Diese Arbeit handelt von Karl dem Großen als Kirchenreformer, als Herrscher mit theokratischen Zügen, als Missionar im Auftrag der Christenheit und in unmittelbarer Verantwortung vor Gott, vor allem aber als Vater Europas, dessen Erbe auch heute noch mit unverminderter Intensität Diskussionsstoff liefert. Der alte Anspruch eines Imperiums nach römischem Vorbild und seine Umsetzung in Zusammenhalt und Würde einer geschlossenen Christenheit, das erste Entstehen einer kulturellen Blütezeit im diesbezüglich vormals dunklen Abendland, aber auch die den Kreuzzuggedanken vorwegnehmende Ausbreitung des neu erwachsenden Reiches unter christlichem Banner sind Aspekte des Lebens eines Kaisers, das streitbarer kaum gewesen sein könnte. In einer Zeit, in der die Identitätsfrage wieder laut gestellt und von öffentlich-rechtlichen Rundfunkmedien in zehn Teile zerschnitten durch den Äther verschickt wird1, will diese Proseminararbeit auch einen Beitrag zur kritischen Bewusstwerdung von vergangenheitsbedürftiger Zukunft, zu Fragen nach Herkunft und zur Thematik des kulturellen Ursprungs liefern. Was sind Gründe dafür, dass Kirche und Staat einmal weniger scharfen Trennungen unterworfen waren, dass das damalige Frankenreich als Wiege fast des gesamten heutigen, kontinentaleuropäischen Wirtschafts- und Kulturraumes zu verstehen ist, dass es überhaupt eine endgültige Unterscheidung zwischen den zwei Reichen des zerbrochenen Roms der Kaiserzeit gab, die in mannigfacher Hinsicht heute noch vor Augen tritt? Was mag der maßgebliche Hintergrund des Wirkens und Selbstverständnisses des von seinen Nachfolgern auf dem Kaiserthron unerreichten Kaisers des Abendlandes Karl dem Großen sein, worin besteht sein Verdienst, was zeichnet seine Ära vor anderen aus? Mit dieser Arbeit nun sollen unter anderem die aufgezeigten Punkte anhand gängiger Kirchengeschichtshandbücher im Rahmen des Amtsantritts Papst Stephans III. und der auf die Kaiserkrönung folgenden Jahre beleuchtet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. DIE ANFÄNGE KARLS
2.1. DIE EROBERUNG DES LANGOBARDENREICHES UND DAS VERHÄLTNIS VON KARL DEM GROßEN ZU PAPST HADRIAN I.
3. DIE ABRUNDUNG DES FRÄNKISCHEN GROßREICHS
3.1. DIE CHRISTIANISIERUNG DER SACHSEN
3.2. WEITERE FELDZÜGE UND UNTERWERFUNGEN
3.2.1. KRIEG GEGEN DIE SARAZENEN
3.2.2. DIE ELBSLAWEN
3.2.3. DER AWARENKRIEG
4. DIE REFORM VON REICH UND KIRCHE
4.1. STRUKTURWANDEL IN RELIGIÖSER KULTUR UND FRÖMMIGKEIT
4.2. DIE KAROLINGISCHE RENAISSANCE
4.3. THEOLOGISCHE DISKUSSIONEN UNTER DER HERRSCHAFT KARLS DES GROßEN
4.3.1. DER BILDERSTREIT UND DIE KAROLINGISCHEN BÜCHER
4.3.2. ADOPTIANISMUS
4.3.3. DAS FILIOQUE
5. VOM REGNUM FRANCORUM ZUM IMPERIUM CHRISTIANUM
5.1. KARL DER GROßE UND PAPST LEO III.
5.2. KAISER WIDER WILLEN?
6. ZUSAMMENFASSUNG
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Wirken Karls des Großen als Kirchenreformer und Herrscher mit theokratischem Selbstverständnis. Sie analysiert die religiösen, politischen und kulturellen Dimensionen seines Kaisertums sowie sein ambivalentes Verhältnis zum Papsttum im Kontext der Entstehung des europäischen Reiches.
- Die Anfänge der karolingischen Herrschaft und die politische Integration des Langobardenreichs.
- Die expansive Politik durch Missionierung der Sachsen und weitere Feldzüge zur Reichsabrundung.
- Die umfassende Reform von Reich und Kirche durch Bildungsinitiativen und theologische Standardisierung.
- Die Entwicklung vom fränkischen Königtum zum Imperium Christianum unter Papst Leo III.
Auszug aus dem Buch
2.1. Die Eroberung des Langobardenreiches und das Verhältnis von Karl dem Großen zu Papst Hadrian I.
War der höchste Bischofssitz noch bis 772 in unruhiger Amtszeit von Wankelmut gezeichnet, so stand für den neuen Papst Hadrian I. außer Frage, welcher Macht aus dem Viergespann von römischen Adelsparteien, Franken, Langobarden und Byzantinern die höchste Priorität zukommen müsse. Nachdem Hadrian den König dazu aufforderte, dem auf Rom marschierenden Desiderius im Sinne der Verteidigung des Papsttums die Stirn zu bieten, entschloss sich Karl „nach dem Scheitern aller diplomatischen Demarchen“ zum Aufgebot seiner militärischen Mittel, begab sich in eine neunmonatige Belagerung der langobardischen Hauptstadt Pavia und veranschaulichte mit ihrem Fall eine klare, abendländische Hierarchie.
Kurz vor der Eroberung Pavias willigte er dem Papst gegenüber in ein zweites Versprechen ad instar anterioris der noch unter seinem Vater verfassten und nun eindeutig als Schenkungsversprechen aufgefassten Promissio von Quierzy ein und bezeichnete sich schließlich Anfang Juni 774 als König der Franken und Langobarden. Schon auf einer Pilgerreise Karls des Großen nach Rom im gleichen Jahr wurde anhand des königlichen Empfanges von Papst und Militäradel mit Feldzeichen deutlich, was man sich von einer Bindung an den Großkönig versprach. Dieser bestätigte nach jahrelangem Bangen des Papstes im Jahre 781 anlässlich eines erneuten Besuches zum Osterfest das Bündnis zwischen Frankenkönig und Papst – es mag von daher nicht wundernehmen, dass im gleichen Jahr die Datierung päpstlicher Urkunden fortan anstelle des byzantinischen Kaisernamens den des Frankenkönnigs berücksichtigte. Man kann sich auch die Großzügigkeit Karls wohl so erklären, dass die Befürchtung eines fortbestehenden Langobardenreiches ihn zur Unterstützung eines Kirchenstaates – mit der Funktion eines eventuellen Gegengewichtes zu eben diesem – nötigte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung umreißt die Rolle Karls des Großen als Kirchenreformer und "Vater Europas" und formuliert die zentrale Fragestellung der Arbeit bezüglich seines Selbstverständnisses und der kulturgeschichtlichen Bedeutung seines Wirkens.
2. DIE ANFÄNGE KARLS: Dieses Kapitel behandelt das Erbe Pippins des Jüngeren und die Konsolidierung der Macht Karls durch das instabile Bündnis mit den Langobarden sowie die Auseinandersetzung mit dem Papsttum.
3. DIE ABRUNDUNG DES FRÄNKISCHEN GROßREICHS: Der Fokus liegt hier auf der kriegerischen Expansion durch die Christianisierung der Sachsen sowie die Unterwerfung weiterer Stämme wie der Awaren und Sarazenen.
4. DIE REFORM VON REICH UND KIRCHE: Dieses Kapitel analysiert die Bildungsreformen, den Strukturwandel im kirchlichen Leben und die theologischen Debatten, die Karls Anspruch als "Kirchenreformer" untermauerten.
5. VOM REGNUM FRANCORUM ZUM IMPERIUM CHRISTIANUM: Hier wird der Prozess der Kaiserkrönung und das machtpolitische Abhängigkeitsverhältnis zwischen Karl und Papst Leo III. untersucht.
6. ZUSAMMENFASSUNG: Das Fazit fasst Karls Leistung als Baumeister eines christlich geprägten, europäischen Raumes und als maßgebliche historische Figur zusammen.
Schlüsselwörter
Karl der Große, Frankenreich, Kirchengeschichte, Papsttum, Kaiserkrönung, Sachsenkriege, Karolingische Renaissance, Admonitio generalis, Theokratie, Libri Carolini, Christentum, Mittelalter, Papst Hadrian I., Papst Leo III., Bildungsreform.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beleuchtet das Leben und Wirken Karls des Großen, insbesondere in seiner Rolle als Kirchenreformer und christlicher Herrscher, der durch theokratische Ansprüche die Entwicklung Europas maßgeblich prägte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zu den Schwerpunkten zählen die politische Expansion des Frankenreichs, das komplexe Machtverhältnis zwischen dem fränkischen Herrscher und dem Papsttum sowie die religiösen und kulturellen Reformen jener Zeit.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Untersuchung fragt nach dem Hintergrund von Karls Selbstverständnis, seinem Verdienst als "Pater Europae" und den Gründen für die enge, oft spannungsgeladene Verflechtung von Kirche und Staat im 8. und 9. Jahrhundert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer kirchengeschichtlichen Analyse, die gängige Fachliteratur und historische Quellen nutzt, um die Ereignisse rund um den Amtsantritt Papst Stephans III. und die Kaiserkrönung einzuordnen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die militärische Reichserweiterung, die innerkirchlichen Strukturreformen, die karolingische Renaissance sowie die theologischen Debatten, etwa zum Bilderstreit oder Adoptianismus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten durch Begriffe wie Kaisertum, Karolinger, Christianisierung, Machtpolitik, Admonitio generalis und die Transformation zum Imperium Christianum beschreiben.
Warum war das Verhältnis zwischen Karl und Papst Hadrian I. so bedeutend?
Das Verhältnis markiert den Beginn einer neuen abendländischen Hierarchie, in der Karl als Schirmherr des Papsttums fungierte und die politische Absicherung des Kirchenstaates gegen das Langobardenreich ermöglichte.
Welche Rolle spielten die "Libri Carolini" in der Theologie Karls?
Sie dienten als Instrument, um die fränkische Sicht auf religiöse Fragen, insbesondere die Ablehnung der byzantinischen Bilderverehrung und die Abgrenzung zum oströmischen Kaisertum, theologisch zu legitimieren.
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- stud. theol. Ferenc Herzig (Author), 2008, Die Ära Karls des Großen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122435