Spielräume der kindlichen Existenz

Interpretation und Darstellung der Imaginationsebenen in Aichingers Roman „Die größere Hoffnung“ mit Schwerpunkt auf der Analyse des Märchens „Rotkäppchen“


Hausarbeit, 2006

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Kindliche Spiele, traumhafte Träume, fabelhafte Märchen? -
Ein Vergleich zwischen den im Text vorkommenden Imaginationsebenen

3. Ein roter Heiligenschein –
Interpretation von Ellens Version des Märchens „Rotkäppchen“

4. „Und wenn sie nicht gestorben sind“ –
Das Märchen „Rotkäppchen“ bei Aichinger und den Brüdern Grimm

5. „Die größere Hoffnung“ – Relativierung durch Poetisierung?

6. Schluss

Bibliografie

1. Einleitung

Ilse Aichinger zählt zu den ersten jüdischen AutorInnen der deutschen Nachkriegszeit, die ihre Erfahrungen unter dem Terrorregime der Nationalsozialisten niedergeschrieben und veröffentlicht haben. Ihr erster und einziger Roman „Die größere Hoffnung“ ist bereits 1948 im Fischer-Verlag erschienen. Thema des autobiografisch gefärbten Romans ist die Erfahrung des „existenziellen Interims“[1], in dem sich die Protagonistin Ellen als sogenannte Halbjüdin befindet, und die Art und Weise, wie sie mit dieser schwierigen Lebenssituation umgeht.

In der vorliegenden Arbeit werde ich zunächst die existenziellen Spielräume, die sich Ellen und ihre jüdischen Freunde mit Hilfe ihrer Imagination schaffen, bestimmen und voneinander abgrenzen. Den Schwerpunkt meiner Arbeit bildet die ausführliche Analyse einer dieser Imaginationsebenen, das Märchen, dessen Funktion und Wirkung ich anhand des von Ellen erzählten Märchens „Rotkäppchen“ interpretieren werde. Anschließend möchte ich diese Version des berühmten Märchens mit der der Brüder Grimm vergleichen und auf die Unterschiede hin untersuchen. Abschließend werde ich durch die Gegenüberstellung verschiedener Positionen auf die umstrittene Frage eingehen, ob und, wenn ja, inwiefern es zulässig und vertretbar ist, den Nationalsozialismus mit Poetik bzw. Kunst zu vereinbaren, um dann im letzten Kapitel die Ergebnisse dieser Arbeit zusammenzufassen.

Besonders für das zweite Kapitel der vorliegenden Arbeit konnte ich mich auf eine breite Anzahl an Sekundärliteratur stützen, da die Forschung ihr Augenmerk im Besonderen auf die für den Roman so charakteristischen Imaginationsebenen gelegt hat. Eine psychologische Analyse des Märchens „Rotkäppchen“ habe ich hingegen nur in geringen Ansätzen in der Forschungsliteratur ausmachen können, von daher beschränken sich das dritte und vierte Kapitel weitgehend auf meine eigene Interpretation. Im fünften Kapitel werde ich lediglich einen kurzen Einblick in die kontroversen Meinungen zur Verarbeitung der Shoah in Aichingers „größerer Hoffnung“ geben können, da es zu diesem Thema eine solche Bandbreite an verschiedenen Positionen gibt, dass sie einer eigenständigen Arbeit bedürften, um ausreichend dargestellt werden zu können. Jedoch erachte ich einen solchen Exkurs als interessant, um Ilse Aichingers anspruchsvolle Verarbeitung der Judenverfolgung besser verstehen zu können.

2. Kindliche Spiele, traumhafte Träume, fabelhafte Märchen? -
Ein Vergleich zwischen den im Text vorkommenden Imaginationsebenen

„Die größere Hoffnung“ ist in mehrerer Hinsicht ein Novum in der literarischen Verarbeitung der Shoah in der Nachkriegszeit: Sowohl die poetische Form als auch die traumähnliche, episodenhafte Struktur des Romans ziehen sofort das Augenmerk des Lesers auf sich. Vor allem aber die Perspektive, die im Roman in Bezug auf die Judenverfolgung eingenommen wird, ist ungewöhnlich, denn hier „dominiert [...] der kindliche Kosmos das Geschehen in einem Ausmaß, das den Rahmen des literarisch Gewohnten sprengt“.[2]

Die Protagonistin Ellen und ihre jüdischen Freunde sehen sich von Beginn des Romans an auf sich allein gestellt. Die nazistische Judenverfolgung hat die Familienordnungen auseinander gerissen, sodass die Kinder – völlig entgegen ihrer kindlichen Bestimmung – eine Autonomie besitzen, die sie von der Erwachsenenwelt vollkommen abgrenzt.[3] So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass es im ganzen Roman so gut wie keine erwachsenen Bezugspersonen für die Kinder gibt.[4] „Allerdings“, so betont Rosenberger, „ist die Unabhängigkeit von den erwachsenen Bezugspersonen ein unfreiwilliger und schmerzlicher Zustand“.[5] Die Kinder, in der eigenen Heimat heimatlos, haben in ihrer feindseligen Umgebung keinen Zufluchtsort, an dem sie sich sicher wähnen können, im Gegenteil: Sie sind gezwungen, die Nacht zum Tag zu machen, um unentdeckt zu bleiben, sie dürfen nicht auf öffentlichen Bänken sitzen oder Plätzen spielen, der Zutritt zu Geschäften wird ihnen verwehrt.[6] Die antisemitischen Maßnahmen begrenzen die Welt der Kinder in einem Ausmaß, das sie in eine völlige Isolation vom Alltag, vom Leben selbst treibt; das Ausleben der Kindheit wird unter den äußeren Umständen zur Unmöglichkeit. Somit ist „Die größere Hoffnung“, wie Rosenberger treffend formuliert, zwar „eine Geschichte über Kinder, aber keine Kindheitsgeschichte“.[7] Die jüdische Kindheit ist vielmehr eine „albtraumartig geschlossene Welt [...], die weder ein Dazugehören [...] noch ein Entkommen [...] erlaubt“.[8] Während die äußeren Umstände die bloße Existenz zunehmend bedrohen, flüchten sich die Kinder in ihrem Bedürfnis nach Freiheit und Sicherheit in eine imaginäre Welt der Spiele, Träume und Märchen. Der innere Freiraum, der durch die perspektivische Erweiterung der Imaginationsebenen entsteht, ermöglicht es den Kindern, trotz ihrer Angst und existenziellen Verunsicherung, die sie aufgrund ihrer kindlichen Unwissenheit nicht fassen können, zu überleben.

Vor allem das Spiel dient dabei immer wieder als Schutz vor der Verzweiflung. In ihren Fantasien erfinden Ellen und ihre Freunde Wege, um in die Gesellschaft, die sie aus irrationalen Gründen verstoßen hat, wieder aufgenommen zu werden.[9] Auf diese Weise erfahren sie sich wenigsten imaginär „als aktiv handelnde und damit als freie Subjekte“.[10] Immer wieder bricht jedoch die Realität in die Spiele der Kinder ein; ihnen ist die Gefahr, in der sie sich befinden, permanent bewusst.[11] Von einer heilen Kinderwelt, in der die spielerische Erkundung und Nachahmung der Umwelt einen natürlichen Bestandteil der Kindheit darstellen, kann man in Aichingers Roman also keinesfalls sprechen. Die Spiele, die Ellen und ihre Freunde spielen, dienen einem völlig konträren Zweck, nämlich „das Hier und Jetzt“, die grausame Realität, „zum Anderswo“ zu machen.[12]

Somit erfüllen die Spiele der jüdischen Kinder zwei Funktionen: Zum einen ermöglichen sie ihnen einen inneren Freiraum und bieten ihnen einen Ort der Geborgenheit, und zum anderen stellen sie eine „spielerische Bezugnahme auf die eigene Verfolgungserfahrung“[13] dar. Im Rahmen dieser imaginären Spielwelt gelingt es den Kindern, ihre Angst, Verzweiflung und Hilflosigkeit zu kontrollieren und somit erträglich zu machen.

Eine vergleichbare Funktion haben auch die Träume. „Träume bewachen die Welt vor dem Untergang“[14], sagt Kolumbus zu den Kindern bei der nächtlichen Kutschfahrt auf dem Weg zum heiligen Land. Sie sind „wachsamer als Taten und Ereignisse“[15], sie haben also einen Sinnanspruch, den die kalte und irrationale Wirklichkeit der Nationalsozialisten nicht erfüllen kann. Durch die Träume bleibt den Kindern die Hoffnung auf Rettung erhalten, wobei es sich hier nicht um eine Rettung von Außen handeln kann. Sondern „Rettung bedeutet bis zum letzten Augenblick auch ohne Aussicht auf physisches Entkommen leben zu können“.[16]

Eine weitere wichtige Imaginationsebene im Roman stellt das Märchen dar. Obwohl diese Ebene im Vergleich zu den anderen beiden beschriebenen quantitativ eher einen zweitrangigen Status hat, ist sie von zentraler Bedeutung, denn die Funktion des Märchens geht über die einer Zufluchtsmöglichkeit für die Kinder hinaus. Märchen[17] dienen der oralen (später auch schriftlichen) Überlieferung von Traditionen und somit der Weitergabe der eigenen (Familien-)Geschichte. Indem Ellen im Kapitel „Tod der Großmutter“ ihrer sterbenden Großmutter das Märchen von „Rotkäppchen“ erzählt, bemüht sie sich verzweifelt, das endgültige Auseinanderbrechen ihrer familiären Bindungen und damit ihre Auslieferung in die absolute Schutzlosigkeit aufzuhalten. Das Erzählen von Märchen stellt demnach einerseits die Sehnsucht dar, sich in die schützende Kinderwelt und somit vor der schutzlosen Realität zu flüchten, andererseits zeigt sich hier eine direkte Konfrontation mit der Wirklichkeit, indem Ellen versucht den Riss in der Kette der Familientradition zu überbrücken.[18]

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass zwar alle oben beschriebenen Imaginationsebenen im Text als Zufluchtsorte fungieren; die Kinder sind sich dabei ihrer bedrohlichen Situation aber in jedem Augenblick bewusst. Dies wird vor allem an der Durchdringung der Imaginationsebenen mit der von den Kindern erfahrenen Wirklichkeit verdeutlicht.[19] „Die Vermischung unterschiedlicher Bewußtseinsstufen [sic!] […] [lässt] vor den Augen der Lesenden eine Welt entstehen, worin nichts plausibel erklärt werden kann.“ […] Man hat „Zweifel an Wahrheit und Plausibilität des Wahrgenommenen“.[20] Die „andere Logik von Traum, Spiel […] und Märchen“ wird also bewusst benutzt, „um eine reale Wirklichkeit in ihrer sachlichen Vorhandenheit, ihrer ganzen Perversion sichtbar zu machen“.[21] Die Erweiterung des Spiel-Raums zeigt auf die Unmöglichkeit eines Überlebens unter den realen Umständen hin. Durch die Imagination wird den Kindern jedoch die Möglichkeit gegeben, mit der existenziellen Verunsicherung umzugehen. Die inneren Freiräume, die sie sich schaffen, bewahren sie dabei vor dem psychischen Untergang in diesem „fairy-tale enveloped in a nightmare.“[22]

3. Ein roter Heiligenschein –
Interpretation von Ellens Version des Märchens „Rotkäppchen“

Die Bedeutung des Märchens „Rotkäppchen“, das im siebten Kapitel des Romans erzählt wird, ist bereits in Kapitel 2 dieser Arbeit angerissen worden. Jedoch wurde bisher nur auf die Funktion vom Märchenerzählen im Allgemeinen hingewiesen. Eine ausführliche Interpretation des Märcheninhalts steht also noch aus und soll im Folgenden behandelt werden.

Um das Märchen richtig einordnen zu können, muss zunächst der Kontext betrachtet werden, in dem es erzählt wird. Im Kapitel „Tod der Großmutter“ befindet sich Ellen in einer äußerst verzweifelten Lebenssituation: Sie muss zusehen, wie ihre Großmutter versucht, sich mit Gift das Leben zu nehmen, um ihren Verfolgern zu entkommen. Ellen wird damit in eine Situation getrieben, die ihre psychische Belastungsgrenze bei weitem übersteigt, mehr noch, mit der Todessehnsucht der Großmutter wird die Kindheit Ellens endgültig und abrupt beendet. Ohnehin schon verlassen und auf sich allein gestellt, ist sie im Begriff, die letzte ihr gebliebene Schutzinstanz, das letzte Familienmitglied, zu verlieren. Voller Verzweiflung versucht Ellen, ihre Großmutter vom Selbstmord abzuhalten.[23] Immer wieder fordert sie sie auf, ihr ein Märchen zu erzählen. Doch um Geschichten zu erzählen braucht man „geöffnete Hände und […] offene Augen“[24], anders ausgedrückt, „die Bereitschaft zu leben“.[25] Der Großmutter fällt jedoch „inmitten dieses überdimensionalen Märchens kein Märchen mehr ein“.[26]

[...]


[1] Rosenberger, Nicole: „Poetik des Ungefügten. Zur Darstellung von Krieg und Verfolgung in Ilse Aichingers Roman Die größere Hoffnung “. Hg. v. Wendelin Schmidt-Dengler: Untersuchungen zur österreichischen Literatur des 20. Jh., Bd.13.Wien 1998, S. 15.

[2] Rosenberger: Poetik des Ungefügten, S. 3.

[3] Vgl. ebd., S. 6 f.

[4] Als Bezugspersonen dienen lediglich – in beschränktem Maß – Ellens Großmutter sowie der Englischlehrer Noah.

[5] Rosenberger: Poetik des Ungefügten, S. 7.

[6] Vgl. Aichinger, Ilse: Die größere Hoffnung. Frankfurt a.M. 10. Auflage 2005, S. 48 f., 53 ff., 103.

[7] Rosenberger: Poetik des Ungefügten, S. 5.

[8] Breysach, Barbara: „Verfolgte Kindheit. Überlegungen zu Ilse Aichingers frühem Roman und Georges-Athur Goldschmidts autobiographischer Prosa“. In: Bilder des Holocaust. Literatur – Film – Bildende Kunst. Hg. v. Manuel Köppen und Klaus Scherpe. Köln 1997, S. 50.

[9] Vgl. Aichinger: Die größere Hoffnung, S. 33 f.:

Die Kinder spielen die Rettung eines in den Fluss gefallenen Säuglings. Als Dank und Anerkennung dürfen sie wieder auf allen Bänken sitzen und die jüdischen Großeltern sind ihnen vergessen.

[10] Rosenberger: Poetik des Ungefügten, S. 175.

[11] Vgl. Aichinger: Die größere Hoffnung, S.145 f. u.a.: Das Adventsspiel der Kinder wird unterbrochen, als es an der Tür klingelt. Wohl wissend, dass sie in jeder Minute abgeholt werden könnten, zwingen sie sich, das Spiel weiterzuspielen.

[12] Breysach: Verfolgte Kindheit, S. 50.

[13] Rosenberger: Poetik des Ungefügten, S. 19.

[14] Aichinger: Die größere Hoffnung, S. 75.

[15] Ebd., S. 75.

[16] Lorenz, Dagmar: „Autobiographie und Fiktion bei Aichinger und Fried“. In: Modern Austrian Literature 24.3/4 (1991), S. 49.

[17] Vgl. Literaturwissenschaftliches Lexikon. Grundbegriffe der Germanistik. Hg. v. Horst Brunner u. Rainer Moritz. Berlin 1997, S. 212:

Diminutiv von „Mär“, bedeutet Nachricht, Bericht, Kunde, Erzählung. Erst durch die Märchensammlung der Brüder Grimm wird der Begriff zur Gattungsbezeichnung im heutigen Sinn.

[18] Zur ausführlichen Bestimmung der Märchenfunktion und Interpretation des Märchens „Rotkäppchen“ siehe Kapitel 3 und 4.

[19] Vgl. Aichinger: Die größere Hoffnung, S. 53 ff., 145 ff. u.a.

[20] Rosenberger: Poetik des Ungefügten, S. 77.

[21] Kaiser, Hedi: Ilse Aichinger: „Die größere Hoffnung“. In: Erzählen. Erinnern. Deutsche Prosa der Gegenwart. Interpretationen. Hg. v. Herbert Kaiser und Gerhard Köpf. Frankfurt a.M. 1992, S. 29.

[22] Rosenberger: Poetik des Ungefügten, S. 12. Zitat Lawrence.

[23] Vgl. Aichinger: Die größere Hoffnung, S. 166 ff.

[24] Ebd., S. 171.

[25] Ebd., S. 170.

[26] Guggenheimer, Walter Maria: „Das Feuer hat Hunger“. In: Ilse Aichinger. Materialien zu Leben und Werk. Hg. v. Samuel Moser. Frankfurt a.M. 1990. S. 135.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Spielräume der kindlichen Existenz
Untertitel
Interpretation und Darstellung der Imaginationsebenen in Aichingers Roman „Die größere Hoffnung“ mit Schwerpunkt auf der Analyse des Märchens „Rotkäppchen“
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Germanistik II)
Veranstaltung
Seminar
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
16
Katalognummer
V123332
ISBN (eBook)
9783640280704
ISBN (Buch)
9783640284009
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Spielräume, Existenz, Seminar
Arbeit zitieren
Nele Hellmold (Autor), 2006, Spielräume der kindlichen Existenz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/123332

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Titel: Spielräume der kindlichen Existenz



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