Medientheoretische Arbeit. Dekonstruktivistische Analyse unter Rückgriff auf Butler und Foucault. Die Nutzung von Geschlecht als Hintergrundkategorie in der Rezeptionsanalyse von Medien wird kritisch hinterfragt.
Zunächst soll Angs und Hermes Konzept der Medienrezeption erläutert werden, um im
zweiten Schritt das diskurstheoretische Modell Judith Butlers und somit die Wirkmächtigkeit
des heteronormativen Diskurses und dessen unwiderrufliches Eingeschriebensein in Körper
darzulegen. Unter Rückgriff darauf sowie auf Michel Foucaults Macht- und Diskursbegriff soll, durch den Verweis auf die Funktion hegemonialer Diskurse als Referenzsystem, Angs
These der „ungendered moments“ entkräftet und darüber hinaus als wenig erstrebenswert
erörtert werden. Ein historischer Exkurs auf das Verhältnis von Frauen und Film(theorie) soll
hierbei verdeutlichend herangezogen werden.
Abschließend wird eine Koppelung von Medien- und Diskursanalyse vorgeschlagen, um die
Medienrezeptionsanalyse mit einem makrotheoretischen Rahmen zu verknüpfen und auf diese
Weise den Zusammenhang von diskursiv erzeugtem Geschlecht und Medienkonsum aus
einem diskurstheoretischen Blickwinkel zu untersuchen.
Abgrenzend sei noch vorangestellt, dass, wenn im Folgenden von „Medienkonsum“
gesprochen wird, das Etikett „Medien“ explizit jene Massenmedien wie Film und Fernsehen
meint. Demgegenüber sind ebenso Printmedien diesem Medienbegriff inhärent und Angs
Analyse ließe sich prinzipiell ebenfalls auf Systeme wie das Internet übertragen. Gemäß dem
Fokus des Aufsatzes sollen jedoch für die Überlegungen Fernsehen und Film den
Schwerpunkt bilden.
[...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Ausgangslage: Ien Angs „Gender and /in Media Consumption“
3. Die Inkorporation hegemonialer Diskurse
3.1 Leibliche Einschreibungen
3.1.1 Die Möglichkeiten des Verbots – Foucaults Machtbegriff
3.1.2 Der Diskurs der Heteronormativität
4. Zwischenbetrachtung
5. Exkurs: die historische Dimension von Film und Geschlecht
5.1 Die Historizität des Diskurses
5.2 Frauen und Film
5.3 Frauen im Film - Die Männlichkeit des filmischen Blicks
6. „in everyday life gender is not always relevant“ – Geschlecht als Hintergrundkategorie?
7. Fazit
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit setzt sich kritisch mit der These auseinander, dass Geschlecht in Alltagssituationen des Medienkonsums eine untergeordnete oder irrelevante Hintergrundkategorie darstellt. Ziel ist es, den konzeptionellen Kurzschluss in dieser Argumentation aufzuzeigen, indem die Wirkmächtigkeit hegemonialer Diskurse und die performative Konstruktion von Geschlecht nach Judith Butler und Michel Foucault in den Kontext der Medienrezeptionsanalyse gestellt werden.
- Kritische Analyse von Ien Angs Konzept der „ungendered moments“
- Einsatz diskurstheoretischer Modelle zur Untersuchung von Machtverhältnissen
- Untersuchung der performativen Dimension von Geschlecht
- Historische Perspektive auf das Verhältnis von Frauen und Film
- Dezentrierung der Annahme eines autonomen, geschlechtsneutralen Medienkonsums
Auszug aus dem Buch
3. Die Inkorporation hegemonialer Diskurse
Judith Butler zufolge kann der Prozess der Subjektwerdung oder Subjektivation nur mit der gleichzeitigen Unterwerfung des im Entstehen begriffenen Subjekts einhergehen, da – verkürzt dargestellt – Subjekte nur dann der Wahrnehmung (die Eigenwahrnehmung einschließend) zugänglich werden, wenn sie sich bezeichnen lassen, sich also der Belegung durch ein Zeichen, z.B. „Frau“, beugen.
Butler greift bei ihren Ausführungen auf Louis Althussers Theorie der Interpellation zurück, in der er ebenfalls davon ausgeht, dass vor der Annahme einer Bezeichnung, das Subjekt nicht als „Frau“ existiert, sondern erst das Angerufenwerden, Bezeichnetwerden, als solches das Subjekt konstituiert. In diesem Sinne ist die Bedingung der Existenz von Subjekten, dass sie vom Moment ihrer Entstehung an einer Bezeichnung unterworfen sind.
Paradox ist dabei die „gelebte Gleichzeitigkeit von Unterwerfung als Beherrschung und von Beherrschung als Unterwerfung“, denn „je mehr eine Praxis beherrscht wird, desto vollständiger die Subjektivation.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die feministische Medienanalyse ein und hinterfragt die These der Geschlechterirrelevanz bei Ien Ang durch den Einbezug postmoderner und diskurstheoretischer Ansätze.
2. Die Ausgangslage: Ien Angs „Gender and /in Media Consumption“: Dieses Kapitel analysiert die Argumentation von Ien Ang und Joke Hermes bezüglich der vermeintlichen Messungenauigkeiten und der situativen Irrelevanz von Geschlecht im Medienalltag.
3. Die Inkorporation hegemonialer Diskurse: Hier werden die theoretischen Grundlagen nach Butler und Foucault dargelegt, insbesondere wie hegemoniale Diskurse und Machtstrukturen das Subjekt und dessen Geschlechtlichkeit konstituieren.
4. Zwischenbetrachtung: Dieses Kapitel fasst die diskurstheoretischen Debatten zusammen und betont die Unmöglichkeit eines Agierens außerhalb von Machtverhältnissen und Diskursen.
5. Exkurs: die historische Dimension von Film und Geschlecht: Der Exkurs beleuchtet die historische Benachteiligung von Frauen in der Filmbranche und die Etablierung des „männlichen Blicks“ als dominante Struktur.
6. „in everyday life gender is not always relevant“ – Geschlecht als Hintergrundkategorie?: Das Kapitel führt die theoretische Kritik fort und argumentiert, dass die Annahme einer temporären Irrelevanz von Geschlecht den performativen Charakter von Identität negiert.
7. Fazit: Das Fazit resümiert, dass die Ausblendung von Geschlecht in der Medienanalyse den Blick auf die zugrunde liegenden, wirkmächtigen Machtstrukturen verstellt und plädiert für eine Einbettung der Rezeptionsanalyse in makrotheoretische Diskurstheorien.
Schlüsselwörter
Medienrezeption, Geschlecht, Diskurstheorie, Judith Butler, Michel Foucault, Heteronormativität, Hegemonie, Identität, Performativität, Machtstrukturen, Medienkonsum, feministische Medienanalyse, Subjektivation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die kritische Auseinandersetzung mit der These, dass Geschlecht im Medienkonsumalltag lediglich eine temporär irrelevante Hintergrundkategorie sei.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die feministische Medienanalyse, diskurstheoretische Ansätze zur Subjektwerdung und die historische sowie aktuelle Position von Frauen in Film und Fernsehen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, dass die Annahme der Geschlechterirrelevanz in Medienrezeptionspraktiken theoretisch inkonsequent ist und die tatsächliche Machtstruktur hegemonialer Diskurse verschleiert.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es wird eine diskurstheoretische Analyse vorgenommen, die auf den Arbeiten von Judith Butler, Michel Foucault und weiteren Vertretern der Filmtheorie basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden Butlers Theorie der Subjektwerdung, Foucaults Macht- und Diskursbegriffe sowie eine historische Untersuchung der Filmbranche und der Rolle von Regisseurinnen analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Medienrezeption, Geschlecht, Performativität, Hegemoniale Diskurse, Subjektivation und Heteronormativität.
Wie bewertet die Arbeit Ien Angs Konzept der „ungendered moments“?
Die Arbeit bewertet dieses Konzept kritisch als einen „gedanklichen Kurzschluss“, der die Wirkmächtigkeit hegemonialer Strukturen und die permanente performative Erzeugung von Geschlecht ignoriert.
Warum wird im Dokument der „männliche Blick“ thematisiert?
Der „männliche Blick“ wird als historisch gewachsenes, machtvolles Instrument der Filmindustrie identifiziert, das massgeblich dazu beiträgt, Frauen als Objekte der Schaulust zu konstituieren.
- Quote paper
- Nina Schumacher (Author), 2007, „In everyday life gender is not always relevant“ – Geschlecht als Hintergrundkategorie in der Medienrezeption, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122344