Zu Freizeitbedürfnissen und zum Freizeitverhalten von Schülerinnen und Schülern der Klassenstufe 6 und 7 an Förderschulen Lernen


Examensarbeit, 2008
118 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Allgemeine Betrachtungen
2.2 Begriffsherkunft
2.3 Negative Definitionen
2.4 Positive Definitionen
2.5 Definition von Freizeit für diese Arbeit

3. Zur Geschichte der Freizeit
3.1 Einfache Gesellschaften und frühe Hochkulturen
3.2 Griechische und Römische Antike
3.3 Mittelalter
3.4 Frühe Neuzeit
3.5 Industrialisierung
3.6 Weimarer Republik
3.7 Freizeit während des Nationalsozialismus
3.8 Freizeit in der DDR
3.9 Freizeit in der BRD
3.9.1 Thesen zur Gegenwart und Zukunftsprognosen zum Verhältnis von Arbeit und Freizeit

4. Die Untersuchung
4.1 Gegenstand und Methode
4.2 Die Untersuchungsgruppe
4.2.1 Darstellungen des Freizeitverhaltens der Untersuchungsgruppe in der Wissenschaft
4.3 Entwicklung des Erhebungsinstruments
4.3.1 Aufbau des Erhebungsinstruments
4.4 Theoretische Vorüberlegungen zu den einzelnen Items
4.4.1 Zeitbudget
4.4.2 Freizeitaktivitäten
4.4.3 Vereinszugehörigkeit
4.4.4 Freizeitkontakte
4.4.5 Einschätzung des Freizeitverhaltens und das Freizeitverständnis
4.4.6 Mediennutzung
4.4.7 Freizeit und Schule
4.4.8 Taschengeld
4.4.9 Freizeitwünsche
4.5 Die Untersuchungssituation
4.6 Ergebnisse der Untersuchung
4.6.1 Die freie Zeit an Schultagen (Frage 1)
4.6.2 Mithilfe im Haushalt (Frage 2)
4.6.2.1 Tägliche Zeitaufwendung für die Hilfe im Haushalt (Frage 2b)
4.6.2.2 Aufgaben im Haushalt (Frage 3)
4.6.3 Die freie Zeit am Wochenende (Frage 4)
4.6.4 Die Freizeitaktivitäten (Frage 5)
4.6.5 Vereinszugehörigkeit (Frage 6)
4.6.5.1 Art der Vereine (Frage 6b)
4.6.6 Freizeitkontakte (Frage 7)
4.6.7 Beurteilung der Freizeitgestaltung (Frage 8)
4.6.8 Freizeitverständnis (Frage 9)
4.6.9 Computerbesitz (Frage 10)
4.6.9.1 Tägliche Computernutzung (Frage 11)
4.6.10 Tägliche Fernsehnutzung (Frage 12)
4.6.11 Existenz von Freizeitangeboten an den Schulen (Frage 13)
4.6.11.1 Freizeitangebote an den Schulen (Frage 13b)
4.6.11.2 Freizeitwünsche innerhalb der Schule (Frage 14)
4.6.12 Taschengeld (Frage 15)
4.6.12.1 Die Höhe des Taschengeldes (Frage 16)
4.6.12.2 Verwendung des Taschengeldes (Frage 17)
4.6.13 Freizeitwünsche (Frage 18)

5. Diskussion der Untersuchungsergebnisse
5.1 Anregungen für den Schulalltag
5.2 Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

1. Einleitung

Das Freizeitverhalten von Schülerinnen und Schülern mit einem sonderpädagogischen Förderbedarf im Bereich Lernen ist bereits seit einigen Jahren von besonderem Interesse für den Autor dieser Arbeit. Als Betreuer eines Feriencamps an der polnischen Ostsee mit einer Reisegruppe, die zum Großteil aus Mädchen und Jungen dieses Schultyps bestand, konnten unmittelbare Erfahrungen in diesem Bereich gesammelt werden. Im Vorfeld der Reise wurden die Betreuer von Seite der Organisatoren darauf hingewiesen, dass diese Mädchen und Jungen in einer Lebensumwelt sozialisiert werden, die dadurch charakterisiert ist, dass sie angeblich sehr erlebnisarm wäre. Mit einer Vielzahl von Aktivitäten und Ausflügen sollte auf der Reise ein Kontrast zum Alltag der Mädchen und Jungen geschaffen werden. In den ersten Tagen des Camps gestaltete sich die Realisierung schwieriger als erwartet. Die meisten Angebote wurden von den Kindern und Jugendlichen abgelehnt, zudem war es sehr schwierig sie zu motivieren und sie von passiven Tätigkeiten, wie dem „Gameboy“ Spielen und Musik hören, abzubringen. Innerhalb des Betreuerteams stellte sich rasch ein Gefühl von Überforderung und Mutlosigkeit ein. In längeren Diskussionen wurde nach den Ursachen des Misserfolges gesucht. Schnell wurde Einigkeit erzielt, dass eine mögliche Ursache darin liegen könnte, dass die Reisenden keine Wahlmöglichkeit hatten und somit die Aktivitäten als eine Art Zwang wahrgenommen wurden. In den nächsten Tagen wurden die Mädchen und Jungen verstärkt in die Planung mit einbezogen und es ergaben sich Möglichkeiten, Wünsche der Reisenden zu realisieren. Diese neue Strategie der Betreuer stellte sich als äußert konstruktiv dar und die zweite Hälfte der Reise wurde für alle Beteiligten zu einer schönen „Ferienzeit“.

Für den gesamtgesellschaftlichen Kontext ist die wachsende Bedeutung des Freizeitsektors in den letzten Jahrzehnten unverkennbar. Werbung zielt verstärkt auf diesen Bereich. Durch die angebotene Produktpalette, die von Urlaubsreisen bis zu Handwerkerutensilien reicht, wird schnell deutlich, dass der Freizeitbereich schwer zu überschauen ist, da er sich extrem vielseitig und voller individueller Unterschiede darstellt.

Freizeit ist nicht gleich Freizeit. Sie wird von Schülern im Vergleich zu Erwerbstätigen anderes wahrgenommen. Wird deren Freizeitverständnis mit den Einstellungen von z.B. Erwerbslosen verglichen, ist sicher eine grundlegend andere Bewertung des Gegenstandes „Freizeit“ zu erwarten. Befinden wir uns auf dem Weg in eine „Freizeitgesellschaft“? Verschiebt sich die Sinngebung unserer Gesellschaft weg von einem Jahrhunderte alten Arbeitsethos hin zu einer Bewertung der Lebensqualität, die an Maßstäben der Freizeitaktivitäten gemessen wird?

Qualitativ hat die Freizeit die Arbeitszeit in den letzten Jahrzehnten überholt. Dementsprechend bildet sich eine immer größere Kluft zwischen der öffentlichen Sinnorientierung und der privaten Sinnsetzung (ASCHOFF, 2006, S.88).

Wie bei vielen anderen gesellschaftlichen Entwicklungen ist die Schule von dieser Entwicklung nicht ausgenommen. Berechtigterweise wurde in einigen Studien zum Thema Freizeit die Frage gestellt, „Wer weiß schon, was Kinder am Nachmittag tun?“ (Vgl. DEUTSCHES JUGENDINSTITUT, 1992, ASCHOFF, 2006).

Die Berliner Schülerinnen und Schüler werden im Kalenderjahr 2008 an 180 Tagen die Schule besuchen. Dem Gegenüber stehen, durch Ferien, Feiertage und Wochenenden, 185 Tage an denen sie Freizeit haben. Allein dieses Zahlenverhältnis verdeutlicht die Notwendigkeit, Information über die Freizeit der Schülerinnen und Schüler zu gewinnen.

Gerade an Förderzentren kommt diesem Bereich im Sinne einer ganzheitlichen Förderung und Lebenshilfe eine besondere Rolle zu.

Förderzentren Lernen werden in der Wissenschaft und der Praxis unterschiedlich bezeichnet, z.B. als Schulen mit sonderpädagogischem Schwerpunkt Lernen. Im Rahmen dieser Arbeit wird der Begriff Förderzentrum Lernen durchgehend verwendet. Da diese wissenschaftliche Arbeit im Rahmen der Lernbehindertenpädagogik verfasst wurde, wird bei der allgemeinen Verwendung des Begriffes „Schule“ das Förderzentrum Lernen betrachtet.

Literaturrecherchen zu dem Thema Freizeit von Schülerinnen und Schülern offenbarten eine Vielzahl von Studien zu diesem Thema, jedoch fehlen aktuelle Ergebnisse für die Mädchen und Jungen mit einem sonderpädagogischen Förderbedarf im Bereich Lernen. Die vorliegende Arbeit möchte einen Beitrag dazu leisten, diese Informationslücke zu schließen. Explizit sollen die Freizeitbedürfnisse und Freizeitwünsche von Schülerinnen und Schülern der 6. und 7. Klassen an Förderzentren Lernen dargestellt werden. Wie viel freie Zeit steht zur Verfügung? Mit wem und wie verbringen sie ihre Freizeit? Gibt es an ihren Schulen die Möglichkeit, aktiv Freizeit zu verbringen und welche Wünsche existieren dazu? Diese Fragen bilden den Kern einer Untersuchung, die im Rahmen dieser Arbeit an vier Berliner Förderzentren Lernen durchgeführt wurde. Die vorliegenden Ergebnisse wurden mit der Hilfe einer quantitativen Fragebogenerhebung gewonnen. Auf deren Grundlage werden im Rahmen der Arbeit Möglichkeiten diskutiert, wie die Schulen förderlich in den Freizeitbereich wirken können.

Diese Arbeit folgt einem deduktiven Ansatz. Bevor die praktische Untersuchung dargestellt wird, werden Theorien zur Freizeit vorgestellt. Dabei wird zunächst der Begriff „Freizeit“ analysiert, die Geschichte der Freizeit und die Veränderungen ihres Stellenwerts sowie ihre Wahrnehmung in der Gesellschaft aufgezeigt. Ausführlich werden unterschiedliche Definitionsansätze diskutiert. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Darstellung des Verhältnisses von Arbeit zur Freizeit. Zukunftsprognosen sollen eine mögliche spätere Lebenswelt der Untersuchungsgruppe vorzeichnen. Zudem wird dargestellt, welche Kompetenzen von Nöten sind, um ein aktives und selbstbestimmtes Leben führen zu können.

Als Lehramtsanwärter wird der Autor dieser Arbeit in seiner späteren beruflichen Tätigkeit täglich mit Situationen konfrontiert werden, die sich über Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler im außerschulischen Bereich erklären lassen. Es ist zu erwarten, dass Mädchen und Jungen mit einer erlebnisreichen und ausgefüllten Freizeit im Unterricht anders reagieren werden, als Mädchen und Jungen, die ihre Freizeit eher als Belastung wahrnehmen und mit „Freizeitfrust beladen“ in die Schule kommen. Somit besteht ein großes persönliches Interesse an diesem Thema, um allgemeine Erkenntnisse zu gewinnen und mögliche Handlungsspielräume zu erfahren.

2. Theoretische Grundlagen

2.1 Allgemeine Betrachtungen

„Was ist also Zeit? Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich es, will ich es einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht (Augustinus), (BERNHART, 1987, S.629).

Dieser bereits mehrere Jahrhunderte alte Ausspruch verdeutlicht ein grundlegendes Problem. Die Vertrautheit eines Begriffes, der im alltäglichen Umgang in der Regel nicht hinterfragt wird, birgt die Gefahr der Uneindeutigkeit. Augustinus Gedanken zum Begriff „Zeit“ lassen sich auch ohne weiteres auf den Gegenstand der „Freizeit“ übertragen.

Würde eine beliebige Person, nach dem Verständnis von Freizeit befragt, so wird sie wahrscheinlich ohne größere Probleme Auskunft erteilen können. Allerdings ist es höchst wahrscheinlich, dass die nächstbefragte Person eine Auskunft mit komplett anderem Charakteristikum geben würde (VESTER, 1988, S.17).

In dem Dickicht der Literatur zu dem weiten Feld Freizeit, lassen sich unzählige Erklärungsansätze, Definitionen und Konzepte finden. Kaum noch überschaubar wurde der Gegenstand der Freizeit mal in die eine oder in die andere Richtung interpretiert und gedeutet.

Vester verweist darauf, dass die Arbeit am Begriff nicht reiner Selbstzweck der Wissenschaften sein sollte, sondern nicht außer Acht gelassen werden darf, dass Begriffe, Werkzeuge darstellen, mit denen die Realität, oder was man dafür hält, erforscht wird. (VESTER, 1988, S.16).

Wird das Bild der Werkzeuge aufgegriffen, um die Funktion von Begriffen handhabbar zu machen und wird dieses auf das Feld der Freizeit bezogen, so lässt sich ironisch anführen, dass bei der Fülle an Definitionen und Erklärungsansätzen, der Gegenstand der Freizeit, als ein unaufgeräumter Werkzeugkoffer zu beschreiben ist.

Die Schwierigkeit sich einem Begriff, wie dem der Freizeit, objektiv zu näheren, liegt in dem Umstand, dass der Begriff im Grunde für jeden Menschen eine andere subjektive Bedeutung hat. In diesen individuellen Bedeutungen spiegeln sich normative Implikationen, der jeweiligen gesellschaftlichen Situation wieder.

Zu diesem Punkt führte Opaschowski 1990 eine kleine nicht repräsentative Befragung durch, um zu verdeutlichen, dass im subjektiven Empfinden der Menschen Freizeit offenbar alles sein kann. Gefragt wurde nach den Assoziationen, die der Begriff Freizeit auslöst. 88% der Befragten äußerten Spaß, 87% Zeit für sich haben, 73% mit anderen Zusammensein, 53% anderen helfen und 49% meinten, Ideen durchsetzen (HAMPSCH, 1998, S.173).

Eine weitere Darstellung der Vielseitigkeit der Freizeit geht ebenfalls auf Opaschowski zurück, der diesmal nicht nur nach den reinen Assoziationen fragte, sondern negative und positive Äußerungen mit aufgriff und so in einer sehr einfachen Art und Weise verdeutlichte, welchen subjektiven Einflüssen der Begriff Freizeit unterliegt und wie die Bedeutung von Freizeit sich individuell unterscheiden kann. In seiner Befragung sollten die Teilnehmer das Wort Freizeit buchstabieren und zu den einzelnen Buchstaben Assoziationen nennen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(OPASCHOWSKI, 2006, S.20)

Der nachfolgende Teil soll sich dem unübersichtlichen Geflecht der Freizeitdefinitionen widmen. Dabei werden systematisch unterschiedliche Ansätze vorgestellt und gegebenenfalls Kritik an ihnen geübt.

Ziel der Vorstellung der verschiedenen Definitionen ist es, einen Gesamtüberblick zu geben und aufzuzeigen, welche Definition Grundlage für die vorliegende Untersuchung war. Weiterhin ist dieser Arbeitspunkt relevant, da innerhalb der Studie, nach den Freizeitvorstellungen der Schülerinnen und Schüler gefragt wurde, die im Auswertungsteil, mit den nachfolgenden vorgestellten Konzepten in Verbindung gebracht werden sollen.

Die Problematik der Uneindeutigkeit des Begriffes Freizeit, gerade in der Verwendung als Gegenpol zur Arbeit, beschreibt auf sarkastische Art und Weise Clausen.

„Das Nützliche am Begriff Freizeit ist immer gewesen, dass er ungenau war. (…) So war Freizeit einerseits das begriffliche Gegenstück des verarmten Begriffes >Arbeit<; andererseits aber war er die chaotische Spieltruhe für die Soziologen, die allen Reichtum, der ihnen in der >Arbeit< fehlte, in die Freizeit projizierten und sie damit zu einem überkomplexen Restbegriff machten“, (CLAUSEN, 1988, S. 145 in PRAHL, 2002, S.133).

Bevor konkret auf die Definitionen eingegangen werden soll, ist es relevant darauf zu verweisen, dass ein Großteil der Freizeitdefinitionen normativen Einflüssen unterliegt. Vester beschreibt, dass die Konzepte einen normativen Gehalt besitzen, da sie Vorstellungen über ein „gutes“ oder „besseres“ Leben und über seine „sinnvolle“ Gestaltung beinhalten (VESTER, 1988, S.18).

„Auseinandersetzungen über Fragen, wie viel Freizeit und welche Art von Freizeit für den Menschen gut sei und ob die Entwicklung in Richtung auf eine Freizeitgesellschaft wünschenswert ist, erhalten ihrer mitunter beträchtliche Brisanz gerade von ihrer Wertegeladenheit. Das Abzielen auf Wertfragen führt dann unter Umständen dazu, dass Diskussionen zum Thema Freizeit hochgradig von Ideologien geprägt sind, die beanspruchen, letztgültige und evidente Antworten auf Fragen nach dem „guten“ oder „sinnvollen“ Leben zu liefern“, (VESTER, 1988, S.18).

Das die Notwendigkeit besteht, gerade bei einer empirischen Untersuchung, den Untersuchungsgegenstand sauber und klar zu definieren, liegt auf der Hand, da anderenfalls mögliche Ergebnisse verzerrt, unsauber oder uneindeutig werden.

Die Notwendigkeit und die gleichseitige Schwierigkeit den Begriff zu klären, beschreibt Prahl sehr treffend. In den 50er Jahren wurde in einer sozialwissenschaftlichen Untersuchung behauptet: „Was Freizeit ist, weiß jeder“, ohne näher auf den Gegenstand einzugehen. Ohne vorherige Klärung des Begriffes, können zwar Daten gesammelt werden, doch ein Erkenntniszuwachs ist nicht zu erwarten. Auf der anderen Seite haben Soziologen versucht, eine für alle Bevölkerungsgruppen zu treffende Definition zu finden, die aber durch die Nichtberücksichtigung konkreter Unterschiede nur unnötig abstrakt geraten kann (PRAHL, 2002, S.130).

Dieses Problem erscheint nachvollziehbar, da es innerhalb der heutigen, unübersichtlichen Gesellschaft, die stark durch die Individualisierung geprägt ist, nur noch wenige kollektive Gemeinsamkeiten gibt und es daher fast unmöglich scheint, für diese heterogene Masse eine einheitliche Definition zu finden.

Verschiedenste gesellschaftliche Strömungen fließen in den Freizeitbegriff mit ein und verkomplizieren die Begriffsklärung.

Prahl formuliert treffend:

„Parallel ist der Begriff zu einer gesellschaftlich, wie individuell hoch bewerteten ideologischen Leerformel geworden, Ideologien jeglicher Provenienz fließen in die Begriffsbestimmung mit ein. Die einen sehen in der Freizeit die Ursache vieler gesellschaftlicher und persönlicher Probleme, die anderen vermuten in der Freizeit die Chance zur persönlichen Entwicklung und Emanzipation von Zwängen, wieder andere vermuten in der Freizeit ein System, das der Manipulation, Kommerzialisierung und Erzeugung von Massenloyalität dient“, (PRAHL, 2002, S.131).

Bevor nachfolgend die Definitionen erläutert werden sollen, wird sich dem Begriff Freizeit sehr allgemein genähert. Im Zentrum sollen Ausführungen zum Wortstamm und der Bedeutung der Einzelteile stehen. Weiterhin werden die Herkunft und das Auftreten des Begriffes in seiner heutigen Form beschrieben.

2.2 Begriffsherkunft

Beim Studium der Literatur zum vorliegenden Thema fiel auf, dass kaum eine Arbeit zum Thema Freizeit auf eine eigene Definition verzichten kann. Bei Erklärungen zum Begriff wird in der Regel nur das zusammengesetzte Substantiv „Freizeit“ betrachtet. Die zwei Wortkomponenten „Frei“ und „Zeit“ werden in ihrer Bedeutung in der Regel nicht näher betrachtet, einzig der Verweis auf ihrer „pathetische“ Wirkung innerhalb der deutschen Sprache wird kurz erwähnt, (Vgl. PRAHL, 2002, S.17).

Bei Weber ist in seiner bereits 1963 erschienenen Arbeit diese auf den ersten Blick recht logische Herangehensweise nachzuvollziehen. Bevor er zu seiner Definition des Begriffes Freizeit gelangt, betrachtet er die zwei Wortkomponenten und ihre Bedeutung getrennt voneinander.

Ähnlich wie das einführende Zitat von Augustinus verweist er auf das Rätselhafte des Begriffes Zeit, um dann verschiedene Annäherungen zu beschreiben.

Aus der ökonomischen Sichtweise lässt sich Zeit mit Geld gleichsetzen. In diesem Verständnis ist Zeit ein Wirtschaftsfaktor und knapper Rohstoff. Philosophisch greift er Äußerungen von Aristoteles auf, Zeit als Maß der Bewegung zu betrachten oder sie, wie Leibnitz, als Ordnung des Nacheinander oder im kantschen Verständnis, Zeit als die apriorische Anschauungsform des inneren Sinnes zu begreifen.

Psychologisch wird Zeit zu einer scheinbaren Dauer, also das subjektive Erleben der Dauer einer Zeitspanne.

Mathematisch – physikalisch wird von messbaren Zeitstrecken ausgegangen, d.h. z.B. die Uhrzeit (WEBER, 1963, S.11).

Diese theoretischen Überlegungen führen Weber zu der Erkenntnis, dass alle Betrachtungsweisen keine Erkenntnisse darüber vermitteln, was die „Zeit“ in „Freizeit“ aussagt. Seine Gedanken führen ihn abschließend zum bereits geschilderten Augustinus Zitat.

Webers Gedankengang scheint zunächst logisch, doch durch die geringe Aussagekraft wird nachvollziehbar, dass spätere Ausführungen in der Wissenschaft, diesen Schritt überspringen.

Weber schlussfolgert richtig, dass tiefer gehende Betrachtungen zur „Zeit“ für das Verständnis von Freizeit nicht notwendig sind und belässt es bei einer Beschreibung der Bedeutung von „Zeit“ im Begriff Freizeit.

„Jene mehr oder weniger lang dauernden, unwiederholbaren, anfangs- und endbestimmten, mit Uhren messbaren Ausschnitte aus einem menschlichen Lebenslauf, in denen sich das Subjekt in einem gleich noch näher zu bestimmenden Sinne als „frei“ erlebt“, (WEBER, 1963, S.12).

Auf tiefer gehende Diskussionen zur Bedeutung des Wortes „frei“ verzichtet er. Er belässt es bei der Feststellung, dass in bestimmten Abschnitten seines Lebens, sich ein Mensch freier erlebt als in anderen. Dabei wird „frei“ im doppelten Sinn verstanden, als „frei – von“ und des „frei – wozu“(WEBER, 1963, S.12).

Weber ist für die theoretischen Betrachtungen zum Thema Freizeit daher von Bedeutung, da er bereits 1963 darauf verwies, Freizeit nicht einfach als Gegenbegriff zur Arbeit zu verwenden, sondern differenzierter ihn lediglich von der fremdbestimmten, entfremdeten Arbeit abzuheben, der man zur Stillung der Lebensnotdurft nachgeht. Er hebt extra hervor, dass auch in der Freizeit Arbeit im echten Sinne geleistet wird, allerdings auf einer freiwilligen Basis (WEBER, 1963, S.12/13).

Durch diese Unterscheidung hebt sich die Sichtweise Webers deutlich von den damaligen theoretischen Überlegungen ab, bei denen Freizeit in der Regel nur negativ von der Erwerbsarbeit abgegrenzt wurde. Auf diese Form Freizeit zu bestimmen, wird im Abschnitt der negativen Definitionen näher eingegangen.

Die ursprüngliche Herkunft des Begriffs Freizeit geht bis in das Mittelalter zurück. Mittelalterliche Belege weisen den Begriff „frey zeit“ und „freye zeyt“ aus (NAHRSTEDT in SCHMITZ-SCHERZER, 1974, S.137). In der mittelalterlichen Sprache ist der Begriff ein Rechtsterminus, mit dem Markt- und Messezeiten den Händlern Schutz gewähren sollten, indem etwaigen Räubern und Mördern, die doppelte Strafe angedroht wurde.

Prahl sieht in der heutigen und damaligen Sichtweise durchaus Parallelen, in dem Freizeit als geschützter, konfliktarmer und weitgehend störungsfreier Zeitraum betrachtet werden kann (PRAHL, 2002, S.17).

In der heutigen Schreibweise wird das Wort Freizeit schon 1826 nachgewiesen. Nach Opaschowski entwickelte sich bereits im 17. Jahrhundert in der Schulpädagogik, in der protestantischen Seelsorge und in der Sozialfürsorge und –politik die Freizeitthematik aus (OPASCHWOSKI in SCHMITZ-SCHERZER, 1974, S.137).

Eng verknüpft ist die Begriffsgeschichte mit der Reformpädagogik. In diesem Zusammenhang wurden freie Zeiträume im Erziehungsprozess gemeint, z.B. Comenius „vacatio“, Pestalozzi „Freistunden“ oder Fröbel bei dem von Freizeit – Zeit zur freien Beschäftigung und Selbstbestimmung die Rede war (PRAHL, 2002, S.136/137).

Eine weitere Grundlage der Freizeitthematik lässt sich in der Zeit der Aufklärung finden, wo in einem allgemeinen Zusammenhang von der „Zeit der Freiheit“ gesprochen wurde.

Somit existieren zwei Säulen, die die Begriffsgeschichte der Freizeit bestimmen, die Reformpädagogik und die Aufklärung. Zusammenfassend erläutert Prahl.

„Freizeit hat begriffsgeschichtlich eine Bildungs- und Emanzipationskomponente: Die Aufklärung und Reformpädagogik akzentuieren die Bildung, die Diskussion des späten 19.Jahrhunderts betonten die Emanzipation innerhalb der bestehenden Gesellschaftsordnung. Damit löste sich der Freizeitbegriff von dem älteren Mußebegriff“, (PRAHL, 2002, S.137).

Der Begriff der Muße taucht in vielen theoretischen Arbeiten zur Freizeit auf. Interessanterweise bildet nur im deutschsprachigen Raum der Begriff Freizeit einen Gegensatz zur Muße. Im französischen, loisir, und englischen, leisure, werden beide Begriffe als Synonyme verwendet. In beiden Sprachen ist das Wort auf den lateinischen Begriff „licere“ (= erlauben) zurückzuführen. Somit wird ausgedrückt, dass es zur Muße und auch zur Freizeit der Erlaubnis bedarf, frei über die eigene Zeit zu verfügen. Muße geht dabei allerdings auf die Antike zurück, bei der sie als Zeit der Selbstentfaltung, Bildung und schöpferischer Tätigkeit betrachtet wurde. Muße wurde allerdings positiv betrachtet, während die Freizeit zunächst nur eine negative Bestimmung war (PRAHL, 2002, S.137)

Im Duden erschien der Begriff Freizeit erstmalig im Jahr 1929.

Nach der Klärung der Herkunft des Begriffs Freizeit und einem kurzen historischen Überblick wird anschließend eine Übersicht über die Definitionen gegeben. Unterschieden werden dabei zwei große Kategorien der Freizeitdefinitionen. Zunächst werden negative Definitionen vorgestellt. Es wird dabei der Begriff „negative Definitionen“ verwendet, da er sich für diese Art von Begrifferklärungen in der Literatur durchgesetzt hat. Mögliche andere Bezeichnungen wären „Minimalansatz“, „objektive Freizeit“ oder eine Betitelung im Sinne von „frei von“.

Anschließend werden die positiven Definitionen vorgestellt. Analog der negativen Definitionen lassen sich hier weitere Begriffsmöglichkeiten synonym verwenden, wie z.B. „Maximalansatz“, „subjektive Freizeit“ oder „frei zu“.

Das Ende dieses Abschnittes werden Erläuterungen zu Thesen vom Verhältnis Arbeit zur Freizeit bilden.

2.3 Negative Definitionen

Die große Kategorie der negativen Definitionen lässt sich recht einfach erklären, da der Begriff „negativ“ bereits eine Art Abgrenzung von etwas impliziert. Bezogen auf das Thema Freizeit bedeutet die Form nichts Weiteres als eine klare Abgrenzung der Freizeit von der Arbeit. Freizeit wird definiert als Freiheit von Arbeit (VESTER, 1988, S.18).

Bei dieser Form der Definition bestimmt sich der Gegenstand der Freizeit über die Information, was Freizeit eben nicht ist. Diese Betrachtungsweise führte zu dem Begriff negative Definitionen.

Diese betrachten Freizeit als eine Restkategorie oder auch Residualkategorie. Diese Dichotomie von Freizeit und Arbeit, präziserweise muss von Erwerbsarbeit gesprochen werden, bildet die Konstante in den meisten dieser Definitionen. Als Beispiel können Habermas und Tartler angeführt werden.

„Freizeit bestimmt sich in einer Gesellschaft, deren zentrale Kategorie immer noch die Arbeit ist, negativ: sie gilt als eine Art Rest. Sie verweist im Gegensatz zur vorindustriellen Formen arbeitsfreier Zeit, wie Feierabend, Fest oder Müßiggang nicht schon auf konkrete Inhalte; Freizeit ist zunächst eine Freizeit von Arbeit und sonst nichts“, (HABERMAS in HAMPSCH, 1998, S.20).

Tartler hob in seiner Definition die Arbeit noch stärker hervor, in dem er formulierte: „Freizeit sei nur als Gegenpol zur Arbeit verständlich“. Zu den durch diese Formulierung ausgeschlossenen Personengruppen, wie z.B. Rentner und Kinder äußerte er sich nur soweit, dass diese ein Leben ohne Beruf führen (TARTLER in SCHMITZ-SCHERZER, 1974, S.138). Tartler äußerte sich in diesem Zusammenhang nicht näher, wie die freie Zeit der Kinder und Rentner zu bezeichnen wäre. Dieser Ausschluss von Bevölkerungsteilen wird im Rahmen der Kritik an den negativen Definitionen noch eine gewichtige Rolle spielen.

Bereits 1932 griff Sternheim die Dominanz der Arbeit auf, ging jedoch in seiner Definition gedanklich einen Schritt weiter, da er das Ausschließen von Personen explizit erwähnt.

„Als Freizeit wird diejenige Zeit betrachtet, welche nach der normalen Arbeitsperiode übrig bleibt. Die Freizeit ist daher als Antipode zu der auf dem normalen Arbeitsplatz verbrachten Zeit gedacht. Ausdrücklich wird bei dieser Begriffsbestimmung von normaler Arbeitsperiode und normalen Arbeitsplatz gesprochen, da die Freizeit auch für zusätzliche Arbeit zur Befriedigung eigener oder fremder Bedürfnisse verwendet werden kann. Weiter bleibt die Freizeit der völlig aus dem Wirtschaftsprozess Ausgeschiedenen und derjenigen, die noch nicht im Wirtschaftsprozess tätig sind, außer Betracht. (…)“, (STERNHEIM, 1932, S.51, in PRAHL, 2002, S.138/139).

Ebenfalls der Kategorie der negativen Definitionen zuzuordnen ist die Definition von Hanhart.

„Von Freizeit kann nur dort die Rede sein, wo ihr Arbeit als eigener umgrenzter Bereich (eben Arbeitszeit) gegenüber steht. Deshalb können wir auch weder beim vorschulpflichtigen Kinde noch beim pensionierten Beamten von Freizeit reden, ohne den Begriff über Gebühr zu forcieren (…). In sehr allgemeiner, aber zweckmäßiger Form lässt sich Freizeit bestimmen als jene Zeit, die dem regelmäßiger Arbeit nachgehenden Berufstätigen außerhalb seiner eigentlichen Arbeitzeit zur Verfügung steht. Freizeit als von Berufsarbeit entlastete Zeit stellt demnach einen rein formalen Begriff dar, der im Gegensatz zur Muße auf keinerlei inhaltliche Bestimmung hinweist (…)“, (HANHART, 1964, S.32, in PRAHL, 2002, S.139).

Die Definitionen zeigen deutlich, dass Freizeit nicht als eigenständiger Strukturbereich aufgefasst wurde und das seine Existenz, nur über die Erwerbsarbeit zu erklären ist und der Bereich der Freizeit, exakt ausgelegt, auch nur auf den Personenkreis von Menschen anzuwenden ist, der in einem Normalarbeitsverhältnis steht.

Dieses enge Verständnis von Freizeit beinhaltet das Problem der zentralen noch offenen Frage nach der Kategorisierung von freier Zeit von Kindern und Jugendlichen, Rentnern, Pflegebedürftigen, Arbeitslosen und Menschen mit einer Behinderung.

Heftige Kritik, vor allem an der Definition Habermas, übte Opaschowski, der im kommenden Teil noch näher betrachtet wird, da er maßgeblich Ideen prägte, die zur Kategorie der positiven Definitionen führten. Bezogen auf die negativen Definitionen betonte er, dass die Vorstellung eines bipolaren Modells von Arbeit und Freizeit ein Bewusstsein prägen würde, welches das Leben in seinem komplexen Zusammenhang zerschlagen würde und es künstlich dichotomisiert (OPASCHOWSKI in HAMPSCH, 1998, S.21).

Hampsch führt diesem Argument treffend zu, dass dieses enge Verständnis von Freizeit für die soziologische Freizeitforschung bedeuten würde, dass sie eine Minderheitenforschung wäre, da sie für die Mehrheit der Bevölkerung, nämlich die Gruppe der Nichterwerbstätigen, keine Antworten geben könnte (HAMPSCH, 1998, S. 22).

Im Arbeitsteil der Geschichte der Freizeit wird im weiteren Verlauf nachgezeichnet, dass die enge Verbindung von Arbeit und Freizeit ein Phänomen ist, welches sich vor allem auf die Zeit der Industrialisierung zurückführen lässt und das protestantische Arbeitsethos widerspiegelt. Durch die starke zeitliche Beanspruchung des Industriearbeiters entwickelte sich ein Verständnis, welches bedingt durch die damaligen Lebensverhältnisse, die Arbeit ins Zentrum des menschlichen Seins rückte und Freizeit zu einer kleinen Restkategorie erklärte.

Prahl beschreibt, dass der Gegensatz zwischen Arbeit und Freizeit fast immer auf einem Normalarbeitsverhältnis basierte, welches tariflich abgesicherte Vollbeschäftigung mit garantierten Ansprüchen auf Ruhezeiten, Urlaub und Pensionierung vorsah. Dieses Verständnis ist für die heutige Zeit jedoch nicht mehr anwendbar, da es immer mehr abgebaut und flexibilisiert wird. Statt einem Arbeitsverhältnis, in dem der Arbeiter sein komplettes Arbeitsleben verbringt, rücken Aspekte, wie die Teilzeitarbeit, Arbeitzeitkonten, frühzeitige Verrentung, Phasen der Arbeitslosigkeit, Erziehungsurlaub und flexibler Einsatz nach Arbeitsanfall stärker in den Fokus (PRAHL, 2002, S.133).

Mehrere Autoren verweisen in ihren Arbeiten auf das ungelöste Definitionsproblem. Hervorgehoben wird jedoch, dass es vor allem in der empirischen Sozialforschung Übereinstimmungen gibt, wenn die Freizeit negativ betrachtet wird. Durch die Betrachtung als zeitliche Restkategorie, werden einzelne Abschnitte empirisch belegbar. Grundlage dieses Ansatzes bildet der Gedanke, dass das Verhältnis des Menschen zur Freizeit geprägt ist durch einen zeitlichen Wechsel von individueller Freizeit und pflichtmäßiger Gebundenheit (NAHRSTEDT in HAMPSCH, 1998, S.24). Freizeit wird somit analytisch definiert. Bei diesen Untersuchungen können allerdings noch keine Aussagen über die Qualität des Freizeitverhaltens oder dessen psychische oder gesellschaftliche Bedingtheit getroffen werden (HAMPSCH, 1998, S.24, siehe auch SCHMITZ-SCHERZER, 1974, S.11).

Die Problematik der negativen Definitionen wurde durch das Nachzeichnen der geübten Kritik verdeutlicht. Kurz zusammenfassend wird die Kritik von Kreutz dargestellt, da er die allgemeinen Kritikpunkte übersichtlich zusammenführte. Kreutz Darstellungen waren eine differenzierte Antwort und Weiterführung der von Opaschowski geübten Kritik.

Nach Kreutz kann eine empirische Übereinstimmung zwischen objektiver (negativer) und subjektiver (positiver) Definition von Freizeit nicht von vornherein angenommen werden. Die Subsummierung von Tätigkeiten unter einem psychologisch verstandenen Freizeitbegriff dürfte kulturabhängig sein und weiterhin von Individuum zu Individuum zu unterschiedlich ausfallen. Schließlich formuliert er, dass die Kategorisierung in Freizeit und Nicht-Freizeit theoretisch unfruchtbar wäre (KREUZ in HAMPSCH, 1998, S.22.).

Abschließend lässt sich subsumieren, dass Freizeit im Verständnis der negativen Definitionen das Ergebnis einer Subtraktion ist. Von der zur Verfügung stehenden Zeit wird die Arbeitszeit und die Zeit zur Regeneration (Schlaf), sowie Zeit für lebensnotwendige Verrichtungen, wie z.B. die Nahrungsaufnahme, abgezogen. Die übrig bleibende Restzeit kann als Freizeit beschrieben werden. Weiterhin kann die Freizeit als Gegenbegriff zur Arbeit verstanden werden.

Problematisch und gleichzeitig Hauptargument der Kritik ist das Ausschließen der Mehrheit der Bevölkerung.

Konstruktiv erscheint diese Definitionsform nur in empirische Forschungen, die sich einzig mit dem zur Verfügung stehenden Zeitbudget der Menschen auseinandersetzen.

In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde auf der Grundlage der negativen Definitionen nach einer Erklärung gesucht, die nicht mehr nur allein die Arbeit als Bezugssystem für den Gegenstand der Freizeit verstand. Scheuch definierte: „Freizeit sind die Tätigkeiten, die sich nicht notwendig aus funktionalen Rollen ergeben“, (SCHEUCH, 1972, S.31).

Vester gesteht dieser Definition zu, plausibel zu erscheinen und er erkennt auch die Weiterentwicklung an, doch bemerkt er treffend, dass innerhalb der Definition völlig unklar bleibt, was unter funktionalen Rollen zu verstehen ist (VESTER, 1988, S.19).

Prahl bezieht sich ebenfalls auf Scheuch. Analog zu Vester gesteht er dieser Definition den Fortschritt zu, ohne jedoch darauf zu verzichten Kritik zu üben und die Erklärung selbstständig weiterzuführen.

„Damit wird die Freizeit negativ von Zwängen und zentralen Rollen (z.B. Berufs-, Geschlechts- oder Alters-Rollen) abgegrenzt und nicht mehr auf den Gegensatz zur Arbeit beschränkt. Doch bereitet die Bestimmung der >>zentralen funktionalen Rollen<< manche Schwierigkeiten, weil sich diese nicht eindeutig aus der Sozialstruktur, sondern erst durch die jeweils gruppenspezifische Rollendefinition ergeben“, (PRAHL, 2002, S.140).

Anerkennend bleibt festzuhalten, dass Scheuch versucht, mit seiner Definition Kategorien zu überwinden, die Freizeit lediglich als ein gewisses Zeitspektrum oder als Summe verschiedener Aktivitäten begreifen.

Übereinstimmend wird in der Literatur festgehalten, dass die Definition von Scheuch den Übergang bildet zwischen der rein negativen bzw. formalen Bestimmung von Freizeit hin zu positiv eher inhaltlich charakterisierenden Definitionen. Wiederum Prahl weist daraufhin, dass diese Gruppe von Definitionen Freizeit mit seinen Funktionen für die Gesellschaft oder für das Individuum beschreibt. Dabei verweist er mit Nachdruck darauf, dass die noch von Marx, als elementarste Funktion der Freizeit, die Reproduktion der Arbeitskraft, als selbstverständlich angesehen wird und neue hinzukommende Funktionen die Freizeit charakterisieren (PRAHL, 2002, S.140).

Die neue Gruppe von Freizeitdefinitionen, beschränkt sich nicht nur darauf, den Zeitrahmen zu erforschen, sondern analysiert, in welcher Art und Weise die selbstbestimmte, frei disponible Zeit verbracht wird. Im nachfolgenden Teil sollen theoretische Konzepte der positiven Freizeitdefinitionen analysiert werden.

2.4 Positive Definitionen

„Zur Freizeit werden nicht nur die Zeiten gerechnet, die nicht in irgendeiner Beziehung zur beruflichen Tätigkeit stehen. Freizeit beginnt erst dort, wo sich die Möglichkeit eröffnet, eine arbeitspolare Welt aufzubauen, eine Welt mit ihren eigenen Werten und Ansprüchen. Eine Welt also, die nicht als Erholung und Entspannung auf die Arbeitswelt gerichtet ist, sondern in sich selbst zentriert ihrerseits Leistungen erfordert“, (KÜLP, MUELLER, 1973, S.4).

Diese einführende kurze Definition dient als Beispiel für die große Kategorie der positiven Definition. Deutlich wird der Perspektivenwechsel in der Einordnung von Freizeit. Sie wird nicht mehr verstanden als „frei von“ sondern als „frei zu“ etwas. Dieser auf den ersten Blick eher kleine Unterschied hat weitreichende Konsequenzen für den Freizeitbereich, da durch diese Betrachtungsweise die Komplexität enorm zunimmt. Der Kern der negativen Definitionen kann in einem Satz wiedergegeben werden. Dieser besagt, Freizeit ist nicht Arbeitszeit. In der nun vorzustellenden Kategorie wird dies schwieriger, da ab sofort nicht mehr allein die Zeitkomponente betrachtet, sondern die Qualität der Freizeit analysiert wird. Die steigende Subjektivität erschwert es, Freizeit als einen allgemein gültigen Begriff zu beschreiben.

Diese Überlegungen zum positiven Freizeitverständnis sind unbedingt den folgenden Ausführungen vorweg zu nehmen, da es durch sie einfacher wird, die Erläuterungen nachzuvollziehen. Die meisten Definitionen zum positiven Freizeitverständnis erinnern aufgrund ihres Umfangs bereits an Konzeptionen zur Freizeit.

Im zurückliegenden Teil wurde auf Opaschowski verwiesen, der als einer der schärfsten Kritiker der negativen Definitionen auftritt. Er wehrte sich gegen die strikte Zweiteilung des Lebens in den Bereich der Arbeit und den der Freizeit. Diesem Dualismus setzt er den Begriff der Gesamtlebenszeit entgegen, der aus verschiedenen Lebenssegmenten besteht, wie z.B. der Berufsarbeit, Familie, Schule, Kultur, Öffentlichkeit und Politik (OPASCHOWSKI in KERKHOFF, 1982, S.2).

Opaschowski unterteilt die Lebenszeit in drei Zeitabschnitte, die nach unterschiedlichen Graden an freier Verfügbarkeit sowie Wahl-, Entscheidungs- und Handlungsfreiheiten kategorisiert werden. Den ersten Bereich bezeichnet er als Dispositionszeit. Eine Zeit, die gekennzeichnet ist durch freie selbstbestimmte Zeitabschnitte. Er bezeichnet diesen Bereich auch als eine Art qualitative Handlungszeit, frei von physiologischen Grundbedürfnissen und ökonomischen, sozialen und normativen Zwängen. Ausschlaggebend sind die Wahlmöglichkeit, Entscheidungsfreiheit und Eigeninitiative im sozialen Bereich.

Den zweiten Teilbereich bildet die Obligationszeit. Hauptkennzeichen für diese Kategorie ist die Zweckbestimmung, da sich das Individuum zu Tätigkeiten verpflichtet fühlt. Diese Gebundenheit resultiert aus beruflichen, familiären, sozialen und gesellschaftlichen Gründen.

Den letzten Bereich deckt die Determinationszeit ab. Sie ist geprägt durch ein hohes Maß an Fremdbestimmung, da das Individuum zu einer Tätigkeit gezwungen wird, bzw. Tätigkeiten in der Ausübung zeitlich, räumlich und inhaltlich festgelegt sind (OPASCHWSKI in ENGHOLM, 1989, S.83-85).

Auffällig an der Definition ist der Verzicht auf die Nennung des Begriffs Freizeit. Die Unterscheidung in verschiedene Zeitkategorien ermöglicht eine Annährung an den Freizeitgegenstand ohne ihn explizit im Zusammenhang mit der Arbeit betrachten zu müssen. Der zum Teil diffusen Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit trägt dieser Ansatz Rechnung, da beispielsweise bereits Teile der Obligationszeit freizeitähnlichen Charakter haben können. Sie kann flexibler ausgelegt werden, wie z.B. in der Determinationszeit, die am ehesten als Arbeitszeit bezeichnet werden kann.

Für ein besseres Verständnis seines Definitionsansatzes erweitert Opaschowski seine Definition um sechs Elemente, die den Handlungsrahmen für die Möglichkeit zur freien Selbstverwirklichung kennzeichnen. Als erstes nennt er die Zeitvariabilität, die Möglichkeit flexibel mit Zeit umzugehen und sie nach der eigenen Bedürfnislage und den objektiven Bedingungen auszulegen. Der zweite Punkt ist die Freiwilligkeit, ein Schlüsselelement seines Freizeitverständnisses. Maßgeblich prägend für die Dispositionszeit, liegt die Entscheidung für die Durchführung einer Handlung einzig beim Individuum. Zur Freiwilligkeit wird noch die Zwanglosigkeit zugeführt, Opaschowski beschreibt diese Zeitabschnitte, als offene Handlungssituationen, ohne Zwang, Reglementierung und Leistungsdruck.

Die letzten drei Elemente, die das Konzept von Opaschowski abschließen, bezeichnen Wahlmöglichkeiten. Das Individuum hat die Chance, zwischen verschiedenen Tätigkeiten zu wählen, die Entscheidungskompetenz, welche Selbstbestimmungsmöglichkeiten für frei wählbare, selbstverantwortete und revidierbare Entschlüsse beinhaltet und letztendlich die Eigeninitiative. Diese charakterisiert die Freizeit als ein Handlungsfeld, gekennzeichnet durch bedürfnisorientiertes und selbstorganisiertes Handeln aus eigenem Antrieb und nach dem eigenen Ermessen bei einem relativ geringen Maß an sozialer Kontrolle (OPASCHWSKI in ENGHOLM, 1989, S.83-85).

Ein Aspekt in der Definition von Opaschowski, der auch kennzeichnend für die nachfolgenden Definitionsbeispiele ist, stellt den Fakt dar, dass die Abgrenzung von der Arbeit in diesen Formen der Definition nicht abgelehnt wird. Der Aspekt wird stattdessen unter übergeordnete Gesichtspunkte gestellt, die es ermöglichen, den Sachverhalt inhaltlich zu charakterisieren. Ein Gedankengang, der auch durch Lüdtke berücksichtigt wurde, nur dass dieser noch einen Schritt weiter geht und nicht mehr von negativen oder positiven Restgrößen eines Zeitbudgets spricht, sondern die Freizeit zu einem eigenen Struktur- bzw. Lebensbereich erklärt.

„Freizeit soll einem im Zuge jüngere Differenzierungsprozesse hervorgetreten und sich ständig erweiternden neuartigen Strukturbereich sui generis der entwickelten Industriegesellschaften bezeichnen, (…). Dadurch ist dieser Bereich tradierten Verhaltensmustern besonders wenig unterworfen, er ist viel mehr gekennzeichnet durch ein hohes Maß an Dynamik, Flexibilität und durch einen Mangel an Institutionalisierung, der zu erheblichen Diskrepanzen zwischen kulturellen System und sozialen System führt, (…)“ (LÜDTKE, 1972, S.43, in PRAHL, 2002, S.141).

Der Ansatz von Lüdtke hat den Vorteil, dass er den Fakt überwindet, welcher zu den massiven Kritiken an den negativen Definitionen führte, dass Bevölkerungsteile von den Erläuterungen ausgeschlossen wurden. Das Verständnis, Freizeit als einen eigenen Lebensbereich zu betrachten, lässt somit Schlussfolgerungen für die gesamte Gesellschaft zu und ist damit auch günstig für eine Arbeit, die sich mit der Freizeit von Schülerinnen und Schülern auseinandersetzt.

Nahrstedt schloss sich dem Ansatz von Lüdtke an und bezeichnete die Freizeit als eigenständigen Lebensbereich, der eine Eigendynamik entfaltet, „die schließlich die Industriegesellschaft in eine nachindustrielle Freizeitgesellschaft transformieren will“ (NAHRSTEDT in PRAHL, 2002, S.141).

Innerhalb der Wissenschaft gibt es Vertreter, die der Komplexität der Freizeit mit einem mehrdimensionalen Ansatz entgegentreten und somit versuchen, Freizeit nicht nur einfach zu definieren, sondern durch die Kategorisierung von verschieden Definitionen den Begriff Freizeit ganzheitlich zu erklären. Zu diesen Vertretern gehören z.B. Max Kaplan und James F. Murphy. Exemplarisch für diese Erklärungsansätze soll das sechsstufige Modell von Kaplan beschrieben werden.

In seinem mehrdimensionalen Ansatz umschreibt Kaplan die Freizeit aus verschiedenen Perspektiven. Punkt eins bildet dabei das humanistische Modell. Dieser Ansatz konzipiert Freizeit entsprechend der klassischen – antiken Vorstellung von Muße.

„Dieses Modell von Freizeit als Muße ist angelehnt an die philosophischen Kontemplation und enthält normative Momente einer Philosophie des „guten Lebens“, wie sie von Aristoteles entwickelt wurde“, (VESTER, 1988, S.20).

In der modernen Auseinandersetzung der Philosophie mit dem Thema Freizeit sind Sebastian de Grazia und Josef Pieper Vertreter dieses Ansatzes, der nach Vester klassische humanistische Vorstellungen von Freizeit mit kontemplativen Weisheiten östlichen Denkens verbindet (VESTER, 1988, S.20).

Als zweites betrachtet Kaplan Freizeit als therapeutisches Modell, in dem Freizeit als Mittel, Instrument oder Kontrollinstanz gesehen wird.

„In dieser funktionalen Betrachtungsweise sind nicht nur die im eigentlichen Sinne therapeutischen Funktionen von Freizeit gemeint, sondern auch die Funktionen, die Freizeit sowohl für das Individuum als auch für Gruppen und Schichten (Freizeit als Staussymbol einer Gruppe oder Schicht (…),) oder auch für die Gesellschaft insgesamt haben kann“, (VESTER, 1988, S.20/21).

Die dritte Säule bildet das quantitative Modell, welches nichts anderes darstellt, als die negativen Definitionen. Er verweist auf die Anwendung bei Zeitmessungen, ergänzt jedoch, wie bereits im Rahmen dieser Arbeit thematisiert wurde, die Problematik von der inhaltlichen Bestimmung von Freizeit, die in diesem Modell nicht vorgenommen wird (VESTER, 1988, S.21).

Der vierte Bereich, Freizeit als Institution, ist mit dem Freizeitverständnis von Lüdtke und Nahrstedt gleichzusetzen. Freizeit wird hier bei als „eigenständiger, institutioneller Bereich gesehen, der sich von Verhaltens- und Wertemustern andere Institutionen, wie z.B. Religion, Familie, Bildungswesen und Politik unterscheidet“ (VESTER, 1988, S. 21).

Der fünfte Bereich wird von Kaplan nur sehr ungenau bestimmt und hat deshalb innerhalb der Wissenschaft auch nur ein geringes Gewicht, und wird nur zur Vollständigkeit vorgestellt. Bezeichnet wurde dieser Bereich von Kaplan als die epistemologische Freizeitkonzeption.

„Diesem Ansatz zufolge verbindet Freizeit Aktivitäten und Bedeutungen mit den natürlichen, analytischen und ästhetischen Einstellungen und Sichtweisen gegenüber der Welt; gemeint sind Aktivitäten und Bedeutungen, die die Welt nachahmen und bestätigen (z.B. ein vertrautes Spiel spielen), solche, die die Welt erforschen (z.B. ein Sachbuch lesen) und diejenigen, welche die Welt „transformieren“ (z.B. ein Bild malen oder an einem Protestmarsch teilnehmen)“, (VESTER, 1988, S.21).

Mit der sechsten Kategorie, der soziologischen Konzeption, stellt Kaplan im Prinzip alle anderen Bereiche in Frage. Er beschreibt den Gedanken, dass Freizeit nicht per se zu definieren ist. Auf der anderen Seite könnte Freizeit prinzipiell so ziemlich alles sein, setzt aber eine Synthese der vorher genannten fünf Punkte voraus.

Kaplan muss zugestanden werden, dass durch seinen mehrdimensionalen Ansatz ein relativ breites Spektrum möglicher Definitionen für den Gegenstand Freizeit abgedeckt wird. Für empirische Arbeiten scheint dieser Ansatz nicht praxistauglich, da exakte Aussagen auf der Grundlage dieses Ansatzes nicht zu treffen sind.

Den Abschluss der positiven Freizeitdefinitionen soll der Ansatz von John Robert Kelly darstellen, der bezogen auf die mehrdimensionalen Ansätze versuchte, eine Definition zu formulieren, die ähnlich wie negative Darstellungsformen, den Bedeutungskern von Freizeit in einem Satz wiedergeben kann.

Passend formulierte er. „Freizeit ist Aktivität, die in erster Linie, um ihrer selbst willen gewählt wird“, (KELLY, 1982, S.23). Seiner recht knappen Darstellung musste er dann jedoch Ausführungen zufügen, um seine Definition zusätzlich zu unterstützen.

Kellys Freizeitbegriff ergibt sich als Summe aus den Bestandteilen Zeit, Aktivität und Erfahrung. Danach ist „Freizeit die Qualität einer Aktivität, die von relativer Freiheit und intrinsischer Befriedigung bestimmt wird“ (KELY, 1982, S.23).

Zu Recht wird von Vester herausgestellt, dass diese Art der Definition stark auf das Individuum bezogen ist. Aussagen über soziologische Fragestellungen, die die gesamte Gesellschaft betreffen, werden ausgeblendet (VESTER, 1988, S.24.)

Vergleicht man die negativen mit den positiven Definitionen, so sollte im zurückliegenden Teil herausgearbeitet werden, dass die positiven Freizeitdefinitionen eher dazu genutzt

werden können, aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen zu erfassen und zu analysieren. Die gesamtgesellschaftliche Situation, in der große Teile der Bevölkerung der Gruppe der Nichterwerbstätigen zu zuordnen sind, macht es notwendig, Freizeit als eigenständigen Lebensbereich wahrzunehmen und zu betrachten. Ein Bereich, der eben nicht nur allein von der Arbeit abgegrenzt werden kann, da er, wie kaum ein zweiter Lebensbereich, dem Individuum die Möglichkeit zur autonomen Selbstverwirklichung und freien Entfaltung bietet.

2.5 Definition von Freizeit für diese Arbeit

Die bisherigen theoretischen Ausführungen zu den verschiedenen Definitionskategorien wurden sehr allgemein gehalten, um den nötigen Gesamtüberblick geben zu können.

Bezogen auf das Thema dieser Arbeit, welches nicht gesamtgesellschaftliche Entwicklungen in den Mittelpunkt stellt, sondern eine spezielle Gruppe, die der Schülerinnen und Schüler der 6. und 7. Klassen an Förderzentren Lernen, können die aufgezeigten Definitionen nur teilweise Hilfe leisten. Es ist notwendig, das Verständnis von Freizeit differenziert und auf die Lebenswelt der Schülerinnen und Schülern bezogen sehr eng zu fassen.

Es scheint somit recht schwierig, sich einer der bisher vorgestellten Definitionen anzuschließen, da nicht das Freizeitverständnis des Autors dieser Arbeit, sondern das Verständnis der Schülerinnen und Schüler thematisiert werden soll.

Zur Schwierigkeit einen logischen und wissenschaftlichen Ansprüchen standhaltenden Übergang zwischen Theorie und einer empirischen Untersuchung zu schaffen, formulierten Külp und Mueller, „die begriffliche Festlegung ist nicht nur eine Frage der Übereinkunft sondern primär eine Frage der Zweckmäßigkeit im Bezug auf den Untersuchungsgegenstand“, (KÜLP, MUELLER, 1973, S.4).

Einige Autoren, in der Regel an empirischen Untersuchungen zur Freizeit von Jugendlichen selber beteiligt, unternahmen den Versuch eine Freizeitdefinition bezogen auf die Untersuchungsgruppe zu formulieren.

Richter und Settertobulte verfassten eine recht übersichtliche Definition. „Freizeit, d.h. außerhalb der elterlichen und schulischen Kontrolle im Verbund mit anderen Jugendlichen“, (RICHTER, SETTERTOBULTE. 2003, S.99).

Die Definition vereinigt den negativen Ansatz, in dem die Freizeit von der Schule und auch den Eltern abgegrenzt wird. Auf der anderen Seite versuchen sie eine inhaltliche Bestimmung, in dem sie den Verbund mit anderen Jugendlichen und Freunden betonen. Kritisch muss angeführt werden, dass verschiedene Aspekte keine Berücksichtigung finden. So wird Freizeit, welches ein Kind oder Jugendlicher allein verbringt nicht berücksichtigt und auch die Möglichkeit, dass Freizeit zusammen mit den Eltern verbracht werden kann, wird durch diese Definition ausgeschlossen.

Einen reinen negativen Ansatz verfolgen Machwirth und Gukenbiehl, die anhand von Gesprächen mit Jugendlichen und Literaturrecherchen zu der Auffassung gelangen, Freizeit wird von Jugendlichen, als von Arbeit und Schule und damit von Zwängen befreite Zeit verstanden (MACHWIRTH, GUKENBIEHL, 1984, S.5).

Wesentlich für eine Arbeit wie die vorliegende ist es, den subjektiven Alltagsbegriff von Freizeit, wie ihn die befragten Schülerinnen und Schülern mehr oder weniger deutlich in ihrer Vorstellung haben, als Hintergrund der Arbeit anzusetzen (MACHWIRTH, GUKENBIEHL, 1984, S.5).

Bei den Ausarbeitungen zur empirischen Studie dieser Arbeit war es recht schwierig den Begriff Freizeit zu operationalisieren, d.h. empirisch handhabbar zu machen. Ein allgemeines Problem, welches bereits Nauck beschrieb (NAUCK in HAMPSCH, 1998, S.87).

Die vorliegende Untersuchung zum Freizeitverhalten und Freizeitbedürfnis schließt sich dem Freizeitverständnis von Heiner Hampsch an.

Wie eingangs dieses Gliederungspunktes formuliert wurde, ist es notwendig einen forschungspragmatischen Definitionsversuch anzuwenden, der im engen Bezug zur Probandengruppe steht und dabei bewusst Grenzen in Kauf nimmt (HAMPSCH, 1998, S.87).

Innerhalb dieser Arbeit wird der Freizeit der Schülerinnen und Schülern der 6. und 7. Klasse an Förderzentren Lernen folgende Definition zu Grunde gelegt.

„Freizeit sind 24 Stunden eines Tages einer Schülerin oder Schülers abzüglich derjenigen Zeit, die durch Bildungs- und Lehrpläne der allgemeinen Schulpflicht sowie der Zeit für die körperliche und psychische Rekreation (Schlaf) strukturiert wird“, (HAMPSCH, 1998, S.87).

Vorteil der Definition ist ihre Funktion als Arbeitsdefinition, die von der Notwendigkeit entbunden wird, sich einer der vielfältigen Definitionen anzuschließen (HAMPSCH, 1998, S.87). Die Definition hat einen sehr formalen Charakter, analog zu negativen Definitionen. Vorteilhaft erweist sie sich für die Arbeit, da sie noch keine Aussagen bezüglich der Qualität der Freizeit trifft. Da in der empirischen Studie explizit nach dem eigenen Freizeitverständnis der Schülerinnen und Schüler gefragt wurde, bietet sich diese Definition an, da sie den subjektiven Freizeitbegriff der Schülerinnen und Schüler nicht einschränkt.

3. Zur Geschichte der Freizeit

Es stellt sich durchaus die Frage, ob es in einer Arbeit, die sich der Aufgabe stellt, den „Ist – Zustand“ des Freizeitverhaltens und Freizeitbedürfnis von Schülerinnen und Schülern der sechsten und siebten Klasse an Schulen mit dem Förderschwerpunkt Lernen zu dokumentieren, notwendig ist, den Gegenstand der Freizeit historisch aufzuarbeiten. Diese Frage lässt sich mit einem klaren „Ja“ beantworten, da es wesentlich ist, diesen historischen Exkurs durchzuführen, um die Bedeutung und den gegenwärtigen Stellenwert der Freizeit innerhalb der Gesellschaft nachvollziehen zu können. Die nachfolgenden Erläuterungen werden zeigen, dass das Phänomen der Freizeit, geschichtlich betrachtet, ständigen Bedeutungswechseln unterlag und es deswegen nicht möglich ist, dass heutige Freizeitverständnis auf vergangene Zeitepochen zu übertragen. Im Anschluss an den folgenden Teil soll das Verhältnis von Arbeit und Freizeit in der Gegenwart und Zukunft analysiert und diskutiert werden. Daher ist es unumgänglich den historischen Überblick voranzustellen.

Im Rahmen der Literaturrecherchen zu dieser Arbeit wurden einige Abhandlungen über dieses Thema studiert. Vor allem in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhundert wurde die Geschichte von Autoren, wie z.B. Tokaski, Schmitz – Scherzer, Nahrstedt und Opaschowski dargestellt. In der jüngeren Vergangenheit fällt die sehr ausführliche und detaillierte Darstellung von Hans – Werner Prahl auf. Durch seinen Ansatz weit in der Menschheitsgeschichte zurückzugehen, um die Entwicklung der Freizeit allumfassend darzustellen, sind die Ausführungen von Prahl prädestiniert, um den nachfolgenden Gedanken zur Geschichte der Freizeit als roten Faden zu dienen.

Zu Beginn seiner Abhandlung über die Geschichte der Freizeit bemerkt Prahl, angelehnt an M. Weber, dass die meisten geschichtlichen Betrachtungen sich am Gegensatz Arbeit und Freizeit orientieren und somit Gefahr laufen, bedingt durch diese westeuropäische Sichtweise, fehlerhafte Bewertungen vorzunehmen, da dieser Eurozentrismus nicht auf andere Kulturen zu übertragen ist (PRAHL, 2002, S.85).

Welche inhaltlichen Punkte bei einer historischen Betrachtung bearbeitet werden müssen, um einen Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu können, beschreibt Prahl folgendermaßen.

„Eine soziologisch gehaltvolle Rekonstruktion der Geschichte der Freizeit muss neben dem Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit sowie den Mußeidealen auch die jeweiligen gesellschaftlichen Ungleichheiten, die Formen der Herrschaft, die einflussreichen Denkweisen bzw. Ideologien sowie Vorstellungen und Organisationsweisen von Zeit reflektieren“, (PRAHL, 2002, S.85).

Die meisten Erläuterungen datieren den Beginn der Geschichte der Freizeit mit dem 16. Jahrhundert und den Ideen der Aufklärung zur selbstständigen Lebensführung oder sie rücken die Industrialisierung ab dem 19. Jahrhundert ins Zentrum der Überlegungen. Beide Ansätze vernachlässigen Deutungsweisen anderer Kulturen, da sie, wie bereits angesprochen, von einer zentraleuropäischen Betrachtungsweise ausgehen, die stark durch den Protestantismus, Calvinismus und Puritanismus geprägt ist.

Ein weiteres Problem der historischen Darstellung ist das strittige Thema, ob der Begriff Freizeit überhaupt auf vorindustrielle Epochen anwendbar ist. Analog zu Prahl (vgl. PRAHL, 2002, S.86) wird innerhalb dieser Arbeit eine arbeitspragmatische Sichtweise angewendet und der Begriff auch auf frühe Gesellschaften übertragen, da in den Schilderungen zu den einzelnen Epochen Unterschiede in der Verwendung und Deutung des Begriffes klar herausgearbeitet werden.

Kulturübergreifende Vergleiche des Themas Geschichte der Freizeit werden erschwert, da diese Geschichte in anderen Kulturen erst noch geschrieben werden muss und sich die dortige Freizeitforschung in der Regel an dem Gegensatz Arbeit und Freizeit orientiert (PRAHL, 2002, S.86). So ist es nicht zu vermeiden, diesen Gegensatz in den nachfolgenden Darstellungen immer wieder aufzugreifen.

3.1 Einfache Gesellschaften und frühe Hochkulturen

Seit sich Menschen in ersten gesellschaftlichen Zusammenschlüssen einfanden, wurde das Verhältnis von Arbeit und freier Zeit durch die Natur, die Arbeitsteilung und Herrschaftsorganisation bestimmt. In einfachen Kulturen wurde der Arbeitsrhythmus durch die Natur bestimmt. Die Zeit hatte ein natürliches Maß und war an die Naturereignisse, Sonnenaufgang und -untergang, Jahreszeiten sowie Ernte- und Regenzeiten, gebunden (PRAHL, 2002, S.87). In den ersten Kulturen gab es nur wenige Menschen, die von körperlicher Arbeit befreit waren, z.B. Häuptlinge, Medizinmänner oder Schamanen. Die Anzahl von Menschen, die aufgrund spezieller Funktionen von der körperlichen Arbeit befreit waren, steigerte sich beim Übergang zu frühen Hochkulturen. Diese Gruppe, die Sinnproduzenten des Systems, z.B. Adelige und Politiker, hatten das Recht Muße zu haben, um die Deutungssysteme und Traditionen zu pflegen, die Erkenntnisse zu mehren oder Weisheit oder Politik zu fördern (PRAHL, 2002, S. 87). Aus dieser Arbeitsteilung resultierte ein neues Zeitmaß, welches verantwortlich für fundamentale Veränderungen der Gesellschaftsstruktur war.

„Im Dienste dieses Herrschaftssystems stand – indem dem >>natürlichen<< ein >>gesellschaftliches<< Zeitmaß hinzugefügt wurde - die Organisation der Zeit: Zeremonien, Rituale, Festtage, Veranstaltungen und Spiele gliederten den Ablauf der Zeit. Die langen, von der Natur vorgegebenen Perioden wurden unterbrochen von den Festen und Zeremonien, die von den Herrschenden festgelegt und zur Darstellung ihrer Herrschaft benutzt wurden“, (PRAHL, 2002, S.87).

In der Alltagswelt der Menschen überwog jedoch zu diesem Zeitpunkt noch die okkasionale Zeit, eine Zeit, die nur ein „jetzt“ und ein „nicht jetzt“ kannte.

Zusammenfassend lässt sich für einfache Kulturen festhalten, dass die Zeitstrukturen vom Stand der Produktivitätskräfte, der Arbeitsteilung und der Herrschaftsorganisation bestimmt waren (PRAHL, 2002, S.88).

In fortschrittlicheren Kulturen, wie Ägypten, Mesopotamien und im altchinesischen Kaiserreich gewannen Vorstellungen und Organisationsweisen von Zeit an Bedeutung, die eine weitaus höhere Präzision und Verbindlichkeiten aufwiesen (PRAHL, 2002, S.88).

Kalender gelangten in den Vordergrund, da in der Agrarproduktion mit künstlichen Bewässerungssystemen gearbeitet wurde. Bereits vor 4000 Jahren existierte in China ein Kalenderministerium, welches zu den fünf obersten Ämtern im Reich gehörte (PRAHL, 2002, S.88).

„Die Herrscherfamilien mitsamt einem umfangreichen Stab von Bürokraten, Gelehrten, Ratgebern und Philosophen sollten ein weitgehend von harter körperlicher Arbeit freigestelltes Leben repräsentieren und damit der arbeitenden Bevölkerung >>Sinn<< vorleben. Eine solche Vorbildfunktion wurde später im antiken Mußeideal weiter ausformuliert“, (PRAHL, 2002, S.88/89).

3.2 Griechische und römische Antike

An der Spitze der Griechischen Gesellschaft standen die „freien Bürger“. Diese konnten legitim der Muße nachgehen, um die Geschicke der Polis, Gemeinschaft, zu lenken. Muße („Schole´“) wurde verstanden als freie, unabhängig genossene Zeit, welche Bildung im Sinne selbstständiger Denk- und Gesprächsführung beinhaltete. Definiert wurde der Begriff jedoch nicht als individuell, frei disponible Zeit, sondern wurde gleichgesetzt mit dem Dienst an der Gemeinschaft. Dafür wurde diese Klasse von der Erwerbsarbeit befreit. Sklaven und die Klasse der „Banausen“ (Handwerker) mussten mit ihrer produktiven Arbeit die materielle Grundlage der Gesellschaft erwirtschaften. Für die Arbeit wurden in der griechischen Antike zwei Begriffe verwendet. Die eben erwähnte Arbeit der niederen Schichten, die mühselige und anstrengende Arbeit der Unfreien hieß „Ponos“. Die von allen Menschen, auch von den „Freien“, verrichtete Arbeit wurde „A-Scholia“ genannt. Arbeit wurde als Negation der Muße betrachtet. Sie bildete die Vorbedingung der Muße, trug aber nichts zur Erkenntnis, Bildung und Politik bei und wurde somit zu etwas Negativem erklärt (PRAHL, 2002, S.89).

Neben der strikten Trennung der verschiedenen Klassen gab es ca. 60 Tage im Jahr, an denen alle Klassen frei hatten. Diese Tage waren reserviert für Veranstaltungen, wie z.B. den Olympischen Spielen. Weiterhin gab es für Gerichtssitzungen, Versammlungen und Zeremonien arbeitsfreie Zeit. Genutzt wurde diese Zeit für eine Vielzahl kultureller Angebote wie Musik, Dichtkunst, Rhetorik und Schauspiel.

Die Zeit war in der griechischen Antike viel stärker organisiert als in vorherigen Kulturen.

Die Naturabhängigkeit der Zeit konnte mit der Hilfe von z.B. Sanduhren teilweise überwunden werden.

„So konnte die Organisation der Zeit noch deutlicher in den Dienst der Herrschaftsordnung und der gesellschaftlichen Integration (Polis) gestellt werden. Die Verwendung der freien Zeit stand nicht im Belieben des Einzelnen. Die Muße sollte am Wohl der Polis orientiert sein, die freie Zeit der Sklaven und der Banausen wurde überwiegend durch kultische und zeremonielle Zwecke festgelegt. Freie Zeit war also an die Öffentlichkeit der Polis gebunden, sie war nicht individuell verfügbar. Der Gegensatz von Öffentlichkeit und Privatheit hatte sich noch nicht entfaltet“, (PRAHL, 2002, S.90).

Das Recht eines von der Öffentlichkeit befreiten Raumes, die Privatsphäre, ist eine Errungenschaft des antiken Roms. Ähnlich wie im antiken Griechenland gab es ein Mußemonopol der herrschenden Klassen. Muße, „Otium“, hatte in Rom eine Doppelbedeutung. Sie diente der Vorbereitung auf die Übernahme eines öffentlichen Amtes und sie war die Ruhe und Ordnung des Privatmannes. Arbeit grenzte sich auch im lateinischen von der Muße ab und wurde als „Neg – Otium“ bezeichnet (PRAHL, 2002, S.90). Durch die starke Einbindung der herrschenden Klasse in die Öffentlichkeit, Tätigkeiten, wie z.B. Kriegsführung, Kolonialisierung und Organisation der Produktion wurden zur Muße gezählt, entwickelte sich ein Privatleben.

Durch eine differenziertere Arbeits- und Gesellschaftsordnung veränderte sich das Verhältnis von Arbeit und Freizeit. Die unfreie Landbevölkerung und die Sklaven erwirtschafteten soviel, dass große Teile der Stadtbevölkerung, Plebejer (Handwerker, Händler, Soldaten) nicht ihre gesamte Zeit zur Sicherung der Muße der herrschenden Klasse verwenden mussten.

Opaschowski zog in diesem Zusammenhang folgenden Vergleich. Im Jahr 350 n. Chr. gab es 175 Ruhetage in der Römischen Republik. Ein normaler Arbeiter kam bei 12 Arbeitsstunden pro Werktag auf eine Belastung von 2000 Stunden pro Jahr. Ein Durchschnittsarbeitnehmer in der Bundesrepublik Deutschland kam im Jahr 1968 auf 2100 Arbeitsstunden pro Jahr (Opaschowski, 2006, S.29).

Die freie Zeit wurde in Rom durch die Herrscher strukturiert, z.B. durch die Einführung von „Brot und Spiele“. Architektonisch wurde Rom durch große Parks, Hallen, Bäder und Sportarenen auf die Nutzung der freien Zeit zugeschnitten. Es entwickelte sich somit bereits im antiken Rom eine Freizeitinfrastruktur.

Zusammenfassend kann über das antike Rom festgehalten werden, dass sich die Muße in einen öffentlichen und einen privaten Bereich aufspaltete. Das Verhältnis zwischen Arbeit und Muße war gesellschaftlich sehr unterschiedlich beschaffen. Die Stadtbevölkerung konnte der Muße frönen, wobei diese auch als Instrument zur Herstellung von Massenloyalität und öffentlicher Ruhe verwendet wurde, während die Mehrzahl der Bevölkerung auf dem Land hart arbeiten musste. Die vorhandene freie Zeit wurde massenhaft organisiert (PRAHL, 2002, S.91).

3.3 Mittelalter

Als Mittelalter wird die Zeitspanne vom Ende des Römischen Reiches, 4./5. Jahrhundert n.Chr. bis zum 14./15. Jahrhundert bezeichnet. Durch neue Machtverhältnisse, den Feudaladel und vor allem die christliche Kirche, erfolgte eine deutliche Abkehr von den antiken Verhältnissen. „Ora et labora“, bete und arbeite, wurde von der christlichen Kirche gepredigt und somit zum neuen Herrschaftsprinzip. Der Tagesablauf regelte sich über regelmäßige Gebetszeiten. Glockengeläut, Gebets-, Markt- und Feiertage untergliederten die Zeit zusätzlich zum natürlichen Maß. Unterbrochen wurde das Jahr durch ca. 90 bis 115 Feiertage. Zu den arbeitsfreien Tagen kamen noch 52 Sonntage hinzu (PRAHL, 2002, S.91.). Opaschowski ergänzt an dieser Stelle, dass auch die sonstige Arbeitszeit begrenzt wurde und zum Beispiel das Arbeiten nach den Samstagvespern, 4 bis 5 Uhr nachmittags, verboten war (OPASCHOWSKI, 2006. S.29). Insgesamt kamen die Arbeiter in dieser Zeitepoche auf knapp 2300 Arbeitsstunden pro Jahr, was sich ungefähr mit der Arbeitszeit der nachindustriellen „Freizeitgesellschaft“ deckt (PRAHL, 2002, S.91.).

Durch die flächendeckende Einführung von Uhren im 14. und 15. Jahrhundert wurde die Zeit zu einem immer effizienteren Mess- und Kontrollwert. Zu dieser Zeit taucht erstmalig der Begriff „frey zeyt“ auf, der bereits im Kapitel „Begriffsbestimmung“ erläutert wurde.

Mit dem Beginn der Renaissance am Ende des Hochmittelalters änderte sich das qualitative Verhältnis von Arbeit und Muße. Im frühen Mittelalter wurde die Muße, „muoze“, als „müssen“ und später im Sinne von „Nicht – Aktivität“ bzw. „Ruhe“ verwendet. Nun bildete sie die Grundlage für das menschliche Erkennen und Bilden. Innerhalb der Muße entstanden Dichtungen und Kunst aber auch die wissenschaftlichen Werke der Gelehrten und Mönche (PRAHL, 2002, S.93). Neben der demonstrativen Muße des Adels, welche sich durch Bälle, Theateraufführungen, ect. repräsentierte, bildeten sich auf der anderen Seite der Gesellschaftshierarchie, bei den Handwerkern und dem Stadt – Pöbel, eigene Formen der Mußedemonstrationen, z.B. volkstümlicher Gesang und Anfänge des Fußballspieles.

Zu dieser Zeit setzte eine klassentypische Differenzierung der Muße und Kultur ein, die bis weit in die Neuzeit fortwirkte (PRAHL, 2002, S.93).

3.4 Frühe Neuzeit

Mit dem Einfluss der Renaissance und der Reformation wurde die Gesellschaft immer stärker durch die Arbeitsorganisation und Berufszugehörigkeit geprägt. Die Kirche und das Kaisertum verloren ihre Vorherrschaft. Durch das neu entstandene Verlagswesen und durch Manufakturen bildeten sich erste Ansätze der Lohnarbeit heraus.

„Die ursprüngliche Anschauung der Arbeit als von Gott gewollter und dem Menschen auferlegter Mühsal wich unter dem Einfluss der Reformation der Auffassung, dass sich der Mensch im Beruf vor Gott verwirklichen könnte. Die Arbeit des Einzelnen wurde zur seiner eigenen Leistung, (…) und war formal frei“, (PRAHL, 2002, S.94).

Durch die Möglichkeit Arbeit zu quantifizieren, wurde diese direkt vom Markt abhängig und wurde so zum eigentlichen Lebenszweck. Auf Luther geht das rigide Arbeitsethos dieser Zeit zurück. Er verpönte Müßiggang und stellte die Arbeit ins Zentrum des menschlichen Lebens, welches zunehmend rationalisiert wurde. Mit dem einsetzenden Calvinismus des 16. und 17. Jahrhunderts begann parallel die Verbreitung des Leistungsgedankens. Nach Max Weber liegt in dieser Epoche der Grundstein des europäischen Kapitalismus (WEBER in PRAHL, 2002, S.94).

Im Geiste des Protestantismus hatten alle Menschen die Pflicht, ihr Bestes zu leisten. Muße wurde als Trägheit diffamiert und die Arbeit wurde zum individuellen Lebensziel. Zeitvergeudung wurde die erste und prinzipiell schwerste aller Sünden.

Räderuhren ermöglichten zu dieser Zeit erstmals naturunabhängige Zeiteinteilungen, die z.B. die Arbeitszeiten zu allen Jahreszeiten in gleiche Abschnitte gliederten und weitreichende Konsequenzen für die Arbeitswelt hatte. Die Arbeitszeit stieg rapide an.

Diese Strukturwandlungen und die Umwertung von Arbeit und Beruf, plus die gleichzeitige Diffamierung der Muße, führten dazu, dass die freie Zeit zur Restzeit wurde, die nach der beruflichen Pflichterfüllung übrig blieb (PRAHL, 2002, S. 95).

3.5 Industrialisierung

Es gibt kaum eine zweite Zeitepoche, die so gravierende Auswirkungen auf das Verhältnis von Arbeit und Freizeit hatte, wie die Industrialisierung. Künstliche Energie- und Lichtquellen ermöglichten Arbeit unabhängig von der Natur. Tages- oder Jahresrhythmen wurden einzig von ökonomischen Erfordernissen und den Grenzen physischer Belastbarkeit der Menschen bestimmt. Arbeit wurde stark diszipliniert und reglementiert, vorhandene Arbeitskraftreserven wurden ausgeschöpft. Da die Löhne gerade zur Existenzsicherung reichten, mussten auch Frauen und Kinder in den Fabriken malochen. Die Arbeitsstunden verdoppelten sich im Verhältnis zum Mittelalter auf bis zu 4000 Stunden pro Jahr (PRAHL, 2002, S.98). Sonntage verloren die kirchliche Weihe mit der Begründung, die teuren Maschinen dürften nicht stillstehen. Feier– und Festtage wurden auf 10 bis 15 Tage zusammengeschmolzen und Urlaub war für die Arbeiter nicht vorgesehen. Durch den Anstieg der Stadtbevölkerung standen genug Menschen für die Arbeit zu Verfügung, welches ein Absinken der Löhne mit sich führte und Grund für die steigende Arbeitzeit, von bis zu 16 Stunden pro Tag, war.

Prahl beschreibt, dass die Industriearbeiter dieser Zeit ein Leben ohne freie Zeit führten. Die Zeit nach dem Arbeiten reichte einzig für etwas Hygiene, Essen und zum schlafen (PRAHL, 2002, S.98).

Der Rückgang der Arbeitszeit in der zweiten Hälfte im 19. Jahrhundert hatte zunächst keine ökonomischen Gründe. Das Militär beklagte sich über den schlechten Zustand der Rekruten, die bereits als Kinder in den Fabriken arbeiten mussten. Weiterhin gewann die Produktion von Konsumgütern stetig an Bedeutung und die Industriellen benötigten nicht nur die Arbeitskraft der Menschen sondern auch ihre Konsumwünsche, welche sich nicht realisieren ließen, wenn sie zwei Drittel des Tages arbeiteten und dafür minimal entlohnt wurden (PRAHL, 2002, S. 99/100). Ab Mitte des 19. Jahrhunderts begann sich die Arbeiterschaft gewerkschaftlich und politisch zu organisieren. Seit ca. 1860 wurde der Kampf um einen Arbeitstag von acht Stunden propagiert.

Entscheidend für die zunehmende Rolle und der Frage nach der Freizeit waren einschneidende gesellschaftliche Entwicklungen. Die wachsende Industrie und Bürokratisierung des Staates brachten den neuen Mittelstand von Beamten und Angestellten hervor. Diese arbeiteten kürzer und verfügten über einen geregelten Urlaubsanspruch. Bald stellte sich die Frage, welchen Sinn die neue Zeit haben solle (PRAHL, 2002, S.99/100).

Während dieser Zeit gab es verschiedene Ansätze zur Nutzung der freien Zeit. Gewerkschaften und Arbeiterparteien befürworteten eine Nutzung der freien Zeit zur Arbeiterbildung. Sie sollten sich politisch bilden, um gesellschaftlich selbstbestimmt mitwirken zu können. Dieser Ansatz verlor zunehmend an Bedeutung, da sich die Parteien, z.B. die SPD, zu staatstragenden Organisationen entwickelten.

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Titel
Zu Freizeitbedürfnissen und zum Freizeitverhalten von Schülerinnen und Schülern der Klassenstufe 6 und 7 an Förderschulen Lernen
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg)
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
118
Katalognummer
V123453
ISBN (eBook)
9783640290468
ISBN (Buch)
9783640290673
Dateigröße
1256 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Freizeitbedürfnissen, Freizeitverhalten, Schülerinnen, Schülern, Klassenstufe, Förderschulen, Lernen
Arbeit zitieren
Student Sascha Steinbach (Autor), 2008, Zu Freizeitbedürfnissen und zum Freizeitverhalten von Schülerinnen und Schülern der Klassenstufe 6 und 7 an Förderschulen Lernen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/123453

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