Soziale Macht

Aufbau und Voraussetzungen von Machtsituationen


Referat (Ausarbeitung), 2007

29 Seiten, Note: bestanden


Leseprobe

Inhaltsübersicht:

I. Der Begriff der sozialen Macht
1. Definition von Macht nach Weber
2. Definition von Macht nach Elias
3. Definition von Macht nach Foucault

II. Die Machtbeziehung
1. Abgrenzung zum Begriff des „Einfluß“
2. Abgrenzung zum Begriff der Dominanz
3. Das Machtmotiv
4. Die Machtgrundlagen
5. Aktuelle und potentielle Macht und ihr Einsatz
6. Machthaber und Beeinflußter

III. Macht im Mediationsprozeß

Fazit

Literaturverzeichnis

Handout zur Sitzung

Zum Begriff der sozialen Macht

Aufbau und Voraussetzungen von Machtsituationen

I. Der Begriff der sozialen Macht

Der Begriff der Macht taucht im täglichen Sprachgebrauch in den verschiedensten Konstellationen auf. So liest oder hört man Begriffsabwandlungen wie z.B. „politische Macht“, „Polizeimacht“, „Machtmissbrauch“, aber auch Worte wie „Ohnmacht“ oder „Machtlosigkeit“.

Genauso zahlreich wie die möglichen Wortkombinationen sind auch die Versuche, den Begriff Macht zu definieren. Im folgenden sollen die am häufigsten gebrauchten Definitionen von Macht kurz erläutert werden. In einem weiteren Schritt werden dann das Machtmotiv sowie die Voraussetzungen der Machtausübung näher beschrieben.

Ferner wird auf die Frage eingegangen, ob Macht gleich Beeinflussung ist und wie diese Einflussnahme messbar ist.

In einem letzten Schritt soll dann der Bezug zur Mediation als besondere Situation des Auftretens der Fälle von Machtungleichgewichten eingegangen werden.

1. Definition von Macht nach Weber

Die unter Sozialwissenschaftlern und Philosophen wohl am gebräuchlichste Definition des Begriffs Macht findet sich in Max Webers Werk „Wirtschaft und Gesellschaft – Zu den soziologischen Grundbegriffen“.

Weber definiert Macht folgendermaßen: „Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.“[1]

Webers Definition liefert bei genauer Betrachtung bestimmte Voraussetzung für das Vorhandensein einer Machtausübungs-situation. Diese sind[2]:

1. Vorhandensein einer sozialen Beziehung /eines intersubjektiven Verhältnisses
2. Vorhandensein eines widerstrebenden Willens[3]
3. Vorhandensein einer Chance, den Willen tatsächlich durchzusetzen.
4. Vorhandensein einer Ressource aus der die Kraft herrührt, den eigenen Willen durchzusetzen .

Die aufgeführten Punkte sollen im folgenden erläutert werden.

Den Begriff der sozialen Beziehung definiert Weber ebenfalls in seinem Werk der „soziologischen Grundbegriffe“. Demnach ist die soziale Beziehung ein „ihrem Sinngehalt nach aufeinander gegenseitig eingestelltes und dadurch orientiertes Sichverhalten mehrerer“[4] zueinander. Und weiter: „Die soziale Beziehung besteht also durchaus und ganz ausschließlich: in der Chance, dass in einer (sinnhaft) angebbaren Art sozial gehandelt wird, einerlei zunächst: worauf diese Chance beruht.“[5]

Man kann folglich nur von sozialem Handeln reden, wenn das menschliche Sichverhalten subjektiv sinnhaft, d.h. mit anderen Worten bewusst oder vielleicht auch vorsätzlich ist.

Ist dies der Fall, so muß das subjektiv sinnhafte Verhalten sich ferner auf ein Sichverhalten anderer beziehen. Als letzte Voraussetzung muß dieses menschliche, subjektiv sinnhafte Verhalten, welches sich auf das Verhalten anderer bezieht auch aufeinander eingestellt sein, d.h. man kann es sich als eine Art von Rückkopplungseffekt des Rezipienten vorstellen (Reziprozitätsgedanke).

Die soziale Beziehung als Voraussetzung für das Vorliegen von Macht setzt ihrerseits wiederum soziales Handeln voraus, welches sinnhaft gestaltet sein muß. Kausal heißt dies, daß von Macht nur gesprochen werden kann, wenn sie auch sinnhaft ist.

Die zweite genannte Voraussetzung ist das Vorhandensein eines widerstrebenden Willens. Kaven verortet den widerstrebenden Willen in der sog. Polytheismusthese, nach der sich die Menschen bei ihren Handlungen an unterschiedlichen Werten orientieren, die mitein-ander unvereinbar sind und so einen ewigen Kampf gegeneinader führen.[6] Auf das tägliche Handeln bezogen könnte man sagen, daß sich der widerstrebende Wille in den unterschiedlichen Interessen und Absichten der Menschen als auf ein Ziel gerichtete Kraft widerspiegelt.[7]

Die dritte Voraussetzung für das Vorliegen von Macht ist das Vorhandensein einer realen Chance, den eigenen Willen gegen das Widerstreben des anderen durchzusetzen.

Als Chance könnte man die gegebene Situation mit all ihren Konstellationen ansehen. Gute Konstellationen begünstigen demnach den Prozeß der Willensbeeinflussung durch Handlung.

Eine ähnliche Sichtweise hat Ralf Dahrendorf[8], wenn er unter Chance den Begriff der „strukturell begründete Wahrscheinlichkeiten“ subsumiert. Weber hingegen orientiert sich strikt am sozialen Handeln, demgemäß es keine eigenständigen Phänomene und somit auch keine Zustände an sich gibt. Weber begründet seine Auffassung damit, dass er Kollektivbegriffe und damit auch Zustände ablehnt, d.h. genauer daß er Phänomene nicht als eine Art von Gegenstand ansieht, der mit einer eigenständigen Bedeutung/Geltung ausgestattet ist.[9] Chancen entstehen nach Weber nur durch soziales Handeln.

Die vierte Voraussetzung für das Vorliegen von Macht ist das Vorhandensein von Ressourcen („gleichviel, worauf diese Chance beruht“). Als Ressourcen sieht Weber nicht nur direkt die ökonomischen Güter an, sondern z.B. auch Faktoren wie den sozialen Status, der z.B. Zugang zu bestimmten Lebensbereichen gewährt (direkte/indirekte Ressourcen). Kaven nennt in seinem Buch vier Quellen von Ressourcen. Diese Quellen sind[10]:

1. Physische Gewalt / Überlegenheit
2. Verfügung über bestimmte Güter (Ökonomische Güter aber auch sozialer Status gehören zu dieser Gruppe)
3. Organisationsüberlegenheit
4. Der Mensch als Ressource (Human Ressource)

Treffen somit die oben genannten Voraussetzungen auf eine Situation zu, so kann man nach Weber von Macht als sozialer Beziehung zwischen Personen (gleich ob Gruppe oder Individuum), sprechen.

2. Definition von Macht nach Elias

Um den Machtbegriff Norbert Elias zu verstehen, muß man zunächst auf das eliassche Verständnis der Beziehungen der Menschen zueinander eingehen. Dieser Punkt ist bei Elias wiederum mit der sog. Zivilisationstheorie verknüpft.

Aus dieser Zivilisationstheorie heraus entwickelt Elias den Begriff der sog. Figuration.

Bei den Figurationen handelt es sich um Verflechtungszusammen-hänge (oft auch als Interdependenzgeflechte bezeichnet) zwischen Menschen. Elias entwickelt den Begriff der Figuration, um so die nach seiner Meinung fälschlicherweise so oft vorgenommene Trennung von Individuum und Gesellschaft aufzuheben.[11]

Eine genauere Definition dieser Figurationen liefern Baumgart und Eichener in ihrem Lehrbuch[12]. Demnach sind Figurationen: „Interdependenzgeflechte, die die einzelnen Menschen und ihre Motive aneinander binden und sie dazu bringen, in einer ganz spezifischen Weise zu handeln, in einer Weise, in der sie vielleicht nicht handeln würden, wenn sie wirklich völlig frei, also frei von sozialen Abhängigkeiten wären.“

In diesen Figurationen kommt es gemäß Elias zu Konkurrenzen und damit einhergehend zu Verteilungskämpfen um die Chancen in einer Gesellschaft. Im Gegensatz zu Weber begreift Elias Macht nicht als nur in eine Richtung wirkend, sondern als mindestens bi-, häufig aber auch multipolare Beziehung innerhalb der Figurationen.[13]

Ferner begreift Elias Macht auch nicht in dem Sinne, daß eine Person oder Gruppe von Personen über Macht verfügen und die andere Bezugsperson eben nicht über Macht verfügt. Für Elias ist Macht ein Balanceverhältnis, d.h. genauer ein Gewichtungsverhältnis zwischen den Mächten verschiedener Personen.[14]

Da gem. Elias die Menschen in Abhängigkeiten zueinander Macht ausüben, hängt die Machtbalance auch nicht alleine von einem Akteur im Machtspiel ab, sondern von der Gesellschaft als ganzes.

Laut Elias gibt es somit keine absolute Machthierarchie.

Auch in der eliasschen Machttheorie taucht eine Art von Ressourcenbegriff auf. Elias bezeichnet diesen als Machtquelle. Als Machtquellen kommen demnach solche „Ressourcen“ in frage, die in der Lage sind, das Machtdifferential, d.h. die Balance der Macht, zu verändern.

Macht ist somit auch bei Elias ein Produkt sozialer Beziehungen von Menschen zueinander.

3. Definition von Macht nach Foucault

Grundsätzlich stellt Macht im Sinne Foucaults das Einwirken auf Handlungen anderer dar. Dabei tritt die Macht oft als sog. Juridische Macht in den Konzeptionen Foucaults auf.[15]

Ausgehend von den drei Fragen, „Wie wird Macht ausgeübt?“, „Wie ist Macht zu erklären?“ und „Was ist Macht?“ benennt Foucault in seinem Text „Wie wird Macht ausgeübt?“ fünf Punkte, die den Machtbegriff näher beschreiben. Diese sind:[16]

1. Jegliches Machtverhältnis bringt Differenzierungen mit sich, die zugleich seine Bedingungen und seine Wirkungen sind.
2. Die Subjekte, die zueinander in Beziehung treten, haben Interessen und verfolgen Ziele.
3. Das Einwirken auf die Handlungen anderer geschieht mit Hilfe von Instrumenten und Mitteln.
4. Es ergeben sich verschiedene Grade der Institutionalisierung und Verfestigung von Machtverhältnissen. (Juridisches Konzept)
5. Der Prozeß des Einwirkens auf Handlungen anderer kann unterschiedlich effizient ausfallen.

Als Parallele zu den oben erörterten Machtbegriffen nach Weber und Elias lassen sich hier der Begriff der Differenzierung im Sinne der Eliasschen Machtdifferentiale, der Begriff der Beziehung im Sinne der sozialen Beziehung, aber auch indirekt die Ressource, hier als Machtmittel bezeichnet, wiederfinden.

Auch in Foucaults Verständnis von Macht, ist Macht nicht etwas, was der eine hat und der andere nicht hat. Wie Weber begreift Foucault Macht nicht als eine Art Gut oder Phänomen, sondern eher, wie Weber selbst, als eine Art Chance innerhalb einer sozialen Beziehung. Macht ist auch nach Foucault handlungsgebunden, liegt jedoch dann nicht vor, „wenn sich zwei Handelnde gleichberechtigt und einvernehmlich begegnen und sich in ihrer Beziehung oder ihrem Verhältnis sozusagen ‚In Ruhe lassen’“[17].

[...]


[1] Zit. Nach: Kaven, Sozialer Wandel und Macht, S. 43 aus Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, a.a.O., S. 531

[2] Vgl. Kaven, Sozialer Wandel und Macht, S. 44

[3] Kaven erwähnt hierzu die sog. Polytheismusthese, die einen ewigen Kampf der Werte und Interessen zwischen den Menschen zum Gegenstand hat. Vgl. Kaven, Sozialer Wandel und Macht, S. 44

[4] Zit. nach Kaven, Sozialer Wandel und Macht, S. 45

[5] Zit. nach Kaven, Sozialer Wandel und Macht, S. 45

[6] Vgl. Kaven, Sozialer Wandel und Macht, S. 49

[7] Man stelle sich z.B. eine Person in einem Raum vor, die eben diesen Raum gerade und ohne Umwege von einer Seite zu anderen Seite durchschreiten will. Die mentale Kraft der Person wirkt zielgerichtet auf das Erreichen der anderen Raumseite. Störende Einflüsse könnten z.B. andere Personen sein, die der zuerst genannten Person in den Weg laufen und versuchen, diese vom Ziel abzubringen oder umzuleiten.

[8] Siehe Kaben, Sozialer Wandel und Macht, S. 50,51

[9] Vgl. Kaven, Sozialer Wandel und Macht, S. 50

[10] Nach Kaven, Sozialer Wandel und Macht S. 56

[11] Vgl. Elias, Was ist Soziologie?, S.141 und S.144

[12] Vgl. Baumgart/Eichener, Norbert Elias eine Einführung, S.102-103

[13] Vgl. Elias, Was ist Soziologie?, S.76-77

[14] Siehe z.B. Elias, Was ist Soziologie?, S. 75ff.

[15] Vgl. Kaven, Sozialer Wandel und Macht, S. 141-142

[16] Nach Kaven, Sozialer Wandel und Macht, S. 142-143

[17] Vgl. Kaven, Sozialer Wandel und Macht, S. 142-143

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Soziale Macht
Untertitel
Aufbau und Voraussetzungen von Machtsituationen
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Institut für Sozialpsychologie)
Veranstaltung
Mediation und Recht
Note
bestanden
Autor
Jahr
2007
Seiten
29
Katalognummer
V122279
ISBN (eBook)
9783640273393
ISBN (Buch)
9783640273669
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziale, Macht, Mediation, Recht
Arbeit zitieren
Diplom-Sozialwissenschaftler Carsten-Dennis Lange (Autor), 2007, Soziale Macht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122279

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