Der Dialog in „Una sola muerte numerosa” von Nora Strejilevich


Hausarbeit, 2007
16 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

I. Theoretische Grundlage
1.1 Bakhthin’s Dialogismus & Foucault’s Diskursanalyse
1.2 Kollektive Erinnerung

II. Testimonialliteratur
2.1 Definition
2.2 Autorinnen

III. “Una sola muerte numerosa“
3.1 Der Dialog ist eröffnet
3.2 Der Dialog zwischen Autorin und anderen Zeugen
3.2.1 Öffentliche vs. private Dialoge
3.2.2 Vertikale und horizontale Kommunikation
3.3 Im Dialog mit der Vergangenheit
3.4 Persönliche und kulturelle Identität
3.5 Der Leser

IV. Schlußbetrachtung

V. Literatur

0. Einleitung

Basierend auf der Theorie Bakhthin’s von einem Dialogismus der Sprache, sollen in der vorliegenden Hausarbeit die verschiedenen Dialoge die sich in „Una sola muerte numerosa“ wiederfinden, herausgearbeitet werde. Den Anfang bildet die reine Existenz dieses Werkes, mit dem Nora Strejilevich ihrSchweigen bricht, das ihr vom argentinischen Militär auferlegt wurde. Sie beginnt den Dialog mit ihren Leidensgenossen und richtet sich gleichzeitig an die Öffentlichkeit. Ein weiterer Dialog findet zwischen der Autorin und ihrer Vergangenheit, bzw. den Menschen aus ihrer Vergangenheit statt. Den dritten Dialog führt die Autorin mit dem Leser.

Im Folgenden sollen nun diese drei Dialoge auf ihre Intention hin untersucht werden und wir werden dabei feststellen, dass diese Dialoge wichtig sind um a) eine kollektive Erinnerungzu dokumentieren, b) der Wahrheit ans Licht zu verhelfen, c) die Kollektivität unter den Menschen zu stärken und um d) die persönliche sowie die kulturelle Identität wiederzufinden.

Die Struktur dieser Hausarbeit sieht im ersten Kapitel eine Einleitung in die Theorie Bakhthin’s, die Diskursanalyse Foucault’s sowie die Theorie der Kollektiven Erinnerung Halbwach’s vor. Im zweiten Kapitel wird auf das Genre der Testimonialliteratur eingegenagen, um dann im dritten Kapitel, dem Hauptteil, die Theorien auf das Werk anzuwenden und die Intentionen der verschiedenen Dialoge herauszuarbeiten.

I. Theoretische Grundlage

1.1 Bakhthin’s Dialogismus & Foucault’s Diskursanalyse

Als Grundlage für die Analyse von „Una sola muerte numerosa“ diente mir vor allem Bakhthin’s Dialogismus. Sprache wird von ihm nicht mehr als ein unabhängiges Statement betrachtet, sondern als ein sprachlicher Akt in einem Dialog („Language is not perceived of as the Soussurean ‚language’, but as ‚parole’ or speech, where an interlocutor is present at the moment of the utterance“[1], p. 13). Auf „Una sola muerte numerosa“ bezogen bedeutet das, dass das Werk nur einen Beitrag darstellt zu einem Dialog, der vor dem Entstehen des Werkes sowie nach seiner Veröffentlichung weiter gehen wird.

Auch Foucault[2] hat sich mit diesem Gedanken beschäftigt als er die Diskursanalyse einführte. Seiner Meinung nach ist ein Autor oder eine Autorin immer beeinflusst von herrschenden Diskursen in der Gesellschaft. Diese werden von dem Autor aufgegriffen, für sein Werk gefiltert und dann an die Gesellschaft zurückgegeben. Er sieht hier außerdem eine gegenseitige Dependenz, denn ohne diese Diskurse gäbe es, auf der einen Seite, keinen Grund das Werk zu schreiben und, auf der anderen Seite, kann das Werk die Diskurse beeinflussen und verändern. Ein Text ist somit ein Treffpunkt vieler verschiedener Diskurse in einem sozialen Netz.

Beide Theorien helfen den Blickwinkel zu erweitern und die verschiedenen Diskurse wahrzunehmen und zu kombinieren (“extend the social and cultural spheres, to include the ethnical categories of class and race“1(p. 204). M. Bakhthin’s Theorie zufolge, wird Sprache so zu einem sozialen Phenomen “ that encompasses a plurality of social voices and [functions] as locus of ideology “ 1 (p. 204).

Der soziale Aspekt dieser Theorie entspricht der Intention von „Una sola muerte numerosa“, da die Autorin großen Wert auf den offenen Dialog zwischen den Menschen legt um die Vergangenheit besser dokumentieren zu können:

“Bakhthin’s dialogic perception of language includes multiple consciousnesses in tension with an official narrative and is particularly enlightening for the reading of women’s fiction because it incorporates the voices of the marginalized, among the women’s voices, and the diverse social ideologies of heteroglossia in a polyphonic social discourse” 2 (p. 204).

Dieses Zitat zeigt, dass es eine Spannung zwischen offiziellen und privaten Dokumentationen gibt und der Dialogismus nach Bakhthin somit eine ideale Möchlichkeit, besonders für Frauen und Menschen die aus der Marginalität kommen, darstellt.

Auch M. T. Medeiros-Lichem[3] betont, dass gerade die Autor innen von dieser Theorie profitieren, da sie ihnen erlaubt, die Stimmen aus der Marginalität laut werden zu lassen.

Weibliche Autorinnen erweiterten also den Dialogismus indem sie sich bemühten, Stimmen aus der Peripherie in den Diskurs zu integrieren, um somit die monologen und vertikalen Strukturen des Patriarchats in Frage zu stellen ( “feminist dialogic theories in their effort to intergrate the voices of the periphery into a discourse that challenges monologism and vertical patterns of dominance, and that acknowledges the voice as a side of resistance are an innovative extension of Bkhthin’s dialogism” 3, p. 205). Es handelt sich somit um einen Gegensatz zu den früheren monologen, männlichen Diskursen.

1.2 Kollektive Erinnerung

Durch die fragmentarische Struktur des Textes, also die Adaption verschiedener Texte und anonymer Zeugenberichte, wird der Fokus von der persönlichen Erinnerung Nora Strejilevich’s, zu einem größeren Bild ausgeweitet. Es geht nicht mehr um eine individuelle Erfahrung allein, sondern um die Erfahrung vieler Menschen. Dadurch entsteht eine Polyphonie, die Grundlage zu einer kollektiven Erinnerung.

Der Begriff der kollektiven Erinnerung wurde von dem Franzosen Maurice Halbwachs[4] geprägt. Er geht davon aus, dass Menschen sich am Besten erinnern, indem sie entweder mit anderen Menschen kommunizieren oder indem äußere Anreize eine Erinnerung auslösen. Somit sagt er, dass Erinnerung nicht nur ein psychologischer sondern auch ein sozialer Vorgang ist. Unsere eigenen Erinnerungen sind nicht ausschließlich persönlich, sondern die Erinnerung wird vollständiger, wenn sich mehrere Personen gemeinsam erinnern (vgl. p. 38). Solche sozialen Erinnerungen formen unsere Gesellschaft und können als fundamental für die nationale Identität angesehen werden (vgl. Kap. 3.4 ).

Hierbei kann man zwischen der spontanen und der intentionalen Erinnerung unterscheiden. Die spontane Erinnerung ist an Details und Emotionen gebunden und macht einen Teil unserer kollektiven Erinnerung aus. Die Intentionale dagegen, kann nur noch mit Fakten und Daten aufwarten. D. h., dass die Bedeutung der kollektiven Erinnerung mehr in der Qualität als in der Quantität der Erinnerung liegt. Im Laufe der Zeit verschwinden viele Details eines bestimmten Ereignisses und nur der grobe Rahmen, eine intentionale Erinnerung, wird in das Gedankengut der Gesellschaft übernommen. Dies bedeutet nicht, dass sich die Menschen später nicht mehr an das Ereignis erinnern können, es wird jedoch für spätere Generationen nicht mehr das selbe sein, wie für die Menschen die es durchlebt haben.

Deshalb hat sich die Testimonialliteratur zur Aufgabe gemacht, dem Vergessen entgegenzuwirken.

II. Testimonialliteratur

2.1 Definition

Als Testimonialliteratur bezeichnet man Literatur, die Zeugenberichte aus erster oder zweiter Hand literarisch verarbeitet. Sie reicht von persönlichen Zeugnisberichten bis hin zu dokumentarischen Romanen. Testimonialliteratur entstand in Latein Amerika im Zuge der Militärdiktaturen während der 60er Jahre, und hatte ihren Höhepunkt in den 70ern. Sie wurde aus dem Wunsch heraus geboren, die schrecklichen Erfahrungen und Erinnerungen dieser Zeit festzuhalten und die Wahrheit ans Licht zu bringen. Nora Strejilevich[5] beschreibt die Funktion der Testimonialliteratur als einen Versuch

“… de registrar lo vivido; [porque] por ende, es esencial la relación de la palabra con lo que está más allá, con el referente, con lo que se recuerda e intenta transformar en discurso pero que a la vez se resiste, porque lo siniestro no encuentra cómo plasmarse en escritura” (p. 8),

und sie definiert Testimonialliteratur als „a pact of truth established with the reader in relation to the experience that is being narrated“ 6 (p. ii). Damit macht sie deutlich, dass auch dem Leser eine wichtige Rolle zukommt (vgl. Kap. 3.2), denn die Autoren und Autorinnen der Testimonialliteratur wollen sich anderen Menschen mitteilen und über ihre Erlebnisse sprechen, damit sie nicht in Vergessenheit geraten:

„El testigo está destinado a encarar esa tarea porque guarda un recuerdo que no le permite el cinsuelo del olvido“ 1 (p. 22).

2.2 Autorinnen

Anfänglich wurde Testimonialliteratur besonders von Randgruppen geschrieben, die ihre eigene Version des Erlebten der Öffentlichkeit mitteilen und sich nicht durch politische Diskurse mundtot machen lassen wollten. Besonders Frauen fingen, aus einem inneren Drang heraus, an zu schreiben, um ihre schlimmen Erfahrungen nicht dem Vergessen zu überlassen und so zu tun als wären sie nie geschehen:

“…their texts derive from an ethical urgency to transcribe unrecorded events in a social and political reality marked by fear and oppression. Female voices become an instrument for destabilizing inherited values and parameters of behaviour, for questioning the repressive authority of class and gender constructions, for articulating the reality of poverty, and for fixing in the collective memory the unspeakable experience under military dictatorship”[6] (p. 207).

Das sich nun Frauen einmischten, ist vor allem deshalb wichtig, weil bis zu diesem Zeitpunkt die Geschichte Latein Amerikas ausschließlich von Männern erzählt wurde - mit männlicher Stimme aus männlicher Perspektive. Autorinnen, sagte man, gäbe es gar nicht. Dies hat sich in den letzten Dekaden stark verändert. Es gibt nun eine beachtliche Anzahl an Autorinnen, die sich in die literarische Welt einmischen. Sie lehnen sich auf gegen das Patriarchat, stellen dessen monologe Version der Wahrheit in Frage, unterstützten und privilegierten die peripheren und konträren Stimmen 6 (p. 206) und betrachten und beschreiben die Geschehnisse aus weiblicher Perspektive:

„The new voices are questioning and reinterpreting the traditional heroic „macho“ events, such as Mexican Revolution […] and the constrictive social conventions of patriarchy from feminine perspective. The achievements and maturity reached by authors of the level of Elena Poniatowska in Mexico and Luisa Valenzuela in Argentina have resulted from a long and painstaking struggle to speak and be heard with a distinctive feminine voice and an uninterrupted effort to find means of expression to channel women’s uncharted experiences in literature” 6 (p. 203).

So konnten diese Frauen aus dem Schatten der Marginalität heraustreten und sich gegen die Unterdrückung und die Verschleierung der Gewalttaten während der Diktatur zur Wehr setzen.

Die Autorinnen übernahmen aber nicht einfach die schon existierenden, von den männlichen Autoren geprägten, stilistischen und formalen Strukturen, sondern erforschten und entwickelten neue Formen, die Platz ließen für Dualität und Kollektivität („Es interessante señalar que la literatura testimonial en America Latín ha sido un área de incursión feminina importante, especialmente en el tipo de testimonio en el que se produce un diálogo [...]. Las mujeres han sido pioneras en la investigación y desarrollo de estas formas duales y collectivas de producción textuales“[7], (p. 174). Auf diese Weise schufen die Autorinnen eine Möglichkeit, die Geschichte neu zu bewerten und die Zeugnisse der Wahrheit zu erhalten.

[...]


[1] „Reading the Feminin Voice in Latin American Women’s Fiction“ by Maria Teresa Medeiros-Lichem

[2] Eviline Kilian: Diskursanalyse, In: Ralf Schneider: Literaturwissenschaft in Theorie und Praxis, Gunter Narr Verlag Tübingen, 2004

[3] Medeiros-Lichem, Maria Teresa: „Reading the Feminine Voice in Latin

American Women’s Fiction“, Peter Lang Publishing, Inc., New York, 2002

[4] Maurice Halbwachs: “On collective memory”, The University of Chicago Press, 1992

[5] Strejilevic, Nora: “Literatura testimonial en Chile, Uruguay y

Argentina 1970-1990”, Canada 1991, UMI Dissertation Service

[6] María Teresa Medeiros-Lichem: “Reading the feminin Voice in Latin American Women’s Fiction” , Peter Lang Publishing, Inc., New York, 2002

[7] Strejilevic, Nora: “Literatura testimonial en Chile, Uruguay y

Argentina 1970-1990”, Canada 1991, UMI Dissertation Service

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Der Dialog in „Una sola muerte numerosa” von Nora Strejilevich
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
De patrias y Madrias: género y nación en la literatura y el cine latinoamericanos
Note
2
Autor
Jahr
2007
Seiten
16
Katalognummer
V122406
ISBN (eBook)
9783640276035
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dialog, Nora, Strejilevich, Madrias
Arbeit zitieren
Ann-Kathleen Kraetzig (Autor), 2007, Der Dialog in „Una sola muerte numerosa” von Nora Strejilevich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122406

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