Blumen gelten unter anderem als Symbole der Dichtung und der Liebe. Es liegt also durchaus nahe, ihre symbolische Potenzialität in der mittelhochdeutschen Liebes-Dichtung zu untersuchen. Das Referenzspektrum ihrer Symbolik reicht darüber hinaus, ausgehend von ihrer Schönheit und Farbe und auch ihrer Zartheit und relativer Seltenheit, vom Symbol für die Geliebte oder den Geliebten über die Dichtung bis hin zur Symbolik für Unsterblichkeit und auch Vergänglichkeit.
Sie begegnen uns in der mittelhochdeutschen Minnelyrik neben anderen Elementen der Natur, wie zum Beispiel Vögeln oder auch anderen Pflanzen wie der linde, der heide oder dem klê, relativ häufig, da es sich um einen Bestandteil eines gesellschaftlich bedeutsamen Themas, der Jahreszeiten, handelt. Damit sind sie Teil einer Naturdarstellung, welche die Minnelieder oftmals einleitet (Natureingang) oder in Zusammenhang mit der sogenannten Jahreszeitentopik gebraucht wird.
Doch welche konkrete Symbolik oder Metaphorik entfalten sie im Minnesang? Wie weit öffnet sich ihr sprachliches Spektrum in den uns überlieferten Minneliedern? Welche Funktionen übernehmen sie innerhalb der Jahreszeitentopik und wie werden sie zur Minnethematik in Beziehung gesetzt?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Leitfragen, Methodik und Aufbau der Arbeit
1.2 Zum Stand der Forschung
2 bluomen als Boten des sumers
2.1 Mittelalterliches, gesellschaftliches Leben im jahreszeitlichen Wechsel
2.2 Die Jahreszeitentopik
3 Exemplarisch: Zur Funktion der bluomen in Dietmars von Eist Ahî, nu kumt uns diu zît (MF 33, 15)
3.1 Kurzer überlieferungsgeschichtlicher Überblick
3.2 Formale und inhaltliche Analyse des Liedes mit Blick auf die Funktion der bluomen in der Jahreszeitentopik
3.3 Handelt es sich um eine liedhafte komponierte Einheit der Strophen?
4 bluomen – mehr als nur boten des sumers
4.1 Versinnbildlichung der Liebeserfüllung
4.2 Blumensäen ins Herz
4.3 gebrochene bluomen
4.4 Kristes bluomen
4.5 Überwindung des Topos bei Reinmar
5 Schlussbetrachtungen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die sprachliche Potenzialität und symbolische Vielfalt von "bluomen" in der mittelhochdeutschen Lyrik, insbesondere innerhalb der Edition "Des Minnesangs Frühling". Ziel ist es, die Funktionen dieser Natursymbolik innerhalb und außerhalb der etablierten Jahreszeitentopik sowie deren Bezug zur Minnethematik zu ergründen.
- Die symbolische Funktion von Blumen als Boten des Sommers.
- Naturdarstellung und Jahreszeitentopik im Minnesang.
- Die "bluomen" als Metaphern für Liebeserfüllung, Schmerz und Tugend.
- Die Interpretation von "gebrochenen bluomen" als erotische Symbolik.
- Reflexion über die literarische Variationskunst im hohen Minnesang.
Auszug aus dem Buch
Formale und inhaltliche Analyse des Liedes mit Blick auf die Funktion der bluomen in der Jahreszeitentopik
Das Minnelied beginnt mit dem ersten uns überlieferten sommerlichen Natureingang, der einen locus amoenus mit klassischen frühlingshaften und sommerlichen Requisiten entwirft. Er erstreckt sich über die gesamte erste Strophe, in welcher der Minnesänger die kollektive Hochstimmung des Frühlings beschreibt. Allerdings beschränkt sich die Darstellung auf die akustischen und visuellen Merkmale der Jahreszeit und des locus amoenus, womit genauere Angaben zum Raum fehlen. Enthusiastisch eingeleitet wird diese erste Strophe durch die Bewunderung und Freude ausdrückende Interjektion Ahî (S. 1, V. 1). Neben einer weiten grünenden Linde (vgl. S. 1, V. 2), der kleinen vogellîne sanc (S. 1, V. 1), werden auch bluomen (S. 1, V. 3) genannt, welche die Heide erstrahlen lassen.
Sie werden näher bestimmt als wol getân (S. 1, V, 3), was die Blumen als Komponenten eines idealen Naturkonzepts unterstreicht. Im nachfolgenden Abvers: an der héide üebent sî ir schîn (S. 3, V. 3), zeigt sich unter anderem der Frühlingscharakter der Strophe. Es wird suggeriert, dass die Blumen ihren Schein nicht nur ausüben, sondern sich noch daran üben, denn der lange Winter ist gerade erst vorüber (vgl. S. 1, V. 2) und die Linde belaubt sich (S. 1, V. 2) erstmals im Frühjahr. Die bluomen wol getân (S. 1, V. 3) fungieren hier sowohl als Inventar des ideal entworfenen Naturbildes als auch als Boten des Sommers, als Indizien für die Hochstimmung. Denn zergangen ist der winter lanc (S. 1, V. 2), wodurch das lyrische Ich troestet (S. 1, V. 4) und so wie viele andere Herzen vrô (S. 1, V. 4) wird. Hier ist der direkte Übergang vom beschriebenen externen Naturbild auf das Innerste des Minnesängers, das Herz, den Ursprung der Liebe und Gefühle zu erkennen.
In dieser Strophe kommt den bluomen keine spezifische Funktion zu. Sie stehen lediglich neben anderen Naturelementen der Strophe, wie der begrünten Linde, dem Vogelgesang und der héide (S. 1, V. 3) und sind damit Teil einer Gruppe an Requisiten, welche die gleiche Funktion aufweisen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Vorstellung der Leitfragen und methodischen Herangehensweise zur Untersuchung der Blumenmetaphorik im Minnesang.
2 bluomen als Boten des sumers: Erörterung der mittelalterlichen Lebenswelt und der theoretischen Einbettung der Jahreszeitentopik.
3 Exemplarisch: Zur Funktion der bluomen in Dietmars von Eist Ahî, nu kumt uns diu zît (MF 33, 15): Detaillierte Analyse eines konkreten Liedtextes hinsichtlich formaler Struktur und Blumen-Funktion.
4 bluomen – mehr als nur boten des sumers: Untersuchung der metaphorischen Blumenverwendung in verschiedenen Kontexten wie Liebeserfüllung, Defloration oder geistlicher Lyrik.
5 Schlussbetrachtungen: Resümee der Ergebnisse über die Variationsbreite und symbolische Komplexität der behandelten Naturmetaphorik.
Schlüsselwörter
Minnesang, Des Minnesangs Frühling, bluomen, Jahreszeitentopik, Natureingang, Blumenmetaphorik, Liebeserfüllung, Mittelalter, Dietmar von Eist, Reinmar der Alte, Symbolik, Literaturwissenschaft, Variationskunst, Minne, Naturdarstellung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit untersucht die sprachliche Potenzialität und die symbolische Bedeutung des Begriffs "bluomen" in den Minneliedern der Sammlung "Des Minnesangs Frühling".
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Jahreszeitentopik, der Natureingang im Minnekontext und die metaphorische Erweiterung der Blumen-Symbolik über rein kalendarische Angaben hinaus.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage adressiert, welche konkrete Symbolik oder Metaphorik Blumen entfalten, wie ihr sprachliches Spektrum genutzt wird und welche Funktionen sie im Verhältnis zur Minnethematik einnehmen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die quantitative Bestandsaufnahmen (Verbreitung der Begriffe) mit einer exemplarischen Einzelliedanalyse sowie vergleichenden Textinterpretationen kombiniert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung zur Jahreszeitentopik, eine detaillierte Einzelanalyse eines Liedes von Dietmar von Eist und eine Untersuchung metaphorischer Blumen-Varianten bei verschiedenen Autoren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die inhaltliche Ausrichtung?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Minnesang, bluomen, Jahreszeitentopik, Metaphorik, Symbole und Variationskunst klassifizieren.
Warum wird Dietmar von Eist als Beispiel herangezogen?
Sein Lied "Ahî, nu kumt uns diu zît" eignet sich besonders gut, da es Blumen mehrfach und in unterschiedlichen Funktionen innerhalb des Jahreszeitentopos variiert und somit ein ideales Anschauungsobjekt bietet.
Was unterscheidet "gebrochene bluomen" von "Kristes bluomen"?
Während "gebrochene bluomen" eine konventionelle Koitusmetapher für die Liebesvereinigung oder Defloration darstellen, fungieren "Kristes bluomen" in der Kreuzzugslyrik als Kontrastmittel, das irdische Freuden als "falsches Paradies" entlarvt.
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- Anonym (Author), 2019, Zur sprachlichen Potenzialität der "bluomen" in "Des Minnesangs Frühling", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1234622