Lion Feuchtwanger - Geschichtsbild und Theorie des historischen Romans am Beispiel: ´Narrenweisheit oder Tod und Verklärung des Jean-Jacques Rousseau´


Seminararbeit, 1999
20 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung
1. Problem
2. Lion Feuchtwanger – biographische Skizze
3. Das Buch

II. Feuchtwangers Geschichtsbild
1. Aufklärung
2. Georg Friedrich Wilhelm Hegel
3. Karl Marx
4. Friedrich Nietzsche

III. Theorie des historischen Romans

IV. Schluss

V. Literatur

I. Einleitung

1. Problem

Im Mittelpunkt dieser Hausarbeit steht die Auseinandersetzung mit dem Geschichtsverständnis Lion Feuchtwangers. Beispielhaft wird hierbei der historische Roman „Narrenweisheit oder Tod und Verklärung des Jean-Jacques Rousseau“ herangezogen. Neben dem allgemeinen Geschichtsbild Feuchtwangers sollen auch die Motive und Zielvorstellungen bei der Stoffwahl und –bearbeitung untersucht werden. Daran anschließend gilt es, Feuchtwangers Theorie des historischen Romans genauer zu betrachten.

2. Lion Feuchtwanger – biographische Skizze

Auf Feuchtwangers Biographie wird an dieser Stelle nur in Bezug auf einige zentrale Eckdaten eingegangen.[1]. Lion Feuchtwanger wurde am 7. Juli 1884 in München geboren und sah sich aufgrund seiner jüdischen Abstammung bald in eine Außenseiterrolle gedrängt. Von seinen Eltern trennten ihn „tiefe und jugendlich hochmütige Zweifel an ihren Bräuchen und Meinungen“ und von seinem schulischen Umfeld die „Vertrautheit mit allem, was jüdische Theologie anging“.[2]

Feuchtwanger besuchte ein Münchner Gymnasium und legte 1903 das Abitur ab. Er begann ein Studium der Germanistik, Philosophie und Anthropologie und promovierte 1907 erfolgreich über Heines „Rabbi von Bacherach“. 1912 heiratete er Marta Löffler und unternahm eine ausgedehnte Reise durch Südeuropa und Nordafrika, die für Feuchtwangers weitere Entwicklung zentrale Bedeutung erlangte, denn „fern der provinziellen Enge Münchens und der nationalen Beschränktheit des wilhelminischen Deutschland findet Lion Feuchtwanger zu einer Position, die sein Denken prägte.“[3] Dort legte er die weltbürgerlichen, kosmopolitischen Grundlagen seiner Anschauungen.

Der Erste Weltkrieg schärfte sein kritisches Bewußtsein und prägte seine politischen Überzeugungen ebenso maßgeblich, wie das Erleben der anschließenden Revolution in München. In den Weimarer Jahren erschienen einige seiner bedeutendsten Romane, mit denen er internationalen Ruhm als Schriftsteller erlangte. Zum Zeitpunkt der Machtergreifung durch Hitlers Nationalsozialisten befand sich Feuchtwanger auf einer Reise durch die USA, von der aus er direkt ins französische Exil ging. Daraufhin erfolgten seine Ausbürgerung, die Aberkennung seiner Doktorwürde und die Beschlagnahmung seines Besitzes.

Im französischen Exil, in Sanary-sur-mer, widmete sich Feuchtwanger sowohl dem antifaschistischem Widerstand, als auch der weiteren literarischen Arbeit. Unter anderem erschien hier Der falsche Nero, ein Anti-Hitler Roman, eingebettet in einen historischen Stoff. 1936/37 unternahm Feuchtwanger eine Reise in die Sowjetunion, in deren Verlauf er Stalin kennenlernte. Im Anschluß an diese Erlebnisse erschien Moskau 1937. ein Reisebericht für meine Freunde, der dem Schriftsteller für seine pro-sowjetische Akzentuierung noch Jahre später herbe Kritik und Vorwürfe einbrachte. Feuchtwangers Exil in Frankreich blieb ein Intermezzo. Nachdem er in den Jahren 1939/40, durch den Kriegsverlauf bedingt, zweimal in ein Internierungslager überführt wurde, schließlich aber fliehen konnte, gelangte er 1940 nach New York. Bereits ein Jahr später siedelte Feuchtwanger nach Kalifornien über und richtete sich dort ein Haus mit umfangreicher Bibliothek ein, das ihn trotz aller Schwierigkeiten bis zu seinem Lebensende, er starb am 21. 12. 1957, in den USA festhielt.

3. Das Buch

Lion Feuchtwanger veröffentlichte den Roman „Narrenweisheit oder Tod und Verklärung des Jean-Jacques Rousseau“ 1952. Dieser bildete den Abschluss eines dreiteiligen Romanzyklus, der sich thematisch mit dem Zeitalter der bürgerlichen Revolutionen beschäftigte. Der Roman beginnt mit Rousseaus Übersiedlung von Paris nach Ermenonville 1778, und endet mit der Beisetzung seiner Gebeine im Pariser Pantheon 1794. Hauptsächlich wurden allerdings Rousseaus Tod, dessen genaue Umstände und die spätere Jakobinerherrschaft thematisiert.[4]

Feuchtwanger stellte in „Narrenweisheit“ das problematische Zusammenspiel philosophischer Theorie und revolutionärer Praxis als einen zentralen Aspekt heraus. So wurde dann auch im Roman immer wieder der Anspruch an die jakobinische Politik heran getragen, die Verwirklichung rousseau´scher Theorie sein zu müssen, während die Ideen Rousseaus wiederholt kritisch auf ihre Praxistauglichkeit untersucht wurden. Feuchtwanger versuchte, in „Narrenweisheit“ ebenfalls die Wirkung des Philosophen auf die geschichtliche Entwicklung darzulegen. Dabei stellte er insbesondere den Gegensatz von Realität und Mythos/Legende heraus. Dieses Ziel vor Augen, konzentrierte sich Feuchtwanger auch „nicht allein [auf] Rousseau selbst, sondern [auf] Weiterleben und Fortentwicklung seiner Legende und seines Werkes in und durch die Revolution.“[5]

II. Feuchtwangers Geschichtsbild

1. Aufklärung

Die folgende Analyse vergleicht die Geschichtsbilder von Feuchtwanger und Kant, als exemplarischem Vertreter der Aufklärung. In Kants Denken spielte die „Idee einer Weltgeschichte, die gewissermaßen einen Leitfaden a priori hat“[6] eine entscheidende Rolle. In jedem Fall existiere ein „Ziel der Geschichte zu dem alles Geschehen teleologisch tendiert[e]“, obwohl „bei Menschen [...] gar keine ver-nünftige eigene Absicht voraus[zu]setzen“ sei, wohl aber „eine Naturabsicht in diesem widersinnigen Gange menschlicher Dinge [...]; aus welcher, von Geschöpfen, die ohne eigenen Plan verfahren, dennoch eine Geschichte nach einem bestimmten Plane der Natur möglich sei“.[7] Die Aufklärung war der Überzeugung, dass die geschichtliche Entwicklung durch steten Fortschritt der Menschheit gekennzeichnet sei. Aus dieser Überzeugung heraus sah Kant in jeder Gesellschaft einen „Keim der Aufklärung [der] übrig blieb [und] durch jede Revolution mehr entwickelt, eine folgende noch höhere Stufe der Verbesserung vorbereitete“.[8]

Das Individuum spielte in der aufklärerischen Geschichtsphilosophie eine durchaus ambivalente Rolle. Einerseits hatte es auf reale Zwänge, resultierend aus dem Plan der Natur, der das Ziel vorgab und seine Endabsicht verfolgte, einzugehen, andererseits wurden von dem Einzelnen Selbstdisziplin und vernünftiges Handeln verlangt. Die Grundlage dieses Handelns bildete jedoch „das bisherige historische Geschehen als faktisch („natürlich“) gegebene [...] Wirklichkeit“.[9] Der Einzelne sollte dahingehend wirken, daß die Kluft „zwischen dem Bereich des historischen Seins und dem des Sollens“[10] überwunden würde.

Auch Feuchtwangers Geschichtsbild war, ganz im Sinn der Aufklärung, durch einen Glauben an die Geschichte und deren stetes Fortschreiten nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten gekennzeichnet. Feuchtwanger erklärte seine Geschichtsauffassung, indem er den Fortschritt, „jenen unsichtbaren Lenker der Geschichte“ zum Helden seines Romans Waffen für Amerika ernannte.[11] Der Glaube an ein gesetzmäßiges Fortschreiten der Geschichte zeigte sich ebenfalls sehr deutlich in „Narrenweisheit“, denn hier wurde festgestellt, dass, „betrachtete man aber die Ereignisse der letzten Jahre als Ganzes [...], die Menschheit [...] trotz allem vorwärts [schritt] nach den Gesetzen einer großen, guten Notwendigkeit“.[12]

Feuchtwangers Glaube an feste Gesetze innerhalb des Geschichtsablaufs konkretisierte sich in der Überzeugung, dass der Sinn der Geschichte im Prinzip der Vernunft zu finden sei. Die Geschichte galt ihm als unaufhaltsamer Fortschritt, der seinem Ziel, der Verwirklichung der Vernunft, stetig entgegen strebte. Feucht-wanger selbst sprach in diesem Zusammenhang vom „Glauben an ein langsames, langsames doch sicheres Wachsen menschlicher Vernunft zwischen der letzten Eiszeit und der kommenden“.[13] Fortschritt ist bei Feuchtwanger in seiner qualitativen Bedeutung zu verstehen, das heißt, er muß an Kriterien der Freiheit und Moralität gemessen werden, steht also in aufklärerischer Tradition. Dieser Fortschrittsbegriff der eng an den Vernunftgedanken geknüpft blieb, strebte seinem Ziel, der menschlichen Vervollkommnung, gewissermaßen teleologisch zu.[14]

Feuchtwangers Fortschritts- und Vernunftglauben war einerseits eng mit dem Gedanken an ein abstraktes, sich selbst verwirklichendes Prinzip verknüpft, andererseits bemühte er sich aber stets auch, das notwendige Wirken des Einzelnen, innerhalb eines „objektiven, sich bestimmter Menschen bedienende[n], historische[n] Ablauf, der den Sinn der Geschichte entfaltet“[15], zu berücksichtigen. Sein Geschichtsverständnis war nicht vom Individuum abgekoppelt.

[...]


[1] Die genauen Daten wurden weitestgehend aus den Biographien von Reinhold Jaretzky und
Wolfgang Jeske/Peter Zahn übernommen.

[2] Zitiert nach: Sternburg, Wilhelm von: Lion Feuchtwanger – Ein deutsches Schriftstellerleben,
Königstein/Ts. 1984, S. 35.

[3] Ebd. S. 93.

[4] Köpke, Wulf: Lion Feuchtwanger, München 1983, S. 148.

[5] Wagener, Hans: Lion Feuchtwanger, Berlin 1996, S. 77.

[6] Kant, Immanuel: Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht, Neunter
Satz, o. O. 1784.

[7] Zitiert nach: Psychopedis, Kosmas: Geschichte und Methode – Begründungstypen und Interpretationskriterien der Gesellschaftstheorie: Kant, Hegel, Marx und Weber, Frankfurt/M. / New York 1984, S. 56f.

[8] Kant, Immanuel: Geschichte in weltbürgerlicher Absicht, Neunter Satz.

[9] Psychopedis, Kosmas: Geschichte und Methode, S. 60.

[10] Ebd. S.41.

[11] Zitiert nach: Wagener, Hans: Lion Feuchtwanger, Berlin 1996, S. 71.

[12] Feuchtwanger, Lion: Narrenweisheit oder Tod und Verklärung des Jean-Jacques Rousseau, Rudolstadt o. J., S. 380.

[13] Wagener, Hans: Lion Feuchtwanger, S. 27/71.

[14] Fischer, Ludwig Maximilian: Vernunft und Fortschritt – Geschichte und Fiktionalität im historischen Roman Lion Feuchtwangers, dargestellt am Beispiel Goya, Königstein/Ts. 1979, S. 108f.

[15] Ebd. S. 103.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Lion Feuchtwanger - Geschichtsbild und Theorie des historischen Romans am Beispiel: ´Narrenweisheit oder Tod und Verklärung des Jean-Jacques Rousseau´
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Einführung in die Geschichtsdidaktik für Magisterstudiengänge
Note
sehr gut
Autor
Jahr
1999
Seiten
20
Katalognummer
V12266
ISBN (eBook)
9783638181938
Dateigröße
385 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nietzsche, Hegel, Marx, Kant
Arbeit zitieren
Timo Luks (Autor), 1999, Lion Feuchtwanger - Geschichtsbild und Theorie des historischen Romans am Beispiel: ´Narrenweisheit oder Tod und Verklärung des Jean-Jacques Rousseau´, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12266

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