Der Begriff der Evolution bei Emile Durkheim und Niklas Luhmann


Hausarbeit, 2005
20 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1. Evolution in der Soziologie

2. Evolution bei Durkheim
2.1 Integration, Arbeitsteilung und Moral

3. Von Durkheim zu Luhmann

4. Evolution in Luhmanns Systemtheorie
4.1 Variation, Selektion und Restabilisierung in der Zeit
4.2 Stabilität
4.3 Variation von Kommunikation

5. Integration und Konflikt bei Durkheim und Luhmann

6. Schlussbemerkung

1. Evolution in der Soziologie

Die Aufgabe der Soziologie ist die Beschreibung menschlicher Gesellschaften und der Phänomene, die sich in ihnen beobachten lassen. Nun existieren aber bei empirischer Betrachtung sowohl verschiedene Gesellschaftstypen zur gleichen Zeit1 als auch haben die heute existierenden Gesellschaften im Laufe der Geschichte Wandlungen vollzogen, über welche sie zu ihrer heutigen Gestalt gelangt sind. Um zu erklären, auf welche Art und Weise dies geschieht, haben Soziologen verschiedene Konzepte erarbeitet.

Die vorliegende Arbeit widmet sich zwei Vertretern dieser Zunft Emile Durkheim und Niklas Luhmann –, welche im Abstand von nahezu einem Jahrhundert, ihre Überlegungen zur Evolution von Gesellschaften formuliert haben.

Unter den soziologischen Theorien, welche sich mit Wandel von Gesellschaft befassen, finden sich solche, welche mit Hilfe von „Phasenmodellen der geschichtlichen Entwicklung“ (Luhmann 1998: 422) einen „Fortschritt“ in der Wandlung von Gesellschaften zu beschreiben suchen.2 Dieser Fortschritt zeichnet sich aus durch die zugrunde liegende Behauptung, die Wandlung vollziehe sich hierarchisch zu einem „Höheren“. Anlehnung finden diese Theorien in der Evolutionstheorie Charles Darwins3, welche „allmählich fortschreitende Veränderungen in Struktur und Verhalten von Lebwesen“ auf der Basis von Variation und Selektion beschreibt, „so dass die Nachfahren andersartig als die Vorfahren werden.“ (Fuchs-Heinritz et al. 1994: 188) Ist es in der Biologie die Struktur von

Lebewesen, die interessiert, so sind es in der Soziologie die (wandelbaren) Strukturen von Gesellschaft(en).

Seit Herbert Spencer4 ist der Begriff der sozialen Differenzierung5 integraler Bestandteil der Beschreibung sozialer Evolution. Er bezeichnet den Prozess der gesellschaftlichen Teilung der Arbeit durch Herausbildung sozialer Rollen, in welchen spezifische Fertigkeiten und Leistungen als unterschiedlich verbindliche Handlungserwartungen institutionalisiert werden (vgl. Fuchs-Heinritz et al. 1994: 143).

2. Evolution bei Durkheim

Diesem Phänomen widmet sich Emile Durkheim in seinem 1893 erschienenen Werk

„De la division du travail social“, in welchem er die seines Erachtens herausragende Rolle der sozialen Arbeitsteilung bei der Ausdifferenzierung von Gesellschaften – und damit bei der Evolution von Gesellschaften – beschreibt. Differenzierung wird hinsichtlich ihres Prinzips unterschieden; d.h. Durkheims Interesse liegt darauf, welche Form von Differenzierung in Gesellschaften vorliegt. Hierbei verwendet er die Spencer’sche Unterscheidung von vormodernen und modernen Gesellschaften, wobei erste als segmentär differenzierte und letztgenannte als funktional differenzierte Gesellschaften bezeichnet werden. Der Begriff der segmentären Differenzierung bezeichnet eine Form, in der die ausdifferenzierten Teile in Aufbau und Funktion gleich sind (aber voneinander unabhängig) – wohingegen das Prinzip der funktionalen Differenzierung von einer (in Hinblick auf das Ganze) ergänzenden (und damit interdependenten) Verteilung der Aufgaben auf die unterschiedlichen Teile ausgeht.

Schon Spencer hatte die Vorstellung, dass sich Gesellschaften evolutionär "from incoherent homogenity to coherent heterogenity" entwickeln. Moderne Gesellschaften zeichnen sich gegenüber vormodernen Gesellschaften durch einen größeren Grad gesellschaftlicher Differenzierung aus. Der kontinuierlich ablaufende Differenzierungsprozess führt – in der Durkheimschen Theorie – an einem bestimmten Punkt zum Wechsel des Gesellschaftstyps, also von der Form der segmentären – hin zur funktionalen Differenzierung.

2.1 Integration, Arbeitsteilung und Moral

Integration in der segmentär differenzierten Gesellschaft6 erfolgt durch „mechanische Solidarität“: Die Mitglieder der Gesellschaft teilen die gleiche Lebensweise, geprägt durch ein gemeinsames Weltbild, welches auf den gleichen Normen und Werten aufbaut. Vermittelt werden diese durch die Religion7 und Traditionen. Es herrscht Konformitätsdruck, welcher u.a. im Prinzip des vorherrschenden Rechtssystems zum Ausdruck kommt; dieses ist das Strafrecht. Abweichendes Verhalten wird bestraft.

In der funktional differenzierten (höheren) Gesellschaft hingegen erfolgt Integration über „organische Solidarität“. Da es in der funktional differenzierten Gesellschaft durch die Herausbildung differenzierter Rollen zu einer Pluralität nebeneinander existierender Deutungsmuster, Normen und Interessen kommt, ist hinsichtlich kognitiver und normativer Orientierung keine Gemeinsamkeit mehr gegeben. Integration kann also nicht mehr kulturell erfolgen. Worüber aber dann?

Hier kommt Durkheim zum Zuge, indem er die Arbeitsteilung selbst für Integration sorgen lässt: In der funktional differenzierten Gesellschaft sind die einzelnen Akteure hinsichtlich ihres Überlebens aufeinander angewiesen und erkennen nun (laut Durkheim) diese Abhängigkeit. Quasi aus einem rationalen Egoismus liegt ihnen das Wohlergehen ihrer Mitmenschen am Herzen, denn es ist in der arbeitsteiligen Interdependenz gleichsam ihr eigenes Wohlergehen. Hierbei wird aber von Durkheim ein Restbestand an mechanischer Solidarität nicht völlig ausgeschlossen. Diese wirke noch immer über die Kultur (Sprache, Musik, ethnische und/oder nationale Zugehörigkeit etc.)8. Der Staat sorgt für Ordnung im Sinne einer (den spezialisierten Teilen) übergeordneten Instanz. Der vorherrschende Rechtstyp ist das Privatrecht, "in dem Individuen als einander gleichberechtigte Partner miteinander Verträge abschließen, die beiden Seiten entsprechend deren jeweils andersartiger Interessenlage Nutzen bringen." (Schimank 1996: 36)

So wie auch schon die mechanische Solidarität (das „soziale Band“) hat die Arbeitsteilung bei Durkheim einen unbedingt moralischen Charakter. (vgl. Tyrell 1985: 191)9 Diese dürfe sich aber nicht darauf beschränken, Steigerung von Wohlstand hervorzubringen (also rein ökonomischer Natur sein). Denn zum einen finde sich Arbeitsteilung auch in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, zum anderen sei die Arbeitsteilung deswegen moralisch, weil sie eine Domestikationsrolle der „immer entartungsbereiten menschlichen Natur“ (ebd.: 190) erfüllt. Sie kontrolliert aus gegebenem Anlass die Individuen, indem sie ihnen Normen auferlegt und damit den Egoismus bei der Verfolgung ihrer Interessen zügelt.

Der Grad der Komplexität einer Gesellschaft – und damit der Grad der funktionalen Differenzierung - ist für Durkheim proportional zur Integration des Individuums in die Gesellschaft. Je mehr der Mensch sich im Rahmen funktionaler Differenzierung individuiere, desto stärker sei seine Abhängigkeit gegenüber den anderen Menschen. Umso mehr die segmentäre Form der Differenzierung zurückweicht, desto stärker kann die Arbeitsteilung auf den Plan treten und für fortschreitende funktionale Differenzierung sorgen. „[…] Die segmentäre Organisation [ist] für die Arbeitsteilung ein unüberwindliches Hindernis, das wenigstens zum Teil verschwunden sein muß, damit die Arbeitsteilung erscheinen kann. Diese kann nur in dem Maß auftauchen, wie die segmentäre Organisation sich verflüchtigt.“ (Durkheim 1988: 314)

Voraussetzung für Arbeitsteilung – und damit für soziale Differenzierung – sei, so Durkheim, eine gewisse Dichte der Gesellschaft, welche sich allerdings ab einer gewissen Größe (Volumen) und Komplexität selbst einstelle. Diese Dichte ist zum einen die „ dynamische Dichte “ (Durkheim 1988: z.B. 315) und daraus resultierend: die moralische Dichte; denn: Kontakte erzeugen für Durkheim zwingend Moral. Eine große Anzahl an Kontakten festige das „soziale Band“ und mache es immer weniger aufkündbar (vgl. Tyrell 1985: 212). „Die Arbeitsteilung schreitet also umso mehr fort, je mehr Individuen es gibt, die in genügend nahem Kontakt zueinander stehen, um wechselseitig aufeinander wirken zu können.“ Diesen Prozess der Annäherung (Verdichtung) bezeichnet Durkheim (s.o.) mit der dynamischen bzw. moralischen Dichte und schließt so, dass „der Fortschritt der Arbeitsteilung in direkter Beziehung zur moralischen oder dynamischen Dichte der Gesellschaft steht.“ (Durkheim 1988: 314) Einen unterstützenden Beitrag zur Verdichtung der Gesellschaft im sozialen Sinne schaffen auch Verkehrswege – und daraus abgeleitet ist die „Verkehrsdichte“; denn Infrastruktur sorgt für mehr Kontakte unter den Menschen. Allein die Zahl der Kontakte, also das „soziale Volumen“ der Gesellschaft, steigere notwendigerweise den Effekt der zunehmenden (sozialen und damit moralischen) Dichte: „Das soziale Volumen hat also auf die Arbeitsteilung denselben Einfluß wie die Dichte.“ (ebd.: 319)

Soziale Dichte nun aber führe zu mehr Konkurrenz unter den Individuen, welche wiederum zur Kompensation derer größere Spezialisierung hervorbringe (Nischenbildung zur Vermeidung von Konkurrenz). Und diese wie gesagt, steigere die organische Solidarität. So ist der ‚Überlebenskampf’ (wie bei Darwin) wichtiger Faktor für Entwicklung.

Damit ist gesellschaftliche Evolution bei Durkheim im Großen und Ganzen zu verstehen als eine Entwicklung zu einem Höheren – in dem Sinne als das Höhere in größerer Spezialisierung liegt – also in der Arbeitsteilung.

[...]


1 So existieren beispielsweise Inselvölker (z.B. die Negritos auf den Andamanen), welche primitive Gesellschaftsstrukturen aufweisen neben den so genannten „zivilisierten“ Gesellschaften z.B. Europas. Hierauf sei hingewiesen, auch wenn Luhmann sagt, die moderne Gesellschaft sei ein „einziges globales System“, welches „keine ‚einfachen’ Gesellschaften in sich oder neben sich duldet.“ (Luhmann 1998: 447)

2 von Luhmann bezeichnet als „Entwicklungstheorien“ ebd.

3 *1809, +1882. „Charles Darwin entwickelte die erste Theorie eines natürlichen Prinzips für Evolution, dem der natürlichen Selektion. Sie erklärt die langsame Aufspaltung der Organismen in viele verschiedene Arten als Folge von Anpassungen an den Lebensraum. Von dieser Theorie leiten sich heutzutage alle modernen Evolutionstheorien ab.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Darwin) Das Stichwort „Survival of the fittest“, welches ganz selbstverständlich mit Darwin verknüpft wird, stammt jedoch (höchstwahrscheinlich) nicht ursprünglich von C.D., sondern von Alfred Russel Wallace und wurde von Darwin erst in einer späteren Ausgabe seines Buches „The Origin of the species“ als Alternative zum Begriff der „Natural Selection“ angeboten.

4 (*1820, +1903)

5 Evolution besteht nach Spencer aus 2 Prozessen: Integration (Massenzunahme, Bevölkerungs- wachstum) und Differenzierung (Andersverteilung von Materie).

6 „Als Beispiel [für segmentär differenzierte Gesellschaften] erwähnt Durkheim die in Nordamerika beheimateten Indianerstämme und die Aboriginies von Australien. Diese relativ primitiven Gemeinschaften sind wenig arbeitsteilig, wenn dann nur innerhalb der eigenen Sippe, eine direkte Abhängigkeit zu anderen Sippen besteht also nicht.“ (Marten 2002)

7 Es bedarf zum Zusammenhalt einer segmentären Gesellschaft „eines Etwas, das die Herzen aller gleichermaßen beherrscht. Dieses Etwas ist der Glaube. Nichts wirkt mächtiger auf die Seele als dieser. Ein Glaube ist das Werk unseres Geistes, aber es steht uns nicht frei, ihn willkürlich zu ändern. Er ist unsere Schöpfung, aber das wissen wir nicht. Er ist menschlich, doch wir halten ihn für göttlich.“ (Tyrell 1985: 200)

8 Es gibt noch immer Träger gleicher Rollen: die „Berufsgruppen". Diese entsprechen einer einfachen Gesellschaft, die durch mechanische Solidarität integriert wird. Ausschlaggebend ist hier aber nicht mehr ein gemeinsames Weltbild, sondern eine gemeinsame Interessenlage. Berufsgruppen bündeln die Interessen ihrer Mitglieder und besitzen gegenüber diesen ein gewisses Maß an Verpflichtungsfähigkeit. (vgl. Schimank 1996)

9 Auch sind die beiden Solidaritätsformen als funktional gleich anzusehen, befriedigen sie doch die gleichen Bedürfnisse nach Zusammenhalt. Und da die eine (ihr moralischer Gehalt) aus der anderen Form abzuleiten sei, sind beide moralischen Charakters. (vgl. Tyrell 1985: 207)

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Der Begriff der Evolution bei Emile Durkheim und Niklas Luhmann
Hochschule
Technische Universität Berlin  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
„Fortschritt, Wandel, Evolution"
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
20
Katalognummer
V122722
ISBN (eBook)
9783640271658
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Begriff, Evolution, Emile, Durkheim, Niklas, Luhmann, Wandel
Arbeit zitieren
M. A. Alexander Stoll (Autor), 2005, Der Begriff der Evolution bei Emile Durkheim und Niklas Luhmann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122722

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