Das autobiografische Gedächtnis

Entwicklung, Struktur und Phänomene


Essay, 2009
9 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Gliederung

1 Allgemeines

2 Entwicklung

3 Struktur
3.1 „flashbulb memories“

4 Aktuelle Phänomene

5 Fazit

6 Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Allgemeines

Die Erforschung der Struktur und der Funktionsweise des autobiografischen Ge­dächtnisses[1] erfolgt zum Beispiel durch die Analyse von Tagebüchern über differenzierte Zeiträume. Die Probanden werden dann zu den entsprechenden Vorfällen befragt und Korre­lationen zu den tatsächlichen Ereignissen (laut Tagebuchaussage) erstellt. Die Erinnerungen werden durch deren Authentizität bestätigt. Die Genauigkeit der Informationen korreliert an­tiproportional mit der Vergessensrate. Dies ist eine der gängigen Forschungsmethoden (vgl. Thompson 1996, S.1). Problematischer ist bei anderen Methoden die Rekonstruktion auto­biografischer Elemente, da deren Korrektheit nur subtil zu beurteilen ist (vgl. Kebeck 1982, S.37).[2]

Da die Psychologie noch eine verhältnismäßig junge Wissenschaft ist, existiert im Sektor der autobiografischen Hirnforschung heutzutage noch keine allgemeingültig manifes­tierte Meinung. Unter vielen Wissenschaftlern bestehen abweichende Erkenntnisse, die sich ansatzweise überschneiden. Ich möchte in diesem Essay einen grundlegenden Überblick all­gemeiner Informationen über das autobiografische Gedächtnis geben.

2 Entwicklung

„An older meaning of ‚recognition’ in psychology was that of re-cognition, the conscious referring of an object or event to personal past experience. As such, recognition was the final self-conscious step in memory processing that could occur after recall of memory content” (Ross 1991, S.42).

Wie in dem Zitat angedeutet, wird der Terminus der Wiedererkennung zunehmend spezifischer. Es erfolgt eine Eingrenzung auf dem Sektor der Erinnerung autobiografischer Elemente. Wie Gestaltpsychologen herausgefunden haben handelt es sich beim Erinnerungs­prozess häufig um einen zweistufigen Vorgang:

1.) das Wiedererkennen und
2.) Wiederherstellen der relevanten Information

(vgl. Ross 1991, S.42).

Diese Zweiteilung ist von besonderer Bedeutung, wenn der Kontext des abgerufenen Ereignisses nicht detailreich genug abgespeichert ist. Mit Hilfe dieses vorhergehenden Vor­ganges kann die Erinnerung und eine nahezu vollständige Wiedergabe des Geschehens erfol­gen (vgl. Ross 1991, S.42).

Im Entwicklungsprozess des autobiografischen Gedächtnisses sind weitere Fakten von Bedeutung. Dieses bildet sich erst während des Kleinkindalters zu dem heraus, was seiner endgültigen Funktionsweise entspricht. In der Übergangsphase vom Kleinkind zum Säugling ist das episodische und ein generische Gedächtnis ausgebildet, jedoch noch nicht das unterge­ordnete Autobiografische. Es erfolgt eine Evolution von einer Speicherung zu reproduktiven Zwecken hin zu einer Agglomeration mit rekonstruktiven Abrufmöglichkeiten. Diese Grund­struktur bleibt dem Gedächtnis langfristig erhalten (vgl. Punkt 3, Thompson 1996, S. 5).

So wurde festgestellt, dass Kinder unter drei Jahren lediglich Ereignisse wiedergeben, diese aber nicht zeitlich in eine Reihenfolge bringen können. Der Erinnerungsprozess korre­liert in diesem Fall stark mit der Entwicklung des Selbstwertgefühles und der Einprägung subjektiv bedeutender Begriffe.[3] Es wird ein entsprechendes Selbstkonzept entwickelt. Zwi­schen drei und sechs Jahren werden Events unvollständig erinnert. Ab einem Alter von sechs Jahren ist das autobiografische Gedächtnis voll ausgebildet. Eine vollständige Wiedergabe von Erlebnissen und deren temporäre Einordnung sind möglich (vgl. Thompson 1996, S.3).

Auf Basis dieser Erkenntnisse kann gefolgert werden, dass keine begleitende Ge­dächtnisspur, welche als Zwischenspeicher fungieren könnte, existent ist. Unter diesen Um­ständen wäre es Kleinkindern möglich, Ereignisse als zeitlich korrekte Reihenfolge zu repro­duzieren (Thompson 1996, S.4).

Zum Abspeichern der erlebten Fakten ist es nötig, diese zu enkodieren. Die aktive Enkodierungsfähigkeit ist proportional zur Intelligenz und antiproportional zum Alter.[4] Das bedeutet, je intelligenter ein Mensch ist, desto leichter und ausgiebiger ist diesem die Enko­dierung und Reproduktion möglich. Damit einhergeht, dass es einem Individuum mit zuneh­mendem Alter schwerer fällt seine Episoden zu erinnern (vgl. Engelkamp 1997, S.31). Ich schlussfolgere daraus, dass die Enkodierfähigkeit unrelevanter wird, je weiter ein Ereignis zurückliegt und je unwichtiger das Ereignis für die Versuchsperson ist. Meine Ansicht be­gründe ich darauf, dass temporär länger zurückliegende und persönlich uninteressante Vor­gänge zu einem größeren Anteil rekonstruiert werden. Es besteht ein Unterschied zwischen alltäglichen Nachrichten und persönlich wichtigen Ereignissen. „For many of us, these emoti­onal memories are basis for engaging and sometimes enjoyable reminiscence“ (Reisberg 2004, S.3). Letztere können langfristiger und detailreicher wiedergegeben werden, als All­tagseindrücke. Dieser Fakt wird begründet durch unterschiedliche Vorgänge des Wiederher­stellungsprozesses der Informationen.

[...]


[1] Das autobiografisches Gedächtnis wird dem Langzeitgedächtnis zugeordnet. Hier unterliegt es dem Sektor des deklarativen und nochmals dem episodischem Gedächtnis (Kluwe 2007, pass.).

[2] Sicherlich liegt darin auch die Ursache begründet, warum Zeugenberichte und Autobiografien bisher nur wenig inhaltsanalytisch analysiert wurden.

[3] Kinder im Alter von ca. 3 Jahren erkennen sich erstmalig selbst im Spiegel wieder. Das Kind empfindet einzelne Begriffe als relevanter gegenüber anderen. Die Erinnerung dieser Begriffe begünstigt die Rekonstruktion des damit assoziierten Vorganges.

[4] Die Enkodierung ist ein Fachterminus der Psychologie, welche das Verschlüsseln der Informationen mit dem Ziel der Speicherfähigkeit im Gedächtnis bezeichnet. Die Fähigkeit der Enkodierung ist desto höher, je intelligenter ein Mensch ist. Mit zunehmendem Alter sinkt diese Fähigkeit.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Das autobiografische Gedächtnis
Untertitel
Entwicklung, Struktur und Phänomene
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Veranstaltung
Langzeitgedächtnis
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
9
Katalognummer
V122480
ISBN (eBook)
9783640278572
ISBN (Buch)
9783640282708
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Psychologie ist eine verhältnismäßig junge Wissenschaft, weshalb in diesen Bereichen noch akuter Forschungsbedarf besteht. Der Erforschung des menschlichen Gerhines bzw. dem Erinnerungs- und Vergessensprozess kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Mit der weiteren Forschung in diesem Bereich etablieren sich auch Heilungsmethoden für bestimmte Krankheiten.
Schlagworte
Erinnerung, Gedächtnis, flashbulb memories, Wissensrekonstruktion
Arbeit zitieren
Etienne Pflücke (Autor), 2009, Das autobiografische Gedächtnis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122480

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