Periphere politische Akteure wie Greenpeace, die nicht für die Besetzung von politischen Ämtern durch (Volks-)Wahlen kandidieren und somit nicht zum Zentrum des politischen Systems gehören, sind zur Durchsetzung ihrer Interessen auf die Mobilisierung von Öffentlichkeit angewiesen. In modernen Gesellschaften wird Öffentlichkeit vermehrt von Massenmedien hergestellt und reproduziert. Daher interessiert in dieser Arbeit die Frage, inwiefern ein Akteur wie Greenpeace in der Lage ist, Aufmerksamkeit für sich und seine Anliegen in den Massenmedien zu erzeugen.
Für die Verteilung von öffentlicher Aufmerksamkeit in einer modernen Gesellschaft ist in einem großen Masse das System der Massenmedien zuständig. Greenpeace verfolgt gezielt Strategien wie zum Beispiel das Inszenieren von Ereignissen (mehr oder weniger spektakuläre Aktionen, Pressekonferenzen), um die Aufmerksamkeit der Medien und in der Folge der Öffentlichkeit auf sich zu ziehen. Die Aufmerksamkeit für die Organisation Greenpeace alleine garantiert jedoch noch keine Aufmerksamkeit für ihre Anliegen. Damit befindet sich Greenpeace auf einer Gratwanderung zwischen der reinen Erzeugung von Aufmerksamkeit und der Vermittlung von Inhalten.
Für die Publizistikwissenschaft und für diese Arbeit stellen sich die folgenden Fragen: Lässt sich das System der Massenmedien vom Akteur Greenpeace in dem Sinne irritieren, dass es seine Anliegen aufgreift und veröffentlicht? Inwiefern ist das System der Massenmedien offen, inwiefern verhält es sich selektiv? Lassen sich an der Art und Weise der Veröffentlichung Entscheidungsprogramme (konkret die Berücksichtigung von Nachrichtenwerten) feststellen? Gelingt es umgekehrt Greenpeace, Aufmerksamkeit für sich und für seine Anliegen zu erzeugen? Erweist sich eine Anpassung an das System der Massenmedien (im Sinne einer Adaption an erwartete Entscheidungsprämissen) als begünstigend für eine Veröffentlichung? Welche Rolle spielen insbesondere von Greenpeace inszenierte Ereignisse? Gibt es themenspezifische, ereignisabhängige oder sonstige charakteristische Eigenschaften, welche die mediale Aufmerksamkeit beeinflussen? Wie steht es insbesondere mit der Aufmerksamkeit für spektakuläre Aktionen und konkrete Anliegen? Wie werden einzelne Anliegen in den Medien erwähnt und wie verändern sich deren Gewichte in der Berichterstattung?
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
1.1. Theoretischer Hintergrund und Forschungsinteresse
1.2. Fragestellungen
1.3. Methodisches Vorgehen
1.4. Ziele
2. THEORIE UND STAND DER FORSCHUNG
2.1. INTERMEDIÄRES SYSTEM DER POLITIKVERMITTLUNG
2.1.1. Die Phasen im politischen Prozess
2.2. ÖFFENTLICHKEIT
2.2.1. Öffentlichkeit als Legitimationsinstanz und Artikulationsmedium
2.2.2. Funktionale Differenzierung
2.2.3. Öffentlichkeit als Marktplatz für Aufmerksamkeit
2.2.4. Funktionen der Öffentlichkeit für das politische System
2.2.5. Strukturen und Merkmale der Öffentlichkeit - Öffentlichkeitsebenen
2.3. SYSTEM DER MASSENMEDIEN
2.3.1. Funktionen und Leistungen des Systems der Massenmedien
2.3.2. Veröffentlichung als autopoietischer Prozess?
2.3.3. Publizität als thematisch geformte Aufmerksamkeit
2.4. DER AKTEUR GREENPEACE
2.4.1. Rechtliche Situation und Selbstdarstellung von Greenpeace
2.4.2. Greenpeace als kollektiver Akteur der Interessenartikulation
2.4.3. Mobilisierung von Öffentlichkeit als zentrale Ressource
2.4.4. Kampagnen und Aktionen als Mittel zur Erzeugung von Aufmerksamkeit
2.4.5. Vermittlung von Inhalten als Teilziel der Pressearbeit von Greenpeace
2.5. ZONE DER INTERPENETRATION UND DER INPUT-OUTPUT-PROZESS
2.5.1. Zone der Interpenetration
2.5.2. Der Input-Output Prozess als Prozess der Veröffentlichung
2.6. ENTSCHEIDUNGSPROGRAMME UND NACHRICHTENWERTE
2.6.1. Entscheidungsprogramme
2.6.2. Nachrichtenwertforschung
2.6.3. Nachrichtenwerte für diese Studie
2.7. VERWENDETE NACHRICHTENDIMENSIONEN UND –WERTFAKTOREN
2.7.1. Probleme
2.7.2. Schadensdimensionen
2.7.3. Vorwürfe und beschuldigte Akteure
2.7.4. Forderungen und Adressaten
2.7.5. Ereignisse
2.7.6. Gegendarstellungen
2.8. VERGLEICHBARE INPUT-OUTPUT-STUDIEN
2.8.1. Input-Output-Studien zu diversen Themen und Akteuren
2.8.2. Input-Output-Studien zu Greenpeace
3. METHODE
3.1. METHODIK DER STUDIE
3.1.1. Die Input-Output-Analyse
3.1.2. Vorgehen für diese Studie
3.2. FRAGESTELLUNGEN UND HYPOTHESEN
3.2.1. Beschreibung der Grundgesamtheit
3.2.2. Fragestellungen und Hypothesen zur Grundgesamtheit
3.2.3. Fragestellungen und Hypothesen zur Stichprobe
3.3. FORSCHUNGSDESIGN UND STICHPROBE
3.3.1. Forschungsschritt I: Analyse der Grundgesamtheit
3.3.2. Forschungsschritt II: Ziehung der Stichprobe
3.4. MESSDIMENSIONEN UND OPERATIONALISIERUNG
3.4.1. Messdimensionen und Operationalisierung für die Grundgesamtheit
3.4.2. Messdimensionen und Operationalisierung für die Stichprobe
4. RESULTATE FÜR DIE GRUNDGESAMTHEIT
4.1. ÜBERBLICK ÜBER DIE GRUNDGESAMTHEIT
4.1.1. Zeitlicher Überblick
4.1.2. Bezüge der Berichterstattung über Greenpeace
4.1.3. Themenanteile bei Input und Output
4.1.4. Selektionsquotienten und Themenverteilung der Publikationen
4.2. RESONANZANALYSE
4.2.1. Resonanz der einzelnen Pressemitteilungen
4.2.2. Einfluss von Aktionen auf die Resonanz
4.2.3. Einfluss von Themen auf die Resonanz
4.3. ZUSAMMENFASSUNG DER RESULTATE FÜR DIE GRUNDGESAMTHEIT
5. RESULTATE FÜR DIE STICHPROBE
5.1. ALLGEMEINE EIGENSCHAFTEN DES OUTPUTS
5.2. EINFLUSS DER NACHRICHTENDIMENSIONEN UND -WERTE AUF DIE RESONANZ
5.2.1. Ereignistyp
5.2.2. Konfliktdimension
5.2.3. Problemdimension
5.2.4. Schadensdimension
5.2.5. Vorwürfe
5.2.6. Beschuldigte Akteure
5.2.7. Forderungen
5.2.8. Adressierte Akteure
5.2.9. Zusammenfassung: Einflüsse auf die Resonanz
5.3. AUFHÄNGER UND ANTEIL DER NACHRICHTENDIMENSIONEN
5.3.1. Aufhänger
5.3.2. Anteil der Nachrichtendimensionen
5.4. ERWÄHNUNG DER NACHRICHTENDIMENSIONEN IM OUTPUT
5.4.1. Erwähnung des Hauptproblems
5.4.2. Erwähnung der Vorwürfe und beschuldigten Akteure
5.4.3. Erwähnung der Forderungen und Adressaten
5.4.4. Zusammenfassung: Anteile und Erwähnung der Nachrichtendimensionen
6. FAZIT
6.1. Zusammenfassung und Diskussion der Resultate
6.2. Schlusswort
7. LITERATUR
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es zu untersuchen, inwiefern der Akteur Greenpeace in der Lage ist, durch Pressemitteilungen und inszenierte Aktionen Aufmerksamkeit in Deutschschweizer Zeitungen zu erzeugen, und inwieweit diese Anliegen in der medialen Berichterstattung tatsächlich transportiert werden.
- Analyse der Resonanz von Pressemitteilungen im Zeitraum 1999–2004
- Einfluss von inszenierten Ereignissen und Aktionen auf die mediale Aufmerksamkeit
- Untersuchung der Nachrichtenwertforschung im Kontext der Input-Output-Analyse
- Empirische Überprüfung der Übernahme inhaltlicher Nachrichtendimensionen
Auszug aus dem Buch
1.1. Theoretischer Hintergrund und Forschungsinteresse
Periphere politische Akteure wie Greenpeace, die nicht für die Besetzung von politischen Ämtern durch (Volks-)Wahlen kandidieren und somit nicht zum Zentrum des politischen Systems gehören, sind zur Durchsetzung ihrer Interessen auf die Mobilisierung von Öffentlichkeit angewiesen (vgl. unter anderen Schmitt-Beck 1990: 657, Gerhards 1992, Rucht 1994, Jarren/Donges 2002: 146). In modernen Gesellschaften wird Öffentlichkeit vermehrt von Massenmedien hergestellt und reproduziert (vgl. unter anderen Jarren 1988, Gerhards/Neidhardt 1993 [zuerst 1990], Habermas 1992, Marcinkowski 1993, Luhmann 1996, Jarren/Sarcinelli/Saxer 1998). Daher interessiert in dieser Arbeit die Frage, inwiefern ein Akteur wie Greenpeace in der Lage ist, Aufmerksamkeit für sich und seine Anliegen in den Massenmedien zu erzeugen.
Die theoretischen Grundlagen für die Arbeit bilden Gedanken zur Politikvermittlung in modernen demokratischen Gesellschaften im Allgemeinen (Kapitel 2.1) sowie zur Rolle von Öffentlichkeit im Besonderen (Kapitel 2.2).
Im Zuge der funktionalen Ausdifferenzierung moderner Gesellschaften hat sich ein System der Massenmedien entwickelt, welches zunehmend für die Beobachtung der einzelnen Teilsysteme und die Herstellung von gesamtgesellschaftlich wahrnehmbarer Öffentlichkeit verantwortlich ist. Öffentlichkeit im Sinne von Publizität beinhaltet immer eine gewisse Form von (nach Themen strukturierter) Aufmerksamkeit (vgl. Marcinkowski 1993: 49). Für die Verteilung von öffentlicher Aufmerksamkeit in einer modernen Gesellschaft ist in einem grossen Masse das System der Massenmedien (im Folgenden auch kurz ‚das Mediensystem’ genannt) zuständig (Kapitel 2.3).
Das Mediensystem muss, damit es seine Funktion erfüllen kann, prinzipiell offen sein für die Anliegen unterschiedlicher gesellschaftlicher Teilsysteme und Akteure. Gleichzeitig muss es aber selektiv sein, in dem Sinne, dass es aus der unendlich grossen Menge an Information, die potentiell vorhanden ist, diejenige auswählt, die es für gesellschaftlich relevant hält. In der Folge entwickeln sich auf der Ebene des Systems der Massenmedien Sekundärcodes, wie zum Beispiel die Nachrichtenwerte, welche die jeweiligen Entscheidungen im System zur Veröffentlichung beziehungsweise Nicht-Veröffentlichung (und zur Art und Weise der Veröffentlichung) prägen. Auf der Ebene der Organisationen manifestieren sich diese Codes in so genannten Entscheidungsprogrammen (Kapitel 2.6).
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Definiert den theoretischen Hintergrund von Greenpeace als peripherem Akteur und umreißt die Fragestellung bezüglich der mediale Aufmerksamkeitserzeugung.
2. THEORIE UND STAND DER FORSCHUNG: Erläutert das intermediäre System der Politikvermittlung, das Mediensystem und die Rolle von Greenpeace innerhalb dieser Strukturen.
3. METHODE: Beschreibt das methodische Vorgehen der Input-Output-Analyse sowie die Operationalisierung der Messdimensionen anhand eines Kategoriensystems.
4. RESULTATE FÜR DIE GRUNDGESAMTHEIT: Präsentiert die quantitative Auswertung der 387 Pressemitteilungen und 6151 Zeitungsartikel über den gesamten Untersuchungszeitraum.
5. RESULTATE FÜR DIE STICHPROBE: Untersucht vertieft die inhaltlichen Dimensionen und den Einfluss von Nachrichtenfaktoren auf die Resonanz mittels einer geschichteten Stichprobe.
6. FAZIT: Diskutiert die Ergebnisse, hinterfragt die Wirksamkeit der PR-Arbeit von Greenpeace und reflektiert kritisch über die Rolle der Massenmedien.
Schlüsselwörter
Input-Output-Analyse, Greenpeace, Medienresonanz, Öffentlichkeit, Mediensystem, Nachrichtenwerte, Politikvermittlung, Kampagnen, Journalismus, Nachrichtendimensionen, Pressearbeit, Aufmerksamkeitsökonomie, Themenresonanz, Ereignismanagement, Printmedien.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie es dem Umweltverband Greenpeace gelingt, seine Anliegen in den Massenmedien (spezifisch Deutschschweizer Tageszeitungen) zu platzieren und welche Faktoren dabei eine Rolle spielen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Im Zentrum stehen die Prozesse der Interpenetration zwischen Greenpeace und den Medien, die Nachrichtenwertforschung sowie die Effizienz von PR-Kampagnen zur Generierung von öffentlicher Aufmerksamkeit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es wird erforscht, ob und wie Greenpeace mediale Aufmerksamkeit für seine Anliegen erzeugen kann und inwieweit das System der Massenmedien die Inhalte dieser Anliegen bei der Publikation übernimmt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autor verwendet eine empirische Input-Output-Analyse, bei der Pressemitteilungen von Greenpeace (Input) mit den tatsächlich erschienenen Zeitungsartikeln (Output) abgeglichen werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Herleitung der Intermediärsysteme und eine empirische Analyse, die sowohl quantitative Resonanzzahlen als auch die qualitative Übernahme inhaltlicher Nachrichtendimensionen untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Input-Output-Analyse, Nachrichtenwerte, Medienresonanz und politische Kommunikation beschreiben.
Welche Rolle spielen spektakuläre Aktionen bei der Berichterstattung?
Die Ergebnisse zeigen, dass Aktionen und inszenierte Ereignisse einen sehr hohen Nachrichtenwert besitzen und die Wahrscheinlichkeit für eine Berichterstattung sowie deren visuelle Attraktivität (Bilder) signifikant erhöhen.
Wie wirken sich Pressekonferenzen auf die Berichterstattung aus?
Pressekonferenzen erweisen sich in dieser Studie als besonders erfolgreiches Mittel, nicht nur um Aufmerksamkeit zu erzielen, sondern auch um inhaltliche Anliegen klarer und detailreicher in den Medien zu kommunizieren.
- Quote paper
- Jan Flückiger (Author), 2005, Der Kampf um Aufmerksamkeit. Das Echo von Greenpeace-Pressemitteilungen in Deutschschweizer Zeitungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/123045