Das Böse in "Twin Peaks" von David Lynch


Seminararbeit, 2021

17 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. „Twin Peaks" als revolutionäres Fernsehen
Twin Peaks und Genre
Continuous Serial, Episodic Serial und Genre
Quality TV und Auteur TV
Surrealismus und Postmoderne in Twin Peaks
Surrealism without the uncounscious
Postmodernität
Rezeption
Fankult und alt.tv.twin-peaks

II. Der Ursprung des Bösen
Familie oder Mittelklasse Gesellschaft in Amerika.
Mythologischer Ursprung/Kernspaltung

Literatur und Videoverzeichnis

Einleitung

„I have never been able to sit through a whole episode of Twin Peaks. It's a postmodern soap opera, which means that every time someone on screen eats a piece ofapple pie, you can hear a thousand students start typing their doctoral dissertations on "Twin Peaks: David Lynch and the

Semiotics of Cobbler." Libby Gelman-Waxner, Premiere Magazine1

Wann wenn nicht jetzt 42 Stunden lang Twin Peaks nachholen? Fragt Christian Fuchs aus der FM4 Redaktion Ende April2, und meint es damit als mögliche Beschäftigung während der Selbstquarantäne im Zuge der Corona-Pandemie. Er gibt dafür eine Reihe Gründe an: den spannenden Mystery Plot, die Magie von Bild und Ton, das traumhafte Ensemble, und außerdem mache uns die Serie wieder zu Kindern, ein Phänomen das man während der Pandemie nicht nur über diesen Weg beobachten konnte nachdem es zahlreiche Erwachsene auf Plattformen ihrer Kinder wie Tiktok gezogen hat. Der Autor der Kultserie teilte währenddessen weiter seinen täglichen Wetterbericht von Los Angeles auf Youtube und veröffentlichte zwischendurch einen archaischen Kurzfilm über Feuer (FIRE (POZAR)), nachdem er zuletzt auf Netflix im Gespräch mit einem des Mordes verdächtigten Affen (What Did Jack Do?) zu sehen war.

Diese Seminararbeit ist das Ergebnis einer Auseinandersetzung mit allen Teilen der Serie. Im ersten Kapitel wird analysiert was dazu geführt hat dass die Serie Kultstatus erlangt hat, und man deswegen auch im Jahr 2020 noch einen Artikel darüber liest, sowie welche Bedingungen in der Fernsehindustrie zur Produktionszeit geherrscht haben, um zu zeigen worum es sich bei der Innovation von Twin Peaks handelt. In der Mitte des Kapitels wird dabei auf die Zuordnung zum Surrealismus und zur Postmoderne eingegangen. Abschließend wird ein kurzer Abriss der Rezeption mit einem Hinweis auf die besondere Bedeutung der Fans gegeben, wo sich zwischen der ersten und zweiten Staffel ein drastischer Bruch zeigen lässt. Im zweiten Kapitel wird dem eigentlichen Thema der Arbeit nachgegangen: der Frage nach dem Bösen in Twin Peaks. Auf die doppelte Form der Erzählung abgestimmt, ist auch dieses Kapitel zweigeteilt. Einerseits lässt sich dem Bösen in der Konzeption von Lynch in der Familie begegnen, in der Serie handelt es sich dabei um Mittelklasse Familien einer durchschnittlichen amerikanischen Kleinstadt. Es lässt sich darstellen, dass in Twin Peaks die erste Begegnung eines Individuums mit dem Bösen schon hier stattfindet. Der zweite Teil des Kapitels widmet sich dem allgemeineren Ursprung, nachdem sich die Charaktere in der dritten Staffel zu fragen beginnen, wann das denn alles angefangen hat. Die Antwort, die wie typisch für die Serie nicht lückenlos aufgeklärt ist, findet sich in der achten Episode der dritten Staffel, anhand dieser versucht wird, eine Antwort a la David Lynch zu geben.

I. „Twin Peaks"als revolutionäres Fernsehen

"[ Twin Peaks ] is like nothing else on television. Or maybe it is like everything on television."3

Steve Pond, März 1990 "I couldn't care less about changing the conventions of mainstream television."4

David Lynch, November 1989

Twin Peaks wird als Klassiker der Fernsehgeschichte gehandelt der durch die Fangemeinde Kultstatus verliehen bekommen hat, in zahlreichen Online-Foren wurde die Handlung diskutiert und diverse Vorhersagen über die weitere Entwicklung getroffen, Geheimnisse die in der Handlung enigmatisch gestreut wurden versucht aufzulösen bevor es der Autor tun würde. Nicht überraschend geriet daher die Serie durch die Tatsache dass ihre eingeschworensten Fans logische Rätsel vor die Befriedigung der offensichtlichen Handlung („Who killed Laura Palmer?) stellen in Kritik zu verwirrend und undurchschaubar zu werden und außerdem an Dynamik zu verlieren nachdem dieses Rätsel gelöst wurde. Eine Entscheidung zu der David Lynch durch den Druck des Publikums und des Produktionsträger beinahe genötigt wurde, und die der damalige Head of Entertainment von ABC Robert Iger im Nachhinein bereut, mit der Begründung es sei nicht gut sich in die tragende Vision des Künstlers einzumischen nachdem ihm David Lynch auch vorgeworfen hat der Serie wurde die Todesstrafe gegeben nachdem zuerst verlangt wurde das Mysterium um den Mörder Laura Palmers zu lösen und sie dann zu einer weniger prominenten Fernsehzeit gespielt wurde.5 Zu Beginn war die Motivation des Senders noch Twin Peaks zu produzieren allein weil es anders war als alles zuvor gesehene, selbst das Test-Publikum des Pilotfilms sprach sich gegen ein airing aus eben wegen der Andersartigkeit. Diese Andersartigkeit wird meistens in der Diskussion des Genres und der ästhetischen Struktur der Serie gesucht.

Twin Peaks und Genre

Continuous serial, Episodic Serial und Genre

Im Grunde lässt sich das Genre als ein Mix aus den zwei damals prominentesten Formaten im amerikanischen Fernsehender frühen 90er Jahre beschreiben: die Seifenoper und der investigative Kriminal Thriller. Es lässt sich sogar eine Verbindung herstellen wie die beiden zusammenhängen, und zwar in der Struktur. Auch hier gibt es zwei dominante Formen, die des continuous serial und des episodic serial. Erstere ist charakterisiert durch eine über die Episoden hinweg fortschreitende

Handlung während in der episodic serial die Handlung innerhalb der Episode grundsätzlich abgeschlossen ist. In Twin Peaks lässt sich innerhalb der Serie und besonders zwischen den beiden ersten Staffeln eine Transformation beobachten von der Form des episodic serial zu einer Fokussierung auf die immer weiter über die Episode hinausreichende Handlung und dadurch zur Form des continuous serial. Die Kriminalgeschichte dient hierbei als continuous serial -part der die Geschichten der einzelnen Bewohnerinnen und Bewohners der Kleinstadt seifenopernhaft in Gang bringt. Anstatt also eine narrative Struktur zu wählen schrieben die Drehbuchautoren eine „continuous-serial-within-an-episodic-serial" ’ Struktur, wobei die Seifenoper aus der Detektivgeschichte geboren wird. Henry Jenkins beschreibt den Text als charakterisiert durch eine Kombination aus der paradigmatischen Fülle der Seifenoper mit der syntagmatischen Komplexität einer Mystery-Serie.7 Im Stil, thematischen Interessen, Konventionen und visueller Ästhetik werden in einer Art Rekombination Elemente von einer Vielzahl anderer Genres inkludiert: Film Noir, 50's „ teen flick", Pornographie, Horror, Mystery, Science-fiction und Werbefilm. Diese innovative Sprache führte dazu, dass Twin Peaks ein im Fernsehen eher junges label verliehen bekam: artistic, mit Bezugnahme auf Autorenkino. Marc Dolan urteilt über die Frage nach der Übertretung von Genregrenzen: "To the extent that the series transgressed the rules of its genre, it was inferior television; but to the extent that it conformed to and reinvented those rules, it was television at its best" 8.

Quality-TVund Auteur TV

Das große Gewicht des Stils und des Narratives, ihre Kreativität und Selbstreflexivität, überstieg das bisher im Fernsehen üblich zu sehende, es glich vielmehr dem was unter dem label Autorenkino bekannt war. In seinen vorherigen Filmen hatte David Lynch bereits eine visuelle Sprache und Kernthemen formuliert, die man mit seinem Namen verband. Das seit den 1980er Jahren in Entstehung befindlichen Quality TV setzte auf diese Intertextualität, den Mix verschiedener Genres, komplexere Narrative, gut konstruierte Charaktere und ein größeres Augenmerk auf die ästhetische Qualität der Bilder, um den Namen zu rechtfertigen. Dieses Quality TV entwickelte sich als Reaktion auf vermehrte Konkurrenz von Videospielen und Kassettenrekordern, wodurch das gesendete Fernsehen nicht mehr die einzige digitale Unterhaltungsmöglichkeit in den Haushalten darstellte. Twin Peaks überstieg aber auch die Kategorie des Quality TV, da es die Kategorie durch die tragende Rolle der persönlichen Vision ihres Autors erweitert hat, wodurch es zurecht als Auteur TV bezeichnet werden kann. Schon im Vorhinein wurde mit dem Namen David Lynch geworben, in den Reaktionen der Presse setzte sich die Serie von den anderen Ausstrahlungen ab, indem die Bedeutung als Werk eines Künstlers, Visionärs und Kinoautoren betont wurde.9 Da der Name David

Marc Dolan, The Peaks and Valleys of Serial Creativity: What happened to/on Twin Peaks?, in: David Lavery (Hg.), Full of Secrets. Critical Approaches to Twin Peaks, Detroit 1994, S.36.

Henry Jenkins, "Do you enjoy making the rest of us feel stupid?": alt.tv.twinpeaks, the trickster author and viewer mastery, in: David Lavery (Hg.), Full of Secrets. Critical Approaches to Twin Peaks, Detroit 1994, S.54.

Marc Dolan, The Peaks and Valleys of Serial Creativity: What happened to/on Twin Peaks?, in: David Lavery (Hg.), Full of Secrets. Critical Approaches to Twin Peaks, Detroit 1994, S.45.

Vgl, Potter Palmer, Auteur Tv:' 'Twin Peaks", quality TV and the cult-invaded audience, Proquest Dissertations Publishing 1997, S.46.

Lynch in Twin Peaks so dominant ist, dazu sein Hintergrund im Kino liegt, überrascht es nicht dass es auch zu einigen Schwierigkeiten des Regisseurs mit dem Format kam. Er hasste beispielsweise die Werbeunterbrechungen, widerstand dem 1:33 Bildverhältnis und fand es schwierig seinen Bildern die auratisch-verfolgenden Qualitäten zu geben, die er wollte.6

Surrealismus und Postmoderne in Twin Peaks

Twin Peaks mit Surrealismus in Verbindung zu bringen wirkt vernünftig und ist in der kritischen Rezeption gut belegt. Als geistige Bewegung unter dem Einfluss von Theorien über das Unbewusste und Traumhafte entstanden und an deren Inszenierung und ästhetischer Verarbeitung interessiert, lassen sich in David Lynchs Werken viele Momente surrealistischer Arbeitsweise entdecken. Innerhalb des Surrealismus kommt seine Ästhetik wahrscheinlich den Vertretern der belgischen Schule wie René Magritte und Paul Devaux, deren amerikanisches Äquivalent wohl am ehesten Edward Hopper ist, am nächsten. Als Bewegung die sich als organisierte Bewegung vor allem an sozialem Protest Orientierte ist es schwer sich klassische Gallionsfiguren des Surrealismus wie Luis Bunuel vorzustellen, wie sie ihre Werke in eine kommerzielle Fernsehserie verwandeln, oder wie Sergei Eisenstein bei einem Sequel von Rambo Regie führt. Im Pilotfilm von Twin Peaks entsteht eine Art bourgeoiser Surrealismus mit einem konventionellen Narrativ, dem der Kriminalgeschichte in einer Kleinstadt.7 Das spiegelt womöglich das Duo von Lynch und dem erfahrenen Drehbuchautor Mark Frost wieder, und lässt sich auch in Variation zwischen dem vom FBI entsendeten Hauptermittler Dale Cooper und seinen lokalen Kollegen lesen.

„Surrealism without the uncounscious"

Wo lässt sich aber Unbewusstes entdecken? Nachfolgenden Werken im Kontext des Surrealismus wurde oft eine Schwundbewegung nachgesagt, die zu der Betitelung durch Frederic Jameson surrealism without the uncounscious führte.8 Der Unbewusste Inhalt in als surrealistisch zu bezeichnenden Werken ist dabei dass in der Auswahl und Collagierung der Objekte, die oftmals als objet trouve gefunden werden, eine Erinnerung an die libidinöse Energie enthalten ist oder diese beim Betrachter wieder evoziert. Der Künstler hat in diesem Fall eine nicht zufällige, vielmehr als intuitiv zu bezeichnende Auswahl von scheinbar Zusammenhangslosem getroffen, wie Beispielsweise der Schauspieler von BOB eigentlich Requisiteur des Sets war, Lynch ihn aber als er ihn gesehen hat unbedingt in die Serie einbinden wollte. „So things like this happen and make you start dreaming. And one thing leads to another, and if you let it, a whole other thing opens up."9 Mit diesem Zitat gibt Lynch eine sehr exakte Beschreibung dessen, was als surrealistisches Verfahren bezeichnet wird. Andere Merkmale die die ästhetische Struktur innerhalb der Serie prägen sind die Akkumulation und Verdichtung kulturell zirkulierendem Bildmaterials, intertextuelle und intermediale Anspielungen und Zitate sowie die Konfrontation von Bildbeständen aus populären und hochkulturellen Kontexten. Das Ziel dieser Mittel ist dabei überraschende, schockierende oder gar unheimliche Effekte zu erzeugen. Eine besondere Rolle nimmt dabei die Welt der Dinge ein, die in Form von Kitsch oder übergroßer Präsenz im Bild (beispielsweise eines riesigen Hirschkopfes der plötzlich auf dem Tisch im Besprechungsraum der Polizeistation liegt) dem Betrachter näherzukommen. Grundlage ist dabei die Verortung einer gebrochenen und beschädigten Ordnung der Dinge in einer industriell-kapitalistischen Gesellschaft, wodurch das Unbewusste auch durch die Ordnung der Dinge spricht und damit auf das individuelle oder kollektive Bewusstsein Bezug nimmt. Die Welt derObjekte enthält also auch das Unbewusste, und kann somit auch auf etwas hinweisen. Der besagte FBI-Agent Dale Cooper ist quasi wortwörtlich den Dingen auf der Spur, inspiriert auch durch buddhistische Mystik und Offenheit für andere Para-psychologische Inhalte, beispielsweise den Weisheiten und Legenden des indianisches Animismus dessen Kenner und Vertreter Hawk, einer der Deputies der örtlichen Polizeistation, ist. Die Dinge befinden sich jedoch nicht nur in der Realität, sondern tauchen auch in den zahlreichen Traum- und Halluzinationssequenzen auf, in denen oftmals Dinge die nur einen formalen Zusammenhang haben (beispielsweise ein Auge und eine Uhr) durch den Schnitt aneinandergereiht werden und somit einen unklaren Bedeutungszusammenhang erzeugen. Damit teilt die Serie die Faszination der Surrealisten für mentale Zustände, welche die übliche Trennung von Wirklichkeit und Phantasie verschwimmen lassen und die traditionelle Dichotomie von Traum und traumfreier Realität aufgehoben wird. Das lässt sich auch dadurch unterstreichen dass Trauminhalte oft prophetischen Inhalts für kommende Ereignisse oder deren Deutung vorbereiten. So lässt sich eben anhand dieser Sequenzen und deren Bedeutung für die Handlung nachweisen, dass es sich nicht um einen surrealism without the uncounscious handelt. Da die handelnden Personen diese im Traum gegebenen Hinweise zur Lösung des Mordrätsels ernst und überzeugt auch seine Mitermittler sich einzulassen da sich eine vage Übereinkunft über die Existenz der Bedeutung von Intuition finden lässt. Dem Traum wird dadurch gestattet auf die Realität überzugreifen und beide erhalten denselben Status einer surrealen Wissensordnung. Diese Destabilisierung derGrenze zwischen den beiden Sphären wird im Laufe der Serie noch verstärkt, da sich herausstellt, dass das rote Zimmer (später als black lodge identifiziert) nicht nur im Traum Coopers, sondern auch des Mordopfers Laura Palmers vorkam. Es ist paradoxerweise Traum und intersubjektiv zugängliche Wirklichkeit zugleich. Andere angespielte Inhalte werden hingegen nicht manifest, wodurch sich auch auf die Durchbrechung des Realitätsprinzip nicht verlassen werden kann. Es öffnet sich ein Raum von Verunsicherung die nicht nur kognitiv, sondern auch auf emotionaler Ebene spürbar wird. Diese Spuren des Unbewussten, die Destabilisierung der Grenze zwischen subjektiv und objektiv, Traum und Realität, sind Verfahren die eine als surreal zu bezeichnende Atmosphäre und Ästhetik schaffen.10

Diese Charakteristiken überlappen mit einem anderen Begriff mit dem die Serie oft in Verbindung gebracht wird, dem der Postmodernität. Während die traumartige narrative Logik in Twin Peaks mit Filmen von Surrealisten verglichen wurde, insbesondere mit Bunuels „The Discreet Charm of The Bourgeoisie", ist Surrealismus doch mehr als das Sprechen des Unbewussten. Die Zugehörigkeit ist daher nachvollziehbar auf einer Ebene vom visuellen Stil und der Logik des Narratives, das Zusammenhänge wie sie unbewusst im Traum stattfinden nachstellt. Die politischen und sozialen Forderungen teilt Lynch jedoch nicht, was das Surreale in Twin Peaks vielmehr auf einen Stil beschränkt, der in den persönlichen Stil inkludiert wird, als einer Zugehörigkeit zu einer politischen Bewegung. In Darstellungen von idealisierten amerikanischen Kleinstädten in surrealistischer Weise bleibt dieses Ideal traumhaft erhalten und wirken irreal. Für Lynch ist dieser Idealismus unmöglich und verloren, in seiner Darstellung wird hingegen etwas von einer Sehnsucht oder einem nostalgischen Nachtrauern über dieses Etwas spürbar, das niemals existierte.

Postmodernität

In diesem Sinne lässt sich eine Fortsetzung surrealistischer Methoden feststellen, die aber in eine Haltung die der Postmoderne entspringt weitergeführt wurden. Das was James als surrealism without the uncounscious bezeichnet hatte, war für ihn postmodern. Das Streben der Surrealisten hinter der Oberfläche eine höhere Bedeutung in einer irrationalen traumhaften Realität, die die tiefsten Aspekte der Psyche zu fassen vermag, zu finden und sichtbar zu machen, wird von der Postmoderne erodiert, da Realität ganz generell in Frage gestellt wird.11 In Twin Peaks ist das darin nachzuvollziehen, dass es zwischen den Sphären keine Bedeutungshierarchie gibt, der Hinweis der im Traum offenbart wird ist genauso wichtig wie der Hinweis der in der konventionellen Realität gegeben wird. Obwohl es sich also nicht um einen surrealism without the uncounscious handelt, durch das Sprechen des Unbewussten durch die Welt der Dinge, und die Erinnerung an die libidinöse Ernergie in ihrer Zusammenstellung, ist es doch die bloße Verfahrensweise die als surrealistisch zu bezeichnen ist. In seiner verschmelzenden oder gar erodierenden Darstellung von historischen Perioden in eine narrative Welt mit nostalgischer, jedoch beunruhigender Atmosphäre außerhalb von Geschichte, den vielen intertextuellen Verweisen auf andere kulturelle Güter in Form von Pastiche und der Auflösung der Grenze zwischen Hoch- und Populärkultur in einer hierarchielosen Weise (es sei nochmal darauf hingewiesen dass es zwischen den Sphären der verschiedenen Realitäten keine unterschiedliche Wertung an Bedeutung gibt) ist Twin Peaks ausgesprochen postmodern, surrealistisch im Stil, postmodern in der Anschauung.

Für diese Mischung scheint das Fernsehen zum idealen Medium zu werden, da es als Medium prädisponiert ist zur Auflösung von streng gesetzten Grenzen, beispielsweise von Hoch- und niederer Kunst, zwischen Waren- und Kunstform, zwischen dem Realen und dem Schein anbietet. Die Erosion von Geschichte in Form von einem Durchbruch von Vergangenheit und Gegenwart, dem Verwenden von historischen Epochen und Stilen als austauschbar, der Darstellung von Welten außerhalb von Geschichte oder gar dem Verneinen von Geschichte, der Rolle des Autors als bricoleurs und die Verlagerung der Autorschaft auf eine Unternehmensproduktion, all das sind Bedingungen für die sich postmoderner Film ideal zu eignen scheint. DerZusammenstoß von Lynchs Werk und Fernsehen scheint daher unausweichlich gewesen zu sein.12

Rezeption

Nach der Ausstrahlung des schon im vorhinein stark beworbenen und heiß erwarteten Pilotfilms auf ABC-TV im Frühling 1990, wurde die Serie schnell zu einem authentischen, nationalen Phänomen, das imstande war riesige Publikumszahlen zu generieren. Zuerst entwickelten sich Fanzirkel innerhalb der USA, später in der ganzen Welt. Die Serie stand innerhalb kurzer Zeit im Fokus von Diskussionen innerhalb der TV-Industrie, erhielt Titelstorys in verschiedenen prestigeträchtigen landesweiten Magazinen und war Gesprächsthema am Arbeitsplatz am Freitagmorgen, nachdem die neuen Episoden Donnerstags zur Prime-Time ausgesendet wurden. Die Öffentlichkeit und auch die Kritiker waren begeistert, nicht nur vom Namen des Regisseurs der bisher nur eine geringe Anzahl an Filmen gedreht hatte und nach so kurzer Zeit aufgrund seiner Eigenart und dem wiedererkennbaren Stil den Status eines Auteurs innehatte, sondern auch vom Ausmaß der Bewerbung als die Serie die das Fernsehen verändern würde. Twin Peaks wurde als Marke, wie Coca-Cola oder BMW, und als Detektivgeschichte in der die Zusehenden eingeladen wurden ein verstecktes und verstörendes Geheimnis zu lösen, beworben. Durch die große Aufmerksamkeit die die Serie genoss stieg beim Publikum und bei den TV-Sender Managements die Erwartungen, bei ersteren um Herauszufinden worum es bei dem ganzen Trubel geht, bei letzteren wie es der Serie ergehen würde. Die Kritiken waren durchgehend positiv und schrieben der Serie Originalität, Kreativität, Subversivität und ähnliches zu, die Kritik von Zoglin sei hier als positiver Höhepunkt dargestellt: "In the darkly, idosyncrativ world of Direcot David Lynch, Twin Peaks is like nothing you've seen in prime time - or on God's earth. It may be the most hauntingly original work ever done for American TV. It's enough to restore one's faith in television"13. Auf der anderen Seite gab es bei den Kritikern auch die Idee, die Produktion sei für den Durschnittssehenden zu intelektuell, ein Liebling der Kritiker durch die die Schönheit der Bilder, die brilliante Kreativität, aber eben zu hoch für den Durschnittsbürger.

Nach diesem Erfolg der ersten Staffel folgte ein Nachlassen der reaktiven Kräfte, der Druck den Mördervon Laura Palmerzu enthüllen führte dazu dass weitere Handlungsstränge etabliert wurden, von denen aber keiner imstande war das Publikum so gefesselt zu halten wie dieses konkrete Mysterium das den Anfang gesetzt hatte. Dazu kam dass die Serie auf einen weniger prominenten Ausstrahlungsslot gelegt wurde, wie bereits zur Einleitung dieses Kapitels gesagt wurde. Diese plötzliche und große Veränderung in der Rezeption vom Publikums- und Kritikerhit zu einer langweiligen dahinplätschernden Serie führte dazu dass es bei ABC sogar die Idee gab Lynch zu feuern und ein erfahrenes Fernsehserienteam einzusetzen. Jedenfalls musste Veränderung her oder schnell abgesetzt werden.14 Mit der Produktion des Prequel „Twin Peaks: Fire Walk with Me" versuchte Lynch die Wendungen die sich in der zweiten Staffel ergeben haben auszubügeln und nochmals mehr seiner ursprünglichen Vision darzustellen. Danach kam es zu über 20 Jahren Pause für Twin Peaks. Mit der dritten Staffel die ab 2017 ausgestrahlt wurde und von Showtime produziert wurde konnte das Interesse an Geschichte und dem Universum von Twin Peaks nochmals ein wenig wiederbelebt werden.

Fankult und alt.tv.twin-peaks

Eine Besonderheit die nochmal herausgestrichen werden soll ist die Beziehung die das Publikum zur Serie hatten. In der Phase der Faszination vermochte Twin Peaks sogar Menschen die bis dahin Fernsehen hassten oder es ignoriert haben. Einige Fans gerieten beinahe in eine Art Manie oder Besessenheit, die durch den intensiven Bezug den manche Kultfans zum Text entwickelten, der scheinbar genau das war, das die Öffentlichkeit gebraucht hatte.15 Die Serie war nicht nur Unterhaltung, sondern auch ein bedeutsamer Teil ihres Lebens und ihrer Identität. Die Subkultur die sich über Grenzen der Gesellschaft hinwegsetzte machte sich in kleineren Guppen auf Uni- Campussen, die zusammenkamen um die neue Episode zu sehen, oder Foren im noch jungen Internet bemerkbar. Letzteres war ein wichtiges Kommunikationsmittel das die Formierung größerer Communities ermöglichte. Vom Pilotfilm an formierte sich beinahe umgehend eine Gruppe im Usenet unter dem Thread alt.tv.twin-peaks, eine Form der Kommunikation die es zuvor nicht gegeben hatte. Dabei handelt es sich um einen Diskussionsraum der es den Benützenden ermöglicht Beiträge zu veröffentlichen, die aus Text, Bildern, Audio oder anderen Dateien bestehen konnten. Während der ersten Staffel wurden zwischen 100 und 200 Beiträge pro Tag veröffentlicht, wodurch der Newsthread unter die aktivsten zehn geriet. Zusehende hatten die Möglichkeit ihre eigenen Interpretationen zu diskutieren und Lynch verwehrte eine eigene, richtige Lesart. Die Interpretation wurde daher nicht vorgegeben, sondern es entstand eine Art interpretive

[...]


1 Zitiert nach: David Lavery, Introduction: Twin Peaks' Interpretive Community, in: David Lavery (Hg.), Full of Secrets. Critical Approaches to Twin Peaks, Detroit 1994, S.14.

2 Christian Fuchs, Wann wenn nicht jetzt: 42 Stunden lang „Twin Peaks" nachholen, Radio FM4 2020.

3 Steve Pond, Naked Lynch, Rolling Stone 22:51 1990, S.53.

4 Zitiert nach: Jonathan Rosenbaum, Bad Ideas: The Art and Politics of Twin Peaks, in: David Lavery (Hg.), Full of Secrets. Critical Approaches to Twin Peaks, Detroit 1994, S.22.

5 Vgl. Robert Iger, The Ride of a Lifetime: Lessons learned from 15 years as CEO of the Walt Disney Company, New York 2019, S.70-75.

6 Vgl .Linda Ruth Williams, Twin Peaks: David Lynch and the Serial-Thriller Soap, in: Michael Hammond und Lucy Mazdon, The Contemporary Television Series, Edinburgh 2005, S.37-53.

7 Vgl. Jonathan Rosenbaum, Bad Ideas: The Art and Politics of Twin, in: David Lavery (Hg.), Full of Secrets. Critical Approaches to Twin Peaks, Detroit 1994, S.24.

8 Nicola Glaubitz/Jens Schröter, Surreale und surrealistische Elemente in David Lynchs Fernsehserie Twin Peaks, in: Michael Lommel, Isabel Maurer Queipo, Volker Roloff (Hg.), Surrealismus und Film. Von Fellini bis Lynch, Bielefeld 2008, S.281.

9 David Lynch, Catching the big fish. Meditation, Consciousness, and Creativity, New York 2007, S.78.

10 Nicola Glaubitz/Jens Schröter, Surreale und surrealistische Elemente in David Lynchs Fernsehserie Twin Peaks, in: Michael Lommel, Isabel Maurer Queipo, Volker Roloff (Hg.), Surrealismus und Film. Von Fellini bis Lynch, Bielefeld 2008, S.281-298.

11 Vgl. Theresa Geller, Deconstructing Post Modern Television in Twin Peaks, Spectator 12 (1992), 2, S.69.

12 Vgl. Potter Palmer, Auteur TV: „Twin Peaks", quality TV and the cult-invaded audience, ProQuest Dissertations Publishing 1997, S.40-62.

13 Vgl. Richard Zoglin, Like Nothing On Earth: David Lynch's Twin Peaks may be the most original Show on TV, Time 1990, S.96.

14 Vgl. Potter Palmer, Auteur TV: „Twin Peaks", quality TV and the cult-invaded audience, ProQuest Dissertations Publishing 1997, S.123.

15 Vgl. Ebenda, S.207.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Das Böse in "Twin Peaks" von David Lynch
Hochschule
Universität Wien
Note
1
Autor
Jahr
2021
Seiten
17
Katalognummer
V1223082
ISBN (Buch)
9783346648303
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Film, Filmgeschichte, Filmanalyse, Filminterpretation, Twin Peaks, David Lynch, Symbolik, Metaphysik, Böse, Genre, Surrealismus, Postmoderne, Quality TV, Auteur TV, Continuous Serial, Episodic Serial, Genrediskussion, alt.tv.twinpeaks, 90er
Arbeit zitieren
Felix Waldschütz (Autor:in), 2021, Das Böse in "Twin Peaks" von David Lynch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1223082

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