In einer der letzten Ausgaben des Jahres 2007 des ZEIT-Magazins Leben stellten mehrere Autoren und Redakteure ihre Lieblingsbücher vor. Der Kolumnist Harald Martenstein präsentierte Choderlos de Laclos Gefährliche Liebschaften und erinnerte sich, wie ihm als 20-jähriger Romanistikstudent dieser Roman gar nicht gefallen hatte – ob der Egozentriertheit seiner Protagonisten und deren Radikalität.
Doch stellt er ebenfalls klar, dass es ihm nun – mehr als 20 Jahre später, und weise – klar geworden ist, warum dieser Roman vor einigen Jahren von der Jury des Gercourt-Preises zum besten französischen Roman gewählt wurde, der jemals geschrieben wurde: Obwohl echte zwischenmenschliche Gefühle angeblich total irrelevant sind, werden keine monsterhaften Figuren wie bei de Sade gezeichnet. Auch wurde dieser Roman, der der aristrokatischen Klasse den Spiegel ihrer Dekadenz und Unfähigkeit zu lieben vorhält, von einem Mitglied ebendieser Klasse geschrieben, von einem Autor, der vor Allem Offizier und politisch Aktiver war und neben besagtem Meisterwerk nur wenige, in der Literatur als unbedeutend geltende Schriften verfasste.
Doch der für die folgende Arbeit interessanteste Punkt ist, dass die weibliche Protagonistin des Romans, die Marquise de Merteuil, ihrer Zeit in Sachen Feminismus um Welten voraus zu sein scheint.
So soll im Rahmen dieser Ausarbeitung die Zeichnung der Geschlechterrollen im Briefroman Les Liaisons Dangereuses beleuchtet und als Beispiel für eine allgemeine Auseinandersetzung mit der gender-Darstellung im französischen Roman des 18. Jahrhunderts herangezogen werden.
Zum besseren Verständnis werden jedoch zunächst in einem kurzen Exkurs die Hintergründe – zum Autor sowie zur Epoche – behandelt und ein kurzer Überblick über den Handlungsverlauf gegeben. Daran anschließend sollen die beiden Haupt- sowie die relevanten Nebenpersonen charakterisiert werden. Dem Forschungsinteresse folgend, liegt das Hauptaugenmerk der Charakterisierung auf der weiterführenden Analyse der enthaltenen Geschlechterrollen, die im Schlußteil der vorliegenden Arbeit abschließend resümiert werden soll.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hintergrund
2.1. der Autor
2.2. die Zeit
3. Inhalt
3.1. Handlungsverlauf
3.2. Struktur der Charaktere
4. Darstellung der Geschlechterrollen
4.1. der gender-Ansatz
4.2. Charakterisierung im Hinblick auf die Geschlechterrollen
4.2.1. Marquise de Merteuil
4.2.2. Vicomte de Valmont
4.2.3. La Présidente de Tourvel
4.2.4. Cécile de Volanges
4.2.5. Chevalier Danceny
5. Résumée
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Darstellung von Geschlechterrollen in Choderlos de Laclos’ Briefroman "Les Liaisons Dangereuses" und analysiert, inwieweit der Text als Auseinandersetzung mit dem gender-Diskurs des 18. Jahrhunderts verstanden werden kann.
- Analyse der Charaktere und ihrer Rollenbilder im Roman.
- Untersuchung der libertinen Ideologie und Machtstrukturen.
- Bedeutung der Briefe für die Identitätskonstruktion und Charakterisierung.
- Entwicklung und Dynamik von Geschlechterrollen im vorrevolutionären Frankreich.
- Kritische Würdigung von Laclos' literarischer Intention und dem Schicksal seiner Figuren.
Auszug aus dem Buch
4.2.1. La Marquise de Merteuil
Die Marquise de Merteuil ist der wohl selbstbestimmteste, weibliche Charakter, den die französische Literatur zu bieten hat. Sie konterkariert alle gängigen und bekannten Bilder ihrer Zeit über Sex, Zärtlichkeit und Libertinismus.
Auch wenn es bereits literarische Vorläufer ihres Charakter gab – wie etwa die Madame de la Pommeraye in Denis Diderots Jacques le fataliste et son maître von 1771, die sich, wie die Marquise, an ihrem untreuen Liebhaber zu rächen sucht, indem sie ihn mit einer Prostituierten verkuppelt – ist die Marquise dennoch anders: Sie ist nicht einfach das Gegenstück zu einem libertinen Frauenheld wie Valmont, der die Verführung ganz offen, fast sportiv, betreibt, sich mit seinen Erfolgen brüstet und damit sein Ansehen innerhalb der Gesellschaft zu verbessern sucht.
Die Marquise muss nach außen hin das Bild der ehrenhaften Dame wahren. Schon früh erkennt sie, dass der gesellschaftliche Schein wichtiger ist, als das wirkliche Sein. So lernt und übt sie bereits als Jugendliche, Gefühle zu unterdrücken und ihre Gefühlsäußerungen zu kontrollieren. Sie lehnt die einfühlende und liebende Rolle der Frau ab mit dem dezidierten Ziel der vollkommenen und rationalen Selbstbestimmung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Rezeption des Romans ein und formuliert das Forschungsinteresse an der geschlechtsspezifischen Charakterzeichnung sowie der gender-Darstellung im 18. Jahrhundert.
2. Hintergrund: Dieses Kapitel beleuchtet die Biografie des Autors Choderlos de Laclos und ordnet das Werk in den kulturellen Kontext des vorrevolutionären Frankreichs der Aufklärung ein.
3. Inhalt: Hier wird der Handlungsverlauf des Briefromans zusammengefasst und die Symmetrie sowie die funktionale Struktur der Charakterkonstellationen analysiert.
4. Darstellung der Geschlechterrollen: Das Hauptkapitel untersucht die theoretischen Ansätze zum gender-Begriff und führt eine detaillierte Analyse der einzelnen Protagonisten im Hinblick auf ihre geschlechtsspezifischen Rollenbilder durch.
5. Résumée: Das abschließende Kapitel resümiert die Ergebnisse der Untersuchung und diskutiert, wie Laclos tradierte Geschlechterstereotypen teilweise durchbricht und neu interpretiert.
Schlüsselwörter
Les Liaisons Dangereuses, Choderlos de Laclos, Geschlechterrollen, Literatur des 18. Jahrhunderts, Libertinismus, Marquise de Merteuil, Vicomte de Valmont, gender-Ansatz, Briefroman, Aufklärung, Machtdynamik, Identitätskonstruktion, Rollenbilder, Literaturwissenschaft, französische Literatur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Darstellung von Geschlechterrollen in Choderlos de Laclos’ Roman "Les Liaisons Dangereuses" unter Berücksichtigung des gesellschaftlichen Kontextes des 18. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Dekonstruktion von Geschlechterbildern, der libertinen Verführungskunst, der Rolle des Briefeschreibens und der rationalen Selbstbestimmung innerhalb einer aristokratischen Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Laclos mit den Rollenmodellen seiner Zeit bricht und seine Figuren als komplexe Charaktere entwirft, die sich den einfachen Erwartungen entziehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung basiert auf einer textanalytischen Auseinandersetzung mit dem Briefroman, ergänzt durch literaturwissenschaftliche Ansätze der gender-Forschung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung zum gender-Ansatz sowie eine detaillierte Charakteranalyse der fünf zentralen Figuren: Merteuil, Valmont, Tourvel, Cécile und Danceny.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen Libertinismus, Geschlechterrollen, Aufklärung, Machtgefälle und die spezifische Charakterentwicklung im Briefroman.
Welche Bedeutung hat das Ende des Romans für die Analyse der Geschlechterrollen?
Das tragische Ende der Figuren wird als Hinweis des Autors gewertet, dass weder die rigide Tugendhaftigkeit noch die radikale Libertinage eine einfache Lösung für die gesellschaftlichen Konflikte bieten.
Wie unterscheidet sich die Marquise de Merteuil von anderen literarischen Frauenfiguren?
Sie zeichnet sich durch ihre bewusste Ablehnung traditioneller weiblicher Gefühlsrollen und ihr Streben nach rationaler Selbstbestimmung aus, womit sie ihrer Zeit weit voraus erscheint.
- Quote paper
- Tilman Scheipers (Author), 2008, Darstellung der Geschlechterrollen im französischen Roman des 18. Jahrhundert am Beispiel von Choderlos de Laclos’ „Les Liaisons Dangereuses“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122664