Emine Sevgi Özdamars Romane und Erzählungen sind autobiographisch gefärbt und von ihren Erlebnissen als Arbeitsmigrantin in Deutschland, und damit von der deutschen Migrationspolitik, dem Anwerbeabkommen mit der Türkei und den prekären Arbeits- und Lebensbedingungen, die das „Gastarbeiter“-Dasein in der Bundesrepublik mit sich brachte, geprägt. In ihrer frühen Prosa beschreibt Özdamar ihren Alltag als Arbeitsmigrantin und gibt ihren Gefühlen von Entfremdung, Einsamkeit und Orientierungslosigkeit Ausdruck, weswegen es lohnenswert erscheint, ergänzend zur geschichts- und sozialwissenschaftlichen Forschung zum Themenkomplex „Gastarbeiter“, den Blick auf ihr literarisches Werk zu richten, um nachfolgenden Generationen die Lebensrealität von „Gastarbeitern“ in der Bundesrepublik erfahrbar zu machen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Das „Gastarbeiter“-System
2. Anwerbung, Ankunft und Arbeit in Deutschland
3. Özdamars Politisierung und Rassismuserfahrungen
4. Fazit: Die Bedeutung der „Gastarbeiter“-Literatur heute
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das „Gastarbeiter“-System der Bundesrepublik Deutschland unter Einbeziehung des literarischen Werks von Emine Sevgi Özdamar. Ziel ist es, die sozioökonomischen Bedingungen der sogenannten „Gastarbeiter“-Generation durch eine historische Perspektive mit der individuellen literarischen Verarbeitung von Entfremdung, Rassismus und Politisierung zu verknüpfen und deren Bedeutung für die deutsche Migrationsgeschichte kritisch zu reflektieren.
- Historische Einordnung des „Gastarbeiter“-Systems nach 1945
- Lebensrealität und Arbeitsbedingungen türkischer Migrant*innen
- Literarische Repräsentation von Entfremdung und Rassismuserfahrungen
- Persönliche Politisierungsprozesse im Kontext der deutschen Migrationspolitik
- Kritik an der deutschen Einwanderungs- und Integrationspolitik
Auszug aus dem Buch
2. Anwerbung, Ankunft und Arbeit in Deutschland
Zu Beginn von Özdamars Roman Die Brücke vom Goldenen Horn verkünden die Zeitungen in ihrer Heimatstadt Istanbul plakativ: „Deutschland möchte noch mehr türkische Arbeiter“, und: „Deutschland nimmt Türken.“ Özdamars Vater steht dem Vorhaben seiner Tochter, als Arbeiterin in die Bundesrepublik zu reisen, jedoch ablehnend gegenüber und rät ihr stattdessen: „Mach’ die Schule fertig. Ich will nicht, daß meine Tochter Arbeiterin wird. Das ist kein Spiel.“ Das Bild von Europa im Allgemeinen und Deutschland im Speziellen, das sich aus den Aussagen der Figuren ergibt, die in Özdamars Erzählungen in der Türkei auftreten, ist hochgradig ambivalent. Einerseits erfährt die junge Özdamar schon von ihrem Großvater vom „Öleimerkrieg“, in dem dieser „für die deutschen Eimer in den Krieg“ musste. Özdamar wird also früh eingeführt in koloniale Ausbeutung und einen Krieg, in dem das Osmanische Reich Gegenstand von geopolitischen Interessen europäischer Kolonialmächte war. Auf der anderen Seite ist Europa für viele Menschen in Özdamars türkischem Umfeld der Inbegriff von Wohlstand und sozioökonomischen Aufstieg; so soll bereits an dem Goldzahn eines heimgekehrten türkischen „Gastarbeiters“ zu erkennen sein, „wie schnell man in Alamania reich werden kann.“
Neben dem vermeintlich sicheren wirtschaftlichen Erfolg geht mit einem Aufenthalt in Europa, dort, wo sogar die Hunde „in den europäischen Hundeschulen studier[en]“, auch ein höheres Maß an Bildung und Kultur einher. Eine Frau in der Türkei stellt fest: „Europa gesehen zu haben, ist eine feine Sache. Man sieht einem Menschen im Gesicht an, daß er Europa gesehen hat. Die Europäer sind fortschrittlich, wir treten mit unseren Füßen auf der Stelle und bewegen uns einen Schritt vor und zwei Schritte zurück.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Das „Gastarbeiter“-System: Dieses Kapitel erläutert den ökonomischen Bedarf der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg und die Etablierung des migrationspolitischen Instruments der Anwerbeabkommen.
2. Anwerbung, Ankunft und Arbeit in Deutschland: Hier wird der Prozess der Anwerbung sowie der harte, durch Akkordlohn und Entfremdung geprägte Arbeitsalltag von Emine Sevgi Özdamar in Berliner Fabriken beschrieben.
3. Özdamars Politisierung und Rassismuserfahrungen: Kapitel 3 beleuchtet die persönliche Entwicklung Özdamars zur Sozialistin sowie ihre Erfahrungen mit Rassismus und Vorurteilen im deutschen und türkischen Kontext.
4. Fazit: Die Bedeutung der „Gastarbeiter“-Literatur heute: Das abschließende Kapitel reflektiert die langfristige Bedeutung der „Gastarbeiter“-Literatur und kritisiert die anhaltende politische Leugnung der Realität einer Einwanderungsgesellschaft.
Schlüsselwörter
Gastarbeiter, Arbeitsmigration, Emine Sevgi Özdamar, Transnationale Literatur, Bundesrepublik Deutschland, Anwerbeabkommen, Rassismus, Entfremdung, Sozialismus, Einwanderungsland, Wirtschaftswunder, Arbeitsmarkt, Klassensolidarität, Migration, Identität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die sozioökonomischen und politischen Bedingungen des „Gastarbeiter“-Systems der Bundesrepublik Deutschland anhand des autobiographisch gefärbten literarischen Werks von Emine Sevgi Özdamar.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Hauptthemen umfassen die Geschichte der Arbeitsmigration, die Arbeitsbedingungen in der Industrie, Erfahrungen von Fremdheit und Diskriminierung sowie die politische Politisierung von Arbeitsmigrant*innen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die geschichtswissenschaftliche Forschung zum Themenkomplex „Gastarbeiter“ durch literarische Perspektiven zu ergänzen und die Lebensrealität von Arbeitsmigrant*innen aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit arbeitet mit einer strukturellen Analyse, die historische Quellen und sozialwissenschaftliche Studien mit der literaturwissenschaftlichen Untersuchung von Özdamars Romanen und Erzählungen verknüpft.
Was wird primär im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der ökonomischen Anwerbungsbedingungen, der konkreten Arbeitserfahrungen sowie der Politisierung und Diskriminierungserfahrungen der Protagonistin.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit am besten charakterisieren?
Wichtige Begriffe sind Gastarbeiter, Transnationale Literatur, Arbeitsmigration, Rassismus, Entfremdung und Einwanderungsgesellschaft.
Welche Rolle spielt der Begriff des „Orientalismus“ in der Arbeit?
Er dient zur Erklärung der rassistischen Vorurteile und der ontologischen Differenzierung zwischen „Orient“ und „Okzident“, mit denen Özdamar bereits in der Türkei und später in Deutschland konfrontiert wird.
Inwiefern beeinflussten Gewerkschaften die Lebensrealität der Gastarbeiter?
Die Arbeit führt aus, dass Gewerkschaften den „Gastarbeitern“ lange skeptisch gegenüberstanden, da man sie als potenzielle Lohndrücker betrachtete, was eine Klassensolidarität erschwerte.
Welche Bedeutung hat das „Gastarbeiter“-System laut dem Fazit für die Gegenwart?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass die Politik die Einwanderungssituation zu lange leugnete und der Beitrag der Gastarbeiter zum Wirtschaftswunder im kollektiven Gedächtnis heute oft unterbewertet wird.
Wie definiert Özdamar ihre Arbeitssituation metaphorisch?
Sie beschreibt ihren Alltag durch Symbole der Entfremdung; unter anderem wird der Fabrikchef zum „Herscher“ und die Fabrikarbeit wird als belastend und isolierend dargestellt.
- Arbeit zitieren
- Leon Maack (Autor:in), 2021, Emine Sevgi Özdamar und die Erfahrungen einer türkischen "Gastarbeiterin" in Deutschland. Transnationale Literatur, transnationales Arbeitsmarktsystem, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1234961