In dieser Arbeit werden Strategien der Kontrolle und Überwachung in drei klassischen
Dystopien der englischen Literatur erforscht. Am ergiebigsten wird die Überwachung in den modernen englischen Dystopien thematisiert.
Der Erforschung der Kontrollstrategien in dieser Arbeit liegen Herbert George Wells’ The Time Machine (1895), Aldous Leonard Huxleys Brave New World (1932) und George Orwells Nineteen Eighty-Four (1949) zugrunde da sie die Überwachungsthematik besonders prägnant illustrieren und sich von der utopischen
Tradition abgrenzen.
Meine These lautet, dass die ausgewählten Dystopien als Archetypen der Dystopie
bezeichnet werden können, da sie gattungshistorisch bedeutsam sind. Bezüglich der Überwachung wird die These untersucht, dass BNW eine latente Kontrolle
thematisiert, mittels derer der Weltstaat eine bessere Welt vortäuscht, die faktisch die
Bürger versklavt, wohingegen die Partei in 1984 eine terroristische und sichtbare
Überwachung illustriert und Macht zum Selbstzweck ausübt. Bezüglich TM
wird die These diskutiert, dass TM keine vorsätzliche Kontrolle wie in BNW und 1984,
sondern eine auf evolutionärer Basis fußende Überwachung veranschaulicht, demzufolge
der Mensch nicht die Krone der Schöpfung bleiben muss. Bezüglich der Sexualität wird
die These untersucht, dass in BNW und 1984 Sexualität als Unterdrückungsmittel
beansprucht wird, wohingegen Sexualität in TM nicht als Kontrollinstanz, sondern der
natürlichen Selektion dient.
Im zweiten Kapitel dieser Arbeit wird die Utopie als Gattung definiert und die Dystopie als auch die SF von der Utopie abgegrenzt, wobei erklärt wird, warum BNW und 1984 als Dystopien und TM dagegen sowohl als SF als auch als Dystopie gelten kann.
Im 3., 4. und 5. Kapitel werden die Kontrollstrategien in TM, BNW und 1984 diskutiert, wobei eine Zusammenfassung des Werkes, eine Rezeption des Forschungsstandes sowie die Sexualitätsthematik berücksichtigt werden.
In der Forschungsliteratur sind vor allem BNW und 1984, aber auch Wells’ Werke,
bedingt durch ihre Analogien oft Gegenstand eines Vergleichs. Im sechsten Kapitel
werden die Resultate bezüglich der Untersuchung der Kontrollstrategien und der
Sexualitätsthematik kontrastiert.
Abschließend werden im siebenten Kapitel die Ergebnisse dieser Arbeit kritisch rekapituliert, gefolgt von einer persönlichen Evaluation.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Dystopie im Kontext der utopischen Tradition
2.1. Die Quintessenz der Utopie
2.2. Die Fortschrittsskepsis als Motiv der Dystopie
2.3. Die Science Fiction als technologiebetonte Abenteuergeschichte
3. Herbert George Wells: The Time Machine (1895)
3.1. Synopsis von The Time Machine
3.2. Der Forschungsstand zu Kontrolle und Sexualität in The Time Machine
3.3. Kontrolle und Überwachung der Eloi durch die Morlocks
3.3.1. Konträre Hegemonie – Die Rache der Morlocks
3.3.2. Die Sphinx und die Antinomien als Überwachungssymbole
3.4. Liebe und Sexualität als Abbild der Kontrollstrategien in The Time Machine
4. Aldous Huxley: Brave New World (1932)
4.1. Synopsis von Brave New World
4.2. Der Forschungsstand zu Kontrolle und Sexualität in Brave New World
4.2.1. Der Forschungsstand zu Hypnopädie in Brave New World
4.2.2. Der Forschungsstand zu Liebe und Sexualität in Brave New World
4.3. Kontrolle und Überwachung durch Hypnopädie in Brave New World
4.3.1. Die Hypnopädie als Kontrollinstrumentarium – Leben nach Slogans
4.3.2. Manipulation mittels Hypnopädie am Beispiel von Lenina Crowne und Bernard Marx
4.3.3. John und die gescheiterte Rebellion
4.4. Liebe und Sexualität in Brave New World
4.4.1. Lieblose Promiskuität als Instrumentarium diktatorischer Macht
4.4.2. Lenina Crowne und Bernard Marx’ Verstöße gegen das Promiskuitätspostulat
4.4.3. John und Lenina Crownes missglückte Liebe
5. George Orwell: Nineteen Eighty-Four (1949)
5.1. Synopsis von Nineteen Eighty-Four
5.2. Der Forschungsstand zu Überwachung und Sexualität in Nineteen Eighty-Four
5.3. Kontrolle und Überwachung in Nineteen Eighty-Four - Leben im totalitären Überwachungsstaat
5.3.1. Big Brother als Symbol totalitärer Überwachung
5.3.2. Totalüberwachung mittels Telescreens – Leben ohne Privatsphäre
5.3.3. Totalitäre Kontrolle durch die Thought Police – Leben in ständiger Angst
5.4. Liebe und Sexualität in Nineteen Eighty-Four
5.4.1. Puritanische Sexualität – Lieben im totalitären Überwachungsstaat
5.4.2. Winston und Julias Liebesaffäre als erfolglose Revolte gegen das Regime
6. Synopse
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die unterschiedlichen Strategien der Kontrolle und Überwachung in drei wegweisenden Werken der englischen dystopischen Literatur. Dabei liegt der Fokus primär auf der Forschungsfrage, wie die jeweiligen Regime technologische, soziale und psychologische Instrumente nutzen, um die Autonomie des Individuums zu untergraben und staatliche Stabilität zu sichern.
- Analyse der utopischen und dystopischen Tradition
- Untersuchung von Überwachungstechnologien und Machtstrukturen
- Rolle von Sexualität und zwischenmenschlichen Beziehungen als Kontrollinstrumente
- Gegenüberstellung von technologischer vs. totalitärer Unterdrückung
- Diskussion des Scheiterns individueller Revolten gegen kollektive Systeme
Auszug aus dem Buch
3.3.2. Die Sphinx und die Antinomien als Überwachungssymbole
Den Morlocks ist die Überwachung der Eloi durch das umgekehrte Machtverhältniss in die Wiege gelegt. Doch insbesondere die Sphinx, die in TM eine zentrale Symbolik einnimmt, kann als Überwachungssymbol der Morlocks gedeutet werden. Vor allem nutzen die Morlocks die Antinomien aus, welche es ihnen ermöglichen, die Eloi zu kontrollieren. Bergonzi und Hamblock definieren Antinomien als eklatante Gegensätze, welche das Wechselverhältnis zwischen den Eloi und Morlocks diktieren. Demnach determinieren Oppositionen wie Pastoralität und Technologie, sowie Licht und Dunkelheit die Relation zwischen den Eloi und Morlocks. Kontrolle findet insbesondere durch das Ausnutzen der Morlocks der Sphinx und der Nacht statt.
Die Sphinx, “a white or silvery figure in the waste garden of the earth” (TM 34; Kap. 4), drückt die Überwachung, Omnipräsenz und Superiorität der Morlocks aus. Dies wird daran deutlich, dass die Sphinx den Zeitreisenden beobachtet, wodurch vor allem evident wird, dass sie ein Überwachungsinstrumentarium der Morlocks darstellt: “[…] the face was towards me; the sightless eyes seemed to watch me; there was the faint shadow of a smile on the lips” (eigene Emphase, 23; Kap. 3). Ähnlich wird dies wie folgt einprägsam: “[…] and so I was led past the sphinx of white marble, which had seemed to watch me all the while with a smile at my astonishment […]” (eigene Emphase, 28; Kap. 4). So wie das Lächeln der Sphinx die Gerissenheit und Dominanz der Morlocks expliziert, spielen die “sightless eyes” auf die Blindheit der Morlocks an. Obwohl diese blind sind, überwachen sie die Eloi nahezu perfekt, wodurch die Intensität der Überwachung akzentuiert wird. Gleichsam könnten die “sightless eyes” auf den latenten Charakter der Macht der Morlocks hindeuten, da diese im Schutze der Nacht jagen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert das Forschungsfeld und die methodische Herangehensweise zur Untersuchung der Kontrollstrategien in den drei gewählten Dystopien.
2. Die Dystopie im Kontext der utopischen Tradition: Dieses Kapitel verortet die Dystopie als gattungsspezifische Abgrenzung zur utopischen Tradition und führt in die Unterscheidung zur Science Fiction ein.
3. Herbert George Wells: The Time Machine (1895): Es werden die evolutionären und sozialen Machtverhältnisse zwischen den Eloi und Morlocks sowie die Symbolik der Sphinx analysiert.
4. Aldous Huxley: Brave New World (1932): Das Kapitel untersucht die Effizienz von Hypnopädie und behavioristischer Konditionierung als Mittel zur Schaffung einer stabilen, aber manipulierten Gesellschaft.
5. George Orwell: Nineteen Eighty-Four (1949): Diese Analyse fokussiert auf die totale Überwachung durch den Staat mittels Telescreens und der Thought Police als Instrumente der Angst.
6. Synopse: Hier werden die Ergebnisse der Einzelanalysen kontrastiert und die zentralen Unterschiede der Kontrollmechanismen gegenübergestellt.
7. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Relevanz der dystopischen Literatur für die heutige Zeit.
Schlüsselwörter
Dystopie, Überwachung, Kontrolle, Science Fiction, H. G. Wells, Aldous Huxley, George Orwell, Totalitarismus, Hypnopädie, Sexualität, Machtstrukturen, Evolution, Privatsphäre, Widerstand, Gesellschaftsmodell.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht, wie verschiedene dystopische Romane literarische Szenarien entwerfen, in denen staatliche oder gesellschaftliche Instanzen die totale Kontrolle über das Individuum ausüben.
Welche drei literarischen Werke bilden den Schwerpunkt der Analyse?
Der Fokus liegt auf "The Time Machine" von H. G. Wells, "Brave New World" von Aldous Huxley und "Nineteen Eighty-Four" von George Orwell.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es zu ergründen, welche spezifischen Strategien – von technologischer Überwachung bis zur psychologischen Konditionierung – in diesen Werken eingesetzt werden, um die Stabilität der jeweiligen Dystopien zu gewährleisten.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewandt?
Die Arbeit nutzt eine komparative literaturwissenschaftliche Analyse, um die verschiedenen Kontrollmechanismen der Autoren zu vergleichen und in ihren theoretischen Kontext einzuordnen.
Welche Rolle spielen Liebe und Sexualität in dieser Analyse?
Die Arbeit zeigt auf, dass Sexualität in diesen Dystopien selten ein Ausdruck von Freiheit ist, sondern oft als Instrument der Macht oder als kompensatorisches Mittel zur Stabilisierung des Staates umgedeutet wird.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die theoretische Diskussion?
Zentrale Begriffe sind Totalitarismus, Konditionierung, Überwachung, Entartung, Klassenstruktur und der Verlust der Privatsphäre.
Wie unterscheiden sich die Kontrollmechanismen in "Brave New World" und "Nineteen Eighty-Four"?
Während Huxley eine "sublime" und interne Kontrolle durch Vergnügen und Hypnopädie beschreibt, fokussiert Orwell auf eine sichtbare, terroristische Kontrolle durch Angst und staatliche Polizeigewalt.
Inwiefern beeinflusst die Evolutionstheorie Darwins das Werk von H. G. Wells?
Wells radikalisiert Darwins Theorien, indem er die menschliche Entwicklung nicht als stetigen Fortschritt, sondern als rückläufige Spaltung in zwei degenerierte Rassen darstellt.
- Arbeit zitieren
- M.A. Oliver Baum (Autor:in), 2008, "Big Brother is Watching You": Strategien der Kontrolle und Überwachung in ausgewählten englischen Dystopien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/123102