Im 18. Jahrhundert wurde der spanische Nation, die einst zu den größten Europas gehörte, immer deutlicher bewusst, dass sie eine Außenseiterposition innerhalb des Okzidents eingenommen hatte. Spanien befand sich in einer Stagnation, durch die es nur durch ein Umdenken herauszuführen war. Ein Umdenken, das in ganz Europa zwar in einer viel radikaleren Form umgesetzt wurde als auf der iberischen Halbinsel, das aber trotzdem maßgebend für eine neue Positionierung Spaniens verantwortlich war. So setzte sich auch José Cadalso y Vázquez für ein fortschrittliches Spanien ein, das aber nach wie vor seine ganz spezielle Mentalität wahren sollte – ein Seiltanz zwischen Traditionalismus und französischem Gedankengut. In seinem Werk Cartas marruecas versuchte er seine Landsleute aus einem Jahrhundertschlaf wachzurütteln und griff wie sein französischer Vorgänger, Charles de Secondat Montesquieu, in dieser neuen literarischen Gattung zu einem bisher unbekannten rhetorischen Mittel: Das Fremde als Kritikerinstanz.
In der Epoche der Aufklärung begann man sich ernsthaft mit fremden Kulturen in der Literatur auseinanderzusetzen. Dem Fremden wurde erstmals das Fantastische und Irreale genommen und man versuchte nach dem Hervorkommen der Empirie wissenschaftlich an die Kulturforschung heranzugehen und sie kritisch zu beobachten.
Das Fremde, das zum Spiegel des Eigenen wird, soll im Folgenden behandelt werden. Was macht die Faszination am Fremden aus und inwiefern wird deren Einzug in die Literatur als rhetorisches Mittel gehalten? Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf die Umsetzung in der Sprache gelegt.
Welche Stereotypen sind enthalten und was bewirken sie beim Leser? Was will Cadalso bewirken? Wo wird die Autorenintention besonders sichtbar? Neben diesen Fragestellungen soll auch die Dichotomie des Fremden behandelt werden.
Es ist an dieser Stelle anzumerken, dass sich die Arbeit bei vielen Punkten auf Theorien des Postkolonialismus und der Systemtheorie stützt.
Inhaltsverzeichnis
1. Das Fremde
1.1. Definition des Fremden
1.2. Die Rolle des Fremden in der Identitätsbildung oder das Eigene
1.3. Das Fremde in der Aufklärung
1.4. Leseverständnis fremder Texte
2. Erzähltheoretische Rahmung der Cartas marruecas
2.1. Ein didaktischer Briefroman
2.2. Die Sprachrohrfunktion Gazels
2.3. Cadalsos Versuch einer Irreführung
2.4. El justo medio. Der Objektivitätsanspruch in den Cartas marruecas.
3. Der „fremde Blick“
3.1. Die Positionierung
3.2. Transportierung des Fremden durch die Sprache
3.2.1. Verwendung von Artikel und Demonstrativpronomen
3.2.2. Personalpronomen und Possessivpronomen
3.2.3. Sprachliche Darstellung der räumlichen Distanz
3.2.4. Die Benennung des Fremden
3.2.5. Schreibstil und Lexik
3.2.6. Sprachlosigkeit des Fremden
3.3. Stereotypen
3.3.1. Versuch einer Definition
3.3.2. Funktion der Stereotypen
3.3.3. Die Stereotypen in den Cartas marruecas
3.3.4. Montesquieus Klimatheorie
3.4. Hybridität
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Fiktionalisierung des Fremden als rhetorisches Mittel in José Cadalsos Werk "Cartas marruecas". Ziel ist es zu analysieren, wie Cadalso durch die Perspektive eines Fremden Gesellschaftskritik übt, um die stagnation des Spaniens des 18. Jahrhunderts zu überwinden und ein neues nationales Selbstbewusstsein zu fördern.
- Die Funktion des "fremden Blicks" in der Aufklärungsliteratur
- Die erzähltheoretische Konstruktion des Briefromans
- Sprachliche Strategien zur Distanzierung und Kategorisierung des Fremden
- Die Rolle von Stereotypen und Hybridität in der Identitätskonstruktion
Auszug aus dem Buch
3.2 Transportierung des Fremden durch die Sprache
Wie bereits erwähnt, drückt Cadalso das Fremde mittels Definitartikel und einer nationalen bzw. religiösen Kategorisierung aus. Bei dieser Form der Darstellung wird im Plural gesprochen. Man referiert auf die Spanier, die Afrikaner. Wohingegen in einzelnen Fällen mit dem Indefinitartikel auf die Singularform verwiesen wird („[…] parecerán ridículas sus frases a un europeo […] a un africano“). (CM, S. 55.)
Neben der Verwendung von Artikeln kommen auch vermehrt die Demonstrativpronomen este und esta zum Einsatz. So schreibt Gazel im ersten Brief: „Me hallo vestido como estos cristianos.“ (CM, S. 59.) Häufig liest man auch „este idioma“, „este pueblo“, „esta nación“, „estas costumbres“. Mittels dieser Form lässt sich besonders gut Distanz zum Fremden schaffen – es ist eine klare Abgrenzung zum Eigenen gegeben – sie wirkt beinahe wie ein Fingerzeig.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Das Fremde: Dieses Kapitel definiert das Konzept des Fremden und beleuchtet dessen Rolle in der Identitätsbildung sowie die Bedeutung von fremden Texten in der europäischen Aufklärung.
2. Erzähltheoretische Rahmung der Cartas marruecas: Hier wird die Struktur des Briefromans analysiert, wobei besonders auf die polyperspektivische Anlage und den didaktischen Objektivitätsanspruch eingegangen wird.
3. Der „fremde Blick“: Dieses Hauptkapitel untersucht, wie das Fremde durch Sprache, räumliche Distanz, Stereotypen und Konzepte der Hybridität konstruiert und zur Reflexion des Eigenen genutzt wird.
Schlüsselwörter
Cartas marruecas, José Cadalso, Fremdheit, Aufklärung, Briefroman, Stereotypen, Identitätsbildung, Gesellschaftskritik, Spanien, Orient, Okzident, Hybridität, Rhetorik, Perspektive, Kulturforschung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die literarische Inszenierung des Fremden in den "Cartas marruecas" von José Cadalso als Mittel, um die spanische Gesellschaft des 18. Jahrhunderts kritisch zu reflektieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Fiktionalisierung des Fremden, die Rolle von Identität und Stereotypen, die Funktion der Sprache in der Abgrenzung zwischen Kulturen sowie die aufklärerische Intention des Werks.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es wird untersucht, wie Cadalso die Figur des Fremden als Instrument einsetzt, um seine Landsleute aus der geistigen Stagnation zu führen und eine Auseinandersetzung mit dem Eigenen durch die Distanz zum Fremden zu ermöglichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf literaturwissenschaftliche Analysen sowie Theorien des Postkolonialismus und der Systemtheorie, um den "fremden Blick" und die sprachliche Gestaltung des Werks zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die erzähltheoretische Rahmung, die sprachlichen Mittel der Distanzierung (wie Pronomina und Raumbegriffe), die Funktion von Stereotypen und das Konzept der Hybridität.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Cartas marruecas, Fremdheit, Aufklärung, Identitätsbildung, Stereotypen und Gesellschaftskritik.
Warum wählt Cadalso einen maurischen Gesandten als Briefschreiber?
Durch die Figur des maurischen Gesandten schafft Cadalso eine "Kritikerinstanz", die es ihm ermöglicht, die spanische Gesellschaft von außen zu betrachten und Kritik zu äußern, ohne dabei seine eigene Person direkt angreifbar zu machen.
Welche Bedeutung hat die "Klimatheorie" in dem Werk?
Die Klimatheorie von Montesquieu wird im Text zitiert, um das Stereotyp zu hinterfragen, dass Mentalität und Tugend lediglich klimatisch bedingt seien, was zugleich als Verteidigung spanischer Werte dient.
Was bedeutet der Begriff "justo medio" in diesem Kontext?
Der "justo medio" bezeichnet den goldenen Mittelweg, den Cadalso sowohl in seinem Leben als "poeta soldado" als auch durch die polyperspektivische Figurenkonstruktion in seinem Werk anstrebt.
- Arbeit zitieren
- Theresa Zuschnegg (Autor:in), 2007, Grenzgänge über Gibraltar, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122693