Die guatemaltekische Revolution und der Sturz von Arbenz


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001
25 Seiten

Leseprobe

Inhalt

1. EINLEITUNG

2. DIE GUATEMALTEKISCHE REVOLUTION 1944-1954
2.1 DIE REGIERUNG UNTER ARÉVALO (1945-1951)
2.2 DIE REGIERUNG UNTER ARBÉNZ (1951-1954)

3. DER STURZ ARBENZ‘: AKTEURE UND INTERESSEN
3.1 USA: UNITED FRUIT COMPANY, ANTIKOMMUNISMUS UND CIA
3.2 GUATEMALA: KONTRAREVOLUTIONÄRE, OLIGARCHIE UND MILITÄR

4. DER VERLAUF DES STURZES: DIE OPERATION SUCCESS

5. FAZIT: WER WAR ENTSCHEIDEND FÜR DEN STURZ VON ARBENZ?

6. AUSBLICK: FOLGEN FÜR DIE WEITERE GESCHICHTE GUATEMALAS UND FÜR LATEINAMERIKA

7. LITERATUR

ABKÜRZUNGEN

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Am 1. Juli 1944 musste Diktator General Jorge Ubico nach 14 Jahren an der Macht als Präsident abtreten. Zehn Jahre später, am 27. Juni 1954, musste der demokratisch gewählte Präsident Jacobo Arbenz Guzmán abdanken. Die zehn Jahre, die dazwischen liegen, nennt man auch den zehnjährigen Frühling Guatemalas. Mit dieser Zeitspanne beschäftigt sich diese Arbeit. Besonderes Augenmerk ist darauf gerichtet, warum dieser verheißungsvolle zehnjährige Frühling zu Ende ging, warum Arbenz gestürzt wurde und das Land nach einer kurzen demokratischen Phase wieder in eine vierzig Jahre andauernde, äußerst blutige Diktatur zurückfiel. Meine Hypothese ist, dass die USA eine entscheidende Rolle beim Übergang von der Demokratie zur Diktatur spielten.

Bevor 1944 Juan José Arévalo erster demokratisch gewählter Präsident wurde, wurde Guatemala von und für eine kleine Gruppe Großgrundbesitzer regiert, die mit den Offizierskorps der Armee verbündet waren und von Repräsentanten ausländischer Firmen und der Hierarchie der katholischen Kirche unterstützt wurden. Die politische und wirtschaftliche Macht lag vor allem bei den Produzenten von Bananen und Kaffee, den wichtigsten Exportprodukte Guatemalas. Das Erbe Ubicos bestand aus einer Kombination von politischer Unreife, einer archaischen Sozialstruktur und wirtschaftlicher Rückständigkeit.

Auf dem Land führte das Bevölkerungswachstum dazu, dass immer mehr Menschen von der gleichen Fläche verfügbaren Bodens leben mussten. Zwei Prozent der Grundeigentümer besaßen 72 Prozent des Bodens, von denen weniger als 1 Prozent kultiviert war und 90 Prozent der Bevölkerung zusammen gehörten nur 15 Prozent des bestellbaren Landes.1 Obwohl fruchtbares Land in Fülle vorhanden war, zwang dessen ungenügende Nutzung Guatemala zur Einfuhr wichtiger Grundnahrungsmittel.

Indígenas auf dem Land waren an große Plantagen gebunden und zu mindestens 150 Tagen Pflichtarbeit im Jahr verpflichtet. Die für die Landarbeiter herrschenden

Bedingungen ließen sich kaum von denen einer Knechtschaft unterscheiden. 75 Prozent der Bevölkerung waren Analphabeten, bei den Indígenas lag der Prozentsatz sogar bei 95 Prozent.2 Die meisten Menschen arbeiteten in der Landwirtschaft, Industrie gab es so gut wie nicht.3 Die guatemaltekische Revolution war der erstmalige Versuche, an dieser wirtschaftlichen und sozialen Situation etwas zu verändern.

Zunächst wird kurz auf die wichtigsten Charakteristika der Amtszeit von Juan José Arévalo und von Jacobo Arbenz eingegangen. Dann möchte ich aufzeigen, welche Akteure und welche Interessen beim Sturz von Arbenz eine Rolle spielten. Danach wird der Verlauf des Sturzes geschildert und im Fazit möchte ich untersuchen, was zum Sturz von Arbenz geführt hat und aus welchen Motiven heraus die USA gehandelt haben. Eine wichtige Rolle spielt hierbei die Betrachtung der eigentlichen Situation in Guatemala im Unterschied zur wahrgenommenen Situation durch die USA. Abschließend sollen kurz die Folgen der guatemaltekischen Revolution und ihrer Niederschlagung für Guatemala selbst, aber auch für den gesamten lateinamerikanischen Kontinent aufgezeigt werden.

2. Die guatemaltekische Revolution 1944-1954

2.1 Die Regierung unter Arévalo (1945-1951)

Jorge Ubico bekam es im Juni 1944 zum ersten Mal mit einer ernsthaften Opposition zu tun. Lehrer, Ladenbesitzer, Facharbeiter und Studenten demonstrierten öffentlich und es gab einen Generalstreik. Außerdem begann Ubicos Diktatur die Unterstützung der USA zu verlieren. Eine derartige, gegen die Regierung gerichtete Aktivität, war in der Geschichte des Landes etwas ganz Neues. Ubico trat am 1. Juli zurück und übergab die Macht an General Federico Ponce. Dieser wurde im Oktober von einer Militärrevolte, angeführt von Francisco Arana und Jacobo Arbenz, gestürzt. Bekannt ist dieses Ereignis auch als die guatemaltekische Oktoberrevolution.

Die Oktoberrevolutionäre waren vor allem städtische Kleinbürger, die gebildet waren aber frustriert, dass es keine politischen Freiheiten und Möglichkeiten für

wirtschaftlichen Fortschritt gab. Angeführt wurde die Bewegung von einer Generation Studenten, die größtenteils aus der Mittelklasse kamen und sich selbst als klassenlos wahrnahmen.

Die siegreichen Helden Francisco Arana und Jacobo Arbenz bildeten zusammen mit dem Geschäftsmann Jorge Toriello eine Interimsjunta und kündigten sogleich freie Wahlen an. Diese waren die ersten in der Geschichte des Landes, die unter einer demokratischen Verfassung stattfanden.

Der Lehrer Juan José Arévalo wurde mit 85 Prozent der Stimmen Präsident. Er war ein Visionär, ein Denker, zu dessen Helden Simón Bolívar, Abraham Lincoln und Franklin D. Roosevelt gehörten. Er wollte die Prinzipien des New Deal in ganz Lateinamerika verbreiten. Er war ein moderner Liberaler mit sozialistischer Tendenz, der davon überzeugt war, dass die Regierung eine wesentliche Rolle bei der Verbesserung der Lebensverhältnisse spielen konnte. Aber er distanzierte sich entschieden von radikalen Ideologien, besonders verabscheute er den Kommunismus. Er nannte seine ideologische Orientierung „spirituellen Sozialismus“.

Die erste Aufgabe von Arévalo und der neuen Verfassung, die ein paar Tage vor seinem Amtsantritt in Kraft trat, war die Demokratie zu etablieren. Universelles Wahlrecht wurde eingeführt (außer für analphabetische Frauen), Meinungsfreiheit, Pressefreiheit wurden garantiert. Politische Parteien wurden erlaubt, mit Ausnahme der kommunistischen Partei und anderer „fremden oder internationalen“ Parteien.

Als Arévalo im März 1945 sein Amt antrat, setzte er sich für seine sechsjährige Amtszeit vier Prioritäten: Agrarreform, Arbeiterschutz, besseres Bildungssystem und Festigung der Demokratie. Im Oktober 1946 verabschiedete der guatemaltekische Kongress das erste Sozialversicherungsgesetz des Landes, das das Verhältnis zwischen Arbeitern, Angestellten und Regierung revolutionierte.4 Das Gesetz garantierte den Arbeitern das Recht auf sichere Arbeitsbedingungen, auf

Entschädigung bei Verletzungen, auf Mutterschaftsunterstützung, Grundschulbildung und Krankenversorgung. Die wichtigste von Arévalo auf den Weg gebrachte Reform war jedoch der Arbeitskodex von 1947. Er stellte die Kontrolle des Managements über die Arbeiter auf eine neue Basis. Grundsätzlich sollte die Regierung nicht mehr automatisch Großgrundbesitzer und andere Arbeitgeber unterstützen. Außerdem

bekamen die Arbeiter das Recht, sich gewerkschaftlich zu organisieren, kollektiv über Löhne zu verha ndeln und zu streiken. Es wurden Mindestlöhne festgesetzt und Regelungen für Frauen- und Kinderarbeit getroffen. Der Beitritt zur Gewerkschaft war jedoch nur auf größeren Landgütern erlaubt, damit die Ernte nicht durch Streiks unterbrochen wurde. Der Kodex hatte einen bedeutenden Einfluss in Guatemala, wo bisher ein Landarbeiter ins Gefängnis gesteckt werden konnte, wenn aus seiner

„Arbeitskarte“ nicht hervorging, dass er die erforderlichen Tage Fronarbeit für reiche Landbesitzer abgeleistet hatte.

Alles in allem war Arévalos Programm eines moderater Reformen, die nicht so radikal waren, wie die des New Deals in den USA oder die der Labour-Regierung in Großbritannien. 5 Aber die Konditionen der Arbeiterklasse hatten sich verbessert und die Arbeiter konnten sich organisieren um Veränderungen zu fordern. Arévalos Regierung ebnete den Weg für zukünftige weitergehende Reformen.

2.2 Die Regierung unter Arbénz (1951-1954)

Jacobo Arbenz Guzmán, Armeeoffizier und Landbesitzer, gewann die Wahlen gegen den Ubicisten Miguel Ydígoras Fuentes und den moderaten Konservativen Jorge García Granados mit 63 Prozent aller Stimmen. Er wurde unterstützt von den organisierten Landarbeitern, zwei der drei revolutionären Parteien und von den Kommunisten. Arbenz war ein Nationalist, der hoffte, die oligarchische Gesellschaft Guatemalas umwandeln zu können. Als er 1951 die Macht übernahm, stellte er als sein Ziel die Umwandlung der Wirtschaft vom abhängigen Kapitalismus in einen nationalen und unabhängigen Kapitalismus vor. Außerdem wollte er das Einkommen neu verteilen. Die Strategie um Guatemalas aus seiner Abhängigkeit herauszuholen war importsubstituierende Industrialisierung. Um eine moderne kapitalistische Wirtschaft zu schaffen, musste sich Arbenz mit den zwei intakt gebliebene n Interessen anlegen: mit den ausländischen Monopolen und mit der Landoligarchie. Arbenz wollte den Einfluss ausländischer Gesellschaften weniger durch Verstaatlichung als durch direkten Wettbewerb begrenzen.6 Er wollte beispielsweise einen staatseigenen Hafen an der Atlantikküste bauen, der es mit dem Hafen Puerto Barrios der United Fruit Company aufnehmen sollte. Außerdem sollte eine Autostraße zum Atlantik gebaut werden, die eine Alternative zu dem IRCA- Eisenbahnmonopol7 darstellen sollte und eine staatliche hydroelektrische Anlage sollte Energie billiger anbieten als das US-kontrollierte Elektrizitätsmonopol. Neue ausländische Investoren waren willkommen, so lange sie Guatemalas Souveränität respektierten

Arbenz legalisierte die kommunistische Partei, erlaubte die Bildung von zahlreichen Bauern- und Arbeiterorganisationen und erließ 1952 das Agrarreformgesetz, auch bekannt als Dekret 900. Dieses stellte für Guatemala mit seinen etwa 90 Prozent Arbeitern in der Landwirtschaft einen Wendepunkt dar. Das Gesetz ermächtigte die Regierung, unbestellte Teile von Großgrundbesitzland zu enteignen. Das Hauptziel bestand darin, Fincas mit großem ungenutztem Landbesitz abzuschaffen, aber gut genützte Güter jeder Größe intakt zu lassen. Alles beschlagnahmte Land sollte durch über fünfundzwanzig Jahre laufende Schuldverschreibungen des Staates bei drei Prozent Verzinsung vergütet werden. Die Wertfestsetzung richtete sich nach dem zwecks Besteuerung erklären Satz vom Mai 1950. Die beschlagnahmten Flächen sollten zusammen mit den umfangreichen „Nationalfarmen“, die sich als Folge der Enteignung deutschen Besitzes bereits in staatlicher Hand befanden, in Flächen von höchstens 42,5 Morgen an landlose Bauern verteilt werden. Wahrend der 18 Monate, die das Programm in Kraft war, erhielten etwas 100 000 Familien insgesamt 1,5 Millionen Morgen Land.8 Insgesamt wurde 107 „Nationalfarmen“ und 16 Prozent des in privatem Besitz befindlichen brachliegenden Bodens verteilt.9 Die praktische Durchführung des Gesetzes stellte sich jedoch als problematisch heraus. Bauern, die noch kein Land bekommen hatten oder solche, die gegenüber den Großgrundbesitzern feindlich eingestellt waren, begannen Land zu besetzen, auf das sie gesetzmäßig keinen Anspruch hatten. Die kommunistischen Führer ermunterten zu solchen Übernahmen.

Seit seinen ersten Amtstagen hatte sich Arbenz wegen der Neuverteilung des Bodens viele Feinde gemacht. Jetzt zögerte er, gegen die Kommunisten mit der erforderlichen Strenge vorzugehen. Arbenz, der in erster Linie Nationalist war, nahm ihre Unterstützung gern an. Er zweifelte nie daran, dass er sie notfalls im Zaun würde halten können.10

Press of America

[...]


1 Schlesinger, Stephen/Kinzer, Stephen (1984): Bananen-Krieg. CIA-Putsch in Guatemala, S. 44; Gleijeses, Piero (1991): Shattered Hope. The Guatemalan Revolution and the United States, 1944- 1954, S. 36

2 Schlesinger/Kinzer: Bananen-Krieg, S. 45

3 Gleijeses: Shattered Hope, S. 37

4 Schlesinger/Kinzer, S. 45 (Wenn nicht anders angegeben, bezieht sich Schlesinger/Kinzer auf die deutsche Ausgabe von 1984)

5 Jonas, Susanne (1991): The Battle for Guatemala, S. 25

6 Schlesinger/Kinzer, S. 60

7 Die IRCA war auch im Besitz der United Fruit Company

8 Schlesinger/Kinzer, S. 62

9 ebenda

10 Schlesinger/Kinzer, S. 69

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die guatemaltekische Revolution und der Sturz von Arbenz
Hochschule
Universität Hamburg  (Lateinamerikastudien)
Veranstaltung
Diktatur, Demokratie und Gewalt in Lateinamerika nach dem Zweiten Weltkrieg
Autor
Jahr
2001
Seiten
25
Katalognummer
V12343
ISBN (eBook)
9783638182515
Dateigröße
402 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Guatemala, Revolution, Arbenz
Arbeit zitieren
Eva Dorothée Schmid (Autor), 2001, Die guatemaltekische Revolution und der Sturz von Arbenz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12343

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