Oft habe ich in meiner Kirchengemeinde Gespräche mit Gemeindemitgliedern geführt, die nach eigener Aussage ihr gesamtes ehrenamtliches Engagement „zur Ehre Gottes“ tun. Wenn man genauer nachfragt, entpuppt sich diese Einstellung nicht selten als so etwas wie ein „Punktesammeln für die Ewigkeit“. Doch so ganz aus der Luft gegriffen ist dieses Bild nicht. Im 25. Kapitel des Matthäusevangeliums benutzt Jesus mit der Rede vom Weltgericht eine entsprechende Darstellung: Wer in seinem Leben barmherzig gehandelt hat, wird belohnt, wer sich nicht um die Leidenden seiner Gesellschaft gekümmert hat, erhält am Ende eine Strafe. Auch im 10. Kapitel des Lukasevangeliums macht Jesus mit dem Gleichnis von Barmherzigen Samariter klar, dass nur diejenigen das ewige Leben erlangen können, die ihrem Nächsten gegenüber barmherzig handeln. Der Theologe Gerd Theißen nennt diese urchristliche Aufforderung zur unbedingten Hilfeleistung gegenüber Leidenden, gleich welcher Menschengruppe sie angehören, das universale Hilfsethos. Im ersten Teil dieser Arbeit stelle ich dar, wie Gerd Theißen auf der Grundlage von Mt 25,31-46 und Lk 10, 25-37 eine Definition des universalen Hilfsethos vornimmt. Dabei macht er sich sozialpsychologische Erkenntnisse zunutze, um von den Grenzen des universalen Hilfsethos zu sprechen. Mich macht allerdings stutzig, dass kaum von den Motiven altruistischen Handelns die Rede ist. Theißen bezeichnet zwar jedes Motiv als nachvollziehbar, solange es nur zu Werken der Barmherzigkeit führt, ich möchte es aber genauer wissen und stelle die Frage, ob nicht doch implizit ein Motiv für prosoziales Handeln angesprochen wird. Nachdem in den damit verbundenen Überlegungen doch ein Motiv aus den betrachteten neutestamentlichen Texten hervorschimmert, begibt sich der zweite Teil der Arbeit auf die elementar anthropologische Suche nach dem Zustandekommen prosozialen Handelns und den damit verbundenen möglichen Motiven. Im dritten Teil werden die Gründe für ehrenamtliches Engagement dargestellt, die befragte EKD-Mitglieder im Rahmen der vierten EKD-Mitgliedschaftsstudie und der Jugendverbandstudie von 2006 nannten. Der vierte Teil geht schließlich auf die Herausforderungen an eine Kirche der Zukunft ein, stellt zwei mögliche Zukunftsmodelle der EKD dar und formuliert auf der Grundlage der vorausgegangenen sozialpsychologischen und empirisch gewonnenen Erkenntnisse Anforderungen an eine zukunftsfähige Ehrenamtlichenarbeit der EKD.
Inhaltsverzeichnis
ZUM GELEIT: EINFÜHRUNG IN DIE THEMATIK DER ARBEIT
I. DAS NEUTESTAMENTLICH BEGRÜNDETE HILFSETHOS BEI GERD THEIßEN
1.1 Die Rede vom Weltgericht (Mt 25, 31-46)
1.2 Der barmherzige Samariter (Lk 10, 25-37)
1.3 Die Grenzen des universalen Hilfsethos
1.3.1 Das psychologische Problem der Selbstschädigung
1.3.2 Das soziologische Problem der kaschierten Machtausübung
1.3.3 Altruismus und genetischer Egoismus
1.4 Das universale Hilfsethos
1.5 Um die Ecke gedacht: die Motivation der Leser / Zuhörer
II. WEITUNG DER PERSPEKTIVE: MÖGLICHE SOZIALPSYCHOLOGISCHE ANTWORTEN AUF DIE FRAGE NACH DEM ZUSTANDEKOMMEN VON ALTRUISTISCHEM VERHALTEN
2.1 Das prosoziale Motivsystem
2.2 Die Empathie-Altruismus-Hypothese
2.3 Die Negative-state-relief-Hypothese
2.4 Extrinsisch motivierte Hilfe
2.5 Die Norm der sozialen Verantwortung
2.6 Das kognitive Motivationsmodell
2.7 Moral und Altruismus
2.8 Der Erwerb altruistischer Verhaltensweisen
2.8.1 Nachahmung altruistischer Modelle
2.8.2 Diakonisch-soziales Lernen
2.8.2.1 Die Entwicklung des Selbst
2.9 Sozialpsychologische Synopse
III. EHRENAMTLICHES ENGAGEMENT IN DER EVANGELISCHEN KIRCHE DEUTSCHLANDS
3.1 Gründe für ehrenamtliches Engagement in der EKD
3.2 Teilnahmemotive Jugendlicher aus den evangelischen Jugendverbänden
3.3 Motive altruistischen Handelns in den Biographien verbandlich organisierter Jugendlicher der EKD
3.3.1 Lucia (15 Jahre alt, Gymnasiastin)
3.3.2 Markus (24 Jahre alt, Student)
3.3.3 Rebecca (21 Jahre alt, Studentin)
3.3.4 Ruben (19 Jahre alt, Gymnasiast)
3.3.5 Die Motivbündel der vier Beispielbiographien
IV. DIE BEDEUTUNG EHRENAMTLICHEN ENGAGEMENTS FÜR DIE KIRCHE DER ZUKUNFT
4.1 Herausforderungen an eine Kirche der Zukunft
4.2 Mögliche Zukunftsmodelle der EKD
Exkurs: Das Priestertum aller Getauften
4.2.1 Kirchliche Orte
4.2.2 Vom Pfarrteam zum regionalgemeindlichen Team
4.3 Die Kirche der Ehrenamtlichen
4.4 Ehrenamtliche Mitarbeit auf dem Weg zu einer größeren Kontinuität
4.4.1 Die Dankeschön-Kultur
4.4.2 Aufstiegsmöglichkeiten, Fort- und Weiterbildung
4.4.3 Begleitende spirituelle Angebote
4.4.4 Klare Kompetenzbereiche, eigenverantwortliche Arbeitsfelder
4.4.5 Kompetenzprofile
4.5 Der Gemeindepädagoge als mögliche Schlüsselfigur zukunftsfähiger Begleitung von Ehrenamtlichen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das neutestamentlich begründete Hilfsethos bei Gerd Theißen und setzt es in Bezug zur sozialpsychologischen Motivationsforschung, um daraus Anforderungen an eine zukunftsfähige Gestaltung ehrenamtlichen Engagements in der evangelischen Kirche abzuleiten.
- Analyse des universalen Hilfsethos in biblischen Texten
- Sozialpsychologische Theorien zum altruistischen Verhalten
- Empirische Untersuchung von Motiven ehrenamtlich engagierter Jugendlicher
- Verbindung von individuellen Motiven und institutionellem Ehrenamt
- Zukunftsmodelle für eine lebendige Kirche der Ehrenamtlichen
Auszug aus dem Buch
1.1 Die Rede vom Weltgericht (Mt 25, 31-46)
„Alle Menschen - gleichgültig ob sie Juden, Christen oder Heiden sind - werden nach demselben Maßstab im Gericht gemessen: daran, ob sie notleidenden Menschen geholfen haben - gleichgültig ob diese Juden, Heiden oder Christen sind.“
Diesen Satz sieht Gerd Theißen als Grundgedanken der Rede vom Weltgericht (Mt 25, 31-46), in dem das christliche Hilfsethos des Neuen Testamentes deutlich zutage tritt. Jesus spricht von Gerechten und Ungerechten, die vor dem Weltenrichter stehen und zuerst kein Bewusstsein darüber haben, zu welcher der beiden Gruppen sie gehören. Und der Weltenrichter nimmt als Maßstab für gerechtes Handeln die sechs Werke der Barmherzigkeit (Hungernde speisen, Durstigen zu trinken geben, Fremde aufnehmen, Nackte bekleiden, Kranke besuchen, Gefangene besuchen). Als die Gerechten darauf angesprochen werden, dass sie durch ihr Handeln zu „Gesegneten des Vaters“ (Mt 25, 34) geworden sind, stellen sie erstaunt die Frage, wann sie dem Menschensohn all diese guten Werke getan haben. Und dieser antwortet: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25, 40). Die Ungerechten hingegen sind sich keiner Schuld bewusst und wenden sich ebenfalls an den Weltenrichter. Dieser antwortet ihnen, dass sie ihrem Nächsten keines dieser guten Werke getan haben. „Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.“ (Mt 25, 45). Am Ende erhalten die Ungerechten eine ewige Strafe und die Gerechten das ewige Leben (Mt 25, 46).
Zusammenfassung der Kapitel
I. DAS NEUTESTAMENTLICH BEGRÜNDETE HILFSETHOS BEI GERD THEIßEN: Untersuchung der Definition eines universalen Hilfsethos basierend auf neutestamentlichen Gleichnissen und deren Grenzen.
II. WEITUNG DER PERSPEKTIVE: MÖGLICHE SOZIALPSYCHOLOGISCHE ANTWORTEN AUF DIE FRAGE NACH DEM ZUSTANDEKOMMEN VON ALTRUISTISCHEM VERHALTEN: Darstellung sozialpsychologischer Modelle zur Erklärung prosozialen Verhaltens und deren Integration in eine Synopse.
III. EHRENAMTLICHES ENGAGEMENT IN DER EVANGELISCHEN KIRCHE DEUTSCHLANDS: Analyse der Beweggründe für ehrenamtliches Engagement durch EKD-Studien und biographische Interviews mit Jugendlichen.
IV. DIE BEDEUTUNG EHRENAMTLICHEN ENGAGEMENTS FÜR DIE KIRCHE DER ZUKUNFT: Ableitung von Anforderungen an eine zukunftsfähige Ehrenamtlichenarbeit unter besonderer Berücksichtigung der Rolle von Gemeindepädagogen.
Schlüsselwörter
Hilfsethos, Gerd Theißen, Ehrenamt, Evangelische Kirche, Altruismus, Sozialpsychologie, prosoziales Handeln, Motivation, Diakonisch-soziales Lernen, Motivbündel, Priestertum aller Getauften, Gemeindepädagoge, EKD, Ehrenamtlichenarbeit, Persönlichkeitsentwicklung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit verknüpft biblisch-theologische Grundlagen des Helfens mit sozialpsychologischen Erkenntnissen über Motivation, um das Ehrenamt in der evangelischen Kirche besser zu verstehen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen das universale Hilfsethos, psychologische Motivationsfaktoren für prosoziales Verhalten, biographische Motivanalysen Jugendlicher sowie Zukunftsperspektiven der kirchlichen Arbeit.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass ehrenamtliches Engagement stets von einer Mischung aus altruistischen und egoistischen Motiven getragen wird und die Kirche ihre Strukturen entsprechend anpassen muss.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Der Autor verbindet eine exegetische Analyse neutestamentlicher Texte mit der theoretischen Aufarbeitung sozialpsychologischer Modelle sowie der Auswertung empirischer Studiendaten und biographischer Interviews.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Es werden verschiedene sozialpsychologische Hypothesen zum Helfen erläutert und die Motive ehrenamtlich tätiger Jugendlicher im Kontext der evangelischen Jugendarbeit analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Hilfsethos, Altruismus, ehrenamtliches Engagement, Motivbündel, Sozialpsychologie und zukunftsfähige Gemeindeentwicklung.
Warum spielt das "Priestertum aller Getauften" eine Rolle?
Es dient als theologisches Fundament für die Zukunftsmodelle der Kirche, da es die aktive Verantwortungsübernahme durch Ehrenamtliche legitimiert.
Welche Bedeutung haben die biographischen Interviews?
Sie belegen empirisch, dass egoistische Bedürfnisse wie Spaß, Anerkennung oder Identitätsbildung untrennbar mit altruistischem Engagement verbunden sind.
Warum wird der Gemeindepädagoge als Schlüsselfigur gesehen?
Er fungiert als Integrationsfigur, die Ressourcen der Ehrenamtlichen aktiviert und durch seine Arbeit Kirche alltagsnah erfahrbar macht.
- Quote paper
- Master of Arts, Diplom-Diakoniewissenschaftler, Diplom-Religionspädagoge, Diplom-Sozialpädagoge Marco Schäfer (Author), 2007, Die sozialpsychologischen Aspekte des Hilfsethos bei Theißen. Ein neutestamentlicher Grund für ehrenamtliches Engagement in der Kirche?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122624