Interaktionsrituale: Über das Verhalten in direkter Kommunikation

Eine Arbeit über Erving Goffman’s Theorien und Beobachtungen mit gelegentlichen Verweisen nach China


Hausarbeit, 2007

18 Seiten, Note: 1,3


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Image und Imagepflege
2.1 Image und das „Gesicht“ der Chinesen (=“mianzi“)
2.2 Techniken der Imagepflege
2.3 Imagepflege in China

3. Ehrerbietung und Benehmen
3.1 Ehrerbietung
3.2 Benehmen
3.3 Ehrerbietung und Benehmen in China

4. Verlegenheit

5. Engagement und Entfremdung in der Interaktion
5.1 Arten der Entfremdung
5.2 Vorgetäuschtes Engagement
5.3 Engagierte Chinesen

6. Schicksalhaftigkeit, „Action“ und der erworbene Charakter
6.1 Schicksalhaftigkeit
6.2 Action
6.3 Action schafft Charakter

7. Zusammenfassung und Fazit

1. Einleitung

Robert HETTLAGE und Karl LENZ bezeichnen Erving GOFFMAN als soziologischen Klassiker der 2. Generation und bringen damit die weitläufige Meinung der Sozialwissenschaften zum Ausdruck. GOFFMANs Forschungen galten durchweg der Soziologie der normativen Ordnung, „den moralischen Zwängen und taktischen Manövern, den Selbstdarstellungstechniken und Ritualisierungen, die das Verhalten und die Umgangsweisen zweier [oder mehrerer;Anm. d. Verf.] Individuen in der Vis-à-vis- Situation bestimmen“.[1] Durch seine umfangreichen Studien über zwischenmenschliche Kontakte und alltägliche Routinebegegnungen, deren Erfolg und Misserfolg und die damit verbundenen gesellschaftlichen Grundnormen gilt er als Begründer der empirischen Interaktionsforschung. Zweifellos zählt er damit zu den bekanntesten und bedeutendsten Sozialwissenschaftlern der Nachkriegszeit, von dessen Wirken nicht nur die Sozialwissenschaft selbst, sondern auch die Psychologie, die Linguistik, die Pädagogik und die Kommunikationswissenschaft profitieren konnten.[2]

Diese Hausarbeit wird sich im Besonderen mit GOFFMANs WerkInteraktionsrituale. Über Verhalten in direkter Kommunikationbeschäftigen. Darin geht es GOFFMAN um die „Beschreibung natürlicher Interaktionseinheiten“ und der „Aufdeckung der normativen Ordnung, die innerhalb und zwischen diesen Einheiten herrscht, d. h. die Verhaltensregeln, die es überall gibt, wo Leute sind […]“.[3] Dabei bezieht sich GOFFMAN größtenteils auf die angelsächsische Gesellschaft. Nur ganz vereinzelt führt er Beispiele aus dem chinesischen Kulturraum ein, an denen einzelne Aspekte seiner theoretischen Ausführungen verdeutlicht bzw. deutliche Unterschiede zur westlichen Welt unterstrichen werden sollen. Jedoch ist es gerade in der heutigen Zeit, angesichts des atemberaubenden Aufstiegs der Volksrepublik zur bald vorherrschenden Großmacht, umso interessanter zu ergründen, was die chinesische Gesellschaft seit Jahrtausenden prägt und zusammenhält. Insbesondere eröffnet sich die Frage, inwieweit sich GOFFMANs Theorie auf die chinesischen Interaktionsformen übertragen lässt. Um diese Frage zu beantworten, soll es in dieser Arbeit nun darum gehen, die Hauptpunkte von GOFFMANs Beobachtungen in Face-to-face-Interaktionen herauszuarbeiten und dabei an einigen Stellen vergleichend der Bezug zu den traditionellen chinesischen Gesellschaftsnormen herzustellen, um etwaige Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Bezug auf die interpersonale Kommunikation genauer zu beleuchten.

2. Image und Imagepflege

2.1 Image und das „Gesicht“ der Chinesen (= „mianzi“)

Nach GOFFMAN ist ein wichtiges strukturelles Merkmal von Interaktionen, dass die von jedem Interaktionsteilnehmer gewählte Verhaltensstrategie von den anderen Interaktionsteilnehmern anerkannt und unterstützt wird und damit der Begegnung eine gewisse Stabilität gegeben wird. Mit dem TerminusVerhaltensstrategiemeint er legitimierte und institutionalisierte Handlungsmuster, die jeder Interaktionsteilnehmer bei jedem Kontakt mit anderen verbal und nonverbal anwendet, um damit seine Definition der Situation und seine Einschätzung der anderen Teilnehmer und besonders seiner selbst zum Ausdruck zu bringen.[4] Mit Image bezeichnet GOFFMAN den „positive[n] soziale[n] Wert[...] , den man für sich durch die Verhaltensstrategie erwirbt, von der die anderen annehmen, man verfolge sie in einer bestimmten Interaktion. Image ist ein in Termini sozial anerkannter Eigenschaften umschriebenes Selbstbild, - ein Bild, das die anderen übernehmen können“.[5] Dieses Image, welches nur eine Leihgabe der Gesellschaft darstellt und wieder entzogen wird, wenn man sich dessen nicht würdig verhält, geht mit einer positiven oder negativen gefühlsmäßigen Bindung einher, je nachdem, ob das zugeschriebene Image besser oder schlechter ausfällt, als erwartet.

Neben dem stimmigen Image führt GOFFMAN noch zwei weitere Formen des Images an. Einfalsches Imageentsteht, wenn für den Interaktionsteilnehmer ungünstige Informationen zum Vorschein kommen, die partout nicht in seine Verhaltensstrategie passen. Weiterhin kann es passieren, dass jemand in der Interaktionssituation gerade keine adäquate Verhaltensstrategie bereit hat, und dahergar kein Imagebesitzt. In beiden Fällen sind Gefühle der Scham, Verwirrung und Verärgerung die Folge, weil das Image, an das man fixiert ist, bedroht oder zusammengebrochen ist. Ebenso, wie vom Einzelnen erwartet wird, dass er sich seinem Image entsprechend verhält und dieses somit versucht zu wahren, soll er auch entsprechend rücksichtsvoll in seinem Handeln sein, damit er die Gefühle und Images der anderen Interaktionsteilnehmer nicht in Gefahr bringt. GOFFMAN schreibt dazu: „Die doppelte Wirkung der Regeln der Selbstachtung und Rücksichtnahme besteht darin, daß jemand sich bei einer Begegnung tendenziell so verhält, daß er beides wahrt: sein Image und das der anderen Interaktionsteilnehmer. D. h., daß die von jedem Interaktionsteilnehmer eingeschlagene Strategie sich meist durchsetzen und jeder Interaktionsteilnehmer die Rolle übernehmen darf, die er für sich selbst gewählt zu haben scheint.“[6] Dazu sollte noch erwähnt werden, dass GOFFMAN darin eine Art Arbeitskonsens sieht, der mit den wahren Ansichten der Interaktionsteilnehmer nicht wirklich deckungsgleich ist.

Das, was GOFFMAN mit „Face“ bezeichnet (und in der deutschen Version mit „Image“ übersetzt wird[7]), ist gleichbedeutend mit dem für die Chinesen wichtigen „Gesicht“ (mianzi). Gerade der Schutz dieses gesellschaftlichen Profils genießt in der chinesischen Gesellschaft ungemein hohe Priorität: „Die Hauptspielregel in China könnte man auf folgende Formel bringen: ,Gib jedem sein Gesicht, lass’ niemanden Gesicht verlieren, und wahr’ dein eigenes Gesicht!’ Dem letzten Teilgebot dieser Verhaltenstrias wird gerecht, wer nie aus der Haut fährt, sondern stoisch in sich ruht, wer sein Temperament im Guten wie im Bösen zügelt und höflich lächelt [...]. Verlegenheiten werden durch Lachen überdeckt [...].“[8] Einem anderen Grundsatz zufolge verliert auch derjenige sein Gesicht, der es anderen nimmt. Hier tritt eine klare Gemeinsamkeit mit GOFFMANs Theorie hervor, jedoch mit dem Zusatz, dass es in China sehr viel einfacher zu sein scheint, das eigene und fremde Gesichter zu zerstören, beispielsweise durch offen vorgetragene Kritik oder das Eingeständnis von Fehlern und Versagen vor Dritten. Mangibt Gesicht, indem man beispielsweise über Fehler des anderen hinwegsieht, jemanden öffentlich lobt oder dessen soziale Position achtet.[9] Man macht es dem anderen gewissermaßen leicht, ein gutes Image zu erwerben. WEGGEL schreibt dazu: „Den Chinesen [...] ist es gleichsam zur zweiten Natur geworden, ihren Nachbarn, Kollegen oder Angehörigen permanent Gesicht zu geben, sich durch ständige Aufmerksamkeiten und Geschenke ein Vorratspolster an Wohlwollen anzulegen und dadurch eine guteqifen (‚Atmosphäre’) zu schaffen.“[10] Gesicht verlieren kommt hingegen einer Katastrophe gleich: „Der Baum hat eine Rinde – der Mensch hat ein Gesicht. Nimmt man dem Baum die Rinde, so stirbt er.“[11] (Chinesisches Sprichwort)

2.2 Techniken der Imagepflege

Dieses fragile soziale Selbstbild kann durch nun eine Vielzahl von Situationen und Zwischenfällen gefährdet und diskreditiert werden. Um diesen Ereignissen entgegenzuwirken, besitzen die Mitglieder einer sozialen Gruppe eine Reihe von Praktiken, „[...] die vorgenommen werden, um all das, was man tut, in Übereinstimmung mit seinem Image zu bringen.“[12] Dazu nennt GOFFMAN zwei grundlegende Arten der Techniken der Imagepflege: denVermeidungs-und denkorrektiven Prozess.

Um Bedrohungen des Images zuvermeiden, gibt es zwei Möglichkeiten. Erstens kann man Kontakten und Situationen fern bleiben, die leicht zu einer Bedrohung für das Image werden könnten. Wurde dieses Risiko erst einmal eingegangen, werden zweitens Defensiv- und Protektivmaßnahmen ergriffen. Mit ersteren vermeidet man für das Image bedrohliche Gesprächsthemen und Tätigkeiten, lenkt die Richtung des Handlungsverlaufes in andere Bahnen und schirmt die eigenen Gefühle und Selbstansprüche zwecks Selbstschutz ab. Die protektiven Manöver sollen den anderen Teilnehmern an der Interaktion helfen, ihre Images zu wahren. Darunter fallen beispielsweise diskretes und respektvolles Verhalten, das Unterschlagen von gefährdenden Informationen, zweideutige Antworten durch Umschreibungen und Täuschungen zum Wohle der anderen, und das vorsichtige Formulieren von Erwartungen an die anderen, ohne das deren Selbstachtung verletzt wird. Kommt es tatsächlich zum Zwischenfall, kann man immer noch versuchen, diese Bedrohung des Images taktvoll und absichtlich zu übersehen[13], dem Zwischenfall den bedrohlichen Charakter abzusprechen oder den Zwischenfall zu verbergen oder zu verheimlichen, damit der Missetäter einen Augenblick Zeit hat, sich wieder zu fassen.[14]

[...]


[1] Bergmann, Goffmans Soziologie im Gespräch, in: Hettlage/Lenz (Hg.), Goffman, 1991, S. 303

[2] Vgl. Krallmann/Ziemann, Kommunikationswissenschaft, 2001, S. 229 , ebenso: Lenz, Goffmans Werk und Rezeption, in: Hettlage/Lenz (Hg.), Goffman, 1991, S. 25-28

[3] Goffman, Interaktionsrituale, 1986, S. 7f.

[4] Vgl. Goffman, Interaktionsrituale, 1986, S. 10

[5] Ebd., S. 10

[6] Goffman, Interaktionsrituale, 1986, S. 16

[7] Vgl. Lenz, Goffmans Werk und Rezeption, in: Hettlage/Lenz (Hg.), Goffman, 1991, S. 46

[8] (Ein wirklich sehr empfehlenswertes Buch über China) Weggel, China, 2002, S. 38

[9] Vgl. ebd., S. 36 ff. , ebenso: Rothlauf, Interkulturelles Management, 2002, S. 367 f.

[10] Weggel, China, 2002, S. 37 f.

[11] Rothlauf, Interkulturelles Management, 2002, S. 378

[12] Goffman, Interaktionsrituale, 1986, S. 18

[13] Interessant war in diesem Zusammenhang die folgende Beobachtung im Seminar: Eine Kommilitonin hatte während ihres Referates mehrfach den Terminus „Vis-á-vis-Situation“ fehlerhaft ausgesprochen. Auch wenn sämtliche Zuhörer im Seminar diesen Fauxpas bemerkt hatten, gab es keinerlei Regungen, die Referentin auf ihren Fehler hinzuweisen. Man zog es stattdessen vor, sich untereinander viel sagende Blicke zuzuwerfen und nicht durch eine Berichtigung während des Referates das Selbstbild der Kommilitonin als wohlinformierte und kompetente Vortragende öffentlich zu diskreditieren.

[14] Vgl. Goffman, Interaktionsrituale, 1986, S. 21 ff.

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Details

Titel
Interaktionsrituale: Über das Verhalten in direkter Kommunikation
Untertitel
Eine Arbeit über Erving Goffman’s Theorien und Beobachtungen mit gelegentlichen Verweisen nach China
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Theorien interpersonaler Kommunikation
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V122128
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erving Goffman, Interaktionsrituale, China
Arbeit zitieren
Tobias Heymann (Autor), 2007, Interaktionsrituale: Über das Verhalten in direkter Kommunikation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122128

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