Die Volxbibel – das Buch der Bücher als Sprachexperiment


Seminararbeit, 2008

21 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Entstehungsgeschichte und religiöser Hintergrund
2.1 Martin Dreyer und die Jesus-Freaks
2.2 Entstehungsgeschichte bis zur Veröffentlichung der Version 1.0

3 Bibel als Sprachexperiment
3.1 Was Dreyer unter Sprachexperiment versteht
3.2 Wieso die Bibel?
3.3 Volxbibel-Wiki
3.3.1 Einführendes zum Wiki-Konzept
3.3.2 Umsetzung des Sprachexperiments im Volxbibel-Wiki
3.3.3 Fazit
3.4 Unterschiede zwischen den gedruckten Versionen

4 Erfolg auf dem Buchmarkt

5 Rezeption in kirchlichen Kreisen
5.1 Einführendes zur Rezeption
5.2 Positive Resonanz
5.3 Negative Resonanz

6 Resümee

7 Literaturverzeichnis
7.1 Primärquellen
7.2 Sekundärliteratur

1 Einleitung

Jesus redete weiter zu seinen Freunden: „Keine Panik, Leute! Wenn ihr Gott vertraut, dann vertraut jetzt auch mir! Denn da, wo mein Vater wohnt, gibt es viele Buden, wo man einziehen kann. Ich geh vor und mach für euch schon mal alles klar! (Joh. 14,1–2)1

So klingt die bekannte Stelle aus dem Johannes-Evangelium in „Volx-Deutsch“. Bei Luther hieß es noch „Euer Herz erschrecke nicht!“ und „Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten“. Was einige Theologen für eine notwendige Modernisierung halten, sehen andere wiederum als das Werk des Antichristen.2 Die Rede ist von der Volxbibel, einer der umstrittensten Bibelübertragungen unserer Zeit. Martin Dreyer, ihr Verfasser, nennt seine Bibel ein Sprachexperiment. Sein Ziel ist, die Sprache der Bibel immer so einfach und so aktuell wie möglich zu halten und Internetnutzer in die Übertragungsarbeit mit einzubinden.3

Ich habe mir in dieser Arbeit zur Aufgabe gestellt, dieses Sprachexperiment genauer zu untersuchen. Was meint Dreyer konkret mit dem Ausdruck Sprachexperiment? Wie will er es umsetzen? Und schließlich: Wie reagieren die Kirchen auf seinen Versuch? Um diese Fragen zu beantworten, ist es zunächst nötig zu klären, aus welchem religiösen Umfeld die Volxbibel stammt. Dazu werde ich zunächst näher auf die Person Martin Dreyers und die Jesus Freaks eingehen. Danach soll die Entstehungsgeschichte erläutert und die Frage besprochen werden, warum sich ausgerechnet die Bibel für ein Sprachexperiment eignen soll. Im Anschluss will ich versuchen, die oben angesprochenen Fragen zu beantworten.

Das Thema der Arbeit im Speziellen, aber auch die Volxbibel im Allgemeinen fanden in der Forschung bisher keine Beachtung. Es gibt die Monografie „Handbuch Bibelübersetzungen“,4 die einen kurzen Einblick in die Hintergründe und Besonderheiten der Volxbibel gibt, mehr allerdings nicht. Die weitere gedruckte Literatur zur Volxbibel stammt entweder von Dreyer selber oder ist von Gegnern der Volxbibel verfasst worden.5 In beiden Fällen handelt es sich folglich um sehr subjektive Beschreibungen. Dennoch ist besonders Dreyers „Anwenderhandbuch zur Volxbibel“6 sehr hilfreich, um die Entstehungsgeschichte der Volxbibel nachzuvollziehen und um Dreyers Motivation und seine Ziele darzustellen. Einen ausführlichen Einblick in die Geschichte der Jesus Freaks und deren religiöses Profil bietet Klaus Farin in seinem Buch „Freaks für Jesus“. Für die Einführung in das Wiki-Konzept erwiesen sich besonders die Arbeiten von Christina Bertram und Patrick Danowski als hilfreich. Da es nur wenig gedrucktes Material zur Volxbibel gibt, musste ich größtenteils auf Internetquellen zurück greifen. Das war allerdings nicht hinderlich, da die Volxbibel selbst in gewisser Weise ein Online-Projekt ist.

Es wäre zu wünschen, dass die Forschung anfängt, sich intensiver mit diesem Projekt auseinander zu setzen. Es ist bisher immerhin einmalig, dass ein Buch ständig von Internetnutzern überarbeitet wird und somit zu einem, nach Dreyer, wahrhaft „lebendige[n] Buch“7 werden kann.

2 Entstehungsgeschichte und religiöser Hintergrund

2.1 Martin Dreyer und die Jesus-Freaks

Um das Anliegen, das der Autor Martin Dreyer mit seiner Volxbibel verfolgt, besser verstehen zu können, ist es zunächst notwendig, auf die religiöse Bewegung der Jesus-Freaks einzugehen.

Die Jesus Freaks sind eine christliche Jugendbewegung, die 1991 von Martin Dreyer in Hamburg gegründet wurde.8 Martin Dreyer absolvierte zu Beginn der 90er Jahre eine freikirchliche Pastorenausbildung. Danach nahm er an einem einjährigen „Missionseinsatz“ für Youth With A Mission9 in Amsterdam teil. Dort soll Dreyer auf die Idee gekommen sein „eine Gruppe für Freaks aufzumachen, die nie in eine Kirche [...] kommen würden, um mit ihnen auf ihre Art und Weise Gottesdienste zu veranstalten in Räumen, in denen sie sich auch wohl fühlten“10. Ab 1991 veranstaltete Dreyer in Hamburg „Jesus-Abhäng-Abende“, bei denen sich (Ex-)Straßenkinder, Punks und (Ex-)Drogenabhängige trafen und über Jesus redeten. Die Gemeinschaft erhielt großen Zulauf und bald gab es auch in anderen Städten Jesus Freaks Gruppen. Nach Klaus Farin wurde die Bewegung dann 1995/96 beim Amtsgericht Hamburg als offizieller Verein Jesus Freaks International e.V. eingetragen.11

Es ist schwierig, genaue Informationen über die Mitgliederzahlen oder über die Anzahl der Jesus Freaks Gruppen zu finden. Farin zufolge gab es 2004 74 regionale Gruppen in Deutschland.12 In den letzten Jahren haben sich auch Gruppen in Österreich und der Schweiz gebildet.13 Es wird geschätzt, dass es insgesamt circa 2000 Jesus Freaks in Deutschland gibt.14

Die Jesus Freaks verbreiten keine abweichenden Glaubensinhalte, sondern charakterisieren sich durch ihr Ziel, den christlichen Glauben zu den gesellschaftlichen Randgruppen, wie den Punks oder auch den Skinheads zu bringen.15 Zu diesen Marginalisierten haben sie meistens selber gehört, wahrscheinlich ist deswegen auch ihre Missionierung unter den jungen Leuten so erfolgreich. Obwohl die Jesus Freaks neue Formen der Glaubensausübung entwickeln, um ihre Zielgruppe auch erreichen zu können, gehen sie jedoch bei den Glaubensinhalten keinerlei Kompromisse ein. Auf der Homepage der Jesus Freaks heißt es: „Grundlage unseres gesamten Glaubens ist die Bibel. [...] Hier machen wir keine Abstriche. Wir haben es erlebt und bezeugen es mit unserem Leben, dass dieses Evangelium rettet, Gott zur Ehre“16. Besonders beim Thema Sexualität beharren die Jesus Freaks darauf, die Bibel wörtlich zu nehmen. Sie betrachten unehelichen oder gleichgeschlechtlichen Geschlechtsverkehr als Sünde und beharren darauf, dass man durch den Glauben von Homosexualität geheilt werden könne.17 Es ist durchaus gerechtfertigt, die Jesus Freaks als evangelikal zu bezeichnen. Sie stimmen in wichtigen Punkten mit der evangelikalen Theologie überein.18 Dazu gehört die bereits erwähnte Bibeltreue und die Betonung der persönlichen Beziehung zu Gott und Jesus, mit denen man über das Gebet direkt kommunizieren könne. Dreyer ist überzeugt: „Es geht darum, eine Beziehung mit Gott zu haben. Das ist das Einzige, worauf es ankommt“19. Des Weiteren ist bei den Evangelikalen das Bekehrungserlebnis wichtig, das heißt der Moment, wo man sich bewusst für den christlichen Glauben entscheidet. Viele Anhänger der evangelikalen Theologie werden meist nach einem unchristlichem Lebenswandel quasi über Nacht bekehrt.20 Das trifft auch auf Dreyer zu, der erst mit 21 Jahren Christ geworden ist,21 nachdem seine Schwester ihn von der Straße geholt haben soll.22 Zuletzt soll noch auf die Wichtigkeit der Missionierung hingewiesen werden, die bei allen evangelikalen Gemeinden eine große Rolle spielt. Dreyer geht davon aus, dass es für einen Nicht-Christen kein wahrhaft erfülltes Leben oder ein Leben im Jenseits geben kann.23 Daher spielt der Missionsauftrag bei den Jesus Freaks eine entsprechend große Rolle. Die Volxbibel ist, wie noch ausführlicher dargestellt werden soll, in erster Linie als Mittel zur Missionierung gedacht.24 Es muss jedoch Klaus Farin zugestimmt werden, der betont, dass die Bewegung nicht den rechtskonservativen christlichen Fundamentalisten zuzurechnen sei. Dafür seien die Jesus Freaks zu liberal-antiautoritär geprägt und in ihrer Grundhaltung zu unpolitisch.25

2.2 Entstehungsgeschichte bis zur Veröffentlichung der Version 1.0

Im Folgenden soll näher darauf eingegangen werden, wie das Projekt der Volxbibel zustande gekommen ist. Dazu muss erst einmal kritisch bemerkt werden, dass die einzige Quelle zu diesem Thema Martin Dreyer selber ist. In seinem Anwenderhandbuch für die Volxbibel beschreibt er sehr ausführlich den Weg bis zur Veröffentlichung der ersten Version.26

Dreyer ist fest davon überzeugt, dass Gott ihn mit diesem Projekt beauftragt hat. Als Beweis schildert er ein Erlebnis aus seiner Zeit in Amsterdam. In einem freikirchlichen Gottesdienst hätte der Pastor plötzlich auf Dreyer gezeigt und folgende „‚prophetische Worte‘ von Gott“27 verkündet: „Gott hat mir gezeigt, er sieht in dir einen Matthäus. Du hast die Aufgabe von ihm bekommen, deinen Leuten das Evangelium in ihre Sprache zu übersetzen“28. Im Jahr 2001 habe er sich erstmals mit einem Verleger aus München29 getroffen und mit ihm die Idee für eine neue Bibelübersetzung in jugendlicher Sprache diskutiert. Bei diesen Gesprächen sei man erstmals auf den Namen Volxbibel gekommen. Der Titel ist von den Volxküchen abgeleitet. Das sind Einrichtungen aus der autonomen Szene, in denen junge Menschen zusammen kochen und auch an arme Menschen auf der Straße Essen verteilen.30 Dieses Prinzip wurde auch für die Volxbibel angestrebt. Es sollte eine Übersetzung für „einfache junge Leute“31 sein. Zusammen mit anderen Autoren fing Dreyer an, verschiedene Stellen aus dem neuen Evangelien umzuformulieren. Man kann nicht von Übersetzen sprechen, weil die Grundlage nicht der altgriechische Urtext war, da zumindest Dreyer diese Sprache nicht beherrscht.32 Der Münchner Verlag gab das Projekt schließlich auf, laut Dreyer mit der Begründung, dass die Stile der Übertragenden zu unterschiedlich gewesen seien.33

Dreyer war aber weiterhin von seinem Projekt überzeugt und fragte bei anderen Verlagen an, bis er im Oktober 2004 eine Zusage vom R. Brockhaus Verlag bekam. Er übertrug daraufhin den Rest des Neuen Testaments in die „Volx-Sprache“. Angeblich sei es bei der Arbeit immer wieder zu „Anfechtung[en] von der dunklen Seite“34 gekommen. Bei diesen sei ihm Satan erschienen und ebender hätte auch immer wieder seinen Computer abstürzen lassen! Dieses sei hier nur angefügt, weil es noch einmal verdeutlicht, dass es Dreyer nicht nur um ein einfaches Projekt geht, sondern dass er sich, so stellt er es zumindest dar, wirklich von Gott berufen fühlt.

Noch vor der Veröffentlichung entstand die Homepage der Volxbibel,35 auf der Dreyer schon Teile seiner Übertragung veröffentlichte, unter anderem Psalm 121, der bei ihm folgendermaßen beginnt: „1 Ein cooler Song für den Weg zur Party, die in Jerusalem abgeht [...] Gott beschützt dich vor jeder Scheiße, er passt auf dich auf“36. Daraufhin erreichten noch vor der Veröffentlichung des Buches circa 400 Protest-E-Mails den Verlag. Dieser forderte von Dreyer eine Überarbeitung, bei der die Fäkalausdrücke umformuliert werden sollten. R. Brockhaus beschloss wegen der Proteste, einen neuen Verlag in der Stiftung Christliche Medien für die Volxbibel zu gründen. In diesem Volxbibel-Verlag ist das Buch am 15. Dezember 2005 erschienen.37

3 Bibel als Sprachexperiment

3.1 Was Dreyer unter Sprachexperiment versteht

Die Volxbibel hat vor allem deshalb großes Aufsehen erregt, weil es sich vorrangig um ein radikales Sprachexperiment handelt. Martin Dreyer erklärt dazu im Vorwort der Volxbibel:

Die Volxbibel ist ein Sprachexperiment. Sprache verändert sich ständig, das kann jeder sehen, der mal in die erste Bibelübersetzung von Luther reinschaut. [...] Er wollte ‚dem Volk aufs Maul schauen‘ und mit dem Volk meinte er die Leute vom Markt, den Normalo von der Straße, den Freak von gegen- über. Genauso ist es das Ziel der Volxbibel, eine möglichst normale Sprache zu sprechen, mit Ausdrücken, wie man sie im Jugendzentrum oder auf dem Schulhof hört.38

[...]


1 Dreyer 2007, S. 228.

2 Vgl. Biblisches Forschungskomitee 2007, S. 1; Ebertshäuser 2006, S. 46.

3 Vgl. Dreyer 2006, S. 3f.

4 Vgl. Kuschmierz 2007.

5 Vgl. Ebertshäuser 2006 und Kotsch 2006.

6 Vgl. Dreyer 2008.

7 Ebd., S. 5.

8 Vgl. Farin 2005, S. 7 sowie Odenwald 2007, S. 1.

9 YWAM versteht sich selbst als „internationale Bewegung junger Christen, die sich dazu berufen wissen, Jesus Christus zu dienen und das Evangelium vom Reich Gottes ganzheitlich zu leben und zu verkünden.“ (Siehe http://www.jmem.de/uns.htm).

10 Dreyer 2008, S. 15.

11 Vgl. Farin 2005, S. 7 sowie Dreyer 2008, S. 13–16 und Odenwald 2007, S. 1.

12 Vgl. Farin 2005, S. 10.

13 Siehe http://www.jesusfreaks.at; http://www.jesusfreaks.ch.

14 Vgl. Bickelhaupt 2007.

15 Vgl. Farin 2005, S. 7.

16 http://jesusfreaks.de/seite/was-wir-glauben.

17 Vgl. Farin 2005, S. 11–13.

18 Vgl. Tröger 1990, S. 69f und Schmid 1998.

19 Dreyer 2006, S. 566.

20 Vgl. Farin 2005, S. 5.

21 Vgl. Dreyer 2006, S. 6.

22 Vgl. Ebd., S. 6 sowie Farin 2005, S. 6.

23 Vgl. Dreyer 2006, S. 565.

24 Vgl. ebd., S. 6 und idea Pressedienst 2006, S. 1.

25 Vgl. ebd., S. 13.

26 Vgl. Dreyer 2008, S. 13–31.

27 Ebd., S. 14.

28 Ebd., S. 15.

29 Es ist nicht festzustellen, welchen Verlag Dreyer genau meint.

30 Vgl. ebd., S. 17 sowie Kuschmierz 2007, S. 115.

31 Dreyer 2008, S. 17.

32 Martin Dreyer vermerkt auf seiner Homepage auch seine Sprachkenntnisse. Altgriechisch oder Hebräisch sind nicht aufgeführt (Siehe http://www.martin-dreyer.de). Dazu auch: Felber / Klement 2005, S. 1.

33 Vgl. ebd., S. 18f.

34 Ebd., S. 24.

35 Siehe http://www.volxbibel.de.

36 Zitiert nach Dreyer 2008, S. 26f.

37 Vgl. ebd., S. 31 und Felber / Klement 2005, S. 1.

38 Dreyer 2006, S. 3.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Volxbibel – das Buch der Bücher als Sprachexperiment
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Buchwissenschaft)
Veranstaltung
Religion und Buchmarkt
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
21
Katalognummer
V123046
ISBN (eBook)
9783640273027
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Volxbibel, Buch, Bücher, Sprachexperiment, Religion, Buchmarkt, Martin Dreyer, Wiki, Bibel
Arbeit zitieren
Maja Hetmank (Autor:in), 2008, Die Volxbibel – das Buch der Bücher als Sprachexperiment, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/123046

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