Gesellschaftliche Funktion und Eigenschaften von Medien in der Systemtheorie Niklas Luhmanns - mögliche Verknüpfungen mit dem Medienbegriff Marshall McLuhans?


Hausarbeit, 2006
49 Seiten, Note: "-"

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Inhalt

1. Einleitung – Medientheorie vs. Theorie der Gesellschaft
1.1 Grundbegriffe der Luhmannschen Systemtheorie
a) Systeme
b) Kommunikation
c) Strukturelle Kopplung

2. Medien
2.1 Medium und Form (Ding)
2.2 Sinn
2.3 Sprache
2.4 Schrift
2.5 Buchdruck - Massenmedium Nr.1
2.6 Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien
2.7 Elektronische Medien
2.8 Massenmedien
2.8.1 Nachrichten und Berichte
2.8.2 Werbung
2.8.3 Unterhaltung
2.8.4 Überschneidungen der Bereiche

3. Die Medientheorie Herbert Marshall McLuhans
3.1 "The medium is the massage"
3.2 Definition von Medien
3.3 Mediengenealogie
3.4 Heiße und kalte Medien

4. Luhmann&McLuhan - Verknüpfungsmöglichkeiten und deren Konsequenzen

Literatur

1. Einleitung – Medientheorie vs. Theorie der Gesellschaft

Diese Arbeit steht im Zusammenhang der Seminare „Theorien der Medien“ Teil I und II, gehalten an der TU-Berlin 2005/2006 von Prof. Dr. xxx. Im ersten Teil des Seminars wurden allgemein verschiedene Medientheorien angesprochen, im zweiten Teil diese dann anhand ausgewählter Autoren illustriert.

Die „Medientheorie“ Niklas Luhmanns stellt in diesem Kontext eine Besonderheit dar, da sie nicht als Medientheorie im eigentlichen Sinne entworfen wurde, sondern als ein Bestandteil der Luhmannschen Systemtheorie zu betrachten ist, welche den Bereich der (Massen-)Medien erst relativ spät antizipierte. Diese mit dem Systembegriff operierende Theorie der Gesellschaft beansprucht universelle Geltung ohne jedoch Anspruch darauf zu erheben, die einzig richtige Theorie anzubieten. (vgl. Leschke 2003:215). D.h. sie will Erklärungsleistungen für alle Gesellschaftsbereiche erbringen können. Sie ist mit anderen medientheoretischen Modellen (wie etwa Einzelmedienontologien oder generellen Medienontologien) nicht kompatibel; jedoch lassen sich die medientheoretischen Erkenntnisse der Systemtheorie mühelos mit anderen systemtheoretischen Erklärungsleistungen außerhalb des Bereichs der Medien verknüpfen. Luhmanns Systemtheorie ist nicht historisch ausgerichtet (wie etwa Kittlers 'Medienarchäologie' oder McLuhans technikdeterministische Auffassung von Geschichte [Mediengenealogie]). Luhmann verwehrt sich gegen die seines Erachtens irrige Annahme, man könne die "Einheit der Gesellschaftsgeschichte [...] als Unterscheidung von Epochen rekonstruieren." (Niklas Luhmann - im Folgenden NL - 1998:422) Sein Evolutionsbegriff (auf Gesellschaft angewandt) verwendet ein zirkulär operierendes Unterscheidungsschema von Variation /Selektion / Restabilisierung, das keine Kausalerklärungen für gesellschaftliche Entwicklung zulässt. (vgl. NL 1998:570ff.) Nichtsdestotrotz nutzt Luhmann oft eine historische Perspektive, "um aus geschichtlichem Material herauszuziehen, was eventuell für einen Vergleich historischer Gesellschaften mit der modernen Gesellschaft interessant sein könnte.“ (NL 2005:13) Weiterhin ist Luhmanns Systemtheorie antihumanistisch im Gegensatz zu handlungstheoretischen Konzepten.

Es gibt verschiedene Ansätze, unterschiedliche Medientheorien zu klassifizieren. In der Systematik von Leschke (2001) ist Luhmanns Beitrag zur Medientheorie als "Generelle (generalisierende) Medientheorie" zu bezeichnen bzw. in der Systematik nach Liebrand et al. (2005) hingegen einfach und einleuchtend als "Systemtheoretische Medientheorie".

Bevor die Einzelheiten der von Luhmann entworfenen Theorie der Massenmedien als gesellschaftliches Funktionssystem näher betrachtet werden können, sollen zunächst einige Grundbegriffe der Systemtheorie1 erläutert werden.

Ziel der Arbeit ist es, Funktion und Eigenschaften von Medien in der Luhmannschen Systemtheorie darzulegen (2.), einen kurzen Überblick über Marshall McLuhans Medienkonzeption zu geben (3.), um anschließend Harald Wassers (2005, 2006) Versuch einer Verbindung der beiden Konzepte vorzustellen (4.).

1.1 Grundbegriffe der Luhmannschen Systemtheorie

a) Systeme

Grundannahme der Systemtheorie ist schlicht und einfach: Es gibt Systeme. So formuliert Luhmann (1984:30): "Die folgenden Überlegungen gehen davon aus, daß es Systeme gibt." Dies ist natürlich nicht zu beweisen (durch wen auch?) – scheint aber als nichthinterfragbare Letztbegründung notwendig.

Systeme sind für Luhmann Einheiten in Differenz zu ihrer Umwelt, die a) operativ geschlossen und

b) selbstreferentiell sind. Operationen können demnach nur im System stattfinden und sich nur auf Elemente des Systems beziehen. Ein System behandelt alles nur aufgrund der systeminternen Logik und Struktur.

Beginn der 80er Jahre adaptiert (und modifiziert) Luhmann den Begriff der Autopoiesis (auch Autopoiese) von H. Maturana und F. Varela ('autopoietische Wende'). Dieser Begriff setzt sich aus den altgriechischen Wörtern für "selbst" (α□τός) und "machen" (ποιέω) zusammen und bezeichnet die Reproduktion von Systemen aus eigenen Elementen. In jeder Operation eines autopoietisch operierenden Systems wird – mithilfe der Unterscheidung Selbstreferenz/ Fremdreferenz – seine Differenz zur Umwelt erneut bestimmt und über diese Grenzziehung das System selbst definiert.2

Das heißt, Systeme konstituieren durch ihr Operieren einen eigenen, systemspezifischen Regelkreis und beziehen sich in ihrem Operieren immer nur auf Elemente ihrer Selbst. Das bedeutet aber eben gerade nicht, dass Systeme völlig autark von ihrer Umwelt existieren könnten

– vielmehr können sie nur existieren, weil es eine Umwelt gibt, von der sie sich unterscheiden können und die sie ständig irritiert, ihnen quasi Material für Operationen liefert. (vgl. z.B. NL 1984:31)

Systeme sind demnach material-energetisch offen oder auch kognitiv offen. Es kommen Irritationen in Form von ‚Rauschen’ aus der Umwelt, die aber ursprünglich nicht als Input zu betrachten sind, sondern erst durch das System über Anwendung der eigenen Begriffe und Unterscheidungen (Codes, Programme) zu Elementen des Systems werden. Systeme behandeln alles aufgrund eines systemspezifischen, binären Codes der Unterscheidung. Programme regeln, wie der entsprechende Code gehandhabt wird. Bei einem Programm handelt es sich demnach um eine "Zusatzsemantik von Kriterien, die festlegen, unter welchen Bedingungen die Zuteilung des positiven bzw. negativen Wertes richtig erfolgt." (NL 1998:362)

Die Annahme autopoetisch operierender Systeme bedingt auch die Tatsache, dass Systemtheorie keinen historischen Zugriff auf Gesellschaft liefern kann, denn:

- Wenn Systeme immer nur auf systeminterne Zustände und Operationen rekurrieren, muss es immer etwas geben, was schon vorher gewesen ist, damit das System darauf zugreifen kann. Es kann kein Ende geben, da jede Operation im Hinblick auf weitere Operationen vollzogen wird.
- Und nur ein Beobachter kann – ein Konstrukt von Vorher/Nachher zugrundelegend – einen Anfang und ein Ende feststellen, d.h. nur wenn das System hinreichend komplex ist, um „sich selbst in der Zeitdimension beschreiben zu können“, kann es nachträglich einen Anfang bestimmen – und dies nur als systeminternes Konstrukt. (vgl. hierzu NL 1998:440f)

Der Begriff des Beobachters wird von Luhmann in Anlehnung an Bateson verwendet, um eine Instanz zu bezeichnen, welche mithilfe der Unterscheidung System/Umwelt die Operationen eines Systems beobachtet. Diese Instanz muss nicht notwendigerweise ein psychisches System sein. "Beobachten heißt einfach [...]: Unterscheiden und Bezeichnen." (NL 1998:69) Um Unterscheidungen treffen zu können, muss das zu Unterscheidende bezeichnet werden. Unterscheidungen sind für Luhmann zweiseitige Formen, wobei er auf George Spencer Browns

„Laws of Form“ rekurriert. Die Beobachtung durch den Beobachter kann wiederum durch einen anderen Beobachter beobachtet werden. Dies bezeichnet Luhmann als Beobachtung zweiter Ordnung.

Luhmann definiert verschiedene Formen von Systemen:

1. Mechanische Systeme (Maschinen) – welche sich als einzige Systemart allopoetisch verhalten; d.h. sie produzieren etwas von sich selbst verschiedenes. Bsp.: Eine Kaffeemaschine produziert Kaffee und keine Kaffeemaschinenteile. Darüber hinaus steuert sie sich nicht selbst sondern wird von außen gesteuert.
2. Biologische Systeme (Organismen, Organische Systeme) – diese operieren autopoeitisch im Sinne Maturanas: Organismen reproduzieren sich selbst aus eigenen Elementen.3
3. Psychische Systeme (Bewusstseine) – diese können nichts als denken, d.h. ihre Elemente sind sich aneinanderreihende Gedanken. Jeder Folgegedanke ergibt sich aus den vorhergehenden Gedanken. Damit operieren sie autopoietisch.
4. Soziale Systeme (Kommunikationssysteme, die Gesellschaft und ihre Funktionssysteme) – operieren autopoietisch. Ihre Elemente sind sich aneinanderreihende Kommunikationen und nicht etwa Menschen. "Die Gesellschaft besteht nicht aus Menschen, sie besteht aus Kommunikation zwischen Menschen." (NL 1981, zitiert nach Fahle 2004). Nur Kommunikation kann kommunizieren! Soziale Systeme setzen in ihrer Umwelt mindestens zwei psychische Systeme voraus (vgl. Kneer/Nassehi 1994:81). Bei Kommunikation unter Anwesenden kann auch von Interaktionssystemen gesprochen werden (vgl. ebd.:82 sowie NL 1998:814).

b) Kommunikation

Der einzige Daseinszweck von Kommunikationssystemen – und damit auch von Gesellschaft – liegt für Luhmann in ihrer Selbsterhaltung – also dem Generieren von anschlussfähigen Kommunikationen, um den Regelkreis der Autopoiesis nicht abbrechen zu lassen. Denn Kommunikation selbst ist zweckfrei: „Die Kommunikation hat keinen eigenen Zweck, keine immanente Entelechie. Sie geschieht, oder geschieht nicht. Das ist alles, was man dazu sagen kann.“ (NL 2001:102)

Der Mensch findet in der Luhmannschen Systemtheorie seinen Platz lediglich als Konstrukt (als Konvention), bestehend aus psychischem, biologischem und sozialem System. Dieses Konstrukt dient der Komplexitätsbewältigung, da es nicht möglich ist, in jeder Kommunikation die komplexen Zustände der an der Kommunikation beteiligten Systeme zu erfassen bzw. mitzukommunizieren. Das Konstrukt ‚Mensch’ ermöglicht es, Kommunikationen Personen zuzurechnen4 und steigert dadurch die Wahrscheinlichkeit von Kommunikation. Denn:

„Kommunikation ist unwahrscheinlich. Sie ist unwahrscheinlich, obwohl wir sie jeden Tag erleben, praktizieren und ohne sie nicht leben würden.“ (NL 2001:78)

Die Gründe dafür liegen a) in der Unwahrscheinlichkeit des Verstehens von kommuniziertem Sinn,

b) in der Unwahrscheinlichkeit des Erreichens von Empfängern und c) in der Unwahrscheinlichkeit des Erfolges von Kommunikation – also ihrer empfängerseitigen Annahme. (vgl. ebd.)

Das unwahrscheinliche Zustandekommen von Kommunikation geht für Luhmann auf drei verschiedene Selektionen zurück: Zuerst muss ein Bewusstsein(-ssystem) aus der Menge der ihm zur Verfügung stehenden Informationen5 (Sinneseindrücke, Wissen) eine auswählen – es könnte jede andere oder auch keine auswählen. Dies bedeutet nichts anderes als Kontingenz der Selektion; denn jede Selektion ist auch anders möglich.6

Im nächsten Schritt muss sich das Bewusstsein dafür entscheiden, eben jene Information auch zur Mitteilung machen zu wollen – und auf welchem Wege (mündlich, schriftlich etc.). Wird nun diese Mitteilung tatsächlich unter Zuhilfenahme des Biologischen Systems (Körper) und eines Mediums (z.B. Sprache) artikuliert, so ist damit noch lange nicht gewährleistet, dass der Empfänger (ein anderes Bewusstseinssystem) die Mitteilung als Mitteilung (und damit als different zur Information!) versteht. Der Akt der Interpretation, also des Verstehens, ist hinsichtlich seiner Selektionen ebenso kontingent wie die Selektion der mitzuteilenden Information. Es handelt sich also um doppelte Kontingenz, welche Verstehen (und damit Kommunikation) extrem unwahrscheinlich macht.7

Eben jenes Verstehen stellt für Luhmann eine aktive (die dritte) Selektion dar: „Kommunikation kommt […] nur zustande, wenn zunächst einmal eine Differenz von Mitteilung und Information verstanden wird. Das unterscheidet sie von bloßer Wahrnehmung des Verhaltens anderer.“ (NL 2001:97) Und nicht zuletzt kann ein Empfänger den Sinn einer Information sehr wohl verstehen und die an ihn gerichtete Kommunikation trotzdem ablehnen.

Erst die Synthese aller drei dieser Selektionen lässt Kommunikation entstehen. Damit ist ausgeschlossen, "dass Kommunikation als das Resultat des Handelns eines Individuums aufgefasst wird." (Kneer/Nassehi 1994:82) Zu beachten ist, dass es sich bei Information, Mitteilung und Verstehen nicht um Input (oder Output) psychischer Systeme in das (oder aus dem) Kommunikationssystem handelt. Ein Kommunikationssystem erfährt die Beiträge anderer Systeme in seiner Umwelt lediglich als Irritationen, die vom System interpretiert werden und damit den Sinn einer Information erst zugewiesen bekommen (vgl. ebd. sowie NL 1998:71f.). So wird aus dem durch die Welt bereitgestellten Potential an "virtuelle[r] Information" (NL 1998:46) – aus einer Menge potentieller Überraschungen – durch das System Information produziert. Denn: "Information ist eine überraschende Selektion aus mehreren Möglichkeiten." (NL 1998:71)

c) Strukturelle Kopplung

Wir haben es also mit einem menschenleeren und trotzdem kommunizierenden Gesellschaftssystem zu tun. Die Frage, wie Bewusstsein an Kommunikation beteiligt ist (denn es ist ja ein operativ geschlossenes System), beantwortet Luhmann mit der strukturellen Kopplung von Bewusstseinssystem und sozialem System. Strukturelle Kopplung liegt vor, wenn sich zwei Systeme gegenseitig einen Teil ihrer Struktur (ihrer Komplexität) zur Verfügung stellen – dies bedeutet jedoch keinen operativen Kontakt der operativ geschlossenen Systeme. Ein Spezialfall der strukturellen Kopplung ist die Interpenetration8: Sie besteht, wenn eine strukturelle Kopplung die Existenzgrundlage der beteiligten Systeme darstellt, sie also ohne die gegenseitige Inanspruchnahme nicht existieren könnten. Dieser Fall ist gegeben in der Beziehung zwischen Bewusstseinssystem und sozialem System, welche über Sprache gekoppelt sind und die ohne einander nicht existieren könnten: „Ohne Kommunikation gibt es keine menschlichen Beziehungen, ja kein menschliches Leben.“ (NL 2001:76)

2. Medien

Luhmann begreift Gesellschaft und ihre Evolution nicht als Resultat veränderter Produktionsweisen (Marx) oder Herrschaftsformen (Weber) sondern als Veränderung gesellschaftlicher Kommunikationsweisen und Kommunikationsmedien (vgl. Bohn 2005). Verändern sich die Bedingungen, unter denen Kommunikationen auftreten (können) – und diese Bedingungen sind angelegt in den der Gesellschaft zur Verfügung stehenden Medien9 – verändern sich damit höchstwahrscheinlich auch die Formen und Praktiken, in denen Kommunikationen sich manifestieren. Daher mündet Luhmanns Kommunikationstheorie letztendlich in eine Medientheorie. Diese versucht allerdings nicht, Probleme in der Kommunikation zu lokalisieren, um sie ggf. zu lösen, vielmehr werden die beobachtbaren kommunikativen Formen und Praktiken einer Gesellschaft als Lösungen von gesellschaftlichen Problemen behandelt, die ihrerseits wieder Probleme aufwerfen können, für welche die Gesellschaft Lösungen zu entwickeln hat (usf.).

Luhmanns Medienbegriff geht im wesentlichen auf zwei sehr heterogene Ideen zurück: Zum einen die Idee der symbolisch generalisierten Tauschmedien von Talcott Parsons (Abschnitt 2.4), zum Anderen die aus Fritz Heiders Attributionstheorie stammende Idee der Wahrnehmungsmedien, welche mit der Unterscheidung von Medium und Form operiert (Abschnitt 2.1).

Eine allgemeine Definition jenseits von Heider liefert Luhmann, indem er „sämtliche Einrichtungen […], die der Umformung unwahrscheinlicher in wahrscheinliche Kommunikation dienen […]“ als Medien bezeichnet (NL 2001:81) .

2.1 Medium und Form (Ding)

Luhmann bedient sich einer Idee hinsichtlich der Beschaffenheit von (Wahrnehmungs-) Medien, die Fritz Heider bereits 1926 veröffentlichte, welche jedoch lange Zeit keine Beachtung fand. Auf den ersten Blick scheint sie systemtheoretischen Ansprüchen an die Beschreibung von Medien zu genügen; hieran gibt es jedoch auch Zweifel (vgl. Wasser 2005).

Heider ersetzt die bis dahin geläufige Unterscheidung von Medium und Inhalt durch die von Medium und Form. Dies sieht z.B. Ellrich (1997) als positiv an, da Heider so erreiche, dass mit dem Medienbegriff auch Staffelungsprozesse und Funktionswechsel beschrieben werden könnten, wie es vorher nicht möglich war: "die Form kann als Medium für eine neue Form dienen und diese Form wiederum als Medium für weitere Formen etc."10 (Ellrich 1997:205) Auch könnten auf diese Art verschiedene Ebenen von Medien besser beschrieben werden, die sonst im diffusen oder unsichtbaren Bereich bleiben müssten: Denn Medien bestehen nach der Medium/Form-Differenz aus lose gekoppelten Elementen und sind daher selbst nicht wahrnehmbar. Nur die Form ist beobachtbar und besteht aus ausgewählten, interdependenten, fest gekoppelten Elementen. Medien bieten demnach das Material an, aus denen die unterschiedlichsten Formen entstehen können. In der Formenbildung werden die Elemente des Mediums fixiert, jedoch dabei nicht verbraucht. Damit sind Medien zeitlich gesehen stabil und wiederverwendbar, Formen jedoch temporär angelegt und im Gegensatz zum Alltagsverständnis des Wortes instabil. Nur eine relative Stabilität ist für Formen erreichbar, indem sie der Speicherung im gesellschaftlichen Gedächtnis zugeführt werden. Formen, die nicht wiederholt angewandt werden, gehen verloren.

Die Medium/Form-Differenz korrespondiert nach Luhmann mit der System/Umwelt-Differenz insofern, als sie eine asymmetrische Unterscheidung mit zwei Seiten11 ist: Die andere Seite der Form wird als Ausgeschlossenes eingeschlossen. Diese Paradoxie ist nach der verwendeten Medium-Definition unvermeidbar12 und beschreibt das Phänomen des Re-Entry: die "Wiederholung einer Unterscheidung innerhalb einer Unterscheidung" (Krause 2001)

Problematisch ist allerdings die Tatsache, dass Luhmann durch die Adaption des Heiderschen Medienkonzeptes zwei verschiedene Form-Begriffe analog zu verwenden scheint. Zum einen ist es die Form als Einheit einer Unterscheidung nach Spencer Brown, zum anderen die Form als Produkt der festen Kopplung von Elementen eines medialen Substrats nach Heider: "Medium in diesem Sinne ist jeder lose gekoppelte Zusammenhang von Elementen, der für Formung verfügbar ist, und Form ist die rigide Kopplung eben dieser Elemente, die sich durchsetzt, weil das Medium keinen Widerstand leistet." (NL 1990:53)

Wasser (2005) macht auf diese Problematik aufmerksam: Wenn die Form einerseits – nach Spencer Brown – aus zwei Seiten besteht, dann könnte man als Elemente – die ja andererseits durch die Heidermedien gefordert werden – höchstens die beiden Seiten heranziehen, womit aber dann wiederum nicht klar wäre, welchem medialen Substrat sie entstammen sollten (vgl. ebd.: 10ff). Dies ist ein Anzeichen für Nicht-Konsistenz in der sonst begrifflich so trennscharf operierenden Systemtheorie. Es handelt sich bei dieser Konzeption von Medien eindeutig um ein teilchentheoretisches und nicht um ein systemtheoretisches Modell. Dem Autor ist jedenfalls keine Aussage Luhmanns bekannt, in der diese Doppelbelegung des Begriffes der Form aufgelöst würde.

2.2 Sinn

Die Medium/Form-Differenz ebenso wie die System/Umwelt-Differenz verweisen demnach innerhalb ihrer Definition auf sich selbst, sind also rekursiv und anscheinend paradox. Die Paradoxie liegt im Nicht-Vorhandensein von Letztbegründungen oder "fundierende[n] Ursprünge[n]" (NL 1998:47) Laut Luhmann können sinnhafte Identitäten aber nur rekursiv erzeugt werden (vgl. ebd.), was daran liegt, dass das Universalmedium Sinn (vgl. ebd.:51) sich durch die immer benötigte Figur des Re-Entry selbst konstituiert. So wird Sinn denn auch von Luhmann als "Produkt der Operationen, die Sinn benutzen" (ebd. 44) bezeichnet. Sinn ist in der Welt nicht ursprünglich gegeben sondern wird in der Autopoiesis von Systemen erst hergestellt, und dies auch immer nur momenthaft in der einzelnen Operation selbst. Damit ist Gesellschaft – als autopoietisches, Kommunikationen prozessierendes System – ein "sinnkonstituierendes System" (ebd.:50)

Alle Medien verwenden in sich das Medium Sinn und müssen dies tun, um überhaupt ihre Leistung erfüllen zu können. Ohne den Rückbezug auf Sinn würden auch alle anderen Medien nicht funktionieren, denn Sinn "ist nach wie vor unvermeidliche Form des Erlebens und Handelns. Ohne Sinn würde die Gesellschaft, würde jedes Sozialsystem schlicht aufhören zu existieren." (NL 1984:587)

2.3 Sprache

Das (Kommunikations-)Medium Sprache dient – wie alle Medien – dazu, Kommunikation wahrscheinlicher zu machen. Oder in der Logik der Unterscheidung von Medium und Form: "die operative Verwendung der Differenz von medialem Substrat und Form." (NL 1998:195)

Sprache verwendet das grundlegende Medium Sinn (s.o.), mit welchem auch Bewusstseinssysteme operieren. Sie hat die Funktion – mittels symbolischer Generalisierungen – das „[…] Verstehen von Kommunikation über das vorausliegende Wahrnehmen hinaus […]“ zu steigern (ebd.).

Eine Besonderheit sprachlicher Kommunikation liegt in ihrer Fähigkeit zur Negation, also der ihr zugrunde liegenden Ja/Nein-Codierung. Diese ermöglicht es, Kommunikation abzulehnen, verneinende Kommunikation zu produzieren, etwas nicht zu bezeichnen oder etwas so zu bezeichnen, dass es unbestimmt bleibt. Außerhalb der Welt der Kommunikation ist nichts Negatives also auch nichts Unbestimmtes. Das „Nichts“ oder „Nichtsein“ als notwendige Implikation der Beobachtung des „Seins“ findet nirgendwo in der Welt seine Repräsentation. Es ist nicht. (vgl. hierzu NL 1998:893ff.)

Innerhalb der Kommunikation jedoch existiert mit der Möglichkeit zur Verneinung eine Verdoppelung der Aussagemöglichkeiten. Alles was bejaht werden kann, kann auch verneint werden. Dieser Umstand ist für Luhmann der ausschlaggebende Faktor dafür, dass sich überhaupt Sozialsysteme bilden können. Denn erst die Möglichkeit zur Verneinung macht Unterscheidungen möglich. Die Struktur der Sprache ist damit gleichzeitig „eine Bedingung und Folgeeinrichtung […] der autopoietischen Autonomie“ (NL1998:223) des sozialen Systems Gesellschaft, oder wie es Bohn (2005) formuliert: Sprache existiert koextensiv13 mit Gesellschaft.

„Die Sprachcodierung ist die Muse der Gesellschaft. Ohne ihre Doppelung aller Zeichen, die Identitäten fixieren, hätte die Evolution keine Gesellschaft bilden können, und wir finden deshalb auch keine einzige, der dieses Erfordernis fehlt.“ (NL 1998:225)

2.4 Schrift

„Mit Schrift beginnt die Telekommunikation, die kommunikative Erreichbarkeit der in Raum und Zeit Abwesenden.“ (NL 1998:257)

Schrift ist der Lage, Sinn zeitlich zu fixieren. Dieser Umstand kommt der Gesellschaft zugute, da er die Menge der möglichen anschlussfähigen Kommunikationen immens steigert. In der mündlichen Kommunikation überleben nur solche Sinnzumutungen, die unmittelbar in der Interaktion (unter Anwesenden) angenommen und wiederverwendet werden. Die schriftliche Fixierung des Sinns hingegen birgt die Möglichkeit, in der Vergangenheit bereits Abgelehntes erneut aufzugreifen und unter Umständen zu einem späteren Zeitpunkt wieder zu kommunizieren. Schrift dient damit als Erweiterung der Kapazität des gesellschaftlichen Gedächtnisses.

Ebenfalls steigert Schrift (wenn nicht gerade in Stein gemeißelt) die räumliche Reichweite von Kommunikationen. Die demnach sowohl zeitliche als auch räumliche Entkopplung von Mitteilung und Verstehen in einer Kommunikation erzeugt zwar einerseits ein Problem: Zum Vollverstehen der Mitteilung ist ein Mitverstehen des Kontextes notwendig, in dem die Selektion der Mitteilung stattfand. (vgl. NL 1998:275)

Andererseits bietet die Verwendung von Schrift gerade deswegen auch Ansätze für sprachliche Neuentwicklungen, muss sie sich doch – aus den Zwängen der Interaktion unter Anwesenden gelöst – „deutlicher und allein aus dem Text heraus explizieren“ (1998:465), was „zu Verbalformen neuen Typs“ führt „und vor allem zur Bildung von Begriffen mit […] unübersehbaren Folgewirkungen.“ (ebd.) Außerhalb der direkten Interaktion fehlen Hintergrundinformationen der Kommunikation (der Text ist weniger eindeutig als das Wort unter Anwesenden), die sich in der schriftlichen Fixierung als Freiheitsgrade der Interpretation niederschlagen. Und eben jene Freiheitsgrade steigern die Menge potentiell anschlussfähiger Kommunikationen. Damit steigt im Übergang von mündlich zu schriftlich kommunizierenden Gesellschaften ihr evolutionäres Potential; denn die Verfügbarkeit von mehr Anschlussmöglichkeiten bedeutet die Möglichkeit zur Steigerung von (Struktur-)Komplexität. Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung des Gesellschaftssystems, denn seine dynamische Stabilität nimmt zu:

„Kommunikation ist und bleibt ein zeitpunktgebundenes Ereignis, daran ändert sich nichts. Ein Kommunikationssystem kann nur dynamische Stabilität erreichen, das heißt: nur Stabilität dank der Fortsetzung durch immer andere Kommunikationen.“ (NL 1998:266)

Hier stößt man auf ein für die Luhmannsche Theorie typisches Paradox: Die „Unsicherheit in Bezug auf das Verständnis des gemeinten Sinnes“ (NL 1998:269), welche durch die Freiheiten der Schrift entsteht (also größere Komplexität = unwahrscheinlichere Kommunikation), wird mittels der durch Schrift entstehenden komplexen Strukturen (Semantiken) abgesichert. Reduktion von Komplexität durch Komplexität!

[...]


1 Im Folgenden wird der Begriff ‚Systemtheorie’ ausschließlich für das von Niklas Luhmann entworfene Theoriemodell verwandt, auch wenn eine Vielzahl unterschiedlicher, zum Teil konkurrierender Systemdefinitionen und -begriffe in der Literatur existieren.

2 Ausführlicher zur Unterscheidung von System und Umwelt siehe NL 1998:60ff.

3 Man mag einwerfen, dass Nahrung wohl kein Element des Organismus sei und daher an der autopoietischen Operationsweise von biologischen Systemen zweifeln. Allerdings ist jedes Stück Kuchen, sobald es in den Organismus gelangt, alsbald nur noch als Ansammlung von Molekülketten zu betrachten, welche vom Organismus hinsichtlich ihrer Verwertbarkeit unterschieden – und somit zu Elementen des Systems selbst werden.

4 „Die Konvention ist erforderlich, denn die Kommunikation muß ihre Operationen auf Adressaten zurechnen, die für weitere Kommunikation in Anspruch genommen werden.“ (NL 2001:111)

5 Luhmanns Informationsdefinition geht auf Gregory Bateson zurück, als Unterschied, der einen Unterschied macht. (vgl. Bateson, G. (2002) [1979]: Geist und Natur. Frankfurt a. M.)

6 Kontingenz ist ein in der Philosophie und in der Soziologie, (insbes. Systemtheorie) gebräuchlicher Begriff, um die prinzipielle Offenheit und Ungewissheit menschlicher Lebenserfahrungen zu bezeichnen. Die soziale Welt wird als eine unter vielen möglichen wahrgenommen, die weder zufällig noch notwendig ist. Selbst die Wahrnehmung der Welt ist kontingent, beruht auf Unterscheidungen und Konstruktionen, welche auch anders sein und gemacht werden könnten. Erkenntnistheoretisch betrachtet ist Kontingenz das (seinerseits kontingente) Wissen darüber, dass jedes Wissen relativ ist. Absolutes Wissen ist prinzipiell unmöglich. (vgl. Wikipedia-Artikel „Kontingenz“)

7 Auch wenn z.B. Esposito mit Recht anmerkt, dass doppelte Kontingenz in Reinform so gut wie nie vorkommt, da Konditionierung und kulturelle Programmierung die Beliebigkeit stark eingrenzen. Und das ist ein Glücksfall, denn: "Die reine Form der doppelten Kontingenz wäre Paralyse." (Esposito 1998)

8 Vgl. zu Interpenetration NL 1998:108 oder ausführlich 1984:286ff.

9 Dies ist ein Ansatzpunkt für Wasser (2005), um einen an McLuhan angelehnten Medienbegriff in die Luhmannsche Theorie autopoietischer Systeme zu integrieren. Siehe Abschnitt 4.

10 Auch hier findet sich eine Ähnlichkeit zu McLuhan, der - mit einem anderen/breiteren Medienbegriff operierend, unter dem Inhalt eines Mediums immer ein weiteres Medium versteht. Vgl. Wasser (2005).

11 Die Form in der Definition als zweiseitig gegeben geht auf George-Spencer Brown zurück (Laws of Form, New York 1979), der sie aber spezifisch mathematisch verwandte. Luhmanns Anliegen ist es, daraus eine allgemeine Theorie der Formen zu entwickeln. Insgesamt scheint Luhmanns Formbegriff lediglich durch G.S. Brown inspiriert, nicht aber eins zu eins übernommen. (vgl. Wasser 2005:13)

12 "Diese Unterscheidung kommt insofern in sich selber vor, als auf beiden Seiten lose bzw. strikt gekoppelte Elemente vorausgesetzt sind, die ihrerseits nur als Formen erkennbar sind, also eine weitere Unterscheidung von Medium und Form voraussetzen." (NL 1998:59) "Jede Seite der Form ist die andere Seite der anderen Seite." (ebd.: 60)

13 "Begriffe von gleichem Umfang, aber verschiedenem Inhalt heißen koextensiv." (Lopez, ohne Jahr) Zur Unterscheidung von Umfang und Inhalt siehe ebenfalls Lopez.

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Details

Titel
Gesellschaftliche Funktion und Eigenschaften von Medien in der Systemtheorie Niklas Luhmanns - mögliche Verknüpfungen mit dem Medienbegriff Marshall McLuhans?
Hochschule
Technische Universität Berlin  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Theorien der Medien I und II
Note
"-"
Autor
Jahr
2006
Seiten
49
Katalognummer
V122723
ISBN (Buch)
9783640788774
Dateigröße
608 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gesellschaftliche, Funktion, Eigenschaften, Medien, Systemtheorie, Niklas, Luhmanns, Verknüpfungen, Medienbegriff, Marshall, McLuhans, Theorien
Arbeit zitieren
M. A. Alexander Stoll (Autor), 2006, Gesellschaftliche Funktion und Eigenschaften von Medien in der Systemtheorie Niklas Luhmanns - mögliche Verknüpfungen mit dem Medienbegriff Marshall McLuhans?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122723

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