Béla Balázs gehört zu den frühen Filmtheoretikern aus der Stummfilmzeit, der in seinen wissenschaftlichen Abhandlungen der Physiognomik eine zentrale Stellung einräumt.
Die vorliegende Arbeit führt zunächst in den Begriff der Physiognomik ein und grenzt dabei Balázs’ Definition von derer anderer Autoren ab. Im dritten Abschnitt, dem Hauptteil, wird die Dialektik zwischen Zuschauer und Filmschauspieler in Béla Balázs Theorie diskutiert und am Beispiel von zwei Aspekten erläutert, zum einen Körpersprache und Gesicht, zum anderen an der „Rasse“. Als Quelle dienen in diesem Zusammenhang vor allem „Der sichtbare Mensch” (1924) und „Der Geist der Films“ (1930).
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Physiognomik: Eine Begriffserklärung
3. Zur Dialektik zwischen Zuschauer und Schauspieler
a) Ohne Worte: Körpersprache und Gesichtsausdruck
b) „Rasse”
4. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das dialektische Verhältnis zwischen dem Zuschauer und dem Filmschauspieler in der Theorie der Filmphysiognomik von Béla Balázs. Dabei wird insbesondere analysiert, wie Körpersprache, Mimik und ethnische Kategorisierungen die Repräsentation und Wahrnehmung von Identität und menschlicher Anthropologie im Medium Film konstituieren.
- Grundlagen der physiognomischen Theorie nach Béla Balázs
- Die Dialektik zwischen Mensch/Zuschauer und Filmschauspieler
- Bedeutung von Körpersprache und Mimik im Stummfilm
- Kritische Analyse der Rassenkategorie in der Filmtheorie
- Auswirkungen der Großaufnahme auf die Wahrnehmung des Seelenlebens
Auszug aus dem Buch
3. Zur Dialektik zwischen Zuschauer und Schauspieler
Die einen sind AkteurInnen in der realen Welt, die anderen AkteurInnen auf der Kinoleinwand. In Balázs’ Filmphysiognomik sind Zuschauer und Schauspieler jedoch nicht als zwei unterschiedliche, voneinander strikt zu unterscheidende Gruppen ohne Gemeinsamkeiten definiert, sondern stehen in einem dialektischen Verhältnis zueinander – das heißt, sie beeinflussen sich gegenseitig und bestimmen so die Identität des anderen mit. Beim Zuschauer vollzieht sich dies in der Rezeptionswirkung und beim Schauspieler in seiner Kunst.
Balázs apostrophiert das Kinopublikum und verdeutlicht ihm seinen Einfluss auf den Film, indem er sagt, „daß es von euch, eurem Bedürfnis, von eurer Genußfähigkeit abhängt, was für Filme ihr bekommen werdet. Der Film ist, mehr als jede andere, eine soziale Kunst, die gewissermaßen vom Publikum geschaffen wird (Balázs, 1924, S.51). Doch er meint auch, die „visuelle Kultur müßte den Menschen in ihrem gewöhnlichen Verkehr miteinander andere und neue Ausdrucksformen geben. Das (…) wird der Film schaffen“ (Balázs, 1924, S.56). In diesen zwei Aussagen kristallisiert sich die Dialektik zwischen Gesellschaft/ Kultur und Film auf der Makroebene heraus. Daraus leitet sich diejenige zwischen Mensch/Zuschauer und Filmschauspieler. Ich werde in den zwei folgenden Unterabschnitten als Erstes darauf eingehen, wie Balázs das Sichtbarwerden ihrer „Seele“ durch Gesicht und Körpersprache beschreiben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Bedeutung von Béla Balázs für die Filmtheorie ein und definiert die zentrale Fragestellung bezüglich der Dialektik von Zuschauer und Schauspieler sowie der Rolle der Physiognomik.
2. Physiognomik: Eine Begriffserklärung: Dieses Kapitel erläutert den historischen Hintergrund der Physiognomik und analysiert Balázs’ Synthese von Physiognomik und Pathognomik im Kontext des „sichtbaren Menschen“.
3. Zur Dialektik zwischen Zuschauer und Schauspieler: Hier wird das Wechselverhältnis zwischen Kinopublikum und Schauspieler untersucht, wobei die Bedeutung des stummen Ausdrucks für die Vermittlung des Seelenlebens im Fokus steht.
a) Ohne Worte: Körpersprache und Gesichtsausdruck: Dieser Abschnitt behandelt die Anthropologie der Gebärdensprache und die Funktion der filmischen Großaufnahme als Medium der Selbstwahrnehmung.
b) „Rasse”: Dieses Kapitel problematisiert die Verwendung der Rassenkategorie bei Balázs und deren Konsequenzen für die Darstellung ethnischer Gruppen im Film.
4. Schluss: Das Schlusskapitel fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Anwendbarkeit der Filmphysiognomik auf den Tonfilm sowie die Notwendigkeit weiterer soziokultureller Forschung.
Schlüsselwörter
Béla Balázs, Filmphysiognomik, Pathognomik, Stummfilm, Körpersprache, Großaufnahme, Zuschauer, Filmschauspieler, Anthropologie, Rasse, Stereotypisierung, Mimik, Gebärdensprache, Dialektik, Seelenleben
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der filmtheoretischen Analyse von Béla Balázs und untersucht die Wechselbeziehung zwischen dem Zuschauer und dem Schauspieler im Stummfilm.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Physiognomik, die Bedeutung von Körpersprache und Mimik sowie die kritische Reflexion über die Kategorie „Rasse“ in der frühen Filmtheorie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die Dialektik zwischen der Anthropologie des Menschen in der Realität und seiner filmischen Darstellung durch Balázs’ Theorie der Filmphysiognomik zu ergründen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine diskursanalytische Untersuchung, die sich auf die primären Schriften von Béla Balázs stützt und diese mit kulturwissenschaftlichen und anthropologischen Erkenntnissen kontrastiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil wird analysiert, wie durch den Verzicht auf Sprache und die Fokussierung auf Gebärden und Gesichtsausdrücke im Film eine neue Form der Kommunikation entsteht, und wie dabei ethnische Stereotype instrumentalisiert werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe umfassen Physiognomik, Filmphysiognomik, Dialektik, Körpersprache, „Sichtbarer Mensch“ und die Rassenproblematik im Filmkontext.
Wie bewertet die Autorin die Anwendbarkeit von Balázs' Theorie heute?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass die Theorie primär für den Stummfilm konzipiert wurde und angesichts der Dominanz des Tonfilms als weitgehend nicht mehr direkt anwendbar gilt.
Welche Rolle spielt die Großaufnahme laut der Arbeit?
Die Großaufnahme fungiert als „Lupe“ des Kinos, die das „Grundgesicht“ des Menschen enthüllt und den Zuschauer dazu befähigt, sein eigenes Wesen und das anderer tiefer zu erfassen.
Wie steht die Arbeit zur Rassenkategorie bei Balázs?
Die Arbeit distanziert sich von den physiognomischen Annahmen Balázs’ und verweist auf moderne wissenschaftliche Erkenntnisse, die eine genetische Grundlage für solche Kategorisierungen vollständig negieren.
- Quote paper
- Canan Turan (Author), 2007, Zur Dialektik zwischen Zuschauer und Schauspieler in Béla Balázs’ Filmphysiognomik (1924/1930), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122552