Über Stefan Zweig: "Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers"


Seminararbeit, 2006
21 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Europäer Stefan Zweig
2.1. Sein gelebtes Europäertum
2.2. Seine Idealformen des Zusammenlebens

3. Zweigs Verhältnis zu Kunst und Musik
3.1. Seine Begeisterung für Kunst und Musik von Kindheit an
3.2. Stefan Zweig und die Musik
3.3. Der Sammler Stefan Zweig

4. Die Welt von Gestern – (k)eine Autobiographie?

5. Episoden und Zufälle aus seinem Leben

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Als Stefan Zweig Ende des Jahres 1939 in Amerika damit beginnt, seine Autobiographie niederzuschreiben, geschieht dies unter besonderen und ungünstigen Umständen. Er befindet sich in der Ferne im Exil und muss sein Werk ohne jegliche Erinnerungsstütze verfassen: „Kein Exemplar meiner Bücher, keine Aufzeichnungen, keine Freundesbriefe sind mir in meinem Hotelzimmer zur Hand“[1], denn all das hat er bei seiner Emigration zurücklassen müssen. Den Entschluss, überhaupt solch ein Erinnerungsbuch zu schreiben, fasst er auf Grund der ungeheuren Situation und Katastrophen, insbesondere der beiden Weltkriege, die er als Zeitgenosse miterleben musste. Eigentlich liegt es ihm nämlich eher fern, seine eigene Person derart in den Vordergrund zu stellen. „Viel mußte sich ereignen, unendlich viel mehr, als sonst einer einzelnen Generation an Geschehnissen, Katastrophen und Prüfungen zugeteilt ist, ehe ich den Mut fand, ein Buch zu beginnen, das mein Ich zur Hauptperson hat oder – besser gesagt – zum Mittelpunkt. […] Dies unser gespanntes, dramatisch überraschungsreiches Leben zu bezeugen, scheint mir Pflicht“[2]. So möchte er den nachfolgenden Generationen ein umfassendes und vor allem wahres Zeugnis seiner Zeit geben.

Die Titelfindung gestaltet sich zunächst schwierig, mehrere Titel wie z.B. Meine drei Leben, These Days are Gone, Ein Leben für Europa oder Wir, Eine geprüfte Generation, über die Stefan Zweig auch mit seinen Freunden diskutiert, werden als unpassend verworfen. Erst nach Vollendung des Werkes im Oktober 1941 entscheidet er sich für den Titel Die Welt von Gestern. Unter diesem Titel erscheint sein Werk posthum 1944 im Bermann-Fischer-Verlag Stockholm.

Das Buch ist in insgesamt 16 Kapitel unterteilt, wobei man jeweils 8 Kapitel thematisch zusammenfassen kann[3]: Im ersten Teil behandelt Zweig die von ihm so genannte „Welt der Sicherheit“, die Welt vor dem ersten Weltkrieg, seine Schul- und Jugendzeit, die Sexualmoral der Zeit und diverse Reisen, z.B. nach Paris, Indien und Amerika. Der zweite Teil umfasst dann den ersten Weltkrieg, die Inflation in Berlin und Österreich, Zweigs Kampf um ein intellektuell vereintes Europa, den Aufstieg Hitlers und seinen Gang ins Exil.

In der vorliegenden Arbeit soll Stefan Zweigs Verhältnis zur Internationalität und sein Ringen um ein geistig vereintes Europa näher beleuchtet werden, denn schon im gewählten Untertitel Erinnerungen eines Europäers leuchtet die Wichtigkeit dieser Thematik für ihn auf. Ein weiterer Schwerpunkt wird auf Stefan Zweigs Verhältnis zur Kunst und Musik liegen, das er Zeit seines Lebens pflegte. Schließlich wird noch der Frage nachgegangen, ob es sich bei dem vorliegenden Werk tatsächlich um eine Autobiographie oder doch vielmehr um Memoiren handelt.

2. Der Europäer Stefan Zweig

2.1. Sein gelebtes Europäertum

Internationalität, Europäertum sowie der Gedanke von einem vereinten Europa spielen in Die Welt von Gestern eine große Rolle und sind oftmals Gegenstand der Erzählung. Auch der Untertitel „Erinnerungen eines Europäers“, den Stefan Zweig ursprünglich als alleinigen Titel wählen wollte, verweist darauf, wie sehr sich Zweig als Europäer fühlte und welchen Stellenwert ein europäisches Gemeinschaftsbewusstsein für ihn Zeit seines Lebens hatte.

Schon in seiner eigenen Familie zeigt sich Stefan Zweigs persönliche Internationalität.[4] Mitglieder der Familie seiner Mutter gehen als „Bankiers, Direktoren, Professoren, Advokaten und Ärzte“[5] in alle Welt, nach St. Gallen, Wien, Paris, Italien oder New York, „und dieser internationale Kontakt [verleiht] ihnen besseren Schliff, größeren Ausblick“[6]. Sie alle sprechen mehrere verschiedene Sprachen, bei Familientreffen wechselt man wie selbstverständlich fließend von einer in die andere hinüber. Auch Stefans Vater Moritz Zweig ist „gebildet, weltläufig [und] beherrscht[] Englisch und Französisch“[7].

Stefan Zweig selbst unternimmt nach seiner Schulzeit, die für ihn „mehr Bedrückung als Geborgenheit“[8] bedeutete, unzählige Reisen innerhalb Europas und fühlt sich selbst laut eigener Aussage als „Weltbürger“[9]. Dieses Reisen „[fällt] ihm um so leichter, weil er als Sohn eines Millionärs und später als glänzend verdienender Schriftsteller zu den ‚happy few’ gehört[], die auf Reisen einen gepflegten Lebensstil kultivieren [können]“[10]. Seine erste Reise führt ihn im Rahmen seines Studiums nach Berlin, wo er aus der engen Bindung an seine Familie und seinem aus der gleichen jüdisch-bürgerlichen Schicht stammenden Freundeskreis ausbrechen und neue interessante Menschen aus den verschiedensten Gegenden und Schichten treffen will.[11] Wenig später reist er nach Belgien, um dem von ihm verehrten Dichter Emile Verhaeren zu begegnen, den er später auch ins Deutsche übersetzt und im deutschen Sprachraum bekannt macht. Gleichzeitig kommt er bei dieser Gelegenheit mit zwei ihm befreundeten Bildhauern zusammen. „Der lange Aufenthalt in Belgien [ist] für Zweig nur der Auftakt zu einem ausgedehnten Wanderleben, das ihn zwischen seinem zwanzigsten und dreißigsten Lebensjahr in die Zentren Europas und bald darauf in alle Erdteile führt[]“[12], z.B. nach Frankreich, England, Spanien oder in die Niederlande. Vor allem eine gewisse innere Unruhe und Unrast sind Gründe für diese „Wanderjahre“[13] zwischen 1904 und 1914. Auf Anraten Walther Rathenaus unternimmt er schließlich sogar Reisen nach Indien und Amerika: „Sie können England nicht verstehen, solange Sie nur die Insel kennen. […] Und nicht unseren Kontinent, solange Sie nicht mindestens einmal über ihn hinausgekommen sind. […] Warum fahren Sie nicht einmal nach Indien und nach Amerika?“[14], so Rathenaus Worte. Auf all seinen Reisen kommt Stefan Zweig mit ihm bekannten Schriftstellern, Künstlern und Intellektuellen zusammen, sucht „stoffliche und thematische Anregungen für seine literarische Arbeit“[15] und veröffentlicht seine ersten Werke.

Bei der Lektüre von Die Welt von Gestern fällt zudem auf, dass er viele fremdsprachige, vor allem englische und französische Vokabeln und Wendungen wie selbstverständlich in seinen eigenen Sprachschatz übernommen hat. Dies mag zum einen an seinen vielen Reisen ins europäische Ausland, zum anderen aber sicherlich auch an seiner vielsprachigen Prägung von Seiten des Elternhauses liegen. So betritt er beispielsweise die „hall“ eines Hotels und nicht die Empfangshalle oder legt sich einen „shawl“ statt eines Schals um. Auch viele französische Wendungen finden sich in seinen Worten wieder, die er fließend in seinen Wortschatz integriert hat.

Diese enorme Sprachkenntnis erleichtert ihm auch seinen Umgang mit unzähligen nationalen und internationalen Wissenschaftlern, Künstlern und Politikern. Einige von ihnen lernt er teils zufällig über schon bestehende Bekanntschaften auf seinen Reisen kennen und ist ab diesem Zeitpunkt dann auch mit ihnen eng befreundet. An dieser Stelle seien nur wenige dieser Persönlichkeiten genannt, wie beispielsweise Sigmund Freud, Hugo von Hofmannsthal, Rainer Maria Rilke, Richard Strauß, James Joyce, Salvador Dali, Maxim Gorkij oder Walther Rathenau. Auffällig ist, dass der Autobiographie ein umfangreiches Namensregister nachgestellt ist, was auf die Vielzahl der Personen verweist, mit denen Stefan Zweig Umgang pflegte oder mit denen er sich im Laufe seines Lebens beschäftigte.

Zusammen mit vielen dieser seiner Bekannten, allen voran Emile Verhaeren, Romain Rolland, Sigmund Freud und Maxim Gorkij, ist es sein Ziel, eine europäische Kultur aufzubauen und eine geistige Einheit Europas zu schaffen. Dieses Vorhaben bezeichnet er als die eigentliche Idee seines Lebens[16], und als am besten für diese Aufgabe geeignet erscheinen ihm die Dichter. „Unter den Künstlern ist der Dichter der geistige Führer, der sittliche Sprecher seiner Nation und aller Nationen. In der Gemeinschaft der führenden Köpfe konstituiert sich die Herrschaft des europäischen Geistes. Diese Vorstellung nimmt Klopstocks Idee von der deutschen ‚Gelehrtenrepublik’ wieder auf und erweitert sie zur Idee einer übernationalen europäischen Vereinigung bedeutender Persönlichkeiten, die der Entwicklung und zukünftigen Vervollkommnung des Menschen dient.“[17] Er selbst tritt als „Mittler zwischen Menschen und Kulturen“[18] auf, indem er – nicht zuletzt auch, um seine literarischen Ausdrucksmöglichkeiten zu erweitern – fremdsprachige Autoren ins Deutsche übersetzt, um sie dann auf verschiedenen Reisen im deutschsprachigen Raum bekannt zu machen. Für diese seine „moralische Aufgabe“[19] verzichtet er sogar für mehrere Jahre auf seine eigene literarische Tätigkeit. So übersetzt er zum Beispiel Romain Rolland, Camille Lemonnier, Charles Baudelaire oder Emile Verhaeren, der in Deutschland überhaupt erst durch Stefan Zweig bekannt wird. Des Weiteren beschreibt Stefan Zweig in Die Welt von Gestern auch ein zunehmendes europäisches Bewusstsein und Zusammenwachsen, das sich vor Beginn des ersten Weltkrieges zu entwickeln scheint.[20] Er beobachtet ein langsam wachsendes europäisches Gemeinschaftsgefühl und europäisches Nationalbewusstsein, wenn sich die Triumphe der Technik, wie zum Beispiel der Zeppelinflug oder die Überquerung des Ärmelkanals, überschlagen und ganz Europa auch auf die Errungenschaften anderer Nationen stolz ist, ganz so als wären es die eigenen. Auch ist die Trauer nach dem Luftschiffunglück in Echterdingen keine deutsche, sondern vielmehr eine europäische Trauer. Ein echtes europäisches ‚Wir-Gefühl’ entsteht.

[...]


[1] Zweig, Stefan: Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers. Berlin: Suhrkamp Verlag 1949. S. 12.

[2] Zweig, S.: Die Welt von Gestern. S. 7ff.

[3] Vgl. im Folgenden: Kesten, Hermann: Stefan Zweig, der Freund. In: Stefan Zweig. Im Zeugnis seiner Freunde. Herausgegeben und eingeleitet von Hanns Arens. München/Wien: Langen Müller Verlag 1968. S. 137.

[4] Vgl. für diesen Absatz: Zweig, Stefan: Die Welt von Gestern. S. 23-26.

[5] Zweig, S.: Die Welt von Gestern. S. 23.

[6] Zweig, S.: Die Welt von Gestern. S. 23.

[7] Schröter, Klaus (Hrsg): Stefan Zweig mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten dargestellt von Hartmut Müller. Hamburg: Rowohlt 1988. S. 12.

[8] Bauer, Arnold: Stefan Zweig (= Köpfe des XX. Jahrhunderts. Band 21). Berlin: Colloquium Verlag 1961. S. 11.

[9] Zweig, S.: Die Welt von Gestern. S. 256.

[10] Schröter, K.: Stefan Zweig mit Selbstzeugnissen. S. 39.

[11] Vgl. für diesen Absatz: Schröter, K.: Stefan Zweig mit Selbstzeugnissen. S. 30-55.

[12] Bauer, A.: Stefan Zweig. S. 22.

[13] Schröter, K.: Stefan Zweig mit Selbstzeugnissen. S. 39.

[14] Zweig, S.: Die Welt von Gestern. S. 207.

[15] Schröter, K.: Stefan Zweig mit Selbstzeugnissen. S. 39.

[16] Vgl.: Zweig, S.: Die Welt von Gestern. S. 362.

[17] Schröter, K.: Stefan Zweig mit Selbstzeugnissen. S. 50.

[18] Bauer, A.: Stefan Zweig. S. 20.

[19] Zweig, S.: Die Welt von Gestern. S. 144.

[20] Vgl. für den folgenden Abschnitt: Zweig, S.: Die Welt von Gestern. S. 221f.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Über Stefan Zweig: "Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers"
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturgeschichte)
Veranstaltung
Autobiographisches Schreiben im 20. Jahrhundert
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
21
Katalognummer
V122804
ISBN (eBook)
9783640279425
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit ist gut strukturiert und sowohl in der Konzeption, was die Fragestellung anbetrifft, als auch in der Realisierung, was die Argumentationsstruktur und ihre Ergebnisse anbetrifft, sehr überzeugend.
Schlagworte
Stefan, Zweig, Welt, Gestern, Erinnerungen, Europäers, Autobiographisches, Schreiben, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Julia Hohm (Autor), 2006, Über Stefan Zweig: "Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122804

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