Die Hérodiade-Dichtung ist ein wichtiger Teil innerhalb des Gesamtwerks Mallarmés. Sie war ein Lebensprojekt, das er nie beendet hat. Es sind mehrere Bruchstücke erhalten, von denen nur eines, nämlich die „Scène“, zu Lebzeiten Mallarmés publiziert wurde. Es gibt nur Vermutungen zum Gesamtplan des Werkes, der unter dem Titel Les Noces d’Hérodiade – Mystère erscheinen sollte. Trotz der erhaltenen Teile bleibt Mallarmés Hérodiade-Dichtung fragmentarisch, da weder die endgültige Fassung der Dichtungen noch die Reihenfolge der einzelnen Teile gesichert ist.
Die Arbeit an Hérodiade gehörte zu Mallarmés Projekt des Oeuvre Pure , das ihn bis zu seinem Tod beschäftigt hat. In diesem Oeuvre Pure ging es darum - ausgehend von der Tradition der Idee des absoluten Buches der Romantik - die ästhetisch empfangene Welt erschöpfend als Dichtung darzustellen, und somit die „Idee des Universums“ vollständig in Sprache umzusetzen. Die Sprache in ihrer Eigenheit gewinnt dadurch bei Mallarmé eine magische Bedeutung: Sie ist nicht mehr bloßes Ausdrucksmittel für die Wahrheit, sondern sie selbst ist die Wahrheit.
So war der Hintergrund des Salome-Mythos für Mallarmé nicht relevant. Vielmehr war der Name „Hérodiade“ in seiner phonetischen und morphologischen Beschaffenheit als Inspiration entscheidend. Es finden sich in der Dichtung zwar Anklänge an Aspekte wie den Opfertod Johannes, aber sie erfüllen ausschließlich poetische Funktionen.
Die „Ouverture Ancienne“, mit der ich mich beschäftigen werde, ist später als die „Scène“ verfasst worden. Die „Ouverture“ ist deshalb interessant, weil in ihr Mallarmés Wendung vom realen Theater hin zum imaginären Theater bereits vollzogen ist und Mallarmé die Charakterdarstellung und Einschränkungen der realen Umsetzung zugunsten des sprachlichen und poetischen Aufbaus der Dichtung außer Acht lassen konnte.
Ich werde im Ersten Teil die darstellerischen Merkmale und Grundmotive der „Ouverture“ herausstellen. Im zweiten Teil untersuche ich anhand einer genaueren Analyse der ersten Strophe die sprachliche und stilistische Umsetzung der Grundintentionen des Textes.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. „Ouverture ancienne“
3. interpretatorische Analyse der ersten Strophe
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die „Ouverture ancienne“ aus Stéphane Mallarmés „Hérodiade“-Dichtung, um die zugrundeliegenden poetischen Prinzipien und die künstlerische Umsetzung des Untergangs sowie des kreativen Neubeginns zu analysieren. Dabei steht die Frage im Zentrum, wie Mallarmé durch die Aufhebung von Zeitlichkeit und die Spiegelung von Sprache eine autonome, vom Bewusstsein generierte poetische Welt erschafft.
- Analyse der musikalischen und symphonischen Komposition der „Ouverture“.
- Untersuchung der Symbolik von Verlassenheit und Abschiedsstimmung.
- Deutung der Rolle von Hérodiade als Symbol für das reine Kunstwerk.
- Exemplarische sprachliche und stilistische Interpretation der ersten Strophe.
Auszug aus dem Buch
3. Interpretatorische Analyse der ersten Strophe
Die „Ouverture“ beginnt mit dem Wort „Abolie“, was in der zweiten Zeile nochmals wiederholt wird. „Abolie“ führt leitmotivisch das Thema der Abwesenheit eines ehemals Anwesenden ein. Dieses erste „Abolie“ bezieht sich auf „Une Aurore“ (Z. 4), die als Verantwortliche für die szenische Setzung, nämlich den Turm als örtliche Bestimmung genannt wird. Diese Morgenröte ist „héraldique“ (Z. 4) und „ancienne“ (Z. 17), Relikt einer „legendären Vorzeit“, nun aber „abgeschafft“, dass heißt, nicht mehr vorhanden. Somit ist diese Textstelle bestimmt von einem abwesenden Motiv, was ihr selbst einen unwirklichen Charakter verleiht.
Das „aboli“ der zweiten Zeile bezieht sich auf „bassin“. Hier wird das Spiegel-Motiv eingebracht, welches das entscheidende Mittel zur Selbsterkenntnis Hérodiades und somit zur Erkenntnis überhaupt wird. Der Spiegel ist hier also abgeschafft und das gleich auf zweifache Weise: das Wasser im Becken als spiegelndes Element ist mit dem Becken verschwunden. Das Wort „mire“, dass im Zusammenhang mit dem Becken genannt wird, ist ebenfalls mit abgeschafft, welches auf eine zweite Ebene der Spiegelung, eine Spiegelung der Spiegelung selbst, die einst vorhanden war, verweist. Durch die doppelte Spiegelung entfernt sich der Text von der objektiven Wirklichkeit und läßt die eigentliche Bedeutung der Wörter zugunsten ihrer gegenseitigen Beziehungen zunehmend verblassen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel verortet das Werk im Gesamtprojekt Mallarmés und erläutert den fragmentarischen Charakter der Hérodiade-Dichtung sowie die Zielsetzung der Analyse.
2. „Ouverture ancienne“: Hier werden der musikalische Charakter, die formale Struktur und die zentralen Leitmotive der Dichtung, wie das Thema der Abwesenheit und die Rolle der Amme, beleuchtet.
3. interpretatorische Analyse der ersten Strophe: Das Kapitel bietet eine detaillierte, zeilenweise Interpretation der ersten Strophe, wobei der Fokus auf dem „aboli“-Motiv und der Spiegel-Symbolik liegt.
Schlüsselwörter
Mallarmé, Hérodiade, Ouverture ancienne, Lyrik, Symbolismus, Sprache, Untergang, Neubeginn, Spiegel-Motiv, Ästhetik, Abwesenheit, Oeuvre Pure, Zeitlichkeit, Bewusstsein, Kunstwerk.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der literaturwissenschaftlichen Analyse von Stéphane Mallarmés Dichtung „Hérodiade“, speziell mit dem Teil der „Ouverture ancienne“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Ästhetik des „reinen Kunstwerks“ (Oeuvre Pure), die Symbolik des Untergangs und der Abschiedsstimmung sowie die philosophische Reflexion über Sprache und Bewusstsein.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die sprachliche und stilistische Umsetzung der Grundintentionen Mallarmés in der „Ouverture“ aufzuzeigen und zu ergründen, wie das Gedicht als selbstreflexives Gebilde funktioniert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine interpretatorische Textanalyse angewandt, die durch den Einbezug zentraler Forschungsliteratur (z.B. von Szondi und Gould) gestützt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine allgemeine Beschreibung der „Ouverture“ hinsichtlich ihrer formalen und thematischen Beschaffenheit sowie eine detaillierte Interpretation der ersten Strophe.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind vor allem Mallarmé, Symbolismus, Ästhetik, Spiegel-Motiv, Abwesenheit und die Analyse des dichterischen Prozesses selbst.
Wie wird das „aboli“-Motiv in der Analyse gedeutet?
Das „aboli“ wird als leitmotivischer Ausdruck für die Abwesenheit und den Verlust verstanden, der sich sowohl auf die Morgenröte als auch auf das Spiegel-Motiv bezieht und den Text von der objektiven Wirklichkeit entfremdet.
Welche Bedeutung kommt der Amme und dem Schauplatz zu?
Die Amme fungiert als Subjekt der Beobachtung, das den Leser über Naturbilder und Dekore hin zum imaginären Schauplatz führt, um Hérodiade als Symbol der reinen Geistigkeit vorzubereiten.
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- Simone Linde (Author), 2001, Zu: Mallarmés "Hérodiade" - die "Ouverture ancienne", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12289