Kommunikation ist die Grundlage jeder menschlichen Beziehung. Menschen mit Sprachschwierigkeiten müssen dies immer wieder schmerzlich erfahren. Dies betrifft häufig auch geistig behinderte Menschen. Sie sind durch ihr "kognitives Anderssein" von grundlegenden Entwicklungsprozessen geistiger, seelischer und körperlicher Art betroffen, die sehr eng mit Sprache und
Sprechfähigkeit verknüpft sind. Nicht selten ist bei ihnen eine Verzögerung, Beeinträchtigung oder Störung der Sprache bzw. Sprachentwicklung festzustellen.
In der vorliegenden Studie wird die sprachliche Entwicklung von geistig behinderten und nichtbehinderten Kindern verglichen. Als Vergleichskriterium wird dabei das Entwicklungsalter gewählt, da der Begriff der Intelligenz bzw. des Intelligenzalters wenig geeignet erscheint.
Ziel dieses Vergleichs ist neben dem fachlichen Erkenntnisgewinn auch die Chance, nichtbehinderten Menschen ein besseres Verständnis für die Lebenswelt geistig behinderter Menschen zu eröffnen. Wenn man den Blick auf die Sprache richtet, werden weniger die Stärken und besonderen Fähigkeiten von geistig behinderten Menschen bei Kommunikation – wie Emotionalität oder non-verbale Signale - beleuchtet. Jedoch hängt der Erfolg aller Bemühungen um gesellschaftliche Integration von gelungener Kommunikation ab. Und dabei ist sprachliches Verständnis ein Schlüsselfaktor.
Gliederung
Vorwort
Einleitung
1 Theoretische Grundlegung
1.1 Behinderung
1.2 Geistige Behinderung
1.2.2 Ansätze zu einer Definition
1.2.3 Erzieherisch bedeutsame Besonderheiten
1.2.4 Ausgewählte epidemiologische Daten
1.2.5 Ursachen von geistiger Behinderung
1.2.5.1 Chromosomal verursachte geistige Behinderung
1.2.5.2 Metabolisch verursachte geistige Behinderung
1.2.5.3 Andere und ätiologisch unklare Ursachen von geistiger Behinderung
1.2.5.4 Exogene Formen der geistigen Behinderung
1.2.5.5 Biosoziale Kumulation
1.2.6 Entwicklungsspezifika
1.3 Sprache
1.3.1 Physiologische Grundlagen
1.3.2 Linguistische Grundlagen
1.3.3 Soziologische Anmerkungen zur Sprache
1.3.4 Entwicklungspsychologische Daten
1.3.5 Psycholinguistische Theorien zur Sprachentwicklung
1.3.5.1 Formal-syntaktische Ansätze
1.3.5.2 Semantisch-relationale Ansätze
1.3.5.3 Kommunikativ-pragmatische Ansätze
1.3.6 Neuere Forschungsergebnisse zu Sprache und Sprachentwicklung
1.3.6.1 Neurobiologische Lernmechanismen
1.3.6.2 Konnektionistische Theorien zum Spracherwerb
1.3.7 Sprachstörungen
1.3.7.1 Stammeln bzw. DysIalie
1.3.7.2 Näseln
1.3.7.3 Dysgrammatismus
1.3.7.4 Stottern
1.3.7.5 Poltern
1.3.7.6 Sonstige Sprachstörungen
1.4 Sprache und Sprechen bei geistiger Behinderung
1.4.1 Deskriptive Betrachtung
1.4.1.1 Verzögerte Sprachentwicklung
1.4.1.2 Sprachaufbaubegrenzung
1.4.1.3 Sprachstörungen
1.4.2 Sprachsituation von schwerhörigen und zerebral geschädigten geistig behinderten Menschen
1.4.3 Sprachsituation von schwerst geistig Behinderten
1.4.4 Vergleich mit der Sprache nichtbehinderter Kinder gleichen Intelligenzniveaus
1.4.5 Sprachförderung bei geistig behinderten Kindern
1.4.6 Neuere Förderansätze und Forschungsergebnisse
1.4.6.1 Augmentative und Alternative Kommunikation
1.4.6.2 Facilitated Communication
2 Fragestellungen und Aufbau der Untersuchung
2.1 Hypothesen zum Entwicklungsstand
2.2 Hypothesen zur Sprachentwicklung
2.3 Begründung des methodischen Vorgehens
2.4 Beschreibung der Testgruppen
2.5 Vorstellung des Heidelberger Sprachentwicklungstests
2.5.1 Vergleich mit konkurrierenden Testverfahren
2.5.2 Theoretische Grundlagen
2.5.3 Kurzbeschreibung der Untertests
2.5.4 Testgütekriterien
2.5.5 Modifikationen
2.6 Vorstellung des Sensomotorischen Entwicklungsgitters
2.6.1 Vergleich mit konkurrierenden Testverfahren
2.6.2 Theoretische Grundlagen
2.6.3 Testgütekriterien
2.6.4 Modifikationen
2.7 Aufbau der Untersuchung
3 Ergebnisse der Untersuchung
3.1 Ergebnisse zum Entwicklungsstand
3.2 Ergebnisse zur Sprachentwicklung
3.2.1 Sprachliche Retardierung
3.2.2 Sprachliche Komplexität
3.2.3 Sprachliche Auffälligkeiten und Störungen
3.2.4 Spezifisches Reifeplateau der Sprache
3.2.5 Kommunikativer Aspekt der Sprache
4 Interpretation der Ergebnisse
4.1 Beziehungen zwischen dem Heidelberger Sprachentwicklungstest und dem Bereich Sprache des Sensomotorischen Entwicklungsgitters
4.2 Fehlerquellen
4.3 Interpretation der Ergebnisse im Lichte der Humanwissenschaften
4.3.1 Defektorientierte medizinische Sichtweise
4.3.2 Entwicklungspsychologische Sichtweise
4.3.3 Aspekte der Allgemeinen Psychologie
4.3.4 Psycholinguistische Interpretation
4.3.5 Kommunikationstheoretische Aspekte
4.3.6 Aspekte der Allgemeinen Pädagogik
4.3.7 Sonderpädagogische Konsequenzen für die Sprachförderung geistig behinderter Kinder
4.4 Sprachliche Aspekte einer integrativen Jugendarbeit mit geistig behinderten Jugendlichen
4.4.1 Problemstellung und Ansatz
4.4.2 Begriffsklärungen
4.4.3 Chancen und Bedingungen integrativer Jugendarbeit
4.4.4 Grenzen und Probleme der Integration
4.4.4.1 Grundsätzliche Überlegungen
4.4.4.2 Exkurs: Einstellungen gegenüber geistig behinderten Menschen
4.4.5 Anmerkungen zu den Ergebnissen der vorliegenden Studie
4.4.6 Beispiele für die Integration geistig behinderter Menschen in einem Jugendverband
4.4.6.1 Das Erfahrungsfeld: der Jugendverband DPSG
4.4.6.2 Fallbeispiel 1: Liechtensteinrat
4.4.6.3 Fallbeispiel 2: Segeltörn
5 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Sprachverhalten geistig behinderter Kinder und Jugendlicher im Vergleich zu einer nichtbehinderten Vergleichsgruppe bei gleichem Entwicklungsalter. Ziel ist es, spezifische Verzögerungen und Besonderheiten der Sprachentwicklung bei geistiger Behinderung zu identifizieren und den pädagogischen Nutzen einer integrativen Jugendarbeit zu beleuchten.
- Vergleich der Sprachentwicklung bei geistig Behinderten und nicht behinderten Kindern
- Einsatz standardisierter Testverfahren (Heidelberger Sprachentwicklungstest, Sensomotorisches Entwicklungsgitter)
- Analyse der sprachlichen Komplexität auf verschiedenen Niveaustufen
- Evaluation von Integrationsmöglichkeiten in der verbandlichen Jugendarbeit
- Erkenntnisgewinn für Eltern und Erziehende zur besseren Förderung geistig behinderter Kinder
Auszug aus dem Buch
1.2.6 Entwicklungsspezifika
Selbstverständlich ist die Lebensentfaltung geistig behinderter Menschen eine spezifisch menschliche Wesensform, trotz möglicher Abweichungen von der Normalentwicklung. Eine Gleichstellung mit einem nichtbehinderten Kind jüngeren Lebensalters kann die Individualität eines geistig behinderten Kindes, Jugendlichen oder Erwachsenen in keinem Fall angemessen beschreiben. In früheren Jahrzehnten wurde die Entwicklung von geistig behinderten Kindern und Jugendlichen häufig unter dem Aspekt der Rückständigkeit und Verzögerung mit minderwertigem Abschluss gesehen. In der Entwicklungspsychologie werden andere Aspekte betont:
"Das geistig behinderte Kind ist kein Spätentwickler, bei dem man nur länger zu warten braucht, bis sich alle Einzelfunktionen entwickeln. Vielmehr löst die mehr Zeit beanspruchende Funktionsreifung gewissermaßen eine Reaktion aus, die im Endeffekt zu einer quantitativen und qualitativen Veränderung der Gesamtentwicklung führt“ (SPECK 1980, S. 60).
Die Eigenart der menschlichen Entwicklung wird durch unterschiedliche Entwicklungsmodelle beschrieben, die sich teils ausschließen, teils ergänzen. Versteht man Entwicklung als quantitative Veränderungsreihe, die einem Höhepunkt durch Zunahme von Fähigkeiten zustrebt, um danach wieder langsam abzufallen, so ist bei geistig behinderten Menschen ein stark retardierter Verlauf in den meisten Funktionsbereichen festzustellen. Das erreichte Entwicklungsplateau liegt mehr oder weniger weit unter der Durchschnittsnorm. Nach relativ ähnlichen Entwicklungsdaten nach der Geburt bleiben die behinderten Kinder immer stärker hinter dem Durchschnitt des Altersjahrganges zurück. Dieses Entwicklungsmodell muss für verschiedene Formen geistiger Behinderung und auch für verschiedene Funktionsbereiche differenziert werden. So verläuft die körperliche Entwicklung meistens relativ normal, auch gibt es sehr unterschiedliche Daten für das Reifeplateau von Menschen mit Down-Syndrom. Glaubte man lange, dass diese nur einen IQ von 30 erreichen können, so werden durchaus auch IQs zwischen 60 und 70 gefunden. Bei allen geistig behinderten Kindern und Jugendlichen ist eine unregelhafte Entwicklung vorhanden. Entwicklungsstillstände in einem bestimmten Bereich wechseln sich ab mit Entwicklungsschüben, zuweilen auch -sprüngen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Theoretische Grundlegung: Dieses Kapitel erörtert die Definition von Behinderung, spezifische Ursachen und Erscheinungsformen geistiger Behinderung sowie linguistische und psychologische Grundlagen des Spracherwerbs.
2 Fragestellungen und Aufbau der Untersuchung: Hier werden die Hypothesen zur Studie, die Auswahl der Testgruppen sowie die angewandten wissenschaftlichen Instrumente, insbesondere der Heidelberger Sprachentwicklungstest und das Sensomotorische Entwicklungsgitter, begründet.
3 Ergebnisse der Untersuchung: Dieser Abschnitt präsentiert die empirischen Daten zur allgemeinen Entwicklung und Sprachentwicklung sowie die statistische Auswertung der Hypothesen.
4 Interpretation der Ergebnisse: Die Ergebnisse werden im Kontext verschiedener Humanwissenschaften interpretiert, wobei auch Chancen und Grenzen der integrativen Jugendarbeit diskutiert werden.
5 Zusammenfassung: Dieses Kapitel bietet eine kompakte Übersicht der Forschungsziele, der Methodik und der zentralen Ergebnisse der Studie.
Schlüsselwörter
Geistige Behinderung, Sprachentwicklung, Sprachförderung, Integrationspädagogik, Heidelberger Sprachentwicklungstest, Sensomotorisches Entwicklungsgitter, Kommunikationsfähigkeit, Sprachentwicklungsrückstand, Sprachstörungen, Pädagogik, Jugendverband, Inklusion, Sprachebene, Sprache, Sprechen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Sprachverhalten geistig behinderter Kinder und Jugendlicher im Vergleich zu einer Kontrollgruppe nichtbehinderter Kinder bei vergleichbarem Entwicklungsstand.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen Sprachentwicklungsstörungen, die linguistische und psychologische Einordnung geistiger Behinderung, Methoden der Sprachdiagnostik und Möglichkeiten der integrativen Jugendarbeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu klären, ob geistig behinderte Menschen eine spezifische Form der Sprachentwicklungsverzögerung aufweisen und wie eine gelungene Integration durch Kommunikation im sozialen Umfeld gefördert werden kann.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es werden empirische Methoden angewandt, insbesondere die Testverfahren "Heidelberger Sprachentwicklungstest" (HSET) und "Sensomotorisches Entwicklungsgitter" (SEG).
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Grundlegung (Behinderung, Sprache), die Untersuchung von Hypothesen zu Entwicklungsstand und Sprache, die Ergebnisse der Testungen sowie deren Interpretation.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Sprachentwicklung, geistige Behinderung, Sprachförderung, integrative Jugendarbeit und Sprachdiagnostik.
Welche Bedeutung hat das "Heidelberger Sprachentwicklungstest" für diese Studie?
Der HSET dient als zentrales Instrument, um komplexe sprachliche Fähigkeiten (Grammatik, Semantik) detailliert zu erfassen und die sprachliche Komplexität bei den untersuchten Kindern zu messen.
Welche Rolle spielt die "Integrative Jugendarbeit" im Kontext dieser Sprachentwicklungsstudie?
Die integrative Jugendarbeit wird als praktisches Anwendungsfeld untersucht, wobei die Arbeit zeigt, dass Kommunikation (auch non-verbal) eine zentrale Rolle für gelungene Inklusion spielt.
Wie unterscheidet sich die Sprachentwicklung geistig behinderter Menschen von nichtbehinderten?
Die Studie zeigt eine signifikante Retardierung und Schwierigkeiten bei komplexen grammatikalischen Strukturen, während grundlegende Fähigkeiten auf niederschwelligen Niveaus (Laut- und Wortebene) durchaus vergleichbar sein können.
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- Dr. Albin Muff (Author), 2009, Sprachentwicklung geistig behinderter Kinder, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/123309