Grenzgänge über Gibraltar

Die Fiktionalisierung des Fremden in den "Cartas marruecas"


Seminararbeit, 2007

19 Seiten, Note: Gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Das Fremde
1.1. Definition des Fremden
1.2. Die Rolle des Fremden in der Identitätsbildung oder das Eigene
1.3. Das Fremde in der Aufklärung
1.4. Leseverständnis fremder Texte

2. Erzähltheoretische Rahmung der Cartas marruecas
2.1. Ein didaktischer Briefroman
2.2. Die Sprachrohrfunktion Gazels
2.3. Cadalsos Versuch einer Irreführung
2.4. El justo medio. Der Objektivitätsanspruch in den Cartas marruecas.

3. Der „fremde Blick“
3.1. Die Positionierung
3.2. Transportierung des Fremden durch die Sprache
3.2.1. Verwendung von Artikel und Demonstrativpronomen
3.2.2. Personalpronomen und Possessivpronomen
3.2.3. Sprachliche Darstellung der räumlichen Distanz
3.2.4. Die Benennung des Fremden
3.2.5. Schreibstil und Lexik
3.2.6. Sprachlosigkeit des Fremden
3.3. Stereotypen
3.3.1. Versuch einer Definition
3.3.2. Funktion der Stereotypen
3.3.3. Die Stereotypen in den Cartas marruecas
3.3.4. Montesquieus Klimatheorie
3.4. Hybridität

Zusammenfassung

Bibliografie

Einleitung

Im 18. Jahrhundert wurde der spanische Nation, die einst zu den größten Europas gehörte, immer deutlicher bewusst, dass sie eine Außenseiterposition innerhalb des Okzidents eingenommen hatte. Spanien befand sich in einer Stagnation, durch die es nur durch ein Umdenken herauszuführen war. Ein Umdenken, das in ganz Europa zwar in einer viel radikaleren Form umgesetzt wurde als auf der iberischen Halbinsel, das aber trotzdem maßgebend für eine neue Positionierung Spaniens verantwortlich war. So setzte sich auch José Cadalso y Vázquez für ein fortschrittliches Spanien ein, das aber nach wie vor seine ganz spezielle Mentalität wahren sollte – ein Seiltanz zwischen Traditionalismus und französischem Gedankengut. In seinem Werk Cartas marruecas versuchte er seine Landsleute aus einem Jahrhundertschlaf wachzurütteln und griff wie sein französischer Vorgänger, Charles de Secondat Montesquieu, in dieser neuen literarischen Gattung zu einem bisher unbekannten rhetorischen Mittel: Das Fremde als Kritikerinstanz.

In der Epoche der Aufklärung begann man sich ernsthaft mit fremden Kulturen in der Literatur auseinanderzusetzen. Dem Fremden wurde erstmals das Fantastische und Irreale genommen und man versuchte nach dem Hervorkommen der Empirie wissenschaftlich an die Kulturforschung heranzugehen und sie kritisch zu beobachten.

Das Fremde, das zum Spiegel des Eigenen wird, soll im Folgenden behandelt werden. Was macht die Faszination am Fremden aus und inwiefern wird deren Einzug in die Literatur als rhetorisches Mittel gehalten? Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf die Umsetzung in der Sprache gelegt.

Welche Stereotypen sind enthalten und was bewirken sie beim Leser? Was will Cadalso bewirken? Wo wird die Autorenintention besonders sichtbar? Neben diesen Fragestellungen soll auch die Dichotomie des Fremden behandelt werden.

Es ist an dieser Stelle anzumerken, dass sich die Arbeit bei vielen Punkten auf Theorien des Postkolonialismus und der Systemtheorie stützt.

1 Das Fremde

In den Cartas marruecas stößt man auf zwei Kulturen, die sich mehr nicht unterscheiden können; auf der einen Seite die arabische, orientalische und auf der anderen die europäische, okzidentale. Die Begegnung von zwei Kulturen bringt auch automatisch die Begegnung mit dem, für die „Eigenkultur“, Fremden mit sich. Man stößt auf fremde Wertesysteme, fremde Denk- und Handlungsmuster und auch auf Stereotypen.

1.1 Definition des Fremden

Mit fremd können Differenzen, Distanzen, Verschiedenheiten, etc. ausgedrückt werden. Das Bedeutungspotential ist aber dennoch unerschöpflich. (Im Deutschen wird je nach verwendetem Artikel ein Unterschied in der Semantik festgemacht: der Fremde, die Fremde, das Fremde.) Im Spanischen trifft man auf das Begriffspaar extranjero und forastero um einen Fremden zu bezeichnen. Dies geschieht nicht zufällig – mit der Wahl des einen oder des anderen Begriffs nimmt der Sprecher bereits eine Kategorisierung vor. So ist extranjero ein Derivat des Adjektivs extraño und entspricht unter anderem dem Deutschen sonderbar oder befremdlich, wohingegen das spanische fuera übersetzt außerhalb bedeutet. Das fuera scheint also näher bei der subjektiven Wahrnehmung angesiedelt zu sein, da es auf eine Distanz hinweist und einen weniger wertenden Charakter trägt. Verfolgt man die Etymologie der beiden Wörter lässt sich schon früh dieser feine Bedeutungsunterschied festmachen. span. extraño > lat. extraneus (von außen kommend, fremd)1 span. fuera > lat. foras (draußen) > griech. 8úqaı > ai. dvár (Tür)2

An dieser Stelle ist auch die lateinische Entsprechung foris für Tür, Türflügel unter Betracht zu ziehen.

Durch die jeweilige Verwendung des einen oder anderen Begriffs – extranjero oder forastero

– liegt bereits eine Bewertung der Verschiedenheit vor – Fremde kann folglich sowohl positiv als auch negativ konnotiert werden.3 Es ist hierzu allerdings anzumerken, dass das Fremde meist als das Schlechtere gewertet und im schlimmsten Fall abgelehnt wird.

1.2 Die Rolle des Fremden in der Identitätsbildung oder das Eigene

Identität – ob kulturelle oder subjektive – wird stets neu konstruiert. Menschen imaginieren sich ständig und nehmen immer wieder neue Rollen an, sei es bezüglich Geschlecht, Alter, Nation, Interessen, etc. Diese Identitätskonstruktionen nimmt man auch als das Eigene wahr und kann somit als Kontrastbegriff zum Fremden gesehen werden. Setzt man sich nun nicht mit dem Fremden auseinander, vermeidet man gleichzeitig die Reflexion über das Eigene, also über vorgegebene Wertesysteme, Traditionen, usw. Durch dieses Nichthinterfragen kommt es zur Einengung des Bewusstseinshorizonts, zur Bildung eines ausgeprägten Wir- Gefühls in der Gemeinschaft und schlussendlich, in kultureller Hinsicht, zur Stagnation.

1.3 Das Fremde in der Aufklärung

Gerade das christliche Abendland mit dessen antiken Traditionssträngen zeichnet sich durch extreme Selbstbezogenheit aus. Es wird als Kulturraum von enormer Konsistenz und Grenzschärfe wahrgenommen. Der Begriff Europa hat sich in der Weltgeschichte von den Rändern Europas her geschärft.4

Vor allem in der europäischen Aufklärung fiel das „Motiv der kulturellen Fremde“5 in der

Literatur auf fruchtbaren Boden. Durch die Neuordnung des „Seins“ hat man im 18. Jahrhundert die Aufgabe des Menschen in der Welt neu geformt. Kant, Montesquieu und Voltaire haben die einheitliche Abstammung der Menschen behauptet. Man sah sich das erste Mal mit dem Phänomen „Rasse“ konfrontiert und man hat auch versucht den Begriff physiognomisch und anthropologisch auszudeuten.

Außereuropa ist für den aufgeklärten Denker immer interessanter geworden. Die Ambivalenz von Utopie und Allotopie wurde zum großen Kuriosum im Europa des 17. und 18. Jahrhunderts. Ausgehend von der Wiege der Aufklärung, England, erfreute sich der utopische Roman einer großen Beliebtheit. Als berühmtester ist wohl Daniel Dafoes Robinson Crusoe zu nennen, der auf dem Festland sofort zahlreiche Nachahmungen fand, und sogar eine Untergattung, die Robinsonaden bildete.

Neben dem utopischen Roman machte man die Reiseliteratur Ende des 17. Jahrhunderts zur großen Mode in Europa. Man erkannte, dass Europa längst nicht das Hochkulturenmonopol innehat, sondern dass es auch andere Kulturen gab, die ebenfalls nach ethischen Prinzipien handeln und durchaus Anerkennung und vor allem Beschäftigung mit jenen verdienen. Die Aufklärer machten sich also bereits die für sie noch unbekannte Systemtheorie, die sich der größten Popularität in der Postmoderne erfreute, zu Nutze.

Fremde ist keine Eigenschaft, die ein Objekt für ein betrachtendes Subjekt hat; sie ist ein Verhältnis, in dem ein Subjekt zu dem Gegenstand seiner Erfahrung und Erkenntnis steht.6

Durch die Auseinandersetzung mit dem Fremden wird die Selbstwahrnehmung geschärft; Um das Fremde verstehen zu können, braucht man einen Rückbezug zu den eigenen Wertesystemen. Eine kritische Beobachtung der Eigenkultur wird ermöglicht.

Montesquieu lässt in seinen Lettres persanes (1721) die zwei persischen Freunde Usbek und Rica durch Frankreich reisen und die zwei Ausländer beschreiben die Grande Nation aus deren fremden Sicht. Es handelt sich um eine Momentaufnahme der französischen Gesellschaft und kritische und satirische Elemente werden einmal mehr oder weniger deutlich. Was sich daraus folgern lässt, ist, dass sich Montesquieu und sowie auch Cadalso, sich dem Fremden bedienen um leichter verdaubare Gesellschaftskritik zu leisten bzw. um die eigene Nation in ihrem stagnierenden Denken voranzubringen und dies den Landsleuten vor Augen zu führen.

1.4 Leseverständnis fremder Texte

Der Leser neigt dazu, einen kritischen poetischen Text der eigenen Kultur als Gefährdung seiner selbst zu erleben. Wohingegen ein Text aus fremder Kultur vielmehr als Alternative, Anregung, Ergänzung aber auch als Abgrenzung wahrgenommen wird. Der wesentliche Punkt liegt aber darin, dass er sich nicht in seiner imaginierten Identität angegriffen fühlt. Er steht einem solchen Text gelassener gegenüber, weil er weiß, dass der Text nicht unter Berücksichtung des eigenen Wertesystems verfasst worden ist, sondern in einer fremden Tradition steht. Das Fremde schafft eine Distanz zwischen Rezipient und Text, die automatisch als Leseerleichterung fungiert. Kritik wirkt überraschend und unerwartet und zugleich löst das Nichtverstehen der fremden Position eine gewisse Neugierde aus.

Während des Lesens wird angenommen, dass der Text gar nicht an die Eigenkultur gerichtet sei, sondern an die Fremdkultur.7

Es mag zwar paradox erscheinen, aber dadurch, dass sich der Leser die kulturhistorische Fremde im Text bewusst macht, hat der Text eine größere Chance den ihn zu bewegen.

2 Erzähltheoretische Rahmung der Cartas marruecas

2.1 Ein didaktischer Briefroman

Cadalso bedient sich der im 18. Jahrhundert in Mode getretenen Gattung des Briefromans. Es ist hier allerdings anzumerken, dass die Briefe nicht einer bestimmten Chronologie folgen, (außer es handelt sich um direkte Antworten auf einen vorangegangenen Brief), sondern beliebig geordnet erscheinen. Somit konnten die Briefe auch unabhängig voneinander in der moralischen Wochenschrift Correo de Madrid publiziert werden.

Der Briefroman ist polyperspektivisch angelegt – dabei sind aber dem jungen maurischen Gesandten Gazel die Mehrheit der Briefe eigen, und zwar neunundsechzig von neunzig. Die restlichen cartas wurden entweder vom ehrwürdigen maurischen Gelehrten Ben-Beley oder vom spanischen Philosphen Nuño Nuñez verfasst. Der größte Briefverkehr findet zwischen den zwei Vertretern der maurischen Kultur statt.

Durch seine Thesenhaftigkeit zeichnet sich der Roman als didaktisches Werk aus. Eine der wichtigsten „intentio operis“8, Textabsicht, ist es, den spanischen Leser zu erziehen, ihn sich selbst in seiner verbohrten traditionalistischen Sichtweise ertappen zu lassen und ihn zum eigenständigen Denken, Handeln anzuregen – ganz im Zeichen von Kants Epocheaufruf „Sapere aude!“.

Zieht man nun auch die „intentio auctoris“9 Cadalsos unter Betracht, ist abgesehen vom didaktischen Wert seiner Briefe auch ein ästhetischer Anspruch erkennbar. Den drei Protagonisten wird jeweils ein anderer, ihnen entsprechender, Stil verpasst.

2.2 Die Sprachrohrfunktion Gazels

Die Figur des maurischen Gesandten wird von den beiden Gelehrten Nuño Nuñez bzw. Ben- Beley gestützt und unterrichtet. Sie ist ein Beobachter der fremden Kultur und versucht möglichst objektiv zu bleiben. So schreibt Gazel im ersten Brief: „Procuraré despojarme de muchas preocupaciones [ideas preconcebidas] que tenemos los moros contra los cristianos, y particularmente contra los españoles.”10 Auf Objektivität pocht vor allem sein Lehrmeister Ben-Beley, der die Ideale der Aufklärung verkörpert. Nuño Nuñez ist quasi Gazels „Reiseleiter“ und versucht ihm die für ihn spanischen costumbres und oftmals auch die Geschichte näher zu bringen. Dabei passiert es häufig, dass man nicht Gazels Meinung in seinen Briefen zu lesen bekommt, sondern Nuños; etwa illustriert der Spanier anhand eines Exemplums schwierige gesellschaftliche Verhältnisse, wie den spanischen Erbadel, oder Gazel präsentiert seinem maurischen Lehrmeister Auszüge aus Nuños Wörterbuch bzw. aus von ihm ausgesuchten Geschichtswerken. In diesen Fällen leitet Gazel den Brief ein und lässt Nuño durch ihn sprechen. An dieser Stelle ist auch anzumerken, dass Nuño diejenige Figur ist, die sich mit der Autorenmeinung deckt. Cadalso schafft es also, Kritik an der spanischen Nation zu üben, indem er über seine Ansichten den Deckmantel des Fremden legt, das noch dazu Objektivität garantiert.

2.3 Cadalsos Versuch einer Irreführung

1989 hat man begonnen die Cartas marruecas posthum in der moralischen Wochenschrift Correo de Madrid zu publizieren. Entstanden sind die Briefe aber zwischen 1768 und 1774. Interessanterweise schaffte es Cadalso seine Leserschaft zu verwirren, zudem sich im Jahre 1766 wirklich ein maurischer Gesandter namens Sidi Hamet al Gazzali, bekannt unter dem Namen El Gazel, in Spanien aufhielt. Die Namensähnlichkeit ist auffallend und sicherlich kein Zufall.11

La suerte quiso que, por muerte de un conocido mío, cayese en mis manos un manuscrito cuyo título es: Cartas escritas por un moro llamado Gazel Ben-Aly a Ben- Beley, amigo suyo, sobre los usos y costumbres de los españoles antiguos y modernos, con algunas respuestas de Ben-Beley y otras cartas relativas a estas.

Acabó su vida mi amigo antes que pudiese explicarme si eran efectivamente cartas escritas por el autor que sonaba, como se podía inferir del estilo, o si era pasatiempo del difunto, en cuya composición hubiese gastado los últimos años de su vida. (CM, S. 54)

Warum und wie nutzte Cadalso dies für sein Werk? Einerseits wird dem Werk die Fiktion genommen, wenn der Leser sich dazu eine reale Person vorstellen kann. Die Kritik ist näher an der Realität und ist so auch wirkungsvoller. Andererseits handelt es sich bei seinen Briefen um bittere Gesellschaftskritik, und wie bereits erwähnt, reagiert der Rezipient auf von Fremden verfasste Texte positiver.

Außerdem kann sich der Autor der Verantwortung entziehen, dem Staat und seinen Landsleuten zu freveln.12

So heißt es am Ende der Introducción, dass einfach ein „hombre de bien“ gefundene Schriftstücke über die schwierigste Sache der Welt, „la crítica de una nación“ veröffentlicht hat. (vgl. CM, S. 54) Das Konzept der gefundenen Manuskripte ist in der spanischen Literatur nicht neu. Auch Cervantes wandte diese Methode des fiktiven Herausgebers an, als er seinen Quijote verfasste.

[...]


1 Vgl. Stowasser 1997, S. 198.

2 Vgl. Diccionario crítico etimológico castellano e hispánico 1980, S. 970f.

3 Vgl. Krusche 1985: Literatur und Fremde, S. 13.

4 Vgl. Krusche 1985, S. 15.

5 Ebda. S 24.

6 Ebda. S. 13.

7 Vgl. Wierlacher 1985, S. 17.

8 Harth 1994, S. 10.

9 Ebda. S. 10.

10 Cadalso 2006, S. 59f. (In der Folge zitiert als CM im Text.)

11 Vgl. Dale 1996, S. 144.

12 Vgl. Ertler 2003, S. 117.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Grenzgänge über Gibraltar
Untertitel
Die Fiktionalisierung des Fremden in den "Cartas marruecas"
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz  (Romanistik)
Veranstaltung
Cadalso und die spanische Aufklärung
Note
Gut
Autor
Jahr
2007
Seiten
19
Katalognummer
V122693
ISBN (eBook)
9783640265329
ISBN (Buch)
9783640265398
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Grenzgänge, Gibraltar, Cadalso, Aufklärung
Arbeit zitieren
Theresa Zuschnegg (Autor), 2007, Grenzgänge über Gibraltar, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122693

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