie gleichermaßen, so ist die Liebe da: / wird sie aber nicht geteilt sein, / so kann ein Herz allein es nicht fassen.“)

[2] Dieser Begriff wurde am Ende des 19. Jh. von Gaston Paris in einem Aufsatz über Chrétiens Lancelot geprägt (Bumke 1986, 504). Ich verwende ihn nicht in seinem Sinne und schließe mich auch nicht den Diskussionen über seine eigentliche Bedeutung an. Vielmehr nehme ich das ihm zugeordnete Adjektiv 'höfisch' mit seinem Verweis auf den höfischen Rezipientenkreis, seinem thematischen und strukturellen Bezugszentrum und seinen Darstellungsmitteln und Wertungen und grenze ihn so von dem Liebesbegriff im Allgemeinen ab.

[3] So schrieb der Augsburger Buchdrucker Othmar 1512 in seine Ausgabe des Buches des erleuchteten Vaters Amandi: „weil das wort minn in etlichen sprachen nit mer rechte, göttliche, eerbere und zimliche, sonder tierische, vichische, uneerbere und unzimliche minn anzaigt, so hab ich buchdrucker (egernus und unrain gedenk und bösz zufäll zu vermeiden) für das wort minn gesetzt das wort lieb“ (zitiert nach Besch, 195)

[4] 1 Kor 7, 2-3. Einheitsübersetzung

[5] Walther von der Vogelweide 47, 5-9 („Niedere Minne heißt die, die so schwächt / dass der Leib begierig nach wertloser Lust strebt: / diese Liebe schmerzt schändlich. / Hohe Liebe erweckt und veranlasst / dass das Gemüt zu hohem Ansehen hinaufschwingt.“)

[6] vgl. vrou Sælde: „Verleiherin aller Vollkommenheit, alles Segens und Heiles“

[7] Da bei Hartmann von Aue der Beginn des Fragments verloren gegangen ist muss hier zu seiner Rekonstruktion auf Chrétiens Text zurückgegriffen werden. Dort heißt es folgendermaßen: „Später folgte ihnen, so schnell er konnte, ein Ritter – Erec hieß er“ (81-82)

[8] „jede von ihnen hat einen Freund“ (53) erklärt Gawein bei Chrétien, um die Gefahren der Hirschjagd und dem damit verbundenen Schönheitspreis zu betonen.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Erec und Enites 'minne' auf dem Weg zur Herrschaftsübernahme
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Germanistisches Seminar, Abteilung: Mediävistik)
Veranstaltung
„Erec“
Note
2,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
28
Katalognummer
V122039
ISBN (eBook)
9783640273331
ISBN (Buch)
9783640273607
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erec, Enites, Herrschaftsübernahme
Arbeit zitieren
Nike-Marie Steinbach (Autor), 2008, Erec und Enites 'minne' auf dem Weg zur Herrschaftsübernahme, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122039

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