Das Romantische in Wolframs Parzival


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Das Romantische in Wolframs Parzival
2.1. Philosophischer Hintergrund
2.2. Die drei Hauptforderungen der Poetologie Friedrich Schlegels
2.2.1. Ausrichtung auf das Unendliche
2.2.2. Poesie der Poesie
2.2.3. Heterogenität
2.3. Romantische Ironie

3. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das poetologische Ideal der Romantik ist progressiv bestimmt. Es hat einen sich vervollkommnenden Charakter und ist aus dem Blickwinkel der Romantiker innerhalb der Geschichte nicht auf die Epoche der Romantik begrenzt. Das Romantische umfasst ästhetische Qualitäten, die künstlerische Werke erfüllen sollen, bzw. schon erfüllt haben. Die mittelalterliche Poesie nimmt hier eine Schlüsselposition ein. Sie wird von den Romantikern als historische Antizipation dieses Romantik-Ideals gesehen - das allerdings niemals völlig erreicht werden kann.[1]

So lobt auch der Romantiker Friedrich Schlegel an vielen Stellen seines Werkes die Literatur des Mittelalters, wobei er sich allerdings eher summarisch äußert und abgesehen vom Nibelungenlied und dem Heldenbuch kein konkretes Werk nennt.[2] Besonders interessant ist daher ein Abschnitt der achten Vorlesung aus seiner Vorlesungsreihe „Geschichte der alten und neuen Literatur“, in dem es heißt: „Unter allen deutschen Dichtern dieser Zeit (des Mittelalters, Anm. der Verfasserin), war der kunstreichste, Wolfram von Eschenbach, welcher von den Geschichten der Tafelrunde, besonders jene allegorischen gewählt hat [...].“[3] Auch in der Zeitschrift Europa wird Wolfram von ihm gerühmt als „der größte Dichter, den Deutschland jemals gehabt hat; [...].“[4] Friedrich Schlegel lobt hier ausdrücklich Wolfram von Eschenbach, den er - gemessen an dem romantischen Ideal - als einen der Hauptdichter der Literatur des Mittelalters einschätzt. Es stellt sich nun die Frage, was Wolfram (romantisch bewertet) so lobenswert macht und worin ihm genau eine Vorwegnahme romantischer Prinzipien gelingt - wodurch er sich also in dieser Hinsicht vor anderen Dichtern seiner Zeit auszeichnet.

Um diese Frage zu beantworten, wird im Folgenden zunächst ein Blick auf den philosophischen Hintergrund der romantischen Poetik geworfen. Der Hauptteil der Arbeit widmet sich schließlich dem Nachweis der zentralen von Friedrich Schlegel geforderten romantischen Prinzipien in Wolframs Parzival.

2. Das Romantische in Wolframs Parzival

2.1. Philosophischer Hintergrund

Um die Übereinstimmung einiger Besonderheiten des Parzivals mit den konstitutiven Merkmalen der romantischen Poesie zu verdeutlichen, wie Friedrich Schlegel sie definiert, ist es notwendig, den philosophischen Hintergrund von dessen romantischer Poetik zu verstehen. Hierzu ist es hilfreich, einen Blick auf die frühromantische Natur- und Kunstphilosophie Friedrich Wilhelm Schellings zu werfen, die die Frühromantiker Friedrich Schlegel und Novalis stark beeinflusst und deren Vorstellungen von romantischer Poesie maßgeblich geprägt hat.

Eine Qualität des „unendlichen Geistes“ – Schellings Beitrag zur nachkantischen Philosophie vom „Ich“ und vom Selbstbewusstsein – ist seine Absolutheit, d.h. seine Freiheit von jeder Bestimmung. Daraus resultiert die Vorliebe der Romantiker für das Unbestimmte, handelt es sich schließlich um eine Qualität des Absoluten. Neben der Freiheit von jeder Bestimmung gibt es nach Schelling eine zweite Qualität des „unendlichen Geistes“ - das Verlangen, sich dieser Freiheit auch bewusst zu sein.[5] Novalis erkennt den widersprüchlichen Charakter der beiden Qualitäten und merkt an: „Ihr verlangt, daß ihr euch dieser absoluten Freiheit bewusst seid. Bedenkt ihr überhaupt, daß das Ich, insofern es im Bewusstsein vorkommt, nicht mehr reines absolutes Ich ist, daß es für das absolute Ich überall kein Objekt geben, und daß es also viel weniger selbst Objekt werden kann? Selbstbewusstsein setzt die Gefahr voraus, das absolute Ich zu verlieren.“[6]

Der Widerspruch im unendlichen Geist von Selbstbeschränkung (Selbstbewusstsein) und Unbeschränktheit (Freiheit von jeder Bedingung) lässt sich nur auflösen, wenn man die Unendlichkeit als ewig werdende versteht. Das unendliche Werden ist demnach ewiger Wechsel zwischen Selbstbeschränkung und der Behauptung der Absolutheit des Unendlichen. Diese beiden Qualitäten verwirklichen das, was sie sind, im Prozess. Das Wesen dieses Prozesses lässt sich nur in einem unendlichen Produkt darstellen – für Schelling ist das das Kunstwerk, denn nur in der Kunst fallen bewusste und bewusstlose Tätigkeit zusammen.[7] Einerseits handelt es sich um ein Produkt als Resultat bewusster Tätigkeit, andererseits um bewusstlose Unendlichkeit, die aus der Fülle der Interpretationsmöglichkeiten, die einem Kunstwerk immanent sind, entsteht: „So ist es mit jedem wahren Kunstwerk, indem jedes, als ob eine Unendlichkeit von Absichten darin wäre, einer unendlichen Auslegung fähig ist, wobei man doch nie sagen kann, ob diese Unendlichkeit im Künstler selbst gelegen habe, oder aber bloß im Kunstwerk liege.“[8]

Die Frühromantiker Novalis und Friedrich Schlegel, die seit 1797 mit Schelling in Kontakt waren, stimmen hier mit ihm überein. Friedrich Schlegel schreibt über die romantische Poesie, es sei „ihr eigentliches Wesen, daß sie ewig werden, und nie vollendet sein kann“[9] und Novalis fordert, sie müsse „ganz unerschöpflich seyn.“[10]

2.2. Die drei Hauptforderungen der Poetologie Friedrich Schlegels

Nach dieser kurzen Einführung in den philosophischen Hintergrund der romantischen Poetik wird das Denken Friedrich Schlegels nachvollziehbar. Es wird nun dargestellt, welche romantischen Prinzipien es genau sind, die Friedrich Schlegel in Wolframs Parzival als Antizipation des Romantikideals erkannt haben kann. Bei diesen Merkmalen, die nach Friedrich Schlegel ein romantisches Werk erfüllen soll, handelt es sich um die Ausrichtung auf das Unendliche, Autoreflexivität durch poetologische Reflexionen und Heterogenität. Diese drei Forderungen laufen unter dem Begriff der Romantischen Ironie zusammen, wie im Anschluss an den Nachweis dieser Prinzipien in Wolframs Parzival gezeigt wird.

2.2.1. Ausrichtung auf das Unendliche

Das Absolute oder Unendliche ist für Novalis, „was sich durch ewigen Mangel realisiert.“[11] Er fordert eine Poesie, die „ganz unerschöpflich seyn“[12] soll. Darin stimmt er mit Friedrich Schlegel überein, für dessen „progressive Universalpoesie“ gelten soll, dass es „ihr eigentliches Wesen [ist], daß sie ewig nur werden, nie vollendet sein kann“[13], da sich das Unendliche am ehesten durch ein unendliches Produkt darstellen lässt - durch ein Kunstwerk.

Damit erklärt sich die Vorliebe der Romantiker für das Fragment.[14] Das Fragment ist nicht vollendet. So teilt es mit dem Absoluten die Eigenschaft der Unbestimmtheit und Nicht-Fixierbarkeit. Es potenziert durch seine Unabgeschlossenheit die Fülle der Interpretationsmöglichkeiten und verweist so symbolisch auf das Unendliche.

Auch dem Parzival kann man einen fragmentarischen Charakter zuschreiben. Seine Episoden mit wechselndem Personal verfolgen diese nur bis zu einem gewissen Punkt und brechen dann ab – sie bleiben damit in gewisser Hinsicht unabgeschlossen. Ein Beispiel hierfür bietet der Wechsel der Hauptprotagonisten von den Eltern Parzivals (1,1-111,30) zu Parzival (112,5-334,30), weiter zu Gawan (335,1-433,30) und wieder zu Parzival (434,1-826,30), aber auch die Episoden um die zahlreichen wechselnden Nebenfiguren.

Nun teilt nicht nur das Fragment mit dem Unendlichen die Eigenschaft der Unbestimmtheit. Auch die Musik zeichnet sich durch dieses Attribut aus und gilt daher nicht umsonst als die romantischste aller Kunstgattungen. Nicht verwunderlich, dass Friedrich Schlegel die Musikalität der mittelalterlichen Poesie lobt.[15] So ist auch der Parzival in Versen verfasst und vermutlich auf einen Vortrag, der von Musik begleitet wird, ausgerichtet.

Eine weitere Möglichkeit auf das Unendliche anzuspielen besteht darin, ein auf die Transzendenz, auf das Göttliche, ausgerichtetes Thema zu wählen, da so das Unendliche im Endlichen zur Erscheinung gebracht wird.[16] Dies gehört für Friedrich Schlegel zu den Vorzügen der mittelalterlichen Literatur. Er lobt ausdrücklich: „Unter dem Namen des heiligen Gral ward eine ganze Reihe von solchen ganz allegorischen Ritterdichtungen ersonnen, deren Ziel stets dahin geht, darzustellen: wie der Ritter durch immer höhere Einweihung, sich der Geheimnisse und Heiligtümer würdig machen soll, deren Aufbewahrung hier als das höchste Ziel seines Berufs erscheint (...).“[17] Die im Parzival aufgegriffene Gralsthematik erhärtet den Verdacht, dass Friedrich Schlegel hier Wolframs Roman im Blick gehabt haben könnte, in dem Gott bestimmt, wer zum Gral gerufen wird:

jane mac den grâl[18] nieman bejagen,/ wan der ze himel ist sô bekannt/ daz er zem grâle sî benant. (468, 12-14)

[...]


[1] Vgl.: Edith Höltenschmidt: Die Mittelalter-Rezeption der Brüder Schlegel, Schöningh, Paderborn 2000, S. 278.

[2] Vgl.: ebd., S. 292.

[3] Friedrich Schlegel: Kritische Ausgabe (KA), herausgegeben von Ernst Behler, Band VI, Schöningh, Paderborn 1963, S.192.

[4] Ebd., IV, S. 143.

[5] Vgl.: Ulrich Heimann: Geöffnete Fenster – verstellte Fenster. Zum historischen Verstehen einer kulturellen Alltagsgeste, in: Kultur – Kompetenz, Hrsg.: Kunibert Bering, Johannes Bilstein, Hans Pater Thurn, Athena, Oberhausen 2003, S. 295f.

[6] Novalis: Das Allgemeine Brouillon, in: Werke, Tagebücher und Briefe Friedrich von Hadenbergs (WTB), herausgegeben von Hans-Joachim Mähl und Richard Samuel, Band 2, Hanser, München 1978. S. 180f.

[7] Vgl.: Heimann 2003, S. 295ff.

[8] Schelling, F.W.J.: System des transzendentalen Idealismus (1800), in: Schellings Werke, Nach der Originalausgabe in neuer Anordnung herausgegeben von Manfred Schröter, Bd. 3, Beck, München 1958, S. 640.

[9] Friedrich Schlegel: Athenäums-Fragmente, Nr. 116, In: Kritische Schriften und Fragmente. Studienausgabe in sechs Bänden, herausgegeben von Ernst Behler und Hans Eichner, Bd. 2, Schöningh, Paderborn 1988, S. 115.

[10] Novalis: Aus den Fragmenten und Studien, in: WTB, Bd. 2, S. 826.

[11] Ebd., Fichte-Studien, Nr. 566, in: WTB, Bd. 2, S. 181.

[12] Ebd.: Fragmente und Studien III, Nr. 387, in: WTB, Bd. 2, S. 826.

[13] Friedrich Schlegel: Athenäums-Fragmente (Afr), Nr. 116, in: Studienausgabe, Bd. 2, S.114f.

[14] Zur Rolle des Fragments in der frühromantischen Poetik vgl.: Pikulik 2000, S. 123 – 130.

[15] Vgl.: Höltenschmidt 2000, S. 296f.

[16] Vgl.: ebd., S. 282f.

[17] Friedrich Schlegel: Geschichte der alten und neuen Literatur, Achte Vorlesung, in: KA, VI, S. 192.

[18] Die Hervorhebungen in den Zitaten sind hier wie auch im Folgenden durch die Verfasserin vorgenommen.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Das Romantische in Wolframs Parzival
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
20
Katalognummer
V122586
ISBN (eBook)
9783640275489
ISBN (Buch)
9783640275571
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Romantik, romantisch, Romantische, Wolfram, Parzival, Mittelalter, Schlegel, Novalis, Schelling, Poetik, Poetologie, Ironie, Unendliche, Rezeption, Eschenbach
Arbeit zitieren
Lisanne Schuster (Autor:in), 2006, Das Romantische in Wolframs Parzival, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122586

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