In dieser Arbeit soll zum besseren Verständnis zunächst einmal kurz auf das Bild des Kindes bei Comenius eingegangen werden, worauf ein wiederum knapper Überblick über den Gesamtaufbau sowie die Gestaltung der Einzelkapitel im „Orbis pictus“ folgt. Anschließend soll dann der Frage nachgegangen werden, wie Comenius durch seine Bilder, die im Wechselspiel mit den zugehörigen Texten wirken, bei den Kindern einen Begriff von der ganzen göttlichen Weltordnung zu erzeugen vermag. Dazu ist zunächst zu klären, welcher Bildtradition er dabei folgt bzw. von welcher er sich abzusetzen versucht. Die Illustrationen, mit denen Comenius den Kindern die Gegenstände des naturwissenschaftlich-technischen Bereiches vor Augen führt, stehen zunächst im Zentrum der Untersuchung, woraufhin auch näher beleuchtet werden soll, auf welche Weise er sogar Abstrakta im Bild sichtbar und so den Kindern zugänglich macht. In einer kurzen Schlussbetrachtung wird zuletzt noch der Anschauungsbegriff des Comenius mit dem aus unserer Zeit verglichen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführende Worte
2. Comenius’ Bild vom Kind
3. Der Aufbau des „Orbis pictus“
4. Die Bilder im „Orbis pictus“
4.1. Abkehr von der Mnemonik
4.2. Die Bilder zum naturkundlich-technischen Bereich
4.3. Die Darstellung des Unsichtbaren im Bild
5. Schlussbemerkung: Das Anschauungsbild gestern und heute
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Verhältnis von Bild und Text im "Orbis pictus" von Johann Amos Comenius. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Comenius durch die Synthese von visueller Anschauung und sprachlicher Benennung eine kindgerechte Vermittlung der göttlichen Weltordnung erreichte und sich dabei von traditionellen mnemonischen Bildkonzepten abgrenzte.
- Pädagogisches Bildverständnis des Kindes bei Comenius
- Struktureller Aufbau und didaktische Konzeption des "Orbis pictus"
- Kritische Abgrenzung von mnemonischen Lernmethoden
- Darstellung abstrakter Begriffe durch Symbole, Allegorien und Embleme
Auszug aus dem Buch
4.1. Abkehr von der Mnemonik
Eine sehr beliebte Methode, um Wissen dauerhaft im Gedächtnis zu verankern, war zu Beginn des 17. Jahrhunderts die Mnemonik, bei der mit Hilfe mnemonischer Schemata „Sachverhalte in eine bildhafte Vorstellung [umgesetzt] und […] durch Anweisung eines bestimmten Platzes in einem bildhaften Gefüge fest im Gedächtnis [verwurzelt werden]“14. Ihre Anfänge reichen dabei bis in die Antike zurück, bereits bei Aristoteles, Cicero oder Quintilian finden sich Anklänge an dieses Merksystem, bei dem es gilt, die zu merkenden Gegenstände in Bilder zu verwandeln und sie an bestimmten Örtlichkeiten (loci) anzuordnen, „die man in der Vorstellung vor Augen sieht“15. Die Bilder können innerhalb der Orte dann beliebig ausgewechselt werden. Auf diese Weise soll das spätere Abrufen der gemerkten Inhalte wesentlich erleichtert werden. „In der Mnemonik wird jedem X ein Y zugeordnet und das eine wird damit […] zum Signifikanten des anderen“16. Diese Zuordnung erfolgt jedoch willkürlich, so dass sie zunächst nur von ihrem Urheber entschlüsselt werden kann. Um allgemeine Gültigkeit zu erlangen, müssen diese Codes auch anderen einsichtig und zugänglich gemacht werden.
Auch im Mittelalter finden sich weitere Quellen der Mnemonik, wobei in methodischer Hinsicht beispielsweise Kartenspiele, Schachfiguren oder Würfel als spielerische Hilfsmittel herangezogen wurden. Als wichtige Vertreter der Mnemonik in dieser Zeit seien stellvertretend Thomas Murner, Jakobus Publicius oder Petrus Ravennas genannt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführende Worte: Einleitung in die Thematik des "Orbis pictus" als Lehrwerk, das Tendenzen seiner Zeit spiegelt und den Übergang zur Moderne sowie die Bedeutung der Muttersprache hervorhebt.
2. Comenius’ Bild vom Kind: Analyse des Bildes vom Kind als Gotteskind, das eine natürliche Offenheit für Bildung besitzt, weshalb Comenius den Unterricht kindgerecht und ohne Zwang gestalten wollte.
3. Der Aufbau des „Orbis pictus“: Beschreibung des "bebilderten Kompendiums der Welt", das Gottes Schöpfung als harmonische Ordnung darstellt und durch seine klare Struktur den Lerneffekt fördern soll.
4. Die Bilder im „Orbis pictus“: Untersuchung der illustrativen Gestaltung, die durch die Abkehr von der Mnemonik hin zur anschaulichen Wissensvermittlung und zur Symbolik komplexer Inhalte geprägt ist.
4.1. Abkehr von der Mnemonik: Erläuterung der kritischen Distanz des Comenius zu willkürlichen mnemonischen Systemen zugunsten einer Verbindung von Realität und Anschauung.
4.2. Die Bilder zum naturkundlich-technischen Bereich: Betrachtung der realitätsnahen Darstellung von Natur und Technik, die durch die Formel 'Sehen und Benennen' gestützt wird.
4.3. Die Darstellung des Unsichtbaren im Bild: Untersuchung der Vermittlung von Abstrakta durch Symbole, Allegorien und Embleme, um auch nicht-sichtbare Welten begreifbar zu machen.
5. Schlussbemerkung: Das Anschauungsbild gestern und heute: Kritische Reflexion über den Anschauungsbegriff des Comenius im Vergleich zur modernen Pädagogik.
Schlüsselwörter
Johann Amos Comenius, Orbis pictus, Bild-Text-Verhältnis, Mnemonik, Pädagogischer Realismus, Anschauungsbild, Emblematik, Allegorie, Symbolik, Bildung, Didaktik, Frühe Neuzeit, Schöpfungsordnung, Wissensvermittlung, Kindheit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit dem Lehrwerk "Orbis pictus" von Johann Amos Comenius und untersucht insbesondere, wie die Kombination von Bild und Text zur Wissensvermittlung eingesetzt wurde.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Mittelpunkt stehen das Verständnis des Kindes in der Pädagogik des 17. Jahrhunderts, die didaktische Struktur des Lehrbuchs sowie die visuelle Vermittlung von sowohl konkreten als auch abstrakten Inhalten.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Analyse des Bild-Text-Verhältnisses und der didaktischen Strategie, mit der Comenius die göttliche Weltordnung in seinem Werk für Kinder verständlich machen wollte.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine historisch-analytische Methode, indem sie zeitgenössische Quellen, pädagogische Diskurse und fachwissenschaftliche Literatur zur Emblematik und Mnemonik heranzieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Kindheitsbildes bei Comenius, den Aufbau seines Lehrwerks sowie die differenzierte Analyse der Bildtypen (Mnemonik, Naturbeobachtung und symbolische Darstellung).
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind hierbei Anschauung, Mnemonik, Emblematik, Pädagogischer Realismus und die Synthese von Bild und Text.
Wie unterscheidet sich die Vorgehensweise von Comenius von der damaligen Mnemonik?
Während die Mnemonik auf willkürlichen Platzierungen von Bildern basierte, setzt Comenius auf eine authentische Anschauung, die das Einzelne immer in den Kontext der gesamten Schöpfungsordnung einbettet.
Welche Rolle spielen Symbole und Allegorien bei der Darstellung des "Unsichtbaren"?
Comenius nutzt Symbole und Allegorien, um abstrakte Konzepte (wie die Gerechtigkeit oder die Trinität) in sinnlich wahrnehmbare Bildzeichen zu übersetzen und somit den Kindern den Zugang zu komplexen geistigen Inhalten zu ermöglichen.
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- Julia Hohm (Author), 2008, Überlegungen zum Bild-Text-Verhältnis im "Orbis pictus" des Johann Amos Comenius, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122803