Wertewandel bei Jugendlichen und dessen Auswirkungen auf die politische Kultur Deutschlands


Seminararbeit, 2003
23 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Politische Kultur, Werte und Wertewandel – Begriffsklärungen
2.1 Politische Kultur
2.2 Werte
2.3 Wertewandel
2.3.1 Träger des Wertewandels

3. Wertewandel bei Jugendlichen seit der Nachkriegszeit
3.1 Die 50er Jahre
3.2 Die 60er Jahre
3.3 Die 70er Jahre
3.4 Die 80er Jahre
3.5 Die 90er Jahre

4. Auswirkungen des Wertewandels
4.1 Auswirkungen des Wertewandels im politischen Bereich

5.Schlussbemerkungen

6. Literatur

1. Einleitung

Begriffe wie Politische Kultur und Wertewandel sind in aller Munde, doch was genau ist darunter zu verstehen? Wertewandel wird in Deutschland sehr oft mit Werteverfall gleichgesetzt. Vor allem für die Jugendlichen seien Maßstäbe wie Recht und Unrecht sowie Gut und Böse kaum noch zu erkennen. Als Ursache hierfür wird oft die zunehmende Selbstverwirklichung genannt, zu deren Gunsten Tugend, Anstand und Stil auf der Strecke geblieben seien. Viele Politiker sind laut Klages (Klages 1994:35) der Auffassung, dass der Wertewandel in Deutschland schief gelaufen ist. So sterben ihrer Meinung nach Tugenden wie Mitmenschlichkeit und Gemeinsinn aus, und es herrschten Materialismus, Egoismus, Geld, Politikverdrossenheit sowie Unverständnis für die politische Arbeit vor. Weiterhin sei der Wertewandel die Ursache der ansteigenden Kriminalität und Gewaltneigung der Jugendlichen. Ob jedoch all diese Erscheinungen, die uns sehr wohl zu denken geben sollten, allein auf den Wertewandel zurückgeführt werden können, ist fraglich.

Hierzu bedarf es einer differenzierteren Betrachtung. Im Zentrum dieser Arbeit steht deshalb die Frage, inwiefern sich der Wertewandel auf die politische Kultur Deutschlands auswirkt. Hierfür müssen zunächst einmal die Begriffe „Politische Kultur“ und „Wertewandel“ genauer definiert werden. Danach werden am Beispiel der Jugendgenerationen seit den 50er Jahren Formen und Auswirkungen des Wertewandels in Deutschland dargestellt. Auf die veränderten Bedingungen seit der Wiedervereinigung Deutschlands werde ich in dieser Arbeit nicht ausführlich eingehen, da dies den vorgegebenen Rahmen sprengen würde. Abschließend wird der Frage nachzugehen sein, welche, oder ob sich überhaupt Gefahren durch den Wertewandel für die Demokratie in Deutschland ergeben.

2. Politische Kultur, Werte und Wertewandel – Begriffsklärungen

Bevor ich nun im weiteren Verlauf dieser Arbeit auf die Auswirkungen des Wertewandels auf die politische Kultur Deutschlands eingehen werde, müssen zunächst einige Begriffe genauer definiert werden.

Leider liegen weder zum Begriff der politischen Kultur, noch zum den Begriffen Werte oder Wertewandel allgemeingültige und daher verbindliche Definitionen vor. Dennoch sind sich die meisten grundsätzlich sehr ähnlich.

2.1 Politische Kultur

Der Begriff der politischen Kultur wurde 1963 von Almond und Verba in deren noch heute als Standartwerk der politischen Kulturforschung geltenden Untersuchung „The Civic Culture. Political Attitudes and Democracy in Five Nations“ geprägt. Sie definieren politische Kultur darin als „Muster der Verteilung individueller Orientierungen auf politische Objekte unter den Mitgliedern eines Kollektivs“ ( zit. nach Greiffenhagen 2002²:390). Der Begriff bezeichnet somit die „...grundlegenden Einstellungen und Orientierungen gegenüber dem Regierungssystem.“ (Reinhold1997:495). Weiterhin geht man davon aus, dass „...jedes politische System [...] in spezifische Verhaltensmuster, Normen, Werte und Rollenerwartungen eingebettet [ist], die das politische Handeln des Einzelnen bestimmen.“ (Reinhold 1997:495). Die politische Kultur eines Landes ist somit die subjektive Dimension der Politik, die alle politisch relevanten individuellen Persönlichkeitsmerkmale, sowie Meinungen, Einstellungen und Werte zu politischem Handeln umfasst (Berg-Schlosser 2001:389). Hinzu kommen auch noch die Bereiche, die zunächst als unpolitisch erscheinen, wie die Einstellungen zu Arbeit, Freizeit, Religion und Erziehung (Greiffenhagen 2002²:387). In diesen Bereichen sind die durch den Wertewandel veränderten Einstellungen besonders offensichtlich.

Zusammenfassend kann man politische Kultur also definieren als „die geschriebenen und ungeschriebenen Ideen und Wertecodes, die politisches Handeln der Gesellschaftsmitglieder regulieren“ (Fenner 1991:511). In dieser Definition wird deutlich, dass es sich bei der politischen Kultur um etwas kulturspezifisches handelt, das teilweise unterbewusst das Denken und Handeln der Menschen beeinflusst.

2.2 Werte

Eine Definition von Werten gestaltet sich ähnlich schwierig wie die der politischen Kultur, ist jedoch im Kontext von Wertewandel unerlässlich.

Nach Kluckhohn ist „ ein Wert [...] ein Begriff vom Wünschenswerten, explicit oder implicit, bezeichnend für ein Individuum oder charakteristisch für eine Gruppe. Er beeinflusst die Auswahl der verfügbaren Arten, Mittel und Ziele des Handelns.“ (zit. nach Hammes 2002:30). Werte sind für die Gesellschaft von kollektiver Verbindlichkeit und stellen ein Grundelement von Kulturen dar (Klages2002:638). Anders gesagt sind Werte „...grundlegende, zentrale und entscheidende Elemente der höchsten Sinngebungs-, Integrations- und Kontrollebene des gesellschaftlichen Zusammenlebens von Menschen.“ Sie „...konstituieren in enger Verflechtung mit Ideen, Weltanschauungen, Religionen und Ideologien de Kern einer Kultur“ (Reinhold 1997:593). Werte sind kulturspezifisch und werden während des Sozialisationsprozesses psychisch internalisiert. Somit sind sie integrations- und identitätsstiftend und steuern das menschliche Handeln, Denken und das soziale Zusammenleben (Hammes 2002:31). Werte lassen dem Menschen seine Lebenswelt sinnhaft und geordnet erscheinen und dienen ihm zur Orientierung im Alltag. Sie haben also trotz ihres niedrigen Bewusstseinsgrades einen enormen Einfluss auf das menschliche Handeln. Auch eine Legitimation der Herrschaft ist nur durch einen gemeinsamen Wertekonsens möglich (Hammes 2002:34). Weiterhin lässt sich festhalten, dass es mit zunehmender Differenzierung der Gesellschaft zu einer immer größeren subkulturellen Auffächerung und Variation des Wertesystems kommt (Reinhold 1997:594). Dies muss besonders hinsichtlich des Wertewandels berücksichtigt werden, da dieser oft von kleinen subkulturellen Gruppen ausgeht.

Im Kontext des Wertewandels spricht man oft von alten und neuen Werten. Reinhold nennt zum Beispiel Wirtschaftswachstum, unbeschränkte Nutzung der Natur und Risikoinkaufnahme als alte Werte (Reinhold 1997:466). Dies ist jedoch meiner Meinung nach nicht ganz unproblematisch und kann nur mit Einschränkungen gelten, da diese Werte weiter in der Gesellschaft vorherrschen und nicht völlig durch die neuen Werte abgelöst wurden. Dies gilt besonders hinsichtlich des Wirtschaftswachstums, was natürlich immer noch von enormer Bedeutung ist. Laut Hammes werden alte Werte von den Menschen in zunehmenden Maße als Einengung und Gängelung empfunden (Hammes 2002:5), weshalb heute die neuen Werte von größerer Bedeutung sind. Hierzu zählen nach Reinhold die gesteigerte Lebensqualität, ein hohes Maß an Sozialbeziehungen, die politische Partizipation außerhalb von traditionellen Großorganisationen sowie neue Handlungsformen die sich in spontanen Protesten und Boykottmaßnahmen äußern (Reinhold 1997:466).

Diese neuen Werte sind als Resultat des Wertewandels zu sehen, auf den es nun genauer einzugehen gilt.

2.3 Wertewandel

Seit dem 20.Jahrhundert, genauer gesagt seit den 70er Jahren, geht man nicht mehr davon aus, dass es sich bei Werten, wie dies seit Plato angenommen wurde, um etwas feststehendes handelt. Die Kulturanthropolgie hat den Wertebegriff dem Kulturbegriff zugeordnet, worauf die Soziologie aufbaute. Angesichts der Tatsache, dass man gesellschaftlichen Wandel feststellen kann, ging man nun auch von der Wandelbarkeit der Werte aus. Im Vergleich hierzu: noch in den 50er und 60er Jahren war die Forschung schwerpunktmäßig auf die Stabilität und die Wandlugsresistenz von Werten ausgerichtet (Hammes 2002:36). Seit den 70ern geht man nun davon aus, dass in einer Gesellschaft ältere und neuere Werte nebeneinander existieren und es Wertunterschiede in gesellschaftlichen Subsystemen gibt. Das heißt, es gelten zum Beispiel in der Familie andere Werte als in der Arbeit.

Teilweise wird ein Wertewandel immer noch verneint. Diese Kritiker gehen davon aus, dass sich nicht der Wert selbst ändert, sondern die Akzeptanz des Wertes (Hammes 2002:36). Hierbei handelt es sich um einen sehr schwierigen Punkt, der jedoch im Kontext dieser Arbeit nicht von Bedeutung sein wird.

Die theoretische Grundlage des Wertewandels stellt heute die Modernisierungstheorie dar (Klages 2002²:640). Demnach ist der Wertewandel ein Phänomen der sozio-kulturellen Anpassung der Gesellschaft an die Herausforderungen und Chancenstrukturen, die durch die sozio-ökonomischen Wandlungen geschaffen werden. Zu diesen sozio-ökonomischen Wandlungen gehören unter anderem schnelle Veränderungen der materiellen Lebensverhältnisse, die Bildungsexpansion, der Ausbau der sozialstaatlichen Sicherung, Säkularisierungsprozesse sowie Prozesse zwischen den Kulturen, die zu Wertübernahmen führen können (Reinhard 1997:575). Dennoch stellt der Wertewandel in modernen Gesellschaften ein eher spontanes Phänomen dar. Die Werte weichen demnach von kulturellen Institutionen ab und variieren individuell (Klages 2002²:641). Dieses Phänomen wurde bereits mit den subkulturellen Wertevariationen angesprochen.

Wie vollzieht sich nun aber der Wertewandel? An dieser Stelle muss auf zwei verschiedene Theorien eingegangen werden, deren Hauptvertreter zum einen Ronald Inglehart und zum anderen Helmut Klages sind.

Inglehart geht, benannt nach dem Titel eines seiner Werke, von einer „Silent Revolution“ des Wertewandels seit den 60er Jahren aus. Kennzeichnend für diese Form des Wertewandels ist der Bedeutungsverlust materieller Werte zugunsten von postmateriellen Werten, wie zum Beispiel die Selbstverwirklichung. Laut Gille geht Inglehart hier von einer Hierarchie der Bedürfnisse aus, das heißt: erst wenn die materiellen Bedürfnisse befriedigt sind und man sich einen sicheren Lebensstandart erarbeitet hat, kann es zur Entstehung von postmateriellen Bedürfnissen kommen (Gille 1994:45f.). Somit sind also die ökonomischen Begebenheiten entscheidend für den Wertewandel.

Dieser kann jedoch nach Ingelhart immer nur in Form eines Werteumsturzes stattfinden. Diese Linearität schließt somit eine Koexistenz von älteren und neueren Werten aus. Ein alter Wert wird immer zugunsten eines neuen Wertes aufgegeben. Diese Eindimensionalität der Betrachtung wird an Inglehart oft kritisiert, wie man auch am Beispiel von Helmut Klages sehen wird.

Durch den Wertewandel hin zum Postmaterialismus ergeben sich natürlich auch Konsequenzen für das politische System. Es kommt zunächst zu einem Vertrauensrückgang seitens der Bevölkerung sowie zu starker Unzufriedenheit mit der politischen Arbeit. Somit wird nach Inglehart das Regieren zunächst erschwert, langfristig aber wird es seiner Meinung nach zur Entstehung demokratiestärkender Muster führen (Gille 1994:46).

Im Gegensatz zu Inglehart geht Klages nicht von einer linearen Entwicklung des Wertewandels aus. Er kritisiert seine eindimensionale Sichtweise und stellt dem seine eigene Multidimensionale entgegen. Seiner Meinung nach findet seit den 60er Jahren ein lebenszyklischer Wandel zur Wertesynthese statt. Diesen Vorgang kann man vor allem bei Jugendlichen beobachten, aber es handelt sich dennoch um einen gesamtgesellschaftlichen Vorgang, da natürlich auch andere Generationen vom Wertewandel und dessen Auswirkungen betroffen sind (Hammes 2002:52). Ähnlich wie Inglehart konnte auch Klages einen Rückgang der Pflicht- und Aktzeptanzwerte und eine Zunahme der Selbstentfaltungswerte nachweisen. Im Unterschied zu Ingelhart geht er jedoch davon aus, dass sich der Werteraum ausdifferenziert hat. Somit kam es zu einer Um- und Neugestaltung der Werte, die in unterschiedlichen Lebensbereichen von unterschiedlicher Bedeutung sein können (Gille 1994:47). Klages geht also nicht von einem zwingenden Werteverlust aus, obwohl er diesen nicht ausschließt. Seiner Meinung nach sind jedoch auch ein Werteumsturz, eine Wertesynthese sowie die Koexistenz von Werten möglich (Hammes 2002:44). Dies hat für das politische System zur Folge, dass die Sympathie für das demokratische System durch die Wertesynthese weiter ansteigen wird und ein breites Problembewusstsein entsteht (Hammes 2002:53). Somit befinden sich die eigenen Bedürfnisse zum Nutzen von Individuum und Gesellschaft im Einklang.

Vorerst werde ich diese beiden verschiedenen Ansätze so stehen lassen, um am Schluss anhand der gehörten Beispiele nochmals kritisch darauf einzugehen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Wertewandel bei Jugendlichen und dessen Auswirkungen auf die politische Kultur Deutschlands
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Geschwister-Scholl-Institut für politischen Wissenschaft)
Veranstaltung
Politische Kultur und Politisches System der Bundesrepublik Deutschland
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
23
Katalognummer
V122427
ISBN (eBook)
9783640276592
ISBN (Buch)
9783640282531
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Werte, Wertewandel, Werteverfall, Jugendliche, politische Kultur, Deutschland
Arbeit zitieren
Alexandra Mörz (Autor), 2003, Wertewandel bei Jugendlichen und dessen Auswirkungen auf die politische Kultur Deutschlands, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122427

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