Das Doppelgängermotiv in „Die Elixiere des Teufels“ und „Der Sandmann“ von E.T.A. Hoffmann sowie in „Der Runenberg“ von Ludwig Tieck


Bachelorarbeit, 2021

40 Seiten, Note: 2,3

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Aufbau der Forschungsarbeit

3. Zum Begriff der Romantik
3.1 Die Romantik: Zwischen Epoche und Stil
3.2 Literaturhistorische Einordnung der Romantikepoche

4. Zum Begriff der Schauerliteratur

5. Zum Begriff des literarischen Motivs

6. Zum Begriff des Doppelgangermotivs in der Schauerliteratur
6.1 Definition und Varianten des Doppelgangermotivs
6.2 Kategorisierung des Doppelgangermotivs

7. Das Doppelgangermotiv in Die Elixiere des Teufels und Der Sandmann von E.T.A. Hoffmann sowie in Der Runenberg von Ludwig Tieck
7.1 Analyse des Doppelgangermotivs in Der Sandmann
7.2 Analyse des Doppelgangermotivs in Die Elixiere des Teufels
7.3 Analyse des Doppelgangermotivs in Der Runenberg

8. Zusammenfassung der Ergebnisse

9. Fazit

10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Ich bin das, was ich scheine, und scheine das nicht, was ich bin, mir selbst ein unerklarlich Ratsel, bin ich entzweit mit meinem Ich.“1 - Die Elixiere des Teufels von E.T.A. Hoffmann.

Wahrend der Monch Medardus diese Worte dachte, wusste er noch nicht, fur welche hofischen Rankespiele er bereits eingeplant wurde, welchem wahnsinnigen Wiederganger er begegnen wird und welche Lugen seine Identitat infrage stellen werden. Das Doppelgangermotiv ist ein typisches Motiv der Schauerliteratur und E.T.A. Hoffmanns Roman Die Elixiere des Teufels prasentiert ein komplexes Konstrukt an Doppelgangermotiven, die die Beweggrunde der literarischen Figuren gestalten. Motive gestalten Texte der heutigen Belletristik, hauchen literarischen Figuren Leben ein, „stellen Spannungsbogen [...] her, wirken direkt auf die Handlungen zuruck“2 und sind als wesentlicher Kern (Nukleus) oder Baustein von Texten zu verstehen.3 Die Frage Wer bin ich?, die den Protagonisten Monch Medardus in Die Elixiere des Teufels beschaftigt, ist auch in der modernen Belletristik aktuell. So gestaltet der Autor Sebastian Fitzek beispielsweise seinen Psychothriller Der Insasse mit dem literarischen Motiv des Doppelgangers und lasst seine Figur Patrick Winter unbewusst einen Doppelganger im Hochsicherheitstrakt einer Psychiatrie suchen.4 Wahrend die Funktionen und der Gegenstand des Doppelgangermotivs in der modernen Belletristik, wie in Der Insasse, meist durch pathologische Grunde entschlusselt werden, bieten altere Werke haufig vielfaltige Ansatze zur Interpretation des Motivs. In Ubereinstimmung mit Tolle sind Doppelganger „in der belletristischen Literatur auffallend haufig anzutreffen“5 und es ist ausfallig, „dass der Begriff Doppelganger sehr weit gefasst wird.“6 Das Ziel dieser Forschungsarbeit ist demnach die Verwendungen, Funktionen und Wirkungen des literarischen Doppelgangermotivs anhand eines Textkorpus zu analysieren und auf Tolles Versuch der Kategorisierung von Doppelgangermotiven einzugehen. Der Textkorpus enthalt unter anderem die Werke Der Sandmann und Die Elixiere des Teufels von E.T.A. Hoffmann, welche als klassische Vertreter der Schauerliteratur bekannt sind. Als Kontrast zu den beiden Werken wird Der Runenberg von Ludwig Tieck, als Marchen der Romantik mit asthetischen Elementen der Schauerliteratur, zur Analyse in den Textkorpus hinzugefugt. Die Fragestellung der vorliegenden Forschungsarbeit lautet demnach wie folgt: „Wie tritt das Doppelgangermotiv in den Werken Die Elixiere des Teufels und Der Sandmann von E.T.A. Hoffmann sowie Der Runenberg von Ludwig Tieck in Erscheinung und welche Funktionen erfullt es?“

2. Aufbau der Forschungsarbeit

Um die formulierte Forschungsfrage zielfuhrend zu beantworten, erscheint es sinnvoll, zuerst aktuelle Forschungsliteratur kritisch zu analysieren. Zur Verortung des Textkorpus werden die Begriffe Romantik (siehe Kap. 3) und Schauerliteratur (siehe Kap. 4) definiert und Verbindungen zwischen den beiden Begriffen sowie zum ausgewahlten Textkorpus diskutiert. Im Anschluss wird der Begriff des literarischen Motivs (siehe Kap. 5) erortert, bevor intensiver uber das Doppelgangermotiv (siehe Kap. 6) gesprochen wird. Hierfur werden das Doppelgangermotiv und weitere Varianten des Motivs definiert (siehe Kap. 6.1) sowie der Versuch einer Kategorisierung des Doppelgangermotivs im Forschungsdiskurs diskutiert (siehe Kap. 6.2). Die Verwendungen, die Funktionen und die Wirkungen des Doppelgangermotivs sollen analysiert sowie anhand des selbststandig ausgewahlten Textkorpus beispielhaft dokumentiert werden (siehe Kap. 7). Dafur werden die Werke Der Sandmann (siehe Kap. 7.1), Die Elixiere des Teufels (siehe Kap. 7.2) und Der Runenberg (siehe Kap. 7.3) einzeln untersucht und die Forschungsergebnisse in einem abschlieBenden Kapitel zusammengefasst und interpretiert (siehe Kap. 8). In einem Fazit (siehe Kap. 9) werden die Ergebnisse abschlieBend in Bezug auf die Forschungsfrage bewertet. Aus Grunden der besseren Lesbarkeit wird in der vorliegenden Forschungsarbeit das generische Maskulinum verwendet. Diese Form soll gleichermaBen die Geschlechter mannlich, weiblich und divers ansprechen.

3. Zum Begriff der Romantik

Das folgende Kapitel Zum Begriff der Romantik stellt nicht die Romantik als Epoche in den Fokus, sondern wird sich in einem ersten Schritt dem Begriff Romantik nahern und in einem zweiten Schritt nach Verbindungen zum Begriff des Schauerromans suchen. Damit wird der Forschungsfrage ein Ausgangspunkt fur die Untersuchung des Textkorpus bezuglich des Doppelgangermotivs gegeben. Der Duden soll hier mit zwei Eintragen zur Romantik und dem Adjektiv romantisch als Erstes einleitende und allgemeine Beschreibungen prasentieren. Der Dudeneintrag zu romantisch definiert das Wort wie folgt: „zur Romantik gehorend; gefuhlsbetont, schwarmerisch“7 Das Wort Romantik ist nach dem Duden als „Kunstu. Literaturrichtung von etwa 1800 bis 1830; gefuhlsbetonte Stimmung“8 definiert. In der Literaturwissenschaft ist die „Romantik [...] ein verbindendes Thema der Literatur-, Kunst- und Musikwissenschaft“9 und hat „sich als Epochenbegriff eingeburgert“10 11.

Im Folgenden soll nun kurz der aktuelle Forschungsstand zur Epoche der Romantik in der deutschen Literaturwissenschaft dargestellt, sowie eine zeitliche Einordnung der Romantikepoche vorgenommen werden. Das Vorhaben hat weder den Anspruch, die in der Forschung gefuhrten Diskurse zu vertiefen, noch einen Epochenuberblick zu geben.

3.1 Die Romantik: Zwischen Epoche und Stil

Im Zusammenhang mit dem Begriff Romantik ist zu klaren, was der Begriff bedeutet, inwiefern er einer Epoche zuzuordnen ist und welche Verbindungen zum Schauerroman bestehen. Diese Fragen sind sehr komplex und nicht einfach zu beantworten, denn die Suche nach expliziten Definitionen erscheint kompliziert. Dennoch sollen die Fragen im folgenden Kapitel diskutiert werden. Eine nicht eindeutig differenzierte Antwort auf die Frage nach der Begriffsdefinition der Romantik ware, dass unter Romantik „[e]ine unter mehreren Hauptstromungen der europaischen Kulturgeschichte fur die Zeit von ca. 1795 bis zur Mitte des 19. Jhs.“n zu verstehen ist. Diese allgemeine Aussage deutet darauf hin, dass die Romantik, sowohl in der Kunst- und Musikwissenschaft, als auch in der Literaturwissenschaft als ein Epochenbegriff zu verstehen ist. Auch nach Schmitz-Emans funktioniere Romantik als literaturwissenschaftlicher Epochenbegriff.12 Er konne aber nur zur Orientierung dienen, weil die Romantik weder thematisch noch stilistisch einheitlich sei, sondern eine Mehrdeutigkeit besitze, welche das Hauptproblem der Romantikforschung darstelle.13 Doch zunachst soll im Folgenden kurz auf die Begriffsgeschichte der Romantik eingegangen werden, um sich der Frage auf einem anderen Wege zu nahern. Kremer schreibt, dass die Begriffe Romantik und Roman etymologisch den gleichen Ursprung haben und im Laufe des 17. Jahrhunderts als Lehnworter uber England aus dem franzosischen ubernommen wurden: roman und romantique.14 Schmitz-Emans stellt eine gleichartige etymologische Wortgeschichte des Begriffes Romantik wie folgt dar:

Die Wortgeschichte von „Romantik“ nimmt ihren Ausgang bei dem altfranzosischen Wurzelwort [Etymon] „romanz“, mit dem die romanische Volkssprache im Gegensatz zur Gelehrtensprache Latein gemeint war.15

Demnach geht der Begriff Romantik auf die Bezeichnung fur die romanische Volkssprache zuruck. Ferner fuhrt Schmitz-Emans an, dass die aus der Provence stammenden Vers- und Prosaerzahlungen Geschichten uber Ritter und Abenteuer erzahlten, welche aber zunachst romance genannt wurden.16 Erst spater entstand daraus das Wort Roman.17 Zudem fuhrt Schmitz-Emans an, dass Thomas Bailey im Jahr „1650 erstmals das Adjektiv „romantick“ im Sinne von romanhaft, erdichtet, abenteuerlich, phantasievoll, unrealistisch - also im kritischen Sinn“18 benutzte. Die Ausfuhrungen von Schmitz-Emans zeigen, dass sich die Bedeutung des Wortes Romantik, hinsichtlich seiner Konnotation, durch die Nutzung von ,romantisch‘ als Adjektiv erweiterte:

Zu den im folgenden als romantisch rezipierten Rittergeschichten kommen spater auch Schauer- und Liebesromane, so dass sich das Wortfeld mit der Konnotation des Unheimlichen und AuBerordentlichen aufladt.19

Der Begriff Romantik und das Adjektiv romantisch wurden also erst im Verlauf ihrer Etymologie mit dem Schauerroman und den dazugehorigen Konnotationen des Unheimlichen und AuBerordentlichen verbunden. Kremer geht, wie Schmitz-Emans, ebenfalls auf das Adjektiv romantisch ein: Das Adjektiv romantisch beschrankt sich laut Kremer mit seinen Konnotationen nicht nur auf die Literatur20, sondern kann

im 18. Jahrhundert alle die Gegenstande bezeichnen, an denen Merkmale des Wunderbaren, Phantasievollen und Unendlichen einen Abstand zum Alltaglichen einerseits und zu klassizistischen Ordnungen in der Kunst andererseits markierten.21

Kremer mochte mit seiner Ausfuhrung das Adjektiv romantisch nicht nur auf die Literatur begrenzen, sondern alle Gegenstande der Kunst - z. B. Musikstucke, Theaterstucke, Opern und Malereien - als romantisch bezeichnen, sollten die Merkmale des Wunderbaren, Phantasievollen und Unendlichen auf die Gegenstande zutreffen. In Kremers Ausfuhrungen fehlt jedoch, im Gegensatz zu den Ausfuhrungen von Schmitz-Emans, die Konnotation zum Schauerroman. Aus den Beitragen von Kremer und Schmitz-Emans sind drei eindeutig miteinander verwandte Worter abzuleiten: Romantik, romantisch und Roman. Kremer identifiziert „»romantisch« mit »romanhaft« im Sinne einer unwahrscheinlichen, phantastischen und zu Ubertreibungen neigenden Erzahlhaltung“22, welche „von der Poetik bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts aufrecht erhalten“23 wurde. Die negative Gleichsetzung von romantisch und romanhaft 24 wurde nach Kremer „[e]rst mit der Emanzipation der Romanform zu einer gleichberechtigten Gattung in der Poetik und Asthetik des ausgehenden 18. Jahrhunderts“25 aufgegeben. Von Schmitz-Emans‘ und Kremers Arbeiten ist Folgendes abzuleiten: Sie schreiben den Begriffen eine allgemeine Konnotation zu, namlich dass die Begriffe Roman, romantisch und Roman bzw. romanhaft im literarischen Sinne etwas mit Geschichten bzw. Erzahlungen zu tun haben, also eine Erzahlhaltung einnehmen, die, stilistisch betrachtet, etwas Wunderbares, AuBergewohnliches, Phantasievolles und Abenteuerliches erzahlen und als Kontrast zum realistischen und rationalen Alltag angesehen werden konnen. Schmitz-Emans schreibt dem Begriff romantisch sogar noch weitere Konnotationen zu, wie z. B. marchenhaft, ur- und altertumlich, volkstumlich, kindlich, seltsam und fern, ritterlich, mittelalterlich sowie nachtlich-dunkel, gespenstisch, grausig und schreckenerregend.26 Man kann „mit romantisch also etwas Inhaltliches oder eine spezifische Stimmung“27 bezeichnen, aber „keine formale Eigenschaft oder historische Qualitat“28. Sowohl Schmitz-Emans als auch Kremer verbinden die Romantik mit dem romantischen Autor Friedrich Schlegel. So zitiert Schmitz-Emans in ihrer Arbeit Friedrich Schlegel uber die Romantik wie folgt:

Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. Ihre Bestimmung ist nicht bloB, alle getrennte Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen, und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Beruhrung zu setzen. Sie will, und soll auch Poesie und Prosa, Genialitat und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig, und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen [...] (FS II, 182) - Die romantische Dichtart ist noch im Werden; ja das ist ihr eigentliches Wesen, dass sie ewig nur werden, nie vollendet sein kann (FS II, 183). 29

Wenn man an die modernen Schriftsteller und Autoren unserer Zeit denkt, konne man Schlegel mit Leichtigkeit zustimmen und die Meinung vertreten, dass heutige Autoren verschiedene Schreibstile miteinander kombinieren und in einer romanhaften Erzahlung vereinen, welche wir als Belletristik in einem Buchhandel kauflich erwerben konnen. Weiterhin diskutiert Schmitz- Emans die Ausfuhrungen Schlegels: „Eine Poesie, die „ewig nur werden“ soll, kann keinen festen und feststellbaren diskursiven Regeln folgen“30 und man konnte nun uberspitzt behaupten, dass die Romantik deshalb nicht klar definiert werden kann, da sie nach Schlegels Argumentation ein voranschreitender, ewig werdender Prozess ist. Brittnacher und May fuhren Schlegels Diskurs uber die Romantik als Stil weiter aus:

Der Roman ist ohne Zweifel die literarische Gattung, die dem romantischen Interesse an Synthetisierung der unterschiedlichen literarischen Formen am weitesten entgegenkommt. Die Integration von Liedern, Gedichten und Marchen [.] sind genuiner Bestandteil einer die Gattungsgrenzen konsequent und progressiv ausweitenden poetischen Praxis.31

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass Schlegels Argumentationen gegen eine fixe Definition der Romantik sprechen und die Romantik eher als ein Prozess und nicht als Epochenbegriff oder als Genre zu verstehen ist. Brittnacher und May greifen Schlegels Diskurs auf und geben dem Roman als Schreibgattung eine progressive Daseinsberechtigung. Der Diskurs von Schmitz- Emans‘ und Kremer erweitert die Begriffe Romantik, romantisch, Roman und romanhaft mit einem breiten Spektrum an Konnotationen, so dass eine simple und klare Definition der Begriffe in wenigen Satzen nicht moglich ist. Dennoch argumentieren Kremer und Schmitz- Emans dafur, dass die Romantik als eine Epoche zu verstehen ist und heute als Orientierung dienen kann, um Werke stilistisch einzuordnen. Der Romantik sollen an dieser Stelle nicht die progressiven Funktionen, nach Schlegel, abgesprochen werden, aber wenn im Folgenden in dieser Forschungsarbeit der Begriff Romantik verwendet wird, dann ist damit, wie nach Kremer und Schmitz-Emans, die Epoche oder eine Erzahlhaltung gemeint.

Obwohl, wie bereits erwahnt, Schmitz-Emans erlautert, dass der Begriff Schauerroman mit dem Adjektiv romantisch verknupft ist, stellt sich die Frage, ob es nicht noch weitere Verbindungen gibt, die den Schauerroman stilistisch und literaturhistorisch mit der Romantik verbinden. Murnane und Cusack argumentieren, dass der Schauerroman als absolutes Beispiel32 „der Epochenschwelle zwischen Aufklarung und Romantik“33 anzusehen ist und „seinen zentralen Beitrag sowohl zur genealogischen Entwicklung wie zum gattungsgeschichtlichen Romanverstandnis der Romantik leistet“34. In einem spateren Kapitel wird diese Verbindung des Schauerromans und der Romantik ausfuhrlicher beleuchtet (siehe Kap. 4).

3.2 Literaturhistorische Einordnung der Romantikepoche

Das folgende Kapitel wird die Romantik als Literaturepoche diskutieren, zeitlich einordnen und sie mit Hoffmanns Publikationen Der Sandmann und Die Elixiere des Teufels sowie Tiecks Publikation Der Runenberg verbinden. Wahrend Brittnacher und May die Romantik als Epoche prazise zwischen Weimarer Klassik (1796/1797) und Realismus (1830) platzieren,35 setzt Kremer das Aufbluhen der Romantik als Epoche im Jahr 1789 an, welche bis ungefahr 1801 andauerte und von ihm als Fruhe Romantik bezeichnet wurde.36 Im Anschluss an die Fruhe Romantik veroffentlichte Ludwig Tieck das Kunstmarchen Der Runenberg,37 welches im Verlauf dieser Forschungsarbeit untersucht wird. Ferner datiert Kremer die mittlere romantische Phase, auch als Mittlere Romantik bezeichnet, zwischen 1809 und 1822, dem Todesjahr von E.T.A. Hoffmann.38 In dieser Zeit entstehen die wichtigsten Texte Hoffmanns (u.a. die Fantasiestucke (1814/15), Nachtstucke (1816/17), [...] und die Romane Die Elixiere des Teufels (1815/16) und Lebens-Ansichten des Katers Murr (1819/21)).39

Nach Kremer veroffentlichte Hoffmann zu dieser Zeit das Werk Der Sandmann als Teil seines Sammelbandes Nachtstucke (1816/17) und Die Elixiere des Teufels (1815/16). Die Spatromantik beginnt bei Kremer ab ca. 1820 und endet mit der Erzahlung Waldeinsamkeit von Tieck im Jahr 1841.40 Brittnacher und May datieren die Mittlere Romantik hingegen von 1802 bis 1812 und setzen den Beginn und das Ende der Spatromantik von 1820-1830 etwas fruher an.41 Die aufgefuhrten Datierungen von Kremer sowie Brittnacher und May bezuglich einer Einordnung der Literaturepoche Romantik sind demnach nicht deckungsgleich. Schmitz-Emans diskutiert in ihrer Arbeit die Schwierigkeit, das genaue Ende der Romantikepoche zu bestimmen: Einerseits distanzieren sich ab 1830 ehemalige romantische Autoren ruckblickend von der Romantik 42 und andererseits „bleiben epigonale Autoren noch lange im romantischen Fahrwasser, parallel zu neuen literarischen Bewegungen“43. Schmitz-Emans‘ Ausfuhrungen liefern eine mogliche Erklarung, warum das Ende der Romantik bei Kremer sowie Brittnacher und May unterschiedlich datiert wurde. Namlich, weil es von kontrovers diskutierten Vorentscheidungen abhangt, unter welchen Bedingungen man etwa von spat- oder nach-romantischen Werken sprechen mochte.44

4. Zum Begriff der Schauerliteratur

Das folgende Kapitel zur Schauerliteratur wird die deutsche Schauerliteratur und die dazugehorigen Schauerelemente erlautern. Das Ziel dieses Kapitels ist eine Darstellung des aktuellen Forschungsstandes zur Schauerliteratur, um somit den Weg fur die folgenden Kapitel zum literarischen Motiv und zum Motiv des Doppelgangers zu ebnen. Zuerst werden Passagen aus Mario Grizeljs Artikel Schauerroman/gothic novel dargestellt, da sie eine klare Differenzierung zwischen dem deutschen Schauerroman und der britischen gothic novel sowie erste Informationen uber genrespezifische Textelemente darlegen. GemaB Grizelj kann bezuglich des vagen Begriffs der Schauerliteratur45 „von einem literaturgeschichtlich relevanten Genre fur die Zeit zwischen 1764 und 1820 gesprochen werden“46. Das bedeutet, dass nach Grizelj das Genre der Schauerliteratur bereits vor der Romantikepoche in Erscheinung tritt und der Begriff Schauerliteratur auch als Synonym fur den Begriff Schauerroman genutzt werden kann. Murnane und Cusack berufen sich auf den aktuellen literaturwissenschaftlichen Diskurs und verorten die Entstehung des deutschen Schauerromans in den 1780er Jahren47 als Weiterentfaltung des empfindsamen Diskurses (Schwarmerei, Einbildung, Wirkungsasthetik) und des Sturm und Drang (z.B. Mittelalter als Handlungsort, erhabener Verbrechertypus).48

Sie unterstreichen Grizeljs Argument, dass die Schauerliteratur als Genre vor dem Beginn der Romantikepoche entstand. Ferner begrunden Murnane und Cusack die Entstehung des deutschen Schauerromans als Willenserklarung49 „spataufklarerisch-anthropologischer Diskurse u.a. zur Einbildungskraft, Gespensterglauben und der Kalkulierbarkeit menschlichen Handelns und Denkens“50. Die romantische Schauerliteratur entwickelte sich, laut Murnane und Cusack, aus dem spataufklarerischen Schauerroman.51 Der Schauerroman ist als „heterogener, auBerst wandlungsfahiger literarischer Modus“52 und in seiner Entwicklung als „Ubergang von der Aufklarung zur Romantik“53 zu verstehen. Demnach ist der Schauerroman in der Aufklarung verwurzelt und entwickelte sich in der Romantik weiter.54 Im Deutschen wird der Begriff Schauerroman genutzt und nicht das britische Pendant gothic novel,55 gleichwohl der deutsche Schauerroman und die britische gothic novel uber ein ahnliches Gattungskonzept verfugen.56

[...]


1 Hoffmann, Die Elixiere des Teufels, S. 73.

2 Daemmrich, Themen und Motive in der Literatur, S. 229.

3 Vgl. ebd., S. 229.

4 Vgl. Fitzek, Der Insasse.

5 Tolle, Der in die tiefste Tiefe schaute, S. 45.

6 Ebd., S. 45.

7 Kunkel-Razum, Art.: romantisch, S. 964.

8 Kunkel-Razum, Art.: Romantik, S. 964.

9 Schmitz-Emans, Einfuhrung in die Literatur der Romantik, S. 8.

10 Ebd., S. 8.

11 Kremer, Art.: Romantik, S. 326.

12 Vgl. Schmitz-Emans, Einfuhrung in die Literatur der Romantik, S. 7.

13 Vgl. ebd., S. 7.

14 Vgl. Kremer, Romantik, S. 40.

15 Schmitz-Emans, Einfuhrung in die Literatur der Romantik, S. 8.

16 Vgl. ebd., S. 8.

17 Vgl. ebd., S. 8.

18 Ebd., S. 8.

19 Ebd., S.8.

20 Vgl. Kremer, Romantik, S. 40.

21 Ebd., S. 40.

22 Kremer, Romantik, S. 40.

23 Ebd., S. 40.

24 Vgl. ebd., S. 40.

25 Kremer, Romantik, S. 40.

26 Vgl. Schmitz-Emans, Einfuhrung in die Literatur der Romantik, S. 8.

27 Ebd., S. 9.

28 Ebd., S.9.

29 Ebd., S. 10.

30 Ebd., S. 10.

31 Brittnacher/May, Romantik, S. 63.

32 Vgl. Murnane/Cusack, Der deutsche Schauerroman um 1800, S. 16.

33 Ebd., S. 16.

34 Ebd., S. 16-17.

35 Vgl. Brittnacher/May, Romantik, S. 59.

36 Vgl. Kremer, Romantik, S. 47-48.

37 Vgl. ebd., S. 193.

38 Vgl. ebd., S. 48-49.

39 Ebd., S. 48-49.

40 Vgl. ebd., S. 59-50.

41 Vgl. Brittnacher/May, Romantik, S. 59.

42 Vgl. Schmitz-Emans, Einfuhrung in die Literatur der Romantik, S. 7.

43 Ebd., S. 7.

44 Ebd., S. 7.

45 Vgl. Grizelj, Schauerroman/gothic novel, S. 305.

46 Ebd., S. 306.

47 Vgl. Murnane/Cusack, Der deutsche Schauerroman um 1800, S. 9.

48 Ebd. S. 9.

49 Vgl. ebd., S. 14.

50 Ebd., S. 14.

51 Vgl. ebd., S. 16.

52 Ebd., S. 16.

53 Ebd., S. 16.

54 Vgl. ebd., S. 16-17.

55 Vgl. Grizelj, Schauerroman/gothic novel, S. 306.

56 Vgl. ebd., S. 306.

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Das Doppelgängermotiv in „Die Elixiere des Teufels“ und „Der Sandmann“ von E.T.A. Hoffmann sowie in „Der Runenberg“ von Ludwig Tieck
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
2,3
Jahr
2021
Seiten
40
Katalognummer
V1225453
ISBN (Buch)
9783346647481
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Doppelgänger, Motiv, Doppelgängermotiv, E.T.A. Hoffmann, Bachelorarbeit, Der Sandmann, Die Elixiere des Teufels, Der Runenberg, Ludwig Tieck
Arbeit zitieren
Anonym, 2021, Das Doppelgängermotiv in „Die Elixiere des Teufels“ und „Der Sandmann“ von E.T.A. Hoffmann sowie in „Der Runenberg“ von Ludwig Tieck, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1225453

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