Wissenschaft und Publikum? Eine Inhaltsanalyse der Gesundheitsberichterstattung in Schweizer Tageszeitungen


Masterarbeit, 2006

161 Seiten, Note: 6 (of 6)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

I. Theorieteil

2. Gesundheitsjournalismus als Forschungsgegenstand
2.1 Begriffsklärung
2.1.1 Gesundheitsjournalismus und Gesundheitskommunikation
2.1.2 Gesundheitsjournalismus und Wissenschaftsjournalismus
2.1.3 Gesundheitsjournalismus für ein Fachpublikum
2.1.4 Gesundheitsjournalismus
2.2 Unterschiedliche Orientierungen im Wissenschaftsjournalismus
2.2.1 Wissenschaftskonforme Berichterstattung
2.2.2 Wissenschaftsferne Berichterstattung
2.3 Vermutete Orientierungen im Gesundheitsjournalismus
2.3.1 Vermutete Orientierungsmöglichkeiten im Gesundheitsjournalismus als Journalismus-Konzeptionen
2.3.2 Die vermuteten Orientierungsmöglichkeiten im Gesundheits-journalismus und Redaktionsstrukturen
2.4 Zusammenfassung

3 Journalistische Qualität
3.1 Bezugsrahmen zur Bestimmung journalistischer Qualität
3.2 Bestimmung von Qualitätskriterien
3.2.1 Die Zeichentheorie von Morris: Die drei Dimensionen der Semiose
3.2.2 Semiotik als publizistikwissenschaftliche Theorie
3.2.3 Journalismus als Zeichenprozess
3.3 Qualitätskriterien
3.3.1 Objektivität
3.3.2 Vielfalt
3.3.3 Relevanz
3.3.4 Vermittlung
3.4 Zusammenfassung

4. Stand der Forschung
4.1 Schwierigkeiten bei der Recherche
4.2 Darstellung der Forschungslage
4.3 Wissenschaftsjournalismus
4.3.1 Auswahl und Darstellung der Studien zum Wissenschafts-journalismus
4 3.2 Zusammenfassung zur wissenschaftsjournalistischen Forschung
4.4 Gesundheitsjournalismus
4.4.1 Auswahl und Darstellung der Studien zum Gesundheits-journalismus
4 4.2 Zusammenfassung zur gesundheitsjournalistischen Forschung
4.5 Zusammenfassung zur Forschungslage

5. Fragestellung
5.1 Haupthypothesen
5.2 Unterhypothesen

II Hauptteil

6 Methode
6.1 Untersuchungsaufbau
6.2 Inhaltsanalyse als Methode
6.3 Grundgesamtheit und Stichprobe
6.3.1 Auswahl der Zeitung
6.3.2 Untersuchungszeitraum
6.4 Auswahl und Analyse der Artikel
6.4.1 Codebuch
6.5 Darstellung der Ergebnisse
6.5.1 Benchmarking
6.5.2 Indexbildung
6.6 Zusammenfassung

7. Ergebnisse und Befunde
7.1 Allgemeine Beschreibung des Samples
7.1.1 Umfang der Gesundheitsberichterstattung
7.1.2 Platzierung der Gesundheitsberichterstattung
7.1.3 Präsentation der Gesundheitsberichterstattung
7.1.4 Inhalt und Quellen der Gesundheitsberichterstattung
7.1.5 Zusammenfassung
7.2 Auswertung nach den Hypothesen
7.2.1 Objektivität in der Gesundheitsberichterstattung
7.2.2 Vielfalt in der Gesundheitsberichterstattung
7.2.3 Relevanz in der Gesundheitsberichterstattung
7.2.4 Vermittlung in der Gesundheitsberichterstattung
7.2.5 Macher der Gesundheitsberichterstattung
7.2.6 Indizes

8. Interpretation der Ergebnisse
8.1 Gesundheit als Querschnittsthema
8.1.1 Darstellung der Gesundheitsberichterstattung
8.1.2 Inhalt der Gesundheitsberichterstattung
8.2 Beantwortung der Hypothesen
8.2.1 Objektivität (Hypothese 3)
8.2.2 Vielfalt (Hypothese 4)
8.2.3 Relevanz (Hypothese 5)
8.2.4 Vermittlung (Hypothese 6)
8.2.5 Fazit

III. Schlussteil

9. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen

10. Literaturverzeichnis

IV. Anhang

Tabellen- und Abbildungsverzeichnis

Tab. 1: Vier Formen der Medizinpublizistik

Tab. 2: Orientierungsmöglichkeiten im Wissenschaftsjournalismus

Tab. 3: Bezugsrahmen zur Bestimmung von Qualitätskriterien

Tab. 4: Kategorien zu den Relationen im semiotischen Modell

Tab. 5: Zeichenprozessebenen der gesundheitsjournalistischen Inhaltsanalyse

Tab. 6: Übersicht über die zentral diskutierten Forschungsstudien zum Wissenschaftsjournalismus (Inhaltsanalysen)

Tab. 7: Übersicht über die zentral diskutierten Forschungsstudien zum Gesundheitsjournalismus (Inhaltsanalysen)

Tab. 8: Grundgesamtheit: Tageszeitungen der Schweiz mit einer Auflagenzahl von über 100000 Exemplaren

Tab. 9: Ergebnis der theoriegeleiteten Stichprobenziehung

Tab. 10: Redaktionelle Bearbeitung des ThemasGesundheitauf der Ressort- sowie Personenebene innerhalb der ausgewählten Zeitungen

Tab. 11: Ergebnis der Zufallsauswahl auf NiveauMonatund NiveauTag

Tab. 12: Operationalisierung der Qualitätsdimensionen

Tab. 13: Anzahl Gesundheitsbeiträge nach Zeitung

Tab. 14: Platzierung der Gesundheitsbeiträge in der Zeitung

Tab. 15: Verteilung der Gesundheitsbeiträge nach Ressort

Tab. 16: Platzierung der Gesundheitsbeiträge in einer Rubrik

Tab. 17: Journalistische Darstellungsformen

Tab. 18: Akteursstruktur in den Gesundheitsbeiträgen

Tab. 19: Macher der Gesundheitsbeiträge

Tab. 20: Gesundheit als Haupt- oder Nebenthema

Tab. 21: Anzahl verwendeter Quellen nach Zeitung

Tab. 22: Anzahl Gesundheitsbeiträge mit Bezug auf Forschungsstudien

Tab. 23: Trennung von Nachricht und Meinung in Gesundheitsbeiträgen

Tab. 24: Wertungen in den Gesundheitsbeiträgen

Tab. 25: Art der Wertungen in den Gesundheitsbeiträgen

Tab. 26: Emotionalisierung der Gesundheitsbeiträge

Tab. 27: Verteilung der ThemenWissenschaft,MedizinundGesellschaftin den Gesundheitsbeiträgen

Tab. 28: Anzahl Gesundheitsbeiträge mit wissenschaftlicher Quelle

Tab. 29: Anzahl Gesundheitsbeiträge mit Wissenschaftler oder Privatpersonen als Akteure

Tab. 30: Journalistische Darstellungsformen (nach Zeitung)

Tab. 31: Platzierung der Gesundheitsbeiträge in einer Rubrik (nach Zeitung)

Tab. 32: Platzierung der Gesundheitsbeiträge in der Zeitung (nach Zeitung)

Tab. 33: Aktualisierung der Gesundheitsbeiträge (nach Zeitungstyp)

Tab. 34: Personalisierung der Gesundheitsbeiträge (nach Zeitungstyp)

Tab. 35: Ausrichtung nachhuman interest-Themen in den Gesundheitsbeiträgen

Tab. 36: Beantwortung der weiterführenden W-Fragen

Tab. 37: Serviceangebot in den Gesundheitsbeiträgen

Tab. 38: Komplexität in den Gesundheitsbeiträgen

Tab. 39: Präzision in den Gesundheitsbeiträgen

Tab. 40: Art der Visualisierung in den Gesundheitsbeiträgen

Tab. 41: Interaktive Angebote in den Gesundheitsbeiträgen

Tab. 42: Macher der Gesundheitsbeiträge

Tab. 43: Punkteverteilung der beiden Indizes nach Zeitung

Tab. 44: Übereinstimmung der Ergebnisse zur Objektivitätsdimension mit der Hypothese

Tab. 45: Übereinstimmung der Ergebnisse zur Vielfaltdimension mit der Hypothese 4

Tab. 46: Übereinstimmung der Ergebnisse zur Relevanzdimension mit der Hypothese 5.

Tab. 47: Übereinstimmung der Ergebnisse zur Vermittlungsdimension mit Hypothese 6.

Abb. 1: Gesundheitsberichterstattung in Tageszeitungen als Untersuchungsgegenstand

Abb. 2: Semiotisches Zeichenprozessmodell zur Beurteilung redaktioneller Beiträge

Abb. 3: Dimensionen der Qualitätsmessung

Abb. 4: Gesundheitsjournalistischer Anteil am redaktionellen Gesamtumfang der Zeitungen

Abb. 5: Anzahl gesundheitsjournalistischer Beiträge nach Wochentag

Abb. 6: Ereigniskontexte der Gesundheitsberichterstattung

Abb. 7: Art der ersten Informationsquelle

Abb. 8: Gesundheit als Hauptthema oder Nebenthema nach Zeitung

Abb. 9: Wissenschafts- und Publikumsorientierung in der Berichterstattung zum Thema Gesundheit bei den untersuchten Zeitungen

1. Einleitung

Das ThemaGesundheitist omnipräsent. DieGesundheitbetrifft und interessiert jedermann als Patient, Prämienzahler, Sportler, Raucher, Konsument oder Leser. Der Kommunikationswissenschaftler Göpfert (1997: 13) bezeichnet dieGesundheitaber vor allem deshalb als „Querschnittsthema“, da Gesundheitsthemen in Folge deren Breite in allen medialen Formen, Gefässen und Angeboten zu finden sind.

Mit Fokus auf die tagesaktuelle Presse kennt das BerichterstattungsthemaGesundheitin der klassischen Ressortstruktur von Tageszeitungen kein eigenes Berichterstattungsgefäss. Entsprechend wird dieGesundheitauch in der Kommunikationsforschung selten als eigenständiges (Berichterstattungs-)Thema, das heisst in seiner ganzen Breite, analysiert. Wie die Recherche zur bestehenden kommunikationswissenschaftlichen Forschungslage zeigt (vgl. Kap. 4), wird meist vor einem normativen Hintergrund nach den präventiven und gesundheitsfördernden Möglichkeiten der Medien gefragt. Oder dieGesundheitwird als Teilaspekt eines anderen, ressortspezifischen Themenkontextes untersucht, wobei dies hauptsächlich innerhalb der wissenschaftsjournalistischen Forschung geschieht, da dieMedizinals gesundheitsjournalistischer Teilaspekt den Themenschwerpunkt im Wissenschaftsressort darstellt (vgl. Kap. 4.3).

Die thematische Schnittstelle zwischen Wissenschafts- und Gesundheitsjournalismus bildet zusammen mit der fehlenden Institutionalisierung der Gesundheitsberichterstattung in der klassischen Ressortstruktur denn auch den Ausgangspunkt für die Fragestellung der vorliegenden Arbeit, in der ein Zusammenhang zwischen der Berichterstattung zum QuerschnittsthemaGesundheitund der Institutionalisierung des ThemasWissenschaftvermutet wird (vgl. Kap. 5).

Für dieDefinitiondesGesundheitsjournalismuswird in Kapitel 2 in einem ersten Schritt der Umfang des Untersuchungsgegenstandes geklärt. Dabei wird ein möglichst breites Verständnis des journalistischen ThemasGesundheitangestrebt (vgl. Abb. 1), dessen Berichterstattung sich weder durch die Ressortstrukturen, die journalistischen Kompetenzen, die intendierten Wirkungen noch das anvisierte Publikum begrenzen soll, sondern sich zu dessen vollständigen Erfassung einzig über deren Inhalt definiert (vgl. Kap. 2.1.4).

In einem zweiten Schritt wird für die weitere Bearbeitung des Untersuchungsgegenstandes der BegriffGesundheitsjournalismusin die zwei DimensionenwissenschaftskonformesowiewissenschaftsferneBerichterstattung unterteilt. Diese Zweiteilung der Gesundheitsberichterstattung erfolgt auf Grund der erwähnten Schnittstelle zwischen Wissenschafts- und Gesundheitsjournalismus, so dass die im Wissenschaftsjournalismus erkennbare Entwicklung weg von der klassisch wissenschaftlichen, hin zu einer vereinfachten und stärker an den Interessen des Publikums orientierten Berichterstattung (vgl. Kap. 2.2) auf die Berichterstattung zum Thema Gesundheit übertragen wird (vgl. Kap. 2.3).

In Anschluss an diese Zweiteilung werden die beiden Orientierungsmöglichkeiten zu deren weiteren Deskription respektive deren besseren Unterscheidung im Hinblick auf die gewählte Fragestellung (vgl. Kap. 5) zusätzlich auf derAkteursebenealsJournalismus- Konzeptionen(vgl. Kap. 2.3.1) sowie auf derOrganisationsebeneanhand unterschiedlicherRedaktionsstrukturen(vgl. Kap. 2.3.2) beschrieben, bevor sie auf der inhaltlichen Ebene mit der Qualitätstheorie bearbeitet werden (vgl. Kap. 3).

In einem der Begriffsklärung nachfolgenden Schritt werden vor der Anwendung der Theorie zurQualität im Journalismusmit Hilfe des semiotischen Zeichenprozessmodells von Saxer/Kull (1981: 19) die verschiedenen Einflussfaktoren im publizistischen Zeichenprozess identifiziert (vgl. Kap. 3), um anschliessend mit Blick auf das gewählte inhaltsanalytische Untersuchungsdesign (vgl. Kap. 6) auf der Inhaltsebene Indikatoren für die Unterscheidung der beiden Berichterstattungsmuster herauszuarbeiten (vgl. Kap. 3).

Auf der Basis des in Kapitels 3 erarbeiteten Qualitätswürfels mit dessen vier QualitätsdimensionenObjektivität,Vielfalt,RelevanzundVermittlungwerden die sechs nach ihren Ressortstrukturen ausgewählten Tageszeitungen (vgl. Kap. 6.3.1) einander gegenübergestellt, um im Zusammenhang mit einem vorhandenen Wissenschaftsressort Unterschiede in der Gesundheitsberichterstattung aufzeigen zu können (vgl. Kap. 5).

Diese Gegenüberstellung erfolgt alsBenchmarking(vgl. Kap. 6.5), wobei das vordergründige Ziel nicht die Bewertung, sondern der Vergleich der Gesundheitsberichterstattung ausgewählter Tageszeitungen ist und deshalb der analytische, statt der normierende Charakter der Qualitätskriterien (Indikatoren) hervorgehoben werden muss (vgl. Kap. 3.2).

In der abschliessenden Auswertung der Daten zeichnen die Ergebnisse jedoch ein komplexes Muster (vgl. Kap. 7), das verdeutlicht, dass die Aufteilung der Berichterstattung zum ThemaGesundheitin die beiden Orientierungsmöglichkeiten zwischen Wissenschaft und Publikum zwar gelingt, die diesbezüglichen Einflussfaktoren im publizistischen Zeichenprozess für dieses Querschnittsthema jedoch nicht auf ein vorhandenes Wissenschaftsressort reduziert werden können (vgl. Kap. 8).

I. Theorieteil

2. Gesundheitsjournalismus als Forschungsgegenstand

In seinem historischen Rückblick zur wissenschaftsjournalismusbezogenen Forschung im deutschsprachigen Raum stellt Kohring (1997: 30ff.) fest, dass die journalistische Berichterstattung über medizinische Themen ab den 1950er Jahren in das Blickfeld der kommunikationswissenschaftlichen Forschung rückt. Dabei stand aber nicht die wissenschaftliche Medizin im Vordergrund der Berichterstattung, sondern ihre „praktische Umsetzung als ärztliche Therapie“ (ebenda: 30). Diese Beiträge stammten zu einem beachtlichen Teil aus der Feder von praktizierenden Ärzten, die einen „angeblich sensationalistischen und unlauteren Umgang mit medizinischen Themen“ (ebenda: 31) fürchteten. Kommunikationswissenschaftler teilten diese Perspektive, aus welcher der Gesundheitsjournalismus als medizinische Aufklärung thematisiert wurde, was zu stark normativ geprägten Definitionen des Medizinjournalismus führte (vgl. Kohring 1997: 31).

Heute zeigt sich ein differenzierteres Bild. Die gesundheitsjournalistische Berichterstattung wird in der Kommunikationsforschung immer noch zu einem Grossteil als medizinwissenschaftliche Berichterstattung untersucht oder als Beitrag zur Gesundheitsförderung verstanden (vgl. Kap. 4) und mit den Vorwürfen einer sensationsheischenden, verzerrenden oder gar falschen Berichterstattung konfrontiert (vgl. Schuchman/Wilkes 1997: 976). Der BegriffGesundheitsjournalismuswird aber auch umfassender als „Querschnittsthema“ (Göpfert 1997: 13) wahrgenommen, dessen Beiträge nicht nur im Wissenschaftsressort platziert werden, sondern über die gesamte Zeitung hinweg in allen Ressorts zu finden sind und in allen möglichen Ereigniskontexten thematisiert werden (vgl. ebenda).

Um das gesamte Spektrum desGesundheitsjournalismuszu erfassen, wird in der vorliegenden Arbeit dieser Begriff bewusst möglichst breit definiert (vgl. Kap. 2.1.4), um denGesundheitsjournalismusmit all seinen Facetten zu analysieren (vgl. Abb. 1), wofür in den nachfolgenden Kapiteln die verschiedenen Aspekte und Dimensionen dieses Begriffes erläutert werden.

2.1 Begriffsklärung

Kohring (1997: 37) kommt in einer ersten historischen Zwischenbilanz zum Schluss, dass die Studie von Roloff (1972) bis heute als einer der anspruchvollsten Beiträge zur deutschsprachigen Medizinjournalismusforschung hervorzuheben ist. Diese Arbeit zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass sie einerseits „eine theoretisch formalisierte Beschreibung von journalistischer Kommunikation über medizinische Themen anstrebt“ (Kohring 1997: 37) und andererseits auf normative Prämissen verzichtet (vgl. ebenda).

Roloff (1972: 19) ordnet den Medizinjournalismus in die ‚medizinbezogeneKommunikation’ein, die er in vier Formen unterteilt (vgl. Tab. 1). Inhaltlich zählt die medizinische Berichterstattung laut Roloff zur Wissenschaftspublizistik(vgl. Kap. 2.1.2), wobei zwischen fachinterner und -externer Kommunikation unterschieden werden muss (vgl. ebenda). In Tabelle 1 ist die von Roloff (1990: 42) leicht überarbeitete Übersicht über dieMedizinpublizistikzu sehen.

Tab. 1: Vier Formen der Medizinpublizistik (Roloff 1990: 42)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In seiner Darstellung reduziert Roloff (1990: 42) denGesundheitsjournalismusauf das Themengebiet Medizin und ordnet diesen dabei demWissenschaftsjournalismusunter (vgl. Kap. 2.1.2). In den folgenden Ausführungen wird dieser zur weiteren Differenzierung zusätzlich vomFachjournalismusabgegrenzt (vgl. Kap. 2.1.3).

DerGesundheitsjournalismuskann jedoch auch in das Forschungsfeld derGesundheitskommunikationeingeordnet werden, welche „die gesamte menschliche und medienvermittelte Kommunikation in der Gesundheitsversorgung und –förderung“ (Kreps 2003: 353) umfasst (vgl. Kap. 2.1.1). DieGesundheitskommunikationwird jedoch als interdisziplinäre Forschung verstanden, welche sowohl auf der intrapersonalen, interpersonellen, organisationalen wie auch Massenkommunikationsebene stattfindet (vgl. auch Signitzer 2001: 28ff.). Zusätzlich steht dieGesundheitskommunikationals Teilbereich derPublic Healthin engem Zusammenhang mit medizinisch-therapeutischen Funktionen (vgl. Kap. 2.1.1.1). Die Gesundheitsberichterstattung wie sie in dieser Arbeit zum Untersuchungsgegenstand werden soll (vgl. Kap. 2.1.4), umfasst aber ebenfalls jene Beiträge, die in ihrem Inhalt nur teilweise oder beiläufig gesundheitsbezogene Ereignisse betreffen und unterhaltende Absichten verfolgen.

In Abbildung 1 sind in einem ersten Überblick die verschiedenen Teilbereiche dargestellt, aus deren Schnittstellen sich der Umfang der gesundheitsjournalistischen Berichterstattung, wie sie als Untersuchungsgegenstand in der vorliegenden Arbeit interessiert, zusammensetzt (vgl. Kap. 2.1.4). Es soll hervorgehoben werden, dass sich die Darstellung in Abbildung 1 auf die Gesundheitsberichterstattung in Tageszeitungen konzentriert. Denn wie Glik (2001: 172) hervorhebt, unterscheiden sich die (gesundheitsjournalistischen) Inhalte bei den verschiedenen Massenmedien einerseits durch die unterschiedlichen Präsentationsmöglichkeiten und andererseits durch die differenzielle Ansprechbarkeit der Zielgruppe. Abbildung 1 bezieht sich deshalb mit ihren Aussagen nur auf die Gesundheitsberichterstattung im Medium Tageszeitung. Die hierfür verschiedenen, relevanten Teilaspekte werden in den folgenden Kapiteln näher ausgeführt.

Abb. 1: Gesundheitsberichterstattung in Tageszeitungen als Untersuchungsgegenstand*

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

*Quellen: Bonfadelli (2002: 37); Göpfert (2004: 208); Kreps (2003: 354); Wallisch (1995: 223)

2.1.1 Gesundheitsjournalismus und Gesundheitskommunikation

Das ForschungsfeldGesundheitskommunikation(engl. Health Communication) wird uneinheitlich beschrieben und entsprechend den verschiedenen Forscherinteressen unterschiedlich definiert (vgl. Signitzer 2001). Laut Signitzer (2001: 22) betrifft dieMedizinpublizistik(vgl. Tab. 1) nur einen Teilaspekt derGesundheitskommunikation. Denn dieses Forschungsfeld zeichnet sich durch seine Interdisziplinarität aus, weshalb Signitzer (2001) ein relativ breites Verständnis dieses Begriffes vorzieht, so dass er die Definition von Kreps/Thornton (1992: 2, zit. nach Signitzer 2001: 22) hervorhebt:

„Health communication is an area of study concerned with human interaction in the health care process“.

In den Ausführungen verschiedener Autoren zu diesem Forschungsfeld wird betont, dass sich die Gesundheitskommunikation vor dem Hintergrund der Gesundheitsversorgung und –förderung abspielt (vgl. auch Kreps 2003: 354).

2.1.1.1 Public Health

DieGesundheitskommunikationwird somit derPublic Healthuntergeordnet, welche die World Health Organisation (WHO) „als Wissenschaft und Praxis der Krankheitsverhütung, Lebensverlängerung und der Förderung psychischen und physischen Wohlbefindens durch bevölkerungsbezogene Massnahmen“ (zit. nach Stein 1996: 320) definiert, von denen die Kommunikation ein mögliches Instrument darstellt (vgl. Jazbinsek 2000: 12). Auf Grund dieser Intentionen resultieren entsprechend >therapeutisch-normativ geprägte Definitionen der entsprechenden Kommunikationsformen.

So konstatiert Kohring (1997: 125), dass zwar behauptet wird, dass die allgemein beschriebenen Funktionen der Medien wie Information, Bildung und Unterhaltung ohne Abstriche auf mediale Gesundheitsberichterstattung übertragen werden können, wobei dann die Nennung konkreter Funktionen aber eindeutig die Ausrichtung an einer medizinisch-therapeutischen Perspektive in der Gesundheitskommunikation zeigt (vgl. Kohring 1997: 125).

Die möglichen gesundheitsfördernden Intentionen respektive Forderungen an denGesundheitsjournalismusaus Sicht derGesundheitskommunikationsollen die Definition desGesundheitsjournalismusfür die vorliegende Arbeit jedoch nicht begrenzen. Vielmehr sollen beispielsweise auch Geschichten über ‚Stars und Sternchen’ und deren gesundheitlichen Gebrechen, die nicht therapeutischen, sondern unterhaltenden Wert besitzen, in die Untersuchung eingehen (vgl. Kap. 2.1.4).

2.1.2 Gesundheitsjournalismus und Wissenschaftsjournalismus

Statt aus der gesundheitsfördernden Perspektive kann die gesundheitsthematische Berichterstattung auch aus der medizinwissenschaftlichen Sicht betrachtet und zumWissenschaftsjournalismusgezählt werden. Laut Fischer (1992: 21) ist der Gesundheitsjournalist idealtypischerweise als „Sub-Spezies“ (ebenda) des Wissenschaftsjournalisten zu bezeichnen (vgl. auch Flöhl 1992: 49).

Eine stark verbreitete Definition desWissenschaftsjournalismusstammt von Hömberg/Roloff (1974/1975: 431f.), welche die Wissenschaftsjournalisten als jene Journalisten beschreiben, „die ausschliesslich oder überwiegend Informationen aus den Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften mit explizitem Bezug auf wissenschaftliche Verfahren und Ergebnisse beschaffen, bearbeiten beziehungsweise publizieren“.

Im Vergleich zu dieser Definition von Hömberg/Roloff (1974/75), welche nur Beiträge mit explizitem Bezug zu wissenschaftlichen Verfahren und Ergebnissen erfasst, zählt Kohring (1997: 273) jeden Beitrag zumWissenschaftsjournalismus, welcher ein „Ereignis aus dem Wissenschaftssystem zugleich als Ereignis aus der Umwelt des Wissenschaftssystems“ beschreibt, was beispielsweise auch Wissenschaftspolitik miteinschliesst.

Bezogen auf die Definition des Gesundheitsjournalismus in dieser Arbeit, sollen aber nicht nur medizinische Verfahren und gesundheitsthematische Beiträge aus dem wissenschaftlichen Ereigniskontext dazugezählt, sondern auch jene Berichterstattung miteinbezogen werden, die auf nicht-wissenschaftliche Ereignisse mit gesundheitsthematischen Aspekten Bezug nehmen (vgl. Abb. 1).

DerWissenschaftsjournalismuswird aber nicht nur auf der Ebene des Inhaltes, sondern vielfach auch seitens des Journalisten und seiner Kompetenzen diskutiert. Deshalb wird im folgenden Kapitel auf mögliche fachliche Kompetenzen eingegangen.

2.1.2.1 Gesundheitsjournalismus und (wissenschaftliche) Kompetenzen

Wallisch (1995: 223) ordnet bei seiner Beschreibung denWissenschaftsjournalismusin den „Bereich des ‚Journalismus als Bildungsinstrument’“ ein. Dabei liegt laut Wallisch (ebenda) die Schwierigkeit, aber auch der Reiz dieses journalistischen Genres im Bemühen, dem Publikum „hochspezifische und dem Laien unverständliche Inhalte zu vermitteln und verständlich zu machen“ (Wallisch 1995: 223). Dieses „Prinzip der Simplifizierung“ (ebenda) verlangt aber vom Journalisten bestimmte Fachkompetenzen. Damit unterscheidet sich Wallisch (ebenda) von Roloff (1972: 19), der für die Einordnung desMedizinjournalismusin dieWissenschaftspublizistikweder spezifisch medizinische noch journalistische Qualifikationen voraussetzt (vgl. Kap. 2.1).

Auf Grund der Tatsache, dass das wissenschaftsjournalistische Themengebiet Medizin sowohl von „Gesundheitsfachleuten wie auch Allroundreportern journalistisch bearbeitet“ wird (Glik 2001: 179), entsteht ein Spannungsfeld, innerhalb welchem das Sachwissen mit dem journalistischen Fachwissen konkurriert, weshalb oftmals von „professionellen Problemen“ (Glik 2001: 179) in diesem journalistischen Genre die Rede ist (vgl. auch Wallisch 1995: 223) und deshalb Autoren lange Listen von notwendigen Kompetenzen nicht nur für Wissenschaftsjournalisten(vgl. Schanne 2000: 264f.; Keil 2005: 56), sondern auch für Gesundheitsjournalisten (vgl. Larson et al. 2003: 330) verfassen. Auf die Forderung von notwendigen Fähigkeiten seitens der Journalisten wird in dieser Arbeit aber verzichtet. Denn der Zugang zum ForschungsfeldGesundheitsjournalismusüber soziale Akteure und deren Bezeichnung als Medizin- respektive Gesundheitsjournalisten in Folge bestimmter (wissenschaftlicher) Fachkompetenzen führt dazu, dass die gesamte Berichterstattung, die ebenfalls gesundheitliche Themen enthält, aber nicht wissenschaftlich oder fachjournalistisch (vgl. Kap. 2.1.3) verfährt, aus dem Blickfeld gerät (vgl. Kiese 1997: 109).

Im folgenden Kapitel wird dennoch auf den Bereich der Fachjournalistik eingegangen. Denn die Beschreibung des Fachjournalismus scheint für die Bestimmung des gesundheitsjournalistischen Begriffes insofern wichtig, als der Medizinjournalismus auf der einen Seite auf Populärdarstellungen basieren kann und auf der anderen Seite aber auch als medizinische Fachpublizistik existiert (vgl. Kohring 1997: 123) und je nachdem einerseits eine unbegrenzte (Laien-)Öffentlichkeit und andererseits eine begrenzte Fachöffentlichkeit des Medizinsystems angesprochen wird (vgl. Kap. 2.2.1). Während seiner Beschreibung desWissenschaftsjournalismusgrenzt Göpfert (1997: 207) diesen vom Fachjournalismus ab, indem er das (Laien-)Publikum als Unterscheidungskriterium nennt. Denn ähnlich zu Wallisch (1995) setzt Göpfert (2004: 208) bei seiner Beschreibung des Wissenschaftsjournalismus ebenfalls am „Prinzip der Simplifizierung“ (Wallisch 1995: 223) an, da er die Wissenschaftsjournalisten als Autoren charakterisiert, die „Themen aus der Wissenschaft journalistisch aufbereiten und an ein fachlich nicht vorgebildetes Publikum“ richten. Die Gesundheitsberichterstattung als Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit (vgl. Abb. 1) soll sich jedoch nicht durch das anvisierte Publikum einschränken lassen und sowohl Darstellung für die Laienöffentlichkeit als auch für ein Fachpublikum miteinbeziehen.

2.1.3 Gesundheitsjournalismus für ein Fachpublikum

Russ-Mohl (2000b: 14) resümiert, dass sich derWissenschaftsjournalist– mit der Medizin als einem möglichen Themenaspekt davon (vgl. Abb. 1) – gegenüber demFachjournalistennicht trennscharf abgrenzen lässt: „Während der normale Journalist eher ‚Generalist’ ist und sich an die breite Öffentlichkeit wendet, ist der ‚Fachjournalist’ ein Spezialist, der Themen aus einem besonderen, wissensintensiven Gegenstandsbereich verfasst“ (Russ-Mohl 2000b: 14). In diesem Sinne sind laut Russ- MohlWissenschaftsjournalistenauchFachjournalisten, denn sie beschäftigen sich mit spezialisierten Themen aus dem Fach ‚Wissenschaft und Forschung’, weshalb man sie als eine „Untergruppe derFachjournalisten“(ebenda) bezeichnen kann.

Göpfert (2004: 207) hingegen sieht einen entscheidenden Unterschied zwischen diesen beiden Journalismusbereichen im jeweils unterschiedlichen Zielpublikum:

„Wissenschaftsjournalisten wenden sich in der Regel an ein breites Publikum, sie schreiben für Laien“ (ebenda), wohingegen dieFachjournalistenfür ein spezifisches, fachkompetentes Publikum schreiben.

2.1.3.1 Fach journalisten oder Fach journalisten

Als „Crux des Wissenschaftsjournalismus“ beschreibt Russ-Mohl (2000b: 14) den Umstand, dass sich zu vieleWissenschaftsjournalistenals „Fachjournalisten“ verstehen (ebenda). Das heisst, dass sie das journalistisch-handwerkliche Können gegenüber dem Expertenwissen in den Hintergrund treten lassen, da sie bei ihrem (Ziel-)Publikum sachliches Interesse voraussetzen und Vertrautheit mit dem jeweiligen Fachjargon erzielen wollen und können. Laut Russ-Mohl (2000b: 14) gehört die Zukunft jedoch den „Fachjournalisten“ (ebenda), also denjenigen Journalisten, die ebenfalls fachlich spezialisiert Bericht erstatten, jedoch bei einem Massenmedium das breite Publikum bedienen und um Allgemeinverständlichkeit sowie Lesevergnügen bemüht sind.

Die Ausführungen zum Fachjournalismus respektive dessen spezifischen Zielpublikum ist für die Untersuchung der vorliegenden Arbeit insofern relevant, als die im weiteren Verlauf ausgeführten Orientierungsmöglichkeiten im Gesundheitsjournalismus sich auch durch die verschiedenen Rezipienten beschreiben respektive erklären lassen (vgl. Kap. 2.3).

2.1.4 Gesundheitsjournalismus

Roloff (1990: 43) grenzt denMedizinjournalismusvon der restlichenMedizinkommunikationdadurch ab, dass die Kommunikation über „somatische und psychosomatische Bedingungen menschlicher Existenz“ nicht „fachintern“, sondern „extern-allgemein“ stattfindet. Dabei gilt nicht der Gegenstand oder die Intention der Aussage als Abgrenzungskriterium, sondern es soll „auf Grund des Wortsinnes von Journalismus der Charakter der tagesaktuellen und öffentlich-dispersen Orientierung medizinischer Information“ (ebenda) hervorgehoben werden.

Glik (2001: 169) beschränkt sich im Gegensatz zu Roloff (1990) in ihrer Definition nicht nur auf die medizinischen Aspekte der Gesundheit, sondern beschreibt den BegriffGesundheit allgemeiner und schliesst neben der medizinischen Information die „gesamte Berichterstattung über neue Nachrichten und Features aus dem medizinischen und dem Gesundheitsbereich in populären Tageszeitungen, wöchentlichen Nachrichtenzeitschriften, Feature-Zeitschriften, Fernsehprogrammen oder Internet- Clips“ mit ein. Bezüglich der Funktion sieht Glik (ebenda) den Gesundheitsjournalismus aber als wichtigen Aspekt der Gesundheitserziehung und Öffentlichkeitsarbeit im Gesundheitsbereich (vgl. Kap. 2.1.1), weshalb sie an der Definition von Wallack et al. (1993, zit. nach Glik 2001: 169) ansetzt:

„Gesundheitsjournalismus basiert in seiner reinen Form auf Populärdarstellungen und stellt einen anderen Zugang zur Öffentlichkeitserziehung über Gesundheits- und soziale Themen dar als geplante Informations- oder Medienkampagnen“.

Göpfert (1997) hingegen verzichtet in seinen Erläuterungen zum Gesundheitsjournalismus auf den expliziten Bezug auf gesundheitsfördernde Absichten und beschreibt Gesundheit und Medizin als „Querschnittsthemen“ (ebenda: 13), die nicht nur auf Spezialseiten und entsprechenden Beilagen vorkommen, sondern „von der ersten bis zur letzten Seite“ (Göpfert 1997: 13) mit entsprechend vielen thematischen Facetten in der Berichterstattung zu finden sind. Die Bandbreite des Gesundheitsjournalismus reicht dabei von der Kurzmeldung eines neu entdeckten Wirkstoffes, über Ratgeberseiten mit Tipps zur gesundheitlichen Vorsorge oder Schönheitskuren, wie auch Berichten zu Änderungen in der Krankenversicherung und gesundheitsbezogene Geschichten aus dem Alltag (vgl. ebenda).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

DerGesundheitsjournalismuswird in der Definition für die vorliegende Untersuchung bewusst nicht auf den medizinisch wissenschaftlichen Bereich reduziert. Für dessen Analyse wird aber dennoch an Ergebnissen aus der wissenschaftsjournalistischen Forschung angeknüpft (vgl. Kap. 4.3) und der BegriffGesundheitsjournalismusin die beiden Dimensionen der ‚Wissenschafts- sowie Publikumsorientierung’ aufgeteilt. Anhand von Journalismus-Konzeptionen (vgl. Kap. 2.3.1) sowie der redaktionellen Strukturen (vgl. Kap. 2.3.2) werden diese beiden Begriffsdimensionen zur besseren Unterscheidung anschliessend weiter beschrieben, bevor auf den Inhalt fokussiert wird (vgl. Kap. 3).

2.2 Unterschiedliche Orientierungen im Wissenschaftsjournalismus

Hömberg (1990: 24f.) zieht aus den Ergebnissen seiner Studie zu den Strukturen im Wissenschaftsjournalismus den Schluss (vgl. Kap. 4.3.1.1), dass die Wissenschaftsjournalisten stärker „wissenschaftsorientiert [… und] die Chefredaktoren und Programmdirektoren stärker „medien- und publikumsorientiert argumentieren“ (ebenda: 26). In ähnlicher Weise unterscheidet Flöhl (1990: 24) im Wissenschaftsjournalismus zwischen einem „elitären, eherwissenschaftskonformenund einemwissenschaftsfernen, populären Zweig der wissenschaftlichen Berichterstattung“. Diese beiden unterschiedlichen Orientierungsschwerpunkte imWissenschaftsjournalismuswerden im Folgenden ausführlicher dargestellt, bevor sie im Kontext desGesundheitsjournalismusweiter diskutiert werden (vgl. Kap. 2.3).

2.2.1 Wissenschaftskonforme Berichterstattung

Die wissenschaftskonforme Berichterstattung erläutert Flöhl (1990) am „Kettenmodell“ von Tannenbaum (1963: o.S., zit. nach Flöhl 1990: 24), nach welchem der Wissenschaftler die Informationen produziert und der Wissenschaftsjournalist darüber schreibt. Diese Beziehung wird auch mit der „Hohlschuld der Journalisten“ respektive der „Bringschuld der Wissenschaft“ (Pürer 1997: 9) beschrieben, in welcher dem Journalisten die Aufgabe der richtigen Übersetzung der von der Wissenschaft produzierten Ergebnisse zukommt.

Flöhl (1990: 24) nennt dieses Verständnis aber ein „blauäugiges Paradigma“, da in dieser Beziehung den Wissenschaftsjournalisten nur die Rolle des Übersetzers der Wissenschaft zusteht und sich dahinter die Auffassung verbirgt, dass richtige Informationen automatisch zu positiven Einstellungen und Entscheidungen gegenüber der Wissenschaft führen. Diese Art der Wissensvermittlung kann seiner Meinung nach auch nur für Qualitätszeitungen wie dieNew York Timesoder dieNeue Zürcher Zeitunggelten, da sich ebenfalls deren Leser, dem Wissenschaftler ähnlich, an akademischen Kriterien wie „Genauigkeit, Objektivität, Vollständigkeit, Neuigkeit oder Wichtigkeit“ orientieren (ebenda).

Kohring: (1997: 127) kritisiert an dieser starken Orientierung am Wissenschaftssystem seitens der Wissenschaftsjournalisten „die oftmals damit verbundene unkritische Übernahme deren Sichtweise“. Auch Göpfert (2000: 5) bezeichnet dieses enge Beziehungsverhältnis zwischen Wissenschaftsjournalismus und derscientific communityals problematisch. Denn durch die ausgesprochen starke Nutzung von wissenschaftlichen Fachzeitschriften als Quelle unterwirft sich der Journalist der Eigenkontrolle der Wissenschaft (peerreview), was zu einer Verengung der Sichtweisen führen kann. Zusätzlich wird es der Wissenschaft durch dieses wissenschaftskonforme Verhalten der Journalisten möglich, mittels Pressemitteilungen und Artikelkommentaren, die Nachrichtenselektion und -darstellung zu beeinflussen (vgl. Göpfert 2000: 5).

Göpfert (2000) zieht deshalb journalismuskritisch den Schluss, dass die üblichen Qualitätskriterien in Folge dieser wissenschaftskonformen Berichterstattung nicht wirksam werden. Eine mögliche Rechtfertigung sieht er allenfalls darin, dass es sich die Wissenschaftsressorts zur Aufgabe setzen, ein besonders interessiertes Publikum zu bedienen (vornehmlich Wissenschaftler), das sich über Ereignisse in verwandten oder entfernten Disziplinen schnell unterrichten möchte, weshalb es ein Vorteil ist, wenn die Berichterstattung den Regeln der Wissenschaftlergemeinschaft folgt (vgl. ebenda: 5).

2.2.2 Wissenschaftsferne Berichterstattung

Die wissenschaftsferne (Wissenschafts-)Berichterstattung findet sich laut Flöhl (1990) vor allem bei regionalen und lokalen Zeitungen, wo für die Chefredakteure und Ressortleiter die Nachrichten über Wissenschaft keine besondere Kategorie bilden. Was hier weitergegeben wird, hängt viel stärker von den Interessen der Leser ab als von jenen der Wissenschaft.

Für die entsprechenden Ausführungen verweist er auf Stephenson (o.J.: o.S., zit. nach Flöhl 1990: 24), der von einer „Säkularisierung der Wissenschaft“ (ebenda) im Sinne einer Entfernung vom Wissenschaftssystem spricht. Der Fluss der Informationsfülle an wissenschaftsbezogenen Themen, die täglich in den Zeitungen zu finden sind, erfolgt dabei nicht mehr direkt und linear von der Wissenschaft zur Öffentlichkeit. Die Nachrichtenvermittlung als kommunikativer Prozess findet vielmehr zwischen Bürgern und Medien in interaktiver Form statt (vgl. ebenda: 24f.).

Durch die Einbettung in das persönliche Erleben werden Berichte dabei lebendiger und interessanter. Solche Geschichten sind selten „objektiv, sondern subjektiv gefärbt und emotional“ (Flöhl 1990: 24). Die Ressortleiter orientieren sich bei der Nachrichtenauswahl nicht an wissenschaftlichen Gesetzmässigkeiten, sondern am Leser und an dem, was sie als dessen Bedürfnisse verstehen. Erst der Zusammenhang mit dem Leben des Rezipienten, mit Bewertungen und Hinweisen auf mögliche Veränderungen dessen Umwelt machen den Leser betroffen (vgl. auch Thierbach 1988: 172).

Ähnlich der Unterscheidung von Flöhl (1990) zwischen Wissenschafts- und Publikumsorientierung unterteilt Russ-Mohl (2000b: 12f.) den Wissenschaftsjournalismus. Für die Beschreibung der beiden Orientierungen setzt er beim Publikum an. Einerseits lässt sich der Wissenschaftsjournalismus durch einezielgruppenorientierte Berichterstattungbeschreiben, die vor allem in den spezifischen Wissenschaftsressorts ohne unmittelbare Zwänge von Tagesaktualitäten stattfindet und dabei auf ein gewisses Vorwissen beim Publikum bauen kann. Andererseits findet sich eine wissenschaftliche Berichterstattung innerhalb der ‚klassischen’ Ressorts mit einer vornehmlichtagesaktuellen Prägung, die sich mittels Erklärungen und Vereinfachungen von oftmals komplizierten Zusammenhängen oder Entscheidungsprozessen an dasbreite Publikumwendet (vgl. Kap. 2.1.3).

2.3 Vermutete Orientierungen im Gesundheitsjournalismus

Diese Einteilung der wissenschaftsjournalistischen Berichterstattung wie sie Hömberg (1990), Flöhl (1990), Göpfert (2000; 2004) und Russ-Mohl (2000b) vornehmen (vgl. Kap. 2.2) ist in Tabelle 2 nochmals zusammengefasst.

Tab. 2: Orientierungsmöglichkeiten im Wissenschaftsjournalismus*

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Aufteilung desWissenschaftsjournalismus(vgl. Tab. 2) wird für die Untersuchung desGesundheitsjournalismusübernommen. Dieser Übertrag geschieht vor dem Hintergrund, dass das ThemengebietMedizinim Wissenschaftsjournalismus den Schwerpunkt bildet (vgl. Kap. 4.3) und der Medizinjournalismus aufgeteilt werden kann in einerseits eine populäre Berichterstattung für die Laienöffentlichkeit und andererseits eine Fachpublizistik für ein begrenztes Zielpublikum (vgl. Kohring 1997: 123).

Die beiden Orientierungsmöglichkeiten (vgl. Tab. 2) werden im weiteren Verlauf als Grundlage verwendet, um die Unterschiede in der Berichterstattung verschiedener Zeitungen zu beschreiben.

Aus methodischen Überlegungen heraus muss jedoch angeführt werden, dass diese Ausführungen zu den beiden Orientierungsmöglichkeiten im Wissenschafts- respektive Gesundheitsjournalismus – wie sie die verschiedenen Autoren vornehmen (vgl. Kap. 2.2) – in ihrer Zusammenfassung in Tabelle 2 das definitorische Problem enthalten, dass sich die einzelnen Merkmalsbeschreibungen auf verschiedenen methodischen Ebenen befinden (vgl. Brosius/Koschel 2001: 42f.). So ist die Definition durch die Quellenvielfalt bereits ein messbares Merkmal, wohingegen die Umschreibungen ‚Ergebnis- und Verständnisorientierung’ erst Indikatoren sind, die noch weiter operationalisiert werden müssen (vgl. Kap. 6.4.1.1).

Der operationalen Definition soll jedoch nicht vorgegriffen werden, weshalb im Folgenden der BegriffGesundheitsjournalismuszuerst in die beiden Dimensionen derWissenschafts- undPublikumsorientierungaufgeteilt und genauer beschrieben wird, bevor einzelne Indikatoren auf der Inhaltsebene entwickelt werden (vgl. Kap. 3). Diese beiden Dimensionen werden zur genaueren Beschreibung anschliessend einerseits mit den aus der Journalismusforschung bekannten Journalismus-Konzeptionen (vgl. Kap. 2.3.1) und andererseits mit Erkenntnissen aus der Forschung zu den redaktionellen Strukturen in Beziehung gesetzt (vgl. Kap. 2.3.2), um die gesundheitsjournalistische Berichterstattung sowohl auf der Ebene des journalistischen Akteurs als auch der redaktionellen Organisation zu beschreiben, bevor im Sinne der Definition der vorliegenden Untersuchung (vgl. Kap. 2.1.4) auf den Inhalt der Berichterstattung fokussiert wird und einzelne Qualitätskriterien entwickelt werden (vgl. Kap. 3).

2.3.1 Vermutete Orientierungsmöglichkeiten im Gesundheitsjournalismus als Journalismus-Konzeptionen

Journalistische Selektionsentscheidungen sind „zielgerichtete, an bestimmten Zwecken orientierte Handlungen“ (Wyss 2001: 247). Solche Zweckorientierungen können als Anwendungen bestimmter „journalistischer Konzepte oder Berichterstattungsmuster“ (ebenda) interpretiert werden. Die Theorie zur Journalismusforschung führt exemplarisch eine Anzahl von Idealtypen solcher Berichterstattungsmuster aus (vgl. Weischenberg 1995; Haas 1999; Wyss 2001). Die von diesen Autoren in ähnlicher Weise vorgeschlagenen Konzeptionen sind aber weder eindeutig, trennscharf oder erschöpfend noch sind deren Darstellungen durch die verschiedenen Autoren deckungsgleich oder von gleichem Umfang.

In den folgenden zwei Unterkapiteln wird dennoch versucht, die beiden Orientierungen im Gesundheitsjournalismus mit Hilfe einer relevanten Auswahl an Journalismus- Konzeptionen zu beschreiben, um sie besser von einander abgrenzen zu können. In einem zweiten Schritt wird diese Unterscheidung auf der Ebene der Redaktionsstruktur weitergeführt (vgl. Kap. 2.3.2).

2.3.1.1 Wissenschaftskonformer Gesundheitsjournalismus als objektiver und präziser Informations-Journalismus

Wie in Kapitel 2.2.1 ausgeführt orientiert sich der wissenschaftskonforme Gesundheitsjournalist an den Ergebnissen des Wissenschaftssystems, welche er objektiv und neutral zu beschreiben versucht. Diese Charakteristika sind mit dem Berichterstattungsmuster desInformations-Journalistenvergleichbar, der in der Tradition des angelsächsischen ‚objective reporting’ (vgl. Weischenberg 1995) arbeitet. Dieses Rollenverständnis sieht den Journalisten in der Rolle des unabhängigen Transporteurs von Fakten und Ereignissen, der auf Grund des „Neutralitätsgebots“ (Haas 1996: 102) Emotionen oder Wertungen vermeidet und als neutraler Beobachter und Vermittler agiert (vgl. auch Wyss 2001: 274).

Obwohl kein direkter Zusammenhang zwischen der Konzeption des Informations- Journalismus und der Wissenschaft besteht, treffen sein „neutral-passives“ Rollenverständnis (Weischenberg 1995: 115), seine Quellenorientierung sowie die Intention einer sachlichen und wertungsfreien Berichterstattung (vgl. Weischenberg 1995: 115) auf die Beschreibung des wissenschaftskonformen Gesundheitsjournalisten zu (vgl. Kap. 2.2.1). Der Konzeption desobjektiven Journalistenwird aber auch „Verlautbarungsjournalismus“ (Wyss 2001: 274) und ökonomisches Kalkül (vgl. Haas 1996: 102) vorgeworfen, da sich dahinter der Versuch verbirgt, ein möglichst grosses und heterogenes Publikum zu bedienen (vgl. ebenda). Dies trifft aber nicht auf den wissenschaftskonformen Journalismus zu, der sich vielmehr an der Wissenschaft und dessen akademischen Kriterien orientiert und für ein spezifisches Zielpublikum schreibt (vgl. Tab. 2).

Was also die Rezipientenschaft betrifft, steht dem wissenschaftskonformen Gesundheitsjournalisten das Berichterstattungsmuster desPräzisionsjournalismusnäher, da sich diese Konzeption in ihrer Rollenwahrnehmung an ein „informiertes und anspruchsvolles Publikum“ wendet (Weischenberg 1995: 114). Die Berufsethik desPräzisionsjournalistenentspringt jedoch den Sozialwissenschaften und verlangt, dass für die journalistische Recherche und Interpretation auf die Instrumente der empirischen Sozialforschung statt auf individuelle Überzeugungen oder parteiliches Denken zurückgegriffen wird. In dieser Rolle handelt der Journalist aber „neutral-aktiv“ (Weischenberg 1995: 115) statt objektiv und passiv.

Der wissenschaftskonforme Gesundheitsjournalist wie er in dieser Arbeit verstanden wird (vgl. Kap. 2.2.1), kann somit in den Termini der Journalismus-Konzeptionen als objektiver Journalist beschrieben werden, der in seiner neutralen und passiven Berichterstattung die Informationen und somit auch die naturwissenschaftlichen Standards derscientific communityübernimmt und sich dabei an ein informiertes und anspruchsvolles Publikum wendet.

2.3.1.2 Wissenschaftsferner Gesundheitsjournalismus als Servicejournalismus

Hinter der wissenschaftsfernen, populären Orientierung im Gesundheitsjournalismus steht ein verständnisorientierter Journalismustyp (vgl. Tab. 2), worauf das Rollenbild des interpretativen Journalisten zutreffen könnte, da dieser als Erklärer (vgl. Weischenberg 1995: 114) für das Publikum Orientierung stiften und Hilfestellungen bieten soll (vgl. ebenda). Diese Hilfeleistung verlangt jedoch hintergründige Analysen und die Einbettung der Fakten in grössere Zusammenhänge (vgl. auch Wyss 2001: 275), was aber kaum zum Bild des publikumsunterhaltenden, nicht fachjournalistisch arbeitenden ‚Allrounder’ passt (vgl. Kap. 2.1.3).

Diesbezüglich bezeichnet Weischenberg (1995: 114) den New Journalism als „Unterhalter“. Hinter dieser Konzeption steckt aber das Berichterstattungsmuster eines

literarischen Journalisten (vgl. Lorenz 2002: 99), welchen Wyss (2001: 275) als

„sprachbewussten Stilist“, der Sensibilität ausdrücken will, umschreibt.

Mast (2004) unterscheidet in ihrer Übersicht zu möglichen Journalismus-Konzeptionen unter anderem neben dem Journalisten alsRatgeberauch den Journalisten alsUnterhalter(ebenda: 130). DerRatgeberversucht, dem Leser Lebenshilfe im Alltag und Ratschläge bei schwierigen Problemen zu geben. Deshalb wird von diesem aber auch ein hohes Mass an „Sachwissen, Unabhängigkeit und Distanz“ (Mast 2004: 130) verlangt. Deminterptretativen Journalistengleich (vgl. Weischenberg 1995: 114) widerspricht diese Konzeption in ihren Kompetenzanforderungen jedoch dem gesundheitsjournalistischen ‚Allrounder’, der als „Libero“ (Thierbach 1988: 169) ohne vertiefte Sachkenntnisse nebenbei auch noch das ThemengebietGesundheitbearbeitet (vgl. Kap. 2.1.3).

Der Journalist alsUnterhalterversucht auf der anderen Seite das Publikum mit seiner Themenwahl und –darstellung zu unterhalten, indem er dessen Neugierde und Sensationslust mit ‚Human-Interest-Geschichten’ anspricht (vgl. Mast 2004: 130) und dazu das ThemaGesundheitals ein mögliches Mittel verstehen kann.

Der wissenschaftsferne Gesundheitsjournalist kann somit als Legierung aus Ratgeber und Unterhaltender beschrieben werden. Sein Ziel ist das ‚Servotainment’, indem er versucht, ohne vertiefte Fachkenntnisse, mit dem ThemaGesundheitdie Bedürfnisse des Publikums zu befriedigen, indem er mit Emotionalisierung und Sensationalisierung den Leser unterhält und mit Geschichten und Erfahrungen aus dem Alltag dem Durchschnittsleser Lebenshilfen und Identifikationsmöglichkeiten bietet. Für die vorliegende Arbeit wird dieser ratgebende und unterhaltende Journalist im Weiteren alsServicejournalistbezeichnet.

Die Journalismus-Konzeptionen als „Gesamtstrategien, an denen sich Journalisten orientieren, wenn sie beobachten und beschreiben“ (Weischenberg 1995: 41) nähern sich in ihren Erläuterungen grundsätzlich auf der Akteursebene den beiden im Gesundheitsjournalismus vermuteten Orientierungsmöglichkeiten an. Die Beschreibung mittels Journalismus-Konzeptionen kann laut Altmeppen (1999: 38) jedoch zu einer gewissen „Konfusion“ (ebenda) führen, da damit das journalistische Handeln auf verschiedenen Ebenen beschrieben wird (vgl. ebenda).

Zusätzlich zur Akteursebene sollen deshalb die Unterschiede zwischen den beiden gesundheitsjournalistischen Dimensionen (vgl. Tab. 2) im Folgenden auf der Organisationsebene anhand der redaktionellen Strukturen beschrieben und weiter ausgeführt werden.

2.3.2 Die vermuteten Orientierungsmöglichkeiten im Gesundheits- journalismus und Redaktionsstrukturen

Journalistisches Handeln kann auch auf der Ebene der redaktionellen Organisation beschrieben werden. Altmeppen (1999: 12) spricht dabei einerseits von „Organisations-“ und andererseits von „Arbeitsprogrammen“ (ebenda), die journalistisches Handeln ermöglichen oder restringieren (vgl. ebenda). Von diesen strukturellen Bedingungen journalistischen Handelns beschreibt die erste die „organisationalen Gliederungsaspekte des Journalismus“ (ebenda: 13), die zweite hingegen bezieht sich auf die journalistischen „Arbeitsweisen, Verfahrensregeln und Entscheidungskriterien“ (Altmeppen 1999: 12). Im weiteren Verlauf ist hauptsächlich von den „organisationalen Gliederungsaspekten“ (vgl. Altmeppen 1999: 13) die Rede.

Die Bildung von bestimmten redaktionellen Strukturen ist sowohl vom Medienunternehmen und seinen ökonomischen Zielen als auch von der Redaktion und deren publizistischen Zielen abhängig (vgl. Jarren 2001: 156). Solche Strukturentscheidungen schlagen sich letztendlich auch in den publizistischen Inhalten nieder. Denn wie Meier (2002: 58) in seiner Studie zeigt, ist die Medienrealität davon geprägt wie die Redaktionen die Welt, über die sie berichten, einteilen und untergliedern. Diese Gliederung widerspiegelt sich in den Ressortstrukturen.

Zur Beschreibung und Erklärung der stärker fachlichen oder journalistischen Kompetenzen sowie der unterschiedlichen Quellenorientierung und Themenbearbeitung (vgl. Tab. 2) kann somit der Vergleich der unterschiedlichen redaktionellen Strukturen einen Beitrag leisten, denn die Institutionalisierung von Themen innerhalb der Redaktion bedeutet nicht nur unterschiedliche Ressourcen, sondern auch spezifische redaktionelle Wahrnehmungsstrukturen, die bestimmen, welche Relevanz bei der journalistischen Selektion und Bearbeitung einzelnen Bereichen zukommt (vgl. Meier 2002: 58f.). So werden beispielsweise Themen und Ereignisse, die in die Sparten und Ressorts einer Redaktion passen, wesentlich leichter vom Journalisten registriert als solche Themen, die ‚quer’ zu diesen publizistischen Gefässen stehen (vgl. beispielsweise Gesundheit). Für unterschiedliche Teilsysteme gelten somit „unterschiedliche Aufmerksamkeitshürden“ (ebenda: 58).

Meier (2002: 58f.) betont deshalb auch, dass gerade dann, wenn es darum geht, die Medienrealität zu charakterisieren oder die Publikations-Chancen von Themen und Ereignissen zu prognostizieren, auf die redaktionellen Wahrnehmungsstrukturen mit ihren entsprechenden Selektionsentscheidungen geachtet werden muss (vgl. Kap. 3.3.3).

Diese unterschiedlichen Wahrnehmungsstrukturen werden in Untersuchungen zur Bedeutung der Organisationsstruktur für journalistisches Handeln verschieden beschrieben. So spricht beispielsweise Altmeppen (1999: 178) von „differenzierten und grobgliedrigen Strukturen“ und Jarren/Donges (1997: 182) andererseits unterscheiden zwischen „Input- und Output-Orientierung“. Die Begriffe werden im Folgenden für die Beschreibung der Orientierungsmöglichkeiten im Gesundheitsjournalismus übernommen.

2.3.2.1 Wissenschaftskonformer Gesundheitsjournalismus als ausdifferenzierte, input- orientierte Redaktionsorganisation

Die Ausdifferenzierung von Ressorts oder thematisch zuständigen Abteilungen in Redaktionen ermöglicht es den Journalisten, sich auf Themen einzustellen und zu spezialisieren, indem spezifische Recherche- und Bearbeitungsroutinen entwickelt werden (vgl. Altmeppen 1999: 110). So können beispielsweise Jarren/Donges (1996) in ihrer Studie aufzeigen, dass das Vorhandensein respektive Nicht-Vorhandensein von bestimmten redaktionellen Strukturen qualitativ und quantitativ für die Programmleistung relevant ist. Denn redaktionelle Strukturen und die damit verbundenen Ressourcen ermöglichen es, die Umwelten kontinuierlich zu beobachten (Input), diese Beobachtungen intern zu kanalisieren und entsprechend den publizistischen Zielsetzungen bearbeitungsfähig zu machen (Throuput) und schlussendlich zu verarbeiten und zu publizieren (Output) (vgl. Jarren/Donges 1996: 199).

MitInput-Orientierungbeschreiben die beiden Autoren journalistisches Handeln in Redaktionen, deren Struktur sich mit der Struktur gesellschaftlicher Teilsysteme deckt und damit entsprechende Ressourcen zur Verfügung stehen, um eine umfassende und kontinuierliche Beobachtung der Umwelt zu ermöglichen. So ist im Falle der Ausbildung einer als traditionell bezeichneten Redaktionsstruktur eine umfassende Bearbeitung von bestimmten Bereichen erkennbar, welche auf der Basis eines spezialisierten und fachlich qualifizierten journalistischen Personals erfolgt (vgl. Jarren/Donges 1996: 203).

Für die Ressortstruktur von Zeitungen bedeutet dies, dass ein Ereignis oder Thema zunächst in die Wahrnehmungsstrukturen passen muss, um überhaupt wahrgenommen zu werden. So wird in der Fragestellung der vorliegenden Arbeit vermutet (vgl. Kap. 5), dass bei Zeitungen mit einem Wissenschaftsressort die Umwelt auch aus einer bewusst wissenschaftlichen Perspektive heraus beobachtet wird und Themen entsprechend angepasst werden. In Bezug auf den UntersuchungsgegenstandGesundheitsberichterstattungbedeutet dies, dass auch das ThemaGesundheitvermehrt aus einer wissenschaftlichen Sichtweise heraus bearbeitet wird.

2.3.2.2 Wissenschaftsferner Gesundheitsjournalismus als grobgliedrige,output-orientierte Redaktionsorganisation

Der ausdifferenzierten Redaktionsstruktur stellt Altmeppen (1999: 110) eine „grobgliedrige Organisationsstruktur“ gegenüber, in der auf Grund der strukturellen Vereinheitlichung eine Vielzahl an Themen in den weit gefassten Bereichen integriert werden kann. Die Bedeutung der Themen spiegelt sich entsprechend nicht in den redaktionellen Strukturen wieder (vgl. ebenda), sondern ist vielmehr „personengeprägt“ und orientiert sich stärker am Publikum und dessen Unterhaltung (vgl. Altmeppen 1999: 110).

Jarren/Donges (1996) sprechen im Falle von gering entwickelten Redaktionsstrukturen vonOutput-Orientierung, bei der in Folge fehlender spezialisierter Redaktionsstrukturen auch keine fachlich einschlägig tätigen Journalisten vorhanden sind und es folglich kein auf Dauer gestelltes und spezialisiertes Entscheidungsprogramm gibt, weshalb auch keine systematische Bearbeitung einzelner Bereiche (Input) stattfindet. Die Entscheidung darüber, welche Bereiche der Umwelt beobachtet werden sollen, ist vielmehr von den angenommenen Bedürfnissen der Zielgruppe (Output) abhängig (vgl. Jarren/Donges 1996: 203f.).

Jarren/Donges (1996: 204) wie auch Altmeppen (1999: 111) heben hervor, dass im Falle von losen redaktionellen Strukturen und folglich beschränkter Ressourcen sowie erhöhter Personenabhängigkeit einerseits auf eine relative Beliebigkeit in der Auswahl von Inhalten und andererseits auf unverbindlichere redaktionelle Leistungen geschlossen werden muss.

Für die Gesundheitsberichterstattung bedeutet dies, dass sich in Folge des Fehlens eines eigenen Ressorts die Selektionsentscheidungen von Gesundheitsnachrichten an den bestehenden Ressorts orientieren. Ist ebenfalls kein Wissenschaftsressorts vorhanden werden die Gesundheitsnachrichten in den ‚klassischen’, hauptsächlich tagesaktuellen Ressorts platziert und angepasst. Ebenso wenig werden sie innerhalb eines spezifisch wissenschaftlichen Aufmerksamkeitsrasters und aus einer wissenschaftlichen Perspektive heraus bearbeitet. Dadurch, dass ein Wissenschaftsressort fehlt, werden die Nachrichten auch nicht von spezialisierten Ressortjournalisten bearbeitet. Eher kümmern sich Allroundjournalisten um die Nachrichten aus dem Bereich Gesundheit, deren journalistisches Handeln sich dabei „wissenschaftsfern“ (Flöhl 1990: 24), dafür stärker an den Erwartungen des Publikums orientiert.

2.4 Zusammenfassung

Die Erläuterungen im vorliegenden Kapitel zeigen, dass die Definition desGesundheitsjournalismusaus verschiedenen Perspektiven möglich ist. Da eine breite Begriffsdefinition –Gesundheitals „Querschnittsthema“ (Göpfert 1997: 13) – angestrebt wird (vgl. Abb. 1), erfolgt die Bestimmung der gesundheitsjournalistischen Berichterstattung über den Inhalt (vgl. Kap. 2.1.4). Dadurch resultiert weder die Reduktion auf Beiträge, die von spezifischen Berichterstattern mit entsprechenden Kompetenzen (Fachjournalisten) für ein fachlich kompetentes Zielpublikum verfasst werden (vgl. Kap. 2.1.2) noch auf diejenigen Beiträge, die in spezifischen redaktionellen Gefässen begrenzt auf den Ereigniskontext Medizin publiziert werden (vgl. Kap. 2.1.3).

Für die weitere Bearbeitung und Analyse der gesundheitsjournalistischen Inhalte wird der BegriffGesundheitsjournalismusin einem weiteren Schritt in die zwei Dimensionenwissenschaftskonforme sowie wissenschaftsferne Berichterstattung unterteilt (vgl. Kap. 2.2). Diese unterschiedlichen Orientierungsmöglichkeiten in der Berichterstattung werden aus der wissenschaftsjournalistischen Forschung übernommen, in der eine Entwicklung weg von der klassisch wissenschaftlichen, hin zu einer vereinfachten und populären Berichterstattung erkennbar ist (vgl. Kap. 4.3), was in Folge des medizinischen Themenschwerpunktes innerhalb des Wissenschaftsjournalismus für die vorliegende Untersuchung der gesamten Gesundheitsberichterstattung übernommen wird.

Diese beiden Orientierungsmöglichkeiten werden zu deren besseren Unterscheidung auf der Akteursebene als Berichterstattungsmuster beschrieben (vgl. Kap. 2.3). Dabei wird der wissenschaftskonforme Gesundheitsjournalismus mit den beiden Journalismus- KonzeptionenInformations- und Präzisionsjournalismusin Verbindung gebracht und als präzis, hintergründig und objektiv berichtender und sich an ein informiertes Publikum wendender Journalismus beschrieben. Im Gegensatz dazu wird der wissenschaftsferne Gesundheitsjournalist alsServicejournalistbezeichnet, dessen Rat gebende und unterhaltende Berichterstattung sich an das breite Laienpublikum richtet.

Vor dem Hintergrund, dass die wissenschaftsjournalistische Theorie (vgl. Kap. 2.2) die wissenschaftskonforme respektive –ferne Berichterstattung mit unterschiedlichen redaktionellen Gefässen in Verbindung bringt (vgl. Tab. 2) und zusätzlich die strukturelle Verankerung des Themas Wissenschaft in den Redaktionen die unabhängige Variable bei der Hypothesenbildung darstellt (vgl. Kap. 5), werden in Kapitel 2.3.2 diese beiden Orientierungsmöglichkeiten weiter mit den Redaktionsstrukturen in Zusammenhang gebracht. Auf dieser Ebene werden die beiden Orientierungen in der Gesundheitsberichterstattung mit einerseits einer ausdifferenzierten, spezialisierten und inputorientierten und andererseits einer grobgliedrigen, unterhaltungs- und outputorientierten Redaktionsorganisation unterschieden.

Gegenstand der Analyse der vorliegenden Forschungsarbeit bleibt aber auf Grund der gewählten Definition (vgl. Kap. 2.1.4) der Berichterstattungsinhalt des Gesundheitsjournalismus, weshalb im folgenden Kapitel anhand der Theorie zur journalistischen Qualität auf den Inhalt fokussiert wird, welcher die abhängige Variable in der Forschungsfrage bildet (vgl. Kap. 5).

3 Journalistische Qualität

Die Diskussion überjournalistische Qualitätist gekennzeichnet durch die Definitionsproblematik des Begriffes einerseits und durch die Schwierigkeit der Ermittlung konkreter Messkriterien andererseits (vgl. Wyss 2002: 95ff.).

Folglich kritisieren Schlussfolgerungen von publizistischen Qualitätsdebatten, dass das, was unter Medienleistung oder Medienqualität verstanden werde, oft „implizit“ und entsprechende Kriterien „vieldeutig“, „unklar und mehrdimensional“ (Bonfadelli 2002: 111) seien.

Die Komplexität des Qualitätsbegriffes und die Schwierigkeit einer konkreten Definition sind zurückzuführen auf den Umstand, dassQualitätkeine Gegenstandseigenschaft, sondern ein „Beobachterkonstrukt“ (Bucher 2003: 12) ist, dessen Bezugsaspekte sich von „unterschiedlichen und sogar konfligierenden Prinzipien, Massstäben und Regelungen“ (ebenda) ableiten lassen. Zusätzlich ist dieQualitäteine dynamische Dimension, die nicht nur einmalig bestimmt oder nachgewiesen werden kann, sondern auch gesichert werden muss, wobei die in der Theorie formulierten Qualitätsstandards nicht immer mit ihrer praktischen Umsetzung übereinstimmen (vgl. Bucher 2003: 12f.).

Unabhängig vom journalistischen Kontext definiert die International Standards Organization (ISO)Qualitätallgemein als die „Gesamtheit von Merkmalen einer Einheit bezüglich ihrer Eignung, festgelegte oder vorausgesetzte Erwartungen und Anforderungen zu erfüllen“ (zit. nach Gumpp/Wallisch 1995: 22). In Folge dieser verschieden möglichen Erwartungshaltungen und entsprechenden Forderungen fallen auch publizistikwissenschaftliche Definitionsversuche journalistischer Qualität unterschiedlich aus (vgl. als Übersicht Wyss 2002: 96ff.), weshalb Russ-Mohl (1992) vorschlägt, den Qualitätsmassstab im Journalismus als „abhängige Variable“ (ebenda: 85) zu definieren.

In einem ersten Schritt muss also der Massstab formuliert, das heisst die Erwartungen und Anforderungen, bestimmt werden, innerhalb derer sich die spezifischen Qualitätskriterien definieren. Hierzu werden die Orientierungen wie sie im Gesundheitsjournalismus möglich sind (vgl. Kap. 2.2) herangezogen, um den erforderlichen Bezugsrahmen zu benennen (Kap. 3.1). Vor dem Hintergrund dieses Bezugsrahmens wird mit Hilfe des Modells von Saxer/Kull (1981) der ‚journalistische Zeichenprozess’ differenziert (vgl. Kap. 3.2), um relevante Qualitätskriterien zu entwickeln (vgl. Kap. 3.3) und anschliessend zu operationalisieren (vgl. Kap. 6.4.1.1).

3.1 Bezugsrahmen zur Bestimmung journalistischer Qualität

Einigkeit herrscht in der publizistikwissenschaftlichen Qualitätsdebatte dahingehend, als dass die Komplexität journalistischer Qualität, die von „ganz unterschiedlichen Akteurskategorien mit unterschiedlichen Interessen am Journalismus und aus unterschiedlichen Perspektiven“ (Wyss 2002: 95) diskutiert wird, ein Modell oder ein Strukturierungsrahmen verlangt, welcher die Qualitätsbeurteilung „der Beliebigkeit des bloss subjektiven Meinens“ (Schulz 1996: 57, zit. nach Wyss 2002: 95) enthebt und dessen Diskussion transparent macht. Laut Bonfadelli1 (2002: 115f.) beinhaltet ein solcher Bezugsrahmen die Fragen nach den

-…Anspruchsgruppen, die die normativen Ansprüche an die Medien formulieren.
-…Bezugsobjekten, auf welche sich die geforderten Leistungs- und Qualitätsstandards beziehen sollen.
-…Bezugssystemen, an denen man sich für die Formulierung von medienbezogenen Leistungserwartungen orientiert.
-…Strukturen und Prozessen, welche das Erreichen der geforderten Medienleistungen gewährleisten sollen.

Angewandt auf den Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit (vgl. Kap. 2.1.4) definiert sich der Bezugsrahmen wie in Tabelle 3 dargestellt.

Tab. 3: Bezugsrahmen zur Bestimmung von Qualitätskriterien*

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In der vorliegenden Arbeit wird vermutet, dass die Berichterstattung zu Gesundheitsthemen mit der Institutionalisierung des Themas Wissenschaft in der Redaktion zusammenhängt (vgl. Kap. 5), da sich auf Grund der vorhandenenStrukturen, das heisst in Folge des Vorhandenseins oder Nicht-Vorhandenseins eines Wissenschaftsressorts, die Gesundheitsberichterstattung der betreffenden Zeitung entweder stärker amBezugssystemWissenschaft oder eher an den Interessen des Publikums orientiert. Diese unterschiedlichenBezugssystemestehen ebenfalls mit je anderenAnspruchsgruppenin Zusammenhang (vgl. Tab. 2), deren Erwartungen und Anforderungen die Berichterstattung des im gesundheitsthematischen Bereich tätigen Journalisten ebenfalls beeinflussen (vgl. Kap. 2.3.2). So sollen letztendlich mittels Inhaltsanalyse auf der Ebene der Berichterstattung – alsBezugsobjektder verschiedenen Ansprüche – anhand von relevanten Qualitätskriterien die unterschiedlichen gesundheitsjournalistischen Orientierungsmöglichkeiten in der Berichterstattung zum ThemaGesundheitaufgezeigt werden.

3.2 Bestimmung von Qualitätskriterien

Nach der Bestimmung des spezifischen Bezugsrahmens (vgl. Tab. 3) müssen nun innerhalb dieser Eckpunkte die konkreten journalistischen Qualitätskriterien ermittelt werden. Da sich Qualität immer auch durch seinen normativen Charakter kennzeichnet, orientieren sich unterschiedliche Modelle an verschieden Wertesystemen. Diese Arbeit setzt sich jedoch weder die demokratischen Werte und eine entsprechende Sozialverantwortlichkeit der Medien (vgl. McQuail 1992), noch eine Programmbeurteilung auf der Basis rechtlicher Grundlagen (vgl. Schatz/Schulz 1992) oder mit multiperspektivischem Vorgehen (vgl. Meier/Bonfadelli 1994) zum Ziel. Statt einer ‚Beurteilung’ steht vielmehr die ‚Beschreibung’ des gesundheitsjournalistischen Inhaltes mittels Qualitätskriterien hinsichtlich einer möglichen Wissenschafts- respektive Publikumsorientierung im Vordergrund.

Als Folge dieser bewusst ‚analytisch-deskriptiven Zielsetzung’ der Untersuchung auf inhaltlicher Ebene, bei der die normativen Gesichtspunkte in den Hintergrund treten, bietet sich für die weitere Erarbeitung der erforderlichen Qualitätskriterien das „semiotische Zeichenprozess-Modell“ von Saxer/Kull (1981: 19) an.

Aus der semiotischen Perspektive wird die publizistische Qualität als der „Grad […], in dem jeweils der gesamte publizistische Zeichenprozess optimiert wird“ verstanden (vgl. Saxer 1981: 47). Diese Definition verlangt ebenso, die Perspektive und das Bezugssystem mitzubenennen (vgl. Kap. 3.1), wobei Saxer betont, dass es sich dabei aber weniger um ein normierendes, als vielmehr um ein analysierendes Modell handelt, in dem es grundsätzlich darum geht, mit Hilfe des „Differenzierungs- und Organisationsvermögens semiotischer Kommunikationstheorie“ (Saxer 1981: 47) die publizistikwissenschaftliche Aussagenanalyse zu verfeinern.

Die Vorzüge dieses semiotischen Modells liegen also vor allem darin, dass von der kleinen Einheit ‚Zeichen’ ausgegangen wird, was eine relativ feine Aufteilung des publizistischen Zeichenprozesses ermöglicht (vgl. Saxer/Kull 1981: 18) und eine passende Hilfestellung bietet, um den Bezugsrahmen (vgl. Tab. 3) weiter zu differenzieren und die einzelnen Indikatoren der verschiedenen Bezugssysteme in der Gesundheitsberichterstattung (vgl. Kap. 2.3) als Qualitätskriterien zu formulieren und anschliessend die gewonnenen Resultate auch wieder in das Gesamt des Zeichenprozesses zu integrieren.

Für die Qualitätsbeurteilung in der vorliegenden Arbeit bedeutet dies, dass die journalistische Gesundheitsberichterstattung in die drei semiotischen DimensionenSyntaktik,SemantikundPragmatikaufgeteilt wird (vgl. Kap. 3.2.1). Auf diesen Ebenen können die verschiedenen Einflussgrössen im journalistischen Zeichenprozess erkennbar gemacht werden (vgl. Kap. 3.2.2), so dass für die Untersuchung der Gesundheitsberichterstattung relevante Analysekriterien entwickeln werden können (vgl. Kap. 3.3).

Bevor jedoch das semiotische Zeichenprozess-Modell von Saxer/Kull (1981) auf den vorliegenden Gegenstandsbereich angepasst wird, soll zuerst kurz auf die Zeichentheorie von Morris (1972), welche die theoretische Basis dieses Modells bildet, eingegangen werden.

3.2.1 Die Zeichentheorie von Morris: Die drei Dimensionen der Semiose Laut Morris (1972: 20f.) besteht die Semiose, das heisst der Zeichenprozess, aus drei beziehungsweise vier Faktoren:

-Zeichenträger: dasjenige, was als Zeichen wirkt (Interpretant);
-Bezeichneter: dasjenige, worauf das Zeichen referiert (Designat);
-Zeichenbenützer: derjenige, der das Zeichen nutzt (Interpret), worin auch der Effekt, der ausgelöst wird, mitenthalten ist (4. Faktor).

Diese drei Dimensionen des Zeichenprozesses sind untrennbar, werden in der Semiotik als ‚Wissenschaft von den Zeichen’ für analytische Zwecke jedoch in die TeildisziplinenSyntaktik,SemantikundPragmatikunterteilt (vgl. Morris 1972: 23f.).

- DieSyntaktikuntersucht die Relationen zwischen Zeichen und Zeichen, also die Kombinationen von Zeichen innerhalb einer Sprache (Morris 1972: 32f.).
- DieSemantikbehandelt die Beziehungen der Zeichen zu den Objekten, die sie bezeichnen (Designat) (vgl. Morris 1972: 42).
- DiePragmatikbefasst sich mit der Beziehung der Zeichen zu ihren Interpretanten und Interpreten und beinhaltet somit „alle psychologischen, biologischen und soziologischen Phänomene, die im Zeichenprozess auftauchen“ (Morris 1972: 52f.).

Ein Zeichen ist dann vollständig analysiert, wenn seine „Beziehungen zu den anderen Zeichen, zu seinen aktuellen oder potentiellen Denotaten wie auch zu seinen Interpreten bestimmt worden sind“ (Morris 1972: 93).

Wie sich im weiteren Verlauf der Arbeit zeigen wird (vgl. Kap. 3.2.3.2), ist die Inhaltsanalyse der vorliegenden Arbeit im semiotischen Sinne nicht ‚vollständig’, da die pragmatische Dimension inhaltsanalytisch nicht untersucht wird. Vielmehr werden die Intention des Zeichenproduzenten (Gesundheitsjournalisten) wie auch die Funktionszuschreibungen seitens der Zeichenbenützer (Laien-, Zielpublikum) als unabhängige Variable der Analyse vorausgesetzt (vgl. Kap. 5).

3.2.2 Semiotik als publizistikwissenschaftliche Theorie

In der Publizistikwissenschaft wurde die Semiotik Mitte der 70er Jahre erstmals rezipiert, und später sogar als Basiswissenschaft (vgl. Bentele 1981; Saxer 1981) zur Analyse vor allem von (audio-)visuellen Zeichen postuliert. Denn wie Bentele (1981) darauf hinweist, sind publizistische Prozesse, nicht nur „ökonomische, politische oder technische Prozesse, sondern im Wesentlichen auch Zeichenprozesse“ (Bentele 1981: 25) und somit ebenfalls unter einer einheitlich semiotischen Perspektive erforschbar.

Dieser umfassende Anspruch wurde allerdings nicht eingelöst und konkrete praktische Anwendungen, wie beispielsweise in der Analyse von Werbebotschaften blieben eher selten (vgl. Bonfadelli 2002: 162), obwohl semiotische Basiskonzepte für die Analyse von Medientexten „äusserst fruchtbar“ (ebenda) sein können.

Als Vorteil wird hervorgehoben, dass das Modell von Morris (1972) im Gegensatz zu klassischen publizistikwissenschaftlichen Modellen (vgl. beispielsweise Laswell 1948) seine Teildisziplinen (Syntaktik, Semantik, Pragmatik) von den Relationen zwischen den einzelnen Faktoren ableitet, wodurch die Verknüpfungen der einzelnen Einflussfaktoren im Zeichenprozess besser erkennbar und die Integration der Ergebnisse der Teilanalysen in das Gesamt des Kommunikationsprozesses vereinfacht werden (vgl. Bentele 1981: 26f.). Besonders für Analysen, die auf der Ebene des Kommunikationsinhaltes ansetzen, können innerhalb des Kommunikationskontextes auch die Beziehungen eines inhaltlichen Teilaspektes auf inhaltsexterne Bestandteile berücksichtigt werden, was Merten (1995: 24) im methodischen Kontext so genannte „Inferenzen“ nennt, bei denen „von Merkmalen eines manifesten Textes auf Merkmale eines nichtmanifesten Kontextes geschlossen wird“ (Merten 1995: 24) (vgl. Kap. 6.2).

3.2.2.1 Problembereiche der Semiotik als publizistikwissenschaftliche Basistheorie

Als die Semiotik für die Publizistikwissenschaft nutzbar gemacht wurde, identifizierte Saxer (1981: 42f.) drei Hauptschwierigkeiten: Erstens war zu jenem Zeitpunkt die Leistungsfähigkeit der Semiotik hinsichtlich der verschiedenen Medien und deren Codes sehr unterschiedlich weit entwickelt und erprobt. Dies hat sich bis in die Gegenwart nicht stark verändert, da es bei einzelnen Anwendungen blieb (vgl. Bonfadelli 2002: 162). Zweitens verfährt die semiotische Aussagenanalyse als Folge davon in starkem Masse lediglich „klassifikatorisch“, das heisst als Hilfestellung beim „Gruppieren von Kommunikationsphänomenen“ (Saxer 1981: 42), so dass sie nur in einer „Frühphase der publizistikwissenschaftlichen Erkenntnisentwicklung“ einen Beitrag leistet (ebenda). Und drittens nennt Saxer die semiotische Aussagenanalyse für publizistikwissenschaftliche Zwecke „im allgemeinen viel zu detaillistisch“ (Saxer 1981: 43), weshalb sie auf die Untersuchung von Einzelfällen beschränkt bleibt. In der vorliegenden Arbeit wird allerdings keine vollständige semiotische Analyse als Ziel verfolgt (vgl. Kap. 3.2.1). Vielmehr liegt der erwartete Nutzen gerade in einer semiotischen (Vor-)Analyse zur Gruppierung und Verortung der einzelnen Einflussfaktoren innerhalb des publizistischen Zeichenprozesses sowie dessen Entstehungs- und Wirkungskontextes (vgl. Kap. 3.2). Dies vereinfacht die für die Inhaltsanalyse relevanten Analyseeinheiten mit deren Beziehungen auf den verschiedenen Ebenen herauszuarbeiten und zum Schluss die Ergebnisse während ihrer Interpretation wieder in das Gesamt des Zeichenprozesses zu integrieren und miteinander in Bezug zu setzen. Gleichzeitig gewährleistet dieses Vorgehen auch die geforderte Transparenz (vgl. Kap. 3.1) während der Erarbeitung der Qualitätsanforderungen.

3.2.3 Journalismus als Zeichenprozess

Saxer/Diethelm/Koller (1974) entwickelten auf der Basis von Morris’ Zeichentheorie ein Kommunikationsmodell zur „Analyse und Typologisierung von Fernsehsendungen“ (ebenda), welches Koller (1981) für die Ausbildung von Fernsehjournalisten operationalisierte.

Aus der semiotischen Perspektive werden publizistische Aussagen als „Zentren und Ergebnisse komplexer, organisierter Zeichenprozesse“ (Saxer 1981: 48) verstanden. Und entsprechend den drei zeichentheoretischen Dimensionen der Semantik, Pragmatik und Syntaktik (vgl. Kap. 3.2.1) kann ein journalistisches Produkt auf der Ebene des „Selektions-, Kommunikations- und Gestaltungsprozesses“ (Saxer/Kull 1981: 19) analysiert werden (vgl. Abb. 2). Dazu untersucht die semantische Analyse den journalistischenSelektionsprozess, bei dem die Umweltkomplexität inhaltlich reduziert und durch den journalistischen Zugriff eine neue (Medien-)Realität konstruiert wird. Die syntaktische Dimension fokussiert auf denGestaltungsprozesseiner publizistischen Aussage, welcher sowohl die Darstellung des einzelnen Beitrags, als auch dessen Beziehung zu anderen journalistischen Beiträgen (Platzierung) betrifft. Die Pragmatik geht davon aus, dass sich eine Aussage nicht interpretieren und beurteilen lässt, ohne dass auch auf dieEntstehungs- und Rezeptionssituation der MitteilungBezug genommen wird (vgl. Koller 1981: 376f.).

Abb. 2: Semiotisches Zeichenprozessmodell zur Beurteilung redaktionelle Beiträge*

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Jeder dieser (Teil-)Prozesse schneidet sich mit den beiden anderen, was verdeutlicht, dass ein journalistisches Produkt nicht realisiert werden kann, wenn eine der (Teil-) Ebenen weggelassen wird (vgl. Kap. 3.2.1). So erfolgen Inhaltsauswahl und Thematisierung entsprechend bestimmter Intentionen des Kommunikators, die sich ebenfalls nur innerhalb eines von institutionellen Normen sowie den Publikumserwartungen festgelegten Rahmens formulieren lassen und bestimmte Funktionen wie Information, Bildung oder Unterhaltung erfüllen sollen (vgl. Koller 1981: 383). Schliesslich verwirklichen sich diese Intentionen in „zeitungsdramatischen Gestaltungsakten“ (Saxer 1981: 40), die vom jeweiligen Berichterstattungsgefäss wie auch im Rahmen des Beitragsumfeldes mitbestimmt werden (vgl. ebenda: 40f.).

Die sechs Elemente, die an den Anfängen beziehungsweise Enden der drei (Teil-) Prozesse dargestellt sind (vgl. Abb. 2), nennen Saxer/Kull (1981: 20) die „Normquellen“. Jede dieser Normquellen hat ihren Einfluss auf den redaktionellen Prozess und fordert entsprechend ihren spezifischen Qualitätsstandard ein.

In Tabelle 4 sind mögliche Kategorien dieser Normquellen, die den publizistischen Aussageprozess bestimmen, zusammengefasst. Von diesen Einflussgrössen werden anschliessend die relevanten Qualifikationskriterien abgeleitet (vgl. Kap. 3.3).

Tab. 4: Kategorien zu den Relationen im semiotischen Modell*

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.2.3.1 Kritik am semiotischen Zeichenprozessmodell von Saxer/Kull 1981

Laut Wallisch (1995: 165) können im Modell von Saxer/Kull (1981) zwei Defizite erkannt werden. Einerseits erscheint die Organisationsstruktur des jeweiligen Medienunternehmens nicht explizit, da diese Normquelle hierarchisch über die sechs anderen gestellt und als siebente Dimension mit „Produktorganisation der Medieninstitution“ (Saxer/Kull 1981: 20) benannt wird. Andererseits fehlt laut Wallisch (1995: 165) ebenso die ausdrückliche Deklaration der journalistischen Persönlichkeit als eigene Dimension. Wallisch (ebenda) betont, dass erst das Ensemble von „Produktstandard“ (Faktoren 1-6), „Betriebsstandard“ (Faktor 7) sowie „Persönlichkeits- und Teammerkmale“ (Faktor 8) eine Optimierung der gesamten publizistischen Qualität ermöglichen.

Was die Untersuchung der vorliegenden Arbeit betrifft, steht nicht die Optimierung der gesamten publizistischen Qualität im Vordergrund, sondern die Suche nach einem Zusammenhang zwischen der Institutionalisierung des Themas Wissenschaft und der Gesundheitsberichterstattung (vgl. Kap. 5), wozu auf die Inhaltsebene fokussiert wird und gewisse Aspekte (pragmatische Ebene) ausgeblendet werden (vgl. Kap.3.2.3.2). Die Betonung der Produktebene im semiotischen Zeichenprozessmodell wird aus diesem Grund gerade als Vorteil angesehen (vgl. Kap. 3.2.2). Denn in der vorliegenden Arbeit bildet die Ebene des Mitteilungsprozesses als Relation von Publikum (Faktor 5) und Kommunikator (Faktor 6) – worin im Modell von Saxer/Kull (1981: 19) auch der Betriebsstandard wie auch die Persönlichkeit als Faktoren sieben und acht (vgl. Kap. 3.2.3.1) enthalten sind – die unabhängige Variable.

3.2.3.2 Gesundheitsberichterstattungsrelevante Schwerpunkte der Analyse

Diese pragmatische Relation des Kommunikationsprozesses wird der Inhaltsanalyse vorausgesetzt, da vermutet wird, dass sich in Folge der je anderen Institutionalisierung des Themas Wissenschaft unterschiedliche Bezugssysteme (Wissenschaft – Publikum) in der Gesundheitsberichterstattung ergeben, woraus eine je andere Gewichtung von Qualitätsstandards resultiert. Somit manifestiert sich die pragmatische Dimension im redaktionellen Beitrag, indem sie die syntaktische und semantische Ebene als abhängige Variable beeinflusst. Teilt man Tabelle 2 (vgl. Kap. 2.2) nach den von Saxer/Kull (1981) formulierten Prozessebenen auf, ergibt sich folgende neue Tabelle 5.

Tab. 5: Zeichenprozessebenen der gesundheitsjournalistischen Inhaltsanalyse*

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ziel des folgenden Kapitels ist es nun, Tabelle 4 und 5 zusammenzuführen, um auf den beiden Ebenen des Selektions- sowie Gestaltungsprozesses (als Untersuchungsbereiche der Inhaltsanalyse) Qualitätskriterien als Indikatoren für die beiden unterschiedlichen Orientierungsmöglichkeiten herauszuarbeiten und anschliessend zu operationalisieren (vgl. Kap. 6.4.1.1).

3.3 Qualitätskriterien

Journalistisches Handeln setzt sich aus Selektion (Input), Transformation (Troughput) und Präsentation (Output) zusammen (vgl. Kap. 2.3.2) und unterliegt dabei äusseren, redaktionellen und medialen Bedingungen sowie dem Einfluss von Qualifikationen und Selbsteinschätzung des Journalisten (vgl. Schröter 1995: 65f.). Das Modell von Saxer/Kull (1981) nimmt explizit oder implizit Bezug auf diese Einflussfaktoren (vgl. Kap. 3.2.3.1). Im Mittelpunkt der Inhaltsanalyse stehen jedoch die Selektions- sowie Präsentationsebene (vgl. Tab. 5).

Die Basis für die folgenden Ausführungen bildet die Darstellung von Wyss (2002) zu produktbezogenen Qualitätskriterien wie sie zur Beurteilung einzelner journalistischer Beiträge herangezogen werden können (vgl. ebenda: 117ff.). Ergänzt werden diese Ausführungen vor allem durch die Erläuterungen von Schatz/Schultz (1992: 690ff.) wie aber auch von weiteren Autoren.

Das folgende Kapitel hat die Absicht, aus dem Kriterienkatalog von Wyss (2002: 117ff.) diejenigen Qualitätsaspekte herauszuarbeiten, welche zur Unterscheidung zwischen Publikums- und Wissenschaftsorientierung im Gesundheitsjournalismus einen Beitrag leisten (vgl. Kap. 2.3.2). Auf den beiden semiotischen Zeichenprozessebenen (Syntax und Semantik) respektive deren vier Normquellen alsBetrachtungsebenensollen im folgenden Kapitel die relevantenQualitätsdimensionenund einzelne Qualitätskriterien herausgearbeitet werden (vgl. Abb. 3), die in einem daran anschliessenden Schritt zu konkreten Messkriterien (Massstab) operationalisiert werden (vgl. Kap. 6.4.1.1).

Abb. 3: Dimensionen der Qualitätsmessung*

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Letztendliches Ziel ist es (vgl. Kap. 6.5), für die Wissenschafts- sowie die Publikumsorientierung idealtypisch einen je eigenen „Qualitätswürfel“ (Fahr 2001: 61) konstruieren zu können.

3.3.1 Objektivität

Kaum ein Qualitätskriterium wurde in der Publizistikwissenschaft so ausführlich und kontrovers diskutiert wie die Objektivitätsnorm (vgl. Wyss 2002: 117). Dieses Postulat ist parallel zur wissenschaftlichen Objektivität im späteren 19. Jahrhundert entwickelt worden. Wobei man vom naiven Objektivitätskonzept ausging, dass mit der Wirklichkeit kongruente journalistische Aussagen möglich wären (vgl. Bentele 1988: 200). Dieser Anspruch nach einer realitätsadäquaten Berichterstattung wurde jedoch als idealtypische Forderung erkannt (vgl. Wyss 2002: 117).

Seither wird in der publizistischen Objektivitätsdebatte zwischen der

„Medienobjektivität“ (Bentele 1994: 306) als der Abbildung der Realität durch das Mediensystem insgesamt und der „journalistischen Objektivität“ (ebenda) als der Objektivität des einzelnen Journalisten, welche durch eine Reihe journalistischer Regeln konkretisiert werden kann (vgl. Bentele 1994: 306), unterschieden. In den folgenden Ausführungen steht diese „journalistische Objektivität“ (ebenda) im Vordergrund.

Konkrete Definitionen vonObjektivität, die sowohl in der Publizistikwissenschaft als auch im Journalismus allgemein akzeptiert werden, gibt es nicht (vgl. Wyss 2002: 118f.). Allen Definitionen gemeinsam ist laut Wyss (ebenda) jedoch die Forderung nach einer „deskriptiven Objektivität als grundsätzliches journalistisches Professionalitätskriterium“ (ebenda: 118), welches zum Ziel hat, die Wirklichkeit möglichst unverzerrt zu beschreiben. Die journalistische Objektivität wird somit meist mit den beiden Begriffen derUnparteilichkeitsowie derTransparenzumschrieben (vgl. Wyss 2002: 127).

3.3.1.1 Objektivität als Unparteilichkeit

Schönhagen (1998) beschreibt dieUnparteilichkeitals journalistische Norm der Objektivität anhand von fünf Prinzipien (vgl. ebenda: 291ff.): Das erste Prinzip zielt auf ‚Pluralismus’ und meint die allseitige Vermittlung der Meinungen und Standpunke zu einem Thema, um Einseitigkeit zu vermeiden. Als zweites beinhaltet Unparteilichkeit die getreue, das heisst dem ursprünglichen Sinn gemässe und vollständige Vermittlung jeder Einzelmitteilung, was nicht Richtigkeit, sondern korrekte Wiedergabe bedeutet. Drittens verlangt diese Maxime die Trennung von Nachricht und Kommentar und viertens die Offenlegung der (Primär-)Quellen, was die „Information über die Quellen der Information“ (Schönhagen 1998: 291) beinhaltet. Und letztendlich ist damit laut Schönhagen (ebenda) auch das journalistische Selbstverständnis des Journalisten als neutraler Beobachter miteingeschlossen (vgl. Kap. 2.3.1.1), welches sich durch die vier vorangehenden Prinzipien im Inhalt widerspiegeln sollte.

Von den ersten vier Prinzipien kann die Forderung nach Pluralismus auch als Quellenvielfalt interpretiert werden (vgl. Wyss 2002: 120), weshalb diese unter der QualitätsdimensionVielfaltweiterdiskutiert wird (vgl. Kap. 3.4.2). Als Kriterium derObjektivitätwird der Quellenpluralismus in der vorliegenden Arbeit auf die quantitative Quellenvielfalt beschränkt, um Einseitigkeit zu vermeiden respektive um sich an die Vollständigkeit der Wiedergabe eines Ereignisses anzunähern. Des Weiteren sind somit auf der inhaltlichen Ebene noch die Unparteilichkeitsprinzipien ‚getreue Wiedergabe’,

‚Trennung von Nachricht und Meinung’ sowie die ‚Offenlegung der Primärquellen’ zu diskutieren. Diese drei Kriterien können auch in die Forderung nachTransparenzals Kriterium von journalistischer Objektivität eingeordnet werden.

3.3.1.2 Objektivität als Transparenz

Den Ausgangspunkt der Forderung nach journalistischerTransparenzbildet die Trennungsnorm (vgl. Wyss 2002: 127) und beinhaltet einerseits das Verbot, wertende Formulierungen in der Nachricht zu verwenden und andererseits den Anspruch, die einseitige Auswahl und Aufmachung von Informationen zu verhindern (vgl. Schönbach 1977: 159 zit. nach Wyss 2002: 127). Dieses Postulat verlangt also, dass erstens die eigentliche Nachricht getrennt bleiben muss von den Kommentierungen durch den berichtenden Journalisten und zweitens das persönliche Urteil des Journalisten trotz korrekter Trennung nicht die gesamte Berichterstattung bestimmen darf.

Die Trennungsnorm gilt dabei nicht nur für den Beitragstext, sondern ebenso für die inhaltliche Gestaltung der Überschriften und Schlagzeilen. Denn diese sollen hauptsächlich den Inhalt des nachfolgenden Textes ankündigen. Wertungen und Meinungen aufzuzeigen, ist Sache des Textes und nicht der Überschriften, die „sachlich und neutral“ (Schröter 1995: 54) zu halten sind und insbesondere Übertreibungen und Sensationalismus vermeiden sollen (vgl. ebenda), wofür laut DeSemir (1996: 1163) beispielsweise die Gesundheitsberichterstattung speziell anfällig ist (vgl. Kap. 4.4.1.2). Transparenz beinhaltet aber nicht nur die Trennungsnorm, sondern im Sinne der Quellentransparenz auch die konsequente Angabe der Quellen sowie des Quellenkontextes (vgl. Wyss 2002: 129; Schönhagen 1998: 291).

Hinter dieser Forderung nach Quellenangaben steht laut Schröter (1995: 47) der „unrealistische Anspruch“, von Nachrichten die Mitteilung der Wahrheit zu erwarten, wobei es in Folge der Beobachterabhängigkeit vor allem bei geistigen oder sozialen Phänomenen nicht eindeutig möglich ist, eine objektive, das heisst unabhängige Richtigkeit festzustellen (vgl. Hagen 1995: 106ff.). Den Wahrheitsgehalt solcher Phänomene zu beurteilen, kann laut Hagen (1995: 315) von Journalisten in der Regel nicht verlangt werden. Für die Berichterstattung über empirische Studien verlangt Klammer (2005: 315) deshalb, dass nicht nur die Quelle (Auftraggeber und durchführendes Institut), sondern auch die genaue Fragestellung, der Erhebungszeitraum, die Erhebungsmethode und das Auswahlverfahren mit vollständigen Zahlenangaben mitgeteilt werden, damit der Rezipient die Interessenslage hinter den Erkenntniszielen sowie den genauen Aussagenumfang identifizieren kann.

Richtigkeit als Teilaspekt von journalistischerObjektivitätmuss also als ein zu optimierendes Ziel im Zeichenprozess der Selektion verstanden werden, welches mit den Hilfsstrategien Quellentransparenz und Quellenvielfalt analysiert werden kann (vgl. Hagen 1995: 315). Es handelt sich dabei jedoch nur um Hilfsstrategien, da die blosse Übereinstimmung verschiedener Quellen nur eine notwendige und nicht hinreichende Bedingung für den Wahrheitsgehalt ist, da ein Konsens auch ohne Bezug zur Realität zustande kommen kann (vgl. Wyss 2002: 123; Mooney 2005: 50).

Für die Annäherung an dieses Ziel der richtigen und faktentreuen Berichterstattung, verlangt Schönhagen (1998: 292f.) deshalb vom unparteiischen Journalisten zusätzlich die „getreue […] und vollständige Vermittlung jeder Einzelmitteilung“. Die Vollständigkeit der Berichterstattung wird in dieser Arbeit jedoch nicht der DimensionObjektivitätuntergeordnet, sondern in Kapitel 3.3.3.2 im Kontext derinternen Relevanzweiterdiskutiert.

[...]


1 Im Vergleich zu dem in der Einleitung zu Kapitel 3 erwähnten Modell von Russ-Mohl (1992: 85) setzt der Bezugsrahmen von Bonfadelli (2002: 115) einen Schritt früher an. Das heisst, Russ-Mohl (1992) stellt in seinem Modell den Qualitätsbegriff in Abhängigkeit von bereits formulierten Anforderungskriterien dar, wohingegen im Bezugsrahmen von Bonfadelli (2002: 115) die einzelnen Kriterien in Bezug auf den Untersuchungsgegenstand noch herausgearbeitet werden müssen.

Ende der Leseprobe aus 161 Seiten

Details

Titel
Wissenschaft und Publikum? Eine Inhaltsanalyse der Gesundheitsberichterstattung in Schweizer Tageszeitungen
Hochschule
Universität Zürich  (Zürich University)
Note
6 (of 6)
Autor
Jahr
2006
Seiten
161
Katalognummer
V122649
ISBN (eBook)
9783640274369
ISBN (Buch)
9783640274499
Dateigröße
1479 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wissenschaft, Publikum, Eine, Inhaltsanalyse, Gesundheitsberichterstattung, Schweizer, Tageszeitungen
Arbeit zitieren
master of art Michael Gabathuler (Autor), 2006, Wissenschaft und Publikum? Eine Inhaltsanalyse der Gesundheitsberichterstattung in Schweizer Tageszeitungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122649

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