Randkulturen bei Roland Girtler. Eine kritische Gegenüberstellung von "Wilderer" und "Der Strich"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

15 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Zur Vita von Roland Girtler

2 Girtlers Analyse der Wilderer
2.1 Motivation
2.2 Quellen
2.2.1 Das eroepische Gespräch
2.2.2 Angewandte Kriterien der teilnehmenden Beobachtung
2.3 Typisierungen
2.3.1 Inhaltliche Aspekte
2.3.2 Typisierung des Wilderers
2.4 Methode

3 Der Strich
3.1 Motivation
3.2 Quellen und Methoden
3.3 Methoden und Typisierungen

4 Resümee

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Motivation zum Wildern,

Abbildung 2: Beziehungsgeflecht der Wilderer,

1 Einleitung

Im Rahmen der Vorbereitung meiner mündlichen Präsentation des Buches „Die Wilderer“ von Roland Girtler, zu dem ich inhaltlich zunächst keinen Bezug hatte, stellte sich für mich die Frage, mit welcher Vorgehensweise Girtler sich einen umfassenden Überblick in die Randgruppe der Wilderer als Teil der bäuerlichen Subkultur verschaff- te. Um die Methoden Girtlers genauer zu betrachten, musste ich das Buch ein zweites Mal lesen und die inhaltlichen Aspekte in den Hintergrund stellen, obwohl sich Girtler an den Grundsatz Poppers hielt:

„ Jeder Intellektuelle hat eine ganz spezielle Verantwortung. Er hat das Privileg und die Gelegenheit, zu studieren. Dafür schuldet er seinen Mit- menschen, die Ergebnisse seines Studiums in der einfachsten und klarsten und bescheidensten Form darzustellen. “ (Zitiert nach Girtler 2004a, 100)

Ferner interessierte mich die Frage, ob Girtler mit einander ähnelnden Vorgehensweisen bei seinen Untersuchungen von anderen Randgruppen ähnlichen Erfolg hatte. Daher entschied ich mich dazu, den Modus Procedendi seiner Studie zum Strich genauer zu betrachten und sowohl die Quellenauswahl als auch die Methoden der beiden Studien einander vergleichend gegenüber zustellen.

Aus Girtlers Vita und seinen bisherigen Forschungen ergibt sich, dass die Studie über die Wilderer nur eine von zahlreichen Untersuchungen Girtlers zu Randkulturen dar- stellt und die Lebenswelt der Wilderer zum erweiterten Lebensbereich Girtlers zählt.

Ich werde daher zunächst einen kurzen Überblick zur Vita Girtlers geben, anschließend die Vorgehensweise bei seinen Studien zu den Wilderern und dem Strich darstellen, dabei die Quellen und Methoden kritisch betrachten und letztlich die daraus gewonnenen Ergebnisse kritisch vergleichen. Mein Kriterienkatalog kann dabei aufgrund des vorgegebenen Umfangs der Hausarbeit nicht den Anspruch erheben, umfassend und vollständig zu sein. Ebenso wenig ist eine Auseinandersetzung mit den Methoden der qualitativen Sozialforschung vorgesehen.

1.1 Zur Vita von Roland Girtler

Roland Girtler wurde am 31.05.1941 in Wien geboren, jedoch wuchs er im oberösterrei- chischen Gebirge auf. Seine Eltern waren Land- bzw. Gebirgsärzte, was unter anderem für seine spätere Feldforschung dienlich war. 1959 begann Girtler sein Studium und besuchte zunächst juridische, historische, volkskundliche und philosophische Vorlesungen. Im Jahre 1967 hatte er nach einem Unfall im Rahmen eines nahezu halbjährigen Krankenhausaufenthaltes ein einschneidendes Erlebnis: Ihm fehlte zu diesem Zeitpunkt nur noch eine Prüfung zu seinem Studienabschluss, dennoch wechselte er seine Studienrichtung und nahm trotz des Missfallens seiner Eltern das Studium der Geschichte, Ethnologie, Philosophie und Soziologie auf. Parallel zu seinem Studium hatte er Studentenjobs, die eine rege Interaktion mit Menschen garantierten. So arbeitete er als Bierausführer, Gemüselieferant, in einer Werkstatt für Papiersäcke sowie in der Rolle des Kaiserjägers als Filmkomparse in einem Film mit Omar Sharif.

1971 promovierte Girtler zum Doktor der Philosophie nach Feldforschungen in Kroatien. In den folgenden Jahren beschäftigte er sich wissenschaftlich unter Gebrauch der Methoden der Feldforschung mit den verschiedensten Randkulturen, zum Beispiel den Sandlern, Polizisten, Dirnen und Zuhältern, Schmuggler, Wilderern, feinen Leuten, Bergbauern, Landlern sowie der Gaunersprache.

Einen direkten Bezug zu Bergbauern und Wilderen gab es für Girtler zunächst nicht. Da Girtler jedoch in der Bergwelt aufwuchs und seine Eltern als Landärzte hin und wieder verletzte Wilderer und Jäger behandelten, ist zumindest ein indirekter Bezug zu konstatieren. Zu seiner Studie zum Strich wurde Girtler durch seinen viermonatigen Krankenhausaufenthalt motiviert, da ein Zuhälter sein Zimmernachbar war und ihn durch Erzählungen während des gemeinsamen Krankenhausaufenthaltes einen ersten Einblick in die Welt der Prostitution lieferte. Für seine Studie zum Strich stand der Zuhälter, mit dem Girtler sich eine Freundschaft aufbaute, jedoch nicht zur Verfügung, so dass Girtler diesen Zugang durch einen ihm bekannten Ganoven herstellte.

2 Girtlers Analyse der Wilderer

2.1 Motivation

Girtler, der sich selbst als Nachfahre eines Piraten sieht1, führte im Vorfeld der Wildererstudie eine Bergbauernstudie in den Bergen Oberösterreichs durch. Dabei wurde ihm klar, dass Wilderer eine wichtige Bedeutung im Leben von Bergbauern hatten. Daher entschloss er sich, eine umfassendere Studie den Wilderern zu widmen, Girtler ging es somit nicht um eine Verherrlichung von Wilderern, sondern vielmehr um eine Betrachtung von Wilderern als Teil der bäuerlichen Kultur (Girtler 1998, 14).2

2.2 Quellen

Für seine Studie zieht Girtler Geschichten, Lieder, historisches Material, Bücher, Ge- dächtnisprotokolle über Hörensagen sowie Erzählungen heran. Als Gesprächsquellen werden von ihm alle Akteure aus dem sozialen Umfeld des Wilderers benannt, unter anderem:

- Girtlers Eltern, die als Gebirgsärzte entsprechende Erfahrungen gesammelt haben.
- Oberförster, Forstmeister, Jäger
- Wildschützen
- Bergführer, Wirte, Jägersfrauen
- sonstige Zeitzeugen

Girtler vermischt alle Quellen. Wenn es um historische Fakten geht, zieht Girtler zwar historisches Quellenmaterial zu Rate, nimmt dann aber wiederum Erzählungen aus der Zeit und bringt schließlich Gespräche mit Zeitzeugen. Für die neuere Geschichte werden bevorzugt weniger offizielle Quellen herangezogen.

Girtler zitiert dabei ganze Absätze aus Gesprächen, obwohl es keine Belege oder Hinweise gibt, dass die Gespräche überhaupt festgehalten wurden.3 Aus der Vita des Autors wird ersichtlich, dass Girtler an einigen der im Buch beschriebenen Orte wohl schon als Kind war und dort gelebt hat, ob er jedoch zwecks der Studie einen - wie bei teilnehmenden Beobachtungen üblich (Friebertshäuser 1997a, 520ff.) - längeren Zeitraum bewusst als Forscher im Feld gelebt hat, ist mangels Angaben nicht nachvollziehbar.

2.2.1 Das eroepische Gespräch

Mit allen beteiligten Akteuren nden eroepische Gespräche4 statt. Girtler grenzt das ero- epische Gespräch als freies, unstrukturiertes Gespräch vom Interview ab. Während das Interview kurze Fragen und schnelle Antworten erfordert, ist ein eroepisches Gespräch umfassend und bedarf guter Konstitution, da es sich oft um Gespräche bei Bier und Most handelt. Ein eroepisches Gespräch folgt keinem Leitfaden. Die Struktur sowohl hinsichtlich der Rollenverteilung als auch des Gesprächsthemas der Gesprächsteil- nehmer ist offen. Aus Girtlers Ausführungen zu den Wilderern geht nicht hervor, ob er bei den eroepischen Gesprächen auch beobachtet, inwiefern er letztlich bewusst selektiert oder wann und wie ausführlich seine Aufzeichnungen der Gespräche sind, so dass der Leser keine Einblicke über die Gedächtnisleistung des Autors hat und die Qualität der qualitativen Sozialforschung in diesem Kriterium nicht beurteilt werden kann. Zwar gibt es in anderen Werken Girtlers weitere Hinweise auf die Dokumentation von eroepischen Gesprächen (vgl. Girtler 2004a, 66ff.), aufgrund der Beschaffenheit von langen eroepischen Gespräche erscheint es unwahrscheinlich, dass detaillierte in Se- quenzen unterteilte Gesprächsprotokolle angefertigt wurden.

[...]


1 Bereits die Widmung der 2. Auflage, in der Girtler auf seine Abstammung von Piraten verweist, gibt jedoch einen Ausblick auf Girtlers Wertschätzung der Wilderer, denn Girtlers Verweis auf seine Abstammung ist wohl auch ein identitätsstiftendes Merkmal und es ist kaum davon auszugehen, dass Girtler sich dabei auf ein Negativ-Vorbild beruft.

2 Bei seiner Analyse der Wilderer und deren sozialem Umfeld grenzt er jedoch bereits im Vorfeld die Wilderer von den Schlingenlegern ab, denn die Schlingenlegern genossen kein Ansehen, waren aktiv in den Wäldern des sachen Tals und wurden als unfair angesehen, wohingegen die Wilderer für viele Bewohner der Berge und auch für Girtler die Rebellen der Berge waren.

3 Als eindrucksvolles Beispiel hiefür sein die zweiseitige Schilderung des Patz-Sigerl genannt (Girtler 1998, 30ff.)

4 Der Begriff ist entlehnt aus der Odyssee und setzt sich zusammen aus: erotan: fragen eipon: reden, mitteilen epos: Erzählung

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Randkulturen bei Roland Girtler. Eine kritische Gegenüberstellung von "Wilderer" und "Der Strich"
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Einführung in die teilnehmende Beobachtung
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
15
Katalognummer
V122605
ISBN (eBook)
9783668076303
ISBN (Buch)
9783668076310
Dateigröße
588 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Roland Girtler, Feldforschung, Randkulturen, Wilderer, Prostitution, Förster, Zuhälter, Freier, Teilnehmende Beobachtung
Arbeit zitieren
Sascha Endlicher (Autor), 2006, Randkulturen bei Roland Girtler. Eine kritische Gegenüberstellung von "Wilderer" und "Der Strich", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122605

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