Grandhotels präsentierten sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts im Inneren mit Luxus und moderner Technik und nach außen über prunkvolle Fassaden, in Anzeigen, auf Postkarten und Kofferanhängern. Hotels sind zugleich konservierende Orte, in die sich „bewährte“ Regeln und Wertvorstellungen eingeschrieben haben, als auch Labore, in denen neue Spielarten erprobt werden, die an bestehenden Ordnungen rütteln und diese verändern können. Vicky Baum und Joseph Roth machen Grandhotels zum zentralen Ort ihrer Romane „Menschen im Hotel“ und „Hotel Savoy“ und erzählen von fiktiven Begegnungen 1928 in Berlin beziehungsweise 1919/20 in Lodz.
Ich betrachte diese Hotels im Licht der Akteur-Netzwerk-Theorie als ein Netzwerk, das sich aus menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren zusammenfügt und in dem versucht wird, eingeschriebene Regeln und Erwartungen aufrecht zu erhalten. Hotels sind halböffentliche Orte. Vordergründig scheint die Tür offen zu stehen und unbegrenzten Zugang zu ermöglichen. Doch ist dies tatsächlich so? Werden alle, die durch sie eintreten, gleichermaßen willkommen geheißen? Bekommt jede*r ein Zimmer und steht allen die gleiche Auswahl an Zimmern zur Verfügung? Ich gehe davon aus, dass das Hotel bestimmte Erwartungen an seine Gäste richtet und versucht, die auszuschließen, die diese nicht erfüllen. Ich gehe den Fragen nach, welche Akteure auf den Plan gerufen werden, um den Zugang zu regeln und sich gegen Störungen zu behaupten und inwieweit dies tatsächlich gelingt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Menschen im Hotel (Vicky Baum)
2.1. Was ein Gast vom Grand Hôtel Berlin erwartet und was ihn dort erwartet
2.2. Zugang zum Hotel: Wie man hineingelangt und bleibt
2.3. Stets zu Diensten oder ein Rauschen des Privaten
2.4. Begegnungen, Verwicklungen und Metamorphosen des Herrn Kringelein
2.4.1. Herr Kringelein kommt durch die Drehtür
2.4.2. Herr Kringelein und der Baron
2.4.3. Die beiden Herrn aus Fredersdorf
2.4.4. Herr Kringelein und das Fräulein Flam
3. Hotel Savoy (Joseph Roth)
3.1. Was Gabriel Dan vom Hotel Savoy erwartet und was ihn erwartet
3.2. Hotel Savoy: Bestehende, vergehende und mögliche neue Ordnungen
3.2.1. Koffer und andere Währungen
3.2.2. Nachrichten des Hoteldirektors
3.2.3. Bloomfield kommt: Warten und Erwartungen
3.2.4. Zwonimir zieht ein und seine Kreise
3.3. Was davon bleibt
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht Grandhotels als soziotechnische Netzwerke im Licht der Akteur-Netzwerk-Theorie, wobei sie analysiert, wie in den Romanen "Menschen im Hotel" von Vicky Baum und "Hotel Savoy" von Joseph Roth soziale Ordnungen stabilisiert, gestört oder transformiert werden. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert darauf, welche Akteure den Zugang regeln, wie Erwartungen an Gäste definiert werden und inwieweit Störungen durch neue Handlungsprogramme zu Veränderungen innerhalb der Hotelstrukturen führen.
- Analyse der Grandhotel-Topoi als Umschlagplätze sozialer Praktiken
- Anwendung der Akteur-Netzwerk-Theorie auf literarische Räume
- Untersuchung von Zugangsbarrieren und Hierarchisierungsmechanismen
- Bedeutung von Geld, Kleidung und Objekten als stabilisierende Währungen
- Dynamik zwischen Bewahrung bestehender Ordnungen und revolutionären Anti-Programmen
Auszug aus dem Buch
2.4.1. Herr Kringelein kommt durch die Drehtür
„in der Drehtür, …, traf er auf einen komischen Herrn – es war Kringelein, der sich dort festgeklemmt hatte, weil er in der verkehrten Richtung drehte. Gaigern gab der Tür einen ungeduldigen Tritt und beförderte das gläserne Karussell samt Inhalt vorwärts. "So rum geht’s", sagte er zu Kringelein. ‚Danke. Besten Dank‘, entgegnete Kringelein, der hinausgewollt hatte und nun wieder hineingedreht worden war.“
Drehtüren gehören laut Rösch neben der Eingangshalle und dem Lift zum Dreigestirn eines Grandhotels. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts trugen sie auch in Berlin zur Aufwertung des Eingangsbereichs bei. Die Drehtür und das Empfangspersonal sind Elemente, die den Zugang zum Hotel regeln. In „Menschen im Hotel“ setzt die Handlung mit dem Portier ein und endet mit der Drehtür. Diese wird sowohl von der heterodiegetischen Erzählstimme als auch von einzelnen Figuren, insbesondere von Doktor Otterschlag und Kringelein an vielen Stellen thematisiert.
Uns soll hier interessieren, in wieweit die Drehtür selbst zum Akteur wird und das Handeln anderer Akteure formt und mitbestimmt. Was John Johnson (Bruno Latour) für den Türschließer konstatiert, gilt auch für die Drehtür: Sie wurde konstruiert, um bestimmte Handlungen, die zuvor von Menschen ausgeführt wurden, an die Tür zu delegieren. Wer hindurch möchte, muss weder klingeln noch klopfen, nicht auf Einlass warten und keine Türklinke drücken. Er begibt sich in eine Tür, die selbst ein Raum ist, die jederzeit offensteht und zugleich geschlossen ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Bedeutung des Grandhotels als Ort des Gesellschaftswandels ein und erläutert die methodische Herangehensweise mittels der Akteur-Netzwerk-Theorie.
2. Menschen im Hotel (Vicky Baum): Dieses Kapitel beleuchtet die spezifischen Hotelstrukturen und die Verwandlung des Protagonisten Kringelein im Grand Hôtel Berlin.
2.1. Was ein Gast vom Grand Hôtel Berlin erwartet und was ihn dort erwartet: Hier werden die Erwartungshaltungen der Gäste mit der Realität der Hotelerfahrungen kontrastiert.
2.2. Zugang zum Hotel: Wie man hineingelangt und bleibt: Dieses Kapitel analysiert Mechanismen der Exklusion und Inklusion am Beispiel des Portiers und der räumlichen Zugangskontrollen.
2.3. Stets zu Diensten oder ein Rauschen des Privaten: Untersuchung der Rolle des Personals, das als stabiles Netzwerk die Hotelmaschinerie aufrechterhalten soll.
2.4. Begegnungen, Verwicklungen und Metamorphosen des Herrn Kringelein: Analyse der persönlichen Transformation Kringeleins durch seine Interaktionen innerhalb des Hotelnetzwerks.
2.4.1. Herr Kringelein kommt durch die Drehtür: Darstellung der Drehtür als aktiver Akteur, der menschliches Verhalten formt und diszipliniert.
2.4.2. Herr Kringelein und der Baron: Betrachtung der einflussreichen Beziehung zwischen Kringelein und dem Baron als Katalysator für Kringeleins Wandel.
2.4.3. Die beiden Herrn aus Fredersdorf: Untersuchung der Konfrontation zwischen Kringelein und Preysing, die die Fabrik-Hierarchien im Hotel aufbricht.
2.4.4. Herr Kringelein und das Fräulein Flam: Beleuchtung der Begegnung mit Flämmchen als finalem Schritt in Kringeleins Emanzipation.
3. Hotel Savoy (Joseph Roth): Analyse der heterogenen Gesellschaft und der Krisendynamik im Hotel Savoy.
3.1. Was Gabriel Dan vom Hotel Savoy erwartet und was ihn erwartet: Untersuchung der Perspektive des Erzählers und seiner Wahrnehmung der Hoteltechnologie und -objekte.
3.2. Hotel Savoy: Bestehende, vergehende und mögliche neue Ordnungen: Untersuchung der prekären Lebensverhältnisse der Bewohner und des Versuchs einer Neuordnung.
3.2.1. Koffer und andere Währungen: Analyse des Austauschs von Waren und Körpern als Währung in einem labilen Netzwerk.
3.2.2. Nachrichten des Hoteldirektors: Untersuchung der Funktion von Kommunikation und Angst als Stabilisierungsinstrumente des Hoteldirektors.
3.2.3. Bloomfield kommt: Warten und Erwartungen: Darstellung des Milliardärs als Hoffnungsträger und Fixpunkt für die Hotelbewohner.
3.2.4. Zwonimir zieht ein und seine Kreise: Analyse von Zwonimirs destruktivem Verhalten als Gegenprogramm zur bestehenden Hotelordnung.
3.3. Was davon bleibt: Betrachtung des Zusammenbruchs der Hotelordnung und der Bedeutung von Währungen für neue Netzwerkkonstruktionen.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Unterschiede in der Stabilität der Hotelnetzwerke und die Rolle von Individuen in den beiden Romanen zusammen.
Schlüsselwörter
Grandhotel, Akteur-Netzwerk-Theorie, Vicky Baum, Joseph Roth, soziale Ordnung, Inklusion, Exklusion, Handlungsprogramme, literarische Räume, Netzwerkanalyse, soziale Praxis, Transformation, Identität, Geld, Machtverhältnisse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das literarische Motiv des Grandhotels in den 1920er Jahren als einen Ort, an dem soziale Ordnungen durch das Zusammenspiel von menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren stetig verhandelt werden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zu den Schwerpunkten zählen soziale Exklusionsmechanismen, die Rolle von technologischen Objekten, die Bedeutung von ökonomischen Währungen und der Wandel von Identitäten innerhalb der Hotelräume.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, mittels der Akteur-Netzwerk-Theorie aufzuzeigen, wie Hotels als Netzwerke fungieren und wie Figuren wie Herr Kringelein oder Gabriel Dan durch ihre Interaktionen mit diesem Netzwerk ihre eigene Position verändern.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Autorin nutzt die Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT), um die Romane systematisch hinsichtlich der Handlungsmacht von Menschen und Dingen zu analysieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil ist zweigeteilt: Er analysiert das Grand Hôtel Berlin bei Baum und das Hotel Savoy bei Roth separat, wobei jeweils Zugangsbeschränkungen, Personalstrukturen und die Entwicklung der Hauptcharaktere im Fokus stehen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Grandhotel, Netzwerkanalyse, soziale Praxis, Inklusion, Exklusion und Transformation zusammenfassen.
Wie unterscheidet sich die Rolle der Drehtür bei Vicky Baum von anderen Objekten?
Die Drehtür fungiert als biopolitische Maschine, die nicht nur den physischen Zugang reguliert, sondern aktiv das Verhalten der Gäste formt und ungeübte Personen diszipliniert.
Welche Funktion hat Ignatz im Hotel Savoy?
Ignatz agiert als eine zentrale, wenn auch ambivalente Figur, die Macht delegiert bekommt, Kredite vergibt und die Interessen des unsichtbaren Wirts durchsetzt, womit er zur Stabilität des Netzwerks beiträgt.
Warum wird das Hotel Savoy im Vergleich zum Grand Hôtel Berlin als "Labor" bezeichnet?
Im Hotel Savoy ist die bestehende Ordnung aufgrund von Armut und dem Ausbleiben fester Strukturen instabil, was das Hotel zu einem Ort macht, an dem gesellschaftliche Alternativen und revolutionäre Ansätze erprobt werden können.
Welches Fazit zieht die Autorin bezüglich der Beständigkeit der Hotels?
Während das Grand Hôtel Berlin nach kurzzeitigen Störungen durch seine starren Netzwerke stabil bleibt, löst sich das Hotel Savoy mit der Zerstörung des Netzwerks und des Wirts vollständig auf.
- Arbeit zitieren
- Andrea Boennen (Autor:in), 2022, Hotels in den 1920er-Jahren. Netzwerke vergehender und möglicher Ordnungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1222703