Vor einigen Jahren lautete eine Schlagzeile in der Zeit: „Das deutsche Bildungssystem hat versagt: Es ist ungerecht und produziert Mittelmaß.“ (Fahrholz, Gabriel, Müller, 2002).
Die Medien berichteten Tage lang über die internationale Schulstudie PISA. Der Befund von PISA schlug wie eine Bombe in die bildungspolitische Landschaft ein: Die Lesekompetenz von 23% der 15- jährigen Schüler in Deutschland gab Anlass zur Besorgnis. Die geringe Lesebereitschaft und Leselust der Schüler sind Gründe für dieses schlechte Ergebnis. „Dieser Schock war sozusagen ein Weckruf an uns alle.“ (Fahrholz, Gabriel, Müller, 2002).
Experten kamen zu dem Schluss, dass vor allem die Förderung von Kindern im Vor- und Grundschulbereich dringend verbessert und ausgebaut werden muss. Denn wenn man Vorschulkinder eines Jahrgangs betrachtet, kann man feststellen, dass die Entwicklungsschere bei Kindern gleichen Alters immer mehr auseinanderklafft.
Ein entscheidender Schlüssel zum Erwerb bzw. Nicht-Erwerb bedeutsamer Spracherfahrungen und Sprachleistungen, wie auch zu der damit zusammenhängenden Lesekompetenz liegt in der frühen Kindheit (vgl. Roux, 2005, S.3).
Im Schulalltag ist aber oft zu wenig Zeit oder es mangelt an engagierten Lehrern, sodass die Voraussetzungen der Schüler nicht ermittelt werden können. So können Schüler schon bald Probleme bekommen, die man mit Hilfe einer Frühförderung hätte verringern oder beseitigen können.
In jedem Falle sollte eine Präventionsdiagnostik einer Sprachförderung vorangehen. Eine für das letzte Kindergartenjahr oder das erste Schuljahr geeignete Präventionsdiagnostik ist die Fitness-Probe, bei der in verschiedenen Bereichen Schwächen und Stärken der Kinder ermittelt werden können. Passend dazu gibt es ein Konzept mit unterschiedlichen Förderbausteinen die eine gezielte Förderung ermöglichen.
Der erste Teil meiner Arbeit wird sich mich mit der Theorie der Sprachförderung auseinandersetzen und in dem darauf folgenden Teil wird von den Erfahrungen mit der Fitness-Probe und den Förderbausteinen berichtet.
[...]
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
I Theoretischer Teil
1 Sprache
1.1 Was ist Sprache?
1.2 Die Sprachstruktur
1.3 Unterscheidung zwischen Sprache und Sprechen
2 Kommunikation
2.1 Was ist Kommunikation?
2.2 Kommunikationsablauf
2.3 Stufen der Kommunikation
2.3.1 Körpersprache
2.3.2 Lautsprache
2.3.3 Schriftsprache
2.3.4 Rechnersprache
3 Erstspracherwerb
3.1 Theoretische Erklärungsversuche
3.1.1 Behaviorismus
3.1.2 Nativismus
3.1.3 Kognitivismus
3.1.4 Interaktionismus
3.2 Voraussetzungen des Erstspracherwerbs
3.2.1 Hörvermögen
3.2.2 Sprechwerkzeuge
3.2.3 Hirnreifung
3.2.4 Motivationale Faktoren
3.2.5 Familiäre Lebensbedingungen
3.3 Entwicklungsphasen
4 Zweitspracherwerb
4.1 Theorien zum Zweitspracherwerb
4.1.1 Identitätshypothese
4.1.2 Transfer-Hypothese
4.1.3 Interlanguage-Hypothese
4.1.4 Monitor-Hypothese
4.1.5 Pidgin-Hypothese
4.2 Bedingungen des Zweitspracherwerbs
4.2.1 Allgemeine Entwicklung des Kindes
4.2.2 Bisherige Erfahrungen
4.2.3 Eigenarten der deutschen Sprache
4.2.4 Fehlerschwerpunkte ausländischer Kinder
4.2.5 Erstsprache
5 Sprachförderung
5.1 Förderung der Erstsprache
5.1.1 Sprachförderkonzepte
5.1.2 Prinzipien der Förderung
5.2 Förderung beim Erwerb der Zweitsprache
5.2.1 Förderkonzepte
5.2.2 Förderschwerpunkte
6 Literalität
6.1 Was ist Literalität?
6.2 Wie entsteht Literalität?
6.3 Stufen der Literalität
6.4 Wie kann man Literalität fördern?
II Praktischer Teil
7 Vorstellung der Kindertagesstätte
7.1 Das letzte Jahr im Kindergarten
7.2 Elternarbeit
7.3 Kontaktaufnahme
7.4 Beschreibung des Förderraumes
8 Beschreibung der Fitnessprobe
8.1 Allgemeines
8.2 Beobachtungsaspekte und Aufgaben
8.2.1 Beobachtungsaspekt 1: Sprachgedächtnis
8.2.2 Beobachtungsaspekt 2: Auditive Wahrnehmung
8.2.3 Beobachtungsaspekt 3: Sprachverstehen
8.2.4 Beobachtungsaspekt 4: Malen/Schreiben
8.2.5 Beobachtungsaspekt 5: Aussprache einzelner Wörter
8.2.6 Beobachtungsaspekt 6: Konstruieren von Sätzen
8.2.7 Beobachtungsaspekt 7: Sprachbewusstsein und Phonologische Bewusstheit
8.3 Durchführung der Fitnessprobe
9 Beschreibung der Kinder und Ergebnisse des Eingangstestes
9.1 Beschreibung und Ergebnisse des Eingangstestes der Fördergruppe
9.1.1 Athieshan
9.1.2 Darius
9.1.3 Mert
9.1.4 Timon
9.1.5 Jathu
9.2 Beschreibung und Ergebnisse des Eingangstestes der Kontrollgruppe
9.2.1 Anna
9.2.2 Marcel
9.2.3 Sanchi
9.2.4 Lennart
9.2.5 Ansgar
9.3 Vergleich der Ergebnisse des Einganstestes der Fördergruppe und der Kontrollgruppe
10 Die Förderung
10.1 Fördertermine
10.2 Fördereinheiten
10.2.1 Erste Fördereinheit
10.2.2 Zweite Fördereinheit
10.2.3 Dritte Fördereinheit
10.2.4 Vierte Fördereinheit
10.2.5 Fünfte Fördereinheit
10.2.6 Sechste Fördereinheit
10.2.7 Siebte Fördereinheit
10.2.8 Achte Fördereinheit
10.2.9 Neunte Fördereinheit
10.2.10 Zehnte Fördereinheit
10.2.11 Elfte Fördereinheit
10.2.12 Zwölfte Fördereinheit
11 Ergebnisse des Abschlusstestes
11.1 Ergebnisse des Abschlusstestes der Fördergruppe
11.1.1 Athieshan
11.1.2 Darius
11.1.3 Mert
11.1.4 Timon
11.1.5 Jathu
11.2 Ergebnisse des Abschlusstestes der Kontrollgruppe
11.2.1 Anna
11.2.2 Marcel
11.2.3 Sanchi
11.2.4 Lennart
11.2.5 Ansgar
11.3 Vergleich der Ergebnisse des Abschlusstestes der Fördergruppe und der Kontrollgruppe
12 Auswertung
12.1 Auswertung der Ergebnisse der Fördergruppe
12.1.1 Athieshan
12.1.2 Darius
12.1.3 Mert
12.1.4 Timon
12.1.5 Jathu
12.2 Auswertung der Ergebnisse der Kontrollgruppe
12.3 Prozentualer Vergleich der Fördergruppe und der Kontrollgruppe
13 Elternnachmittag
Schlusswort
Literaturverzeichnis
Anhang
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Wirksamkeit einer gezielten Sprachförderung bei Vorschulkindern, um deren Lernvoraussetzungen für den Schuleintritt zu optimieren und bestehende Entwicklungsschere-Effekte zu verringern. Basierend auf einer theoretischen Fundierung zum Sprach- und Zweitspracherwerb wird mittels einer empirischen Untersuchung („Fitness-Probe“) die Sprachkompetenz einer Fördergruppe im Vergleich zu einer Kontrollgruppe analysiert.
- Theoretische Grundlagen zum Erst- und Zweitspracherwerb
- Einsatz präventionsdiagnostischer Instrumente (Fitness-Probe)
- Konzeption und Durchführung von gezielten Sprachfördereinheiten
- Vergleichende Analyse von Eingangs- und Abschlusstests
- Ergebnisse der empirischen Studie in der Kindertagesstätte
Auszug aus dem Buch
1.1 Was ist Sprache?
Sprache wurde von Chomsky (1969) als „das wichtigste Medium der zwischenmenschlichen Kommunikation, gleichzeitig aber auch als eine der kompliziertesten Fähigkeiten des Menschen“ bezeichnet (vgl. Günther 2004, S.16). Es handelt sich dabei um ein Zeichensystem, welches nach bestimmten Regeln abläuft und mit welchem Menschen miteinander kommunizieren. „Die Sprache dient der Kodierung, Fixierung und Überlieferung von menschlichen Ereignissen, Wissen, Werten, Normen und Erfahrungen.“ (Günther 2004, S.16).
Das Phänomen Sprache hat eine zweifache Natur. Erstens die soziale Natur, als der kollektive Besitz einer Sprachgemeinschaft und zweitens die individuelle Natur, als das vom Individuum erworbene System der Einzelsprache. Weder die soziale noch die individuelle Natur sind direkt beobachtbar. Nur die Zeichenfolgen schriftlicher und der Schallstrom mündlicher Äußerungen können beobachtet werden. Sprachgemeinschaft nennt man die Gruppe, die dieselbe Sprache spricht und das Individuum, welches sich diese Sprache im primären frühkindlichen Spracherwerb vollständig und sicher angeeignet hat, wird als „native speaker“ bezeichnet (vgl. Volmert 2000, S.13).
Ferdinand de Saussure verwendet drei Grundbegriffe um Sprache zu erfassen. Mit „langue“ bezeichnet er das sprachliche System, als gesellschaftliche Erscheinung und den kollektiven Besitz der sprachlichen Gemeinschaft. „Parole“ ist die Realisierung menschlicher Sprache und die beobachtbaren Produkte in gesprochener und geschriebener Form. Die angeborene menschliche Sprachfähigkeit wird bei Saussure als „faculté de langage“ bezeichnet. Es ist die menschliche Art sich durch Lautzeichen zu verständigen und das Vermögen jedes Kindes sich dieses System in wenigen Jahren anzueignen (vgl. Volmert 2000, S. 15f).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Sprache: Definition der Sprache als komplexes Zeichensystem und Erläuterung der linguistischen Grundbegriffe nach Saussure und Chomsky.
2 Kommunikation: Darstellung der Kommunikationsarten (verbal, paraverbal, nonverbal) und deren Bedeutung für den Austausch zwischen Individuen.
3 Erstspracherwerb: Übersicht über theoretische Modelle des Spracherwerbs (Behaviorismus, Nativismus, Kognitivismus, Interaktionismus) sowie dessen physiologische und soziale Voraussetzungen.
4 Zweitspracherwerb: Erörterung der Hypothesen zum Zweitspracherwerb und der spezifischen Lernbedingungen für Kinder aus Sprachminderheiten.
5 Sprachförderung: Reflexion historischer und aktueller Förderkonzepte zur Unterstützung der Erst- und Zweitsprache im Kindergarten.
6 Literalität: Definition und Stufen der Literalitätsentwicklung bei Kindern und Ansätze zur Förderung der Lese- und Schreibkompetenz.
7 Vorstellung der Kindertagesstätte: Beschreibung der pädagogischen Einrichtung und der besonderen Angebote für Vorschulkinder.
8 Beschreibung der Fitnessprobe: Detaillierte Vorstellung des präventionsdiagnostischen Instruments zur Erfassung des sprachlichen Entwicklungsstandes.
9 Beschreibung der Kinder und Ergebnisse des Eingangstestes: Darstellung der Probanden (Förder- und Kontrollgruppe) und der initialen Testergebnisse.
10 Die Förderung: Dokumentation und Reflexion der zwölf durchgeführten Fördereinheiten im „Kinderhaus am Nordring“.
11 Ergebnisse des Abschlusstestes: Analyse der Leistungsfortschritte der Kinder nach Abschluss des Förderprogramms.
12 Auswertung: Vergleich der Fortschritte zwischen Förder- und Kontrollgruppe zur Überprüfung der Wirksamkeit der Maßnahme.
13 Elternnachmittag: Bericht über die Rückmeldung an die Eltern und die Präsentation der erarbeiteten Fortschritte.
Schlüsselwörter
Sprachförderung, Literalität, Fitness-Probe, Erstspracherwerb, Zweitspracherwerb, Spracherwerbstheorien, Kommunikationsfähigkeit, Frühförderung, Bildungsbereich Sprache, Sprachbewusstsein, phonologische Bewusstheit, Schulfähigkeit, Sprachdiagnostik, pädagogische Intervention, Kleingruppenarbeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Sprachdefizite bei Vorschulkindern frühzeitig diagnostiziert und durch gezielte Fördermaßnahmen im Kindergartenalltag effektiv behoben werden können, um die Startchancen in der Grundschule zu verbessern.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf den Spracherwerbstheorien, der Förderung der Erst- und Zweitsprache, der Entwicklung der Literalität sowie der praktischen Umsetzung einer präventionsdiagnostischen Sprachförderung.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Hauptziel ist es, die Effekte eines speziellen Sprachförderprogramms („Fitness-Probe“) auf die sprachliche Entwicklung von Vorschulkindern empirisch nachzuweisen und zu dokumentieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine empirische Studie mit einem Prä-Post-Test-Design, bei der eine Fördergruppe und eine Kontrollgruppe über einen Zeitraum von zwölf Einheiten beobachtet und verglichen werden.
Was wird im praktischen Teil behandelt?
Der praktische Teil dokumentiert die konkrete Durchführung von Sprachfördereinheiten in einer Kindertagesstätte sowie die Auswertung individueller Testergebnisse der Kinder vor und nach der Maßnahme.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Fachbegriffe sind unter anderem Literalität, phonologische Bewusstheit, Sprachgedächtnis, Interlanguage-Hypothese und die Fitness-Probe als Diagnoseinstrument.
Wie genau hilft die "Fitness-Probe" bei der Diagnostik?
Sie ermöglicht eine systematische Erfassung spezifischer Kompetenzen wie Sprachgedächtnis, auditive Wahrnehmung und Sprachverstehen, um gezielte Förderbedarfe bei einzelnen Kindern zu identifizieren.
Welche Erkenntnis ergibt sich aus dem Vergleich der Förder- und Kontrollgruppe?
Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass die gezielte Förderung zu signifikant größeren Leistungssteigerungen in sprachlichen Kernbereichen führt als die natürliche Entwicklung ohne zusätzliche pädagogische Intervention.
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- Ina Hergert (Author), 2008, Förderung der Literalität bei Vorschulkindern - Feststellung der Effekte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122958