Die Wechsel bei Heinrich von Morungen


Seminararbeit, 2003

21 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Gliederung

Einleitung

1. Überlegungen zu Funktionen des Wechsels nach Köhler/Schnell

2. Lied X - Ich hân sî vür alliu wîp
2.1. Inhalt
2.2 Betrachtung der Männer- und Frauenrolle
2.3. Ergebnis der Betrachtung

3. Lied XXVIII - Ich bin keiser
3.1 Vorbemerkung
3.2 Inhalt
3.3 Betrachtung der Männer- und Frauenrolle
3.4 Ergebnis der Betrachtung

4. Lied XXX - Owe sol mir aber iemer
4.1 Inhalt
4.2 Betrachtung der Männer- und Frauenrolle
4.3. Ergebnis der Betrachtung

5. Fazit der einzelnen Liedanalysen

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

Wohl kaum eine Gattung des Minnesangs hat in den letzten Jahren so viele Fragen aufgeworfen wie der Wechsel. Es scheint, dass gerade deswegen die Forschung sich zurückhält, eindeutige Essays darüber abzufassen. Einzig Rüdiger Schnell hat 1999 mit seinem Aufsatz „Frauenlied, Manneslied und Wechsel im deutschen Minnesang, Überlegungen zu “gender“ und Gattung“ eine neue Diskussion über die Funktion des Wechsels entbrannt. Auf diesen Aufsatz und seine Wirkung werde ich gesondert in Kapitel 1 eingehen.

Ein Wechsel „ist ein kohärenter lyrischer Text, dessen strukturelle Merkmale die strophische Aufteilung von Männer- und Frauenrollen und das monologische Verhältnis der ihnen zugeordneten Äußerungen sind.“1 Gerade wegen diesen einzigartigen Charakterzügen der Gattung „Wechsel“ und aufgrund der darüber scheinbar fehlenden Existenz von Forschungsberichten hat diese Art von Minnesang mein Interesse geweckt. Deswegen habe ich die Wechsel bei Morungen zu meinem Seminararbeitsthema gewählt.

Ich werde diese Arbeit mit einer Überlegung zu der Definition des Wechsels nach Rüdiger Schnell und Jens Köhler einleiten. Sie soll dem Leser einen Eindruck vermitteln, worauf ich bei der Analyse der einzelnen Männer- und Frauenstrophen geachtet habe und weswegen sich diese Analysen nicht immer einfach gestaltet haben.

Die folgenden Kapitel beschreiben die einzelnen Wechsel von Morungen. Beginnen werde ich mit Lied X und gebe zunächst eine Inhaltsangabe zum besseren Verständnis. Darauf folgt die Analyse der Geschlechterrolle und schließlich das Fazit daraus. Bei den anderen beiden Wechseln verfahre ich genauso, wobei ich bei Lied XXVIII eine Vorbemerkung eingefügt habe, die mir bei diesem Wechsel aufgrund der unklaren Zuordnung zur Gattung Wechsel sinnvoll erscheint .

1. Überlegungen zu Funktionen des Wechsels nach Köhler/Schnell

Während Köhler die Funktion des Wechsels im gegenseitigen Beteuern der Liebe sieht, ist in den letzten Jahren eine Diskussion darüber entbrannt, ob die Funktion des Wechsels nicht genau im umgekehrten Falle liegt. So weist Rüdiger Schnell die Ansicht von Jens Köhler strikt von sich: „Die suggestive Koppelung der separaten Aussagen zweier Liebenden soll durch die kommunikativen Hindernisse begründeten Missverständnisse zwischen Mann und Frau aufzeigen“.2 Schnell findet es paradox, dass Köhler von fehlender Harmonie und existierenden Konflikten in den Wechseln spricht, wenn doch die Bestätigung der Liebespartner im Vordergrund stehen sollte. Die Gegner Köhlers erkennen, dass Mann und Frau von den Emotionen des anderen keine Ahnung haben und so im „eigenen Monolog gefangen sind“.3 Beide Minnepartner sind sich in ihren Gefühlen dem anderen gegenüber sicher, zweifeln aber dessen Liebe zu sich selbst an. Diese kommunikative Störung ist also gewissermaßen ein „Aneinandervorbeireden“.

Dieses „Aneinandervorbeireden“ kommt in Morungens „Ich bin keiser“ deutlich zum Vorschein. Ihr ist das Herz schwer geworden, weil sie die Meinung vertritt, sie sei ihrem Angebetetem fremd und gleichgültig geworden. Im Gegensatz dazu hat er sie schon längst zur Herrin erkoren und schwört, ihr immer treu zu sein. Bei Morungens Wechseln fällt auf, dass eigentlich immer nur die Frau an seiner Liebe zweifelt. Sie klagt meistens, während er von seinen Gefühlen zu ihr spricht. Einzig bei Morungens Tagelied fällt auch er in ihren Klageruf ein – natürlich mit räumlicher Distanz – und ist sich nicht im Klaren darüber, ob er sie noch einmal sehen wird.

Diese neue und interessante Diskussion über die Funktion des Wechsels werde ich bei der Analyse der einzelnen Wechsel berücksichtigen, da es bei der Bewertung der jeweiligen Mann- und Frauenrolle natürlich von Bedeutung ist, welche Funktion das Lied eigentlich verfolgt. Leider liegt häufig der Fall vor, dass man nicht auf eine Funktion schließen kann, was später noch deutlich wird.

2. Lied X - Ich hân sî vür alliu wîp

1

Ich hân sî vür alliu wîp
mir ze vrowen und ze liebe erkorn.
minneclîch ist ir der lîp.
seht, durch daz sô hab ich des gesworn,
Daz mir in der welt (niht)
niemen (solde) lieber sîn.
swenne aber sî mîn ouge an siht,
seht, sô tagt ez in dem herzen mîn.
2
'Owê des scheidens, daz er tet
von mir, dô er mich vil senende lie.
wol aber mich der lieben bet
und des weinens, daz er dô begie,
Dô er mich trûren lâzen bat
und hiez mich in vröiden sîn.
von sînen trehenen wart ich na t
und erkuolte iedoch daz herze mîn.'
3
Der dur sîne unsaelicheit
iemer arges iht von ir gesage,
dem müeze allez wesen leit,
swaz er minne und daz im wol behage.
Ich vluoche in, unde schadet in niht,
dur die ich ir muoz vrömde sîn.
als aber sî mîn ouge an siht,
sô taget ez in dem herzen mîn.
4
'Owê, waz wîzent si einem man,
der nie vrowen leit noch arc gesprach
und in aller êren gan?
durch daz müet mich sîn ungemach,
Daz si in sô schône grüezent w a l
und zuo ime redende gânt
und in doch als einen bal
mit boesen worten umbe slânt.'

2.1. Inhalt

Die Forschung ist sich darüber einig, dass Lied MF X echt ist, dass heißt, dass die Strophen eine Kohärenz in Ton und Inhalt aufweisen. Es treten Reim- und Wortresponsionen und Refrains auf, auf die ich, genauso wie auf die inhaltlichen Verbindungspunkte, später noch näher eingehen werde.

Lied MF X ist aus vier Strophen aufgebaut, wobei immer abwechselnd Mann und Frau sprechen. Gleich zu Beginn der einzelnen Strophen werden die Rollen durch Nennung des Partners sichtbar gemacht:

- Durch „wîp“ im ersten Vers der ersten Strophe
- Durch das Gegenstück „man“ dazu im ersten Vers der letzten Strophe
- Durch „er“ in der ersten Zeile der zweiten Strophe und „ir“ im zweiten Vers der dritten Strophe

Das Lied beginnt mit der Mannesstrophe. Er beschreibt seine Emotionen zu ihr; er hat sie zur Herrin auserkoren und stellt sie über alle anderen Frauen. Er ist nicht nur von ihren Charakterzügen, sondern auch von ihrer äußeren Gestalt angetan, denn „minneclîch ist ir der lîp“ (I,3). Indem er das Publikum durch „seht“ direkt anspricht, steht er offen zu ihr und ist scheinbar im Liebestaumel, da er sogar geschworen hat, dass ihm niemand teurer als sie auf der Welt sei. Der letzte Vers stellt den Höhepunkt seiner Liebesbeteuerungen in dieser Strophe dar, da er ihr Auftreten mit dem Aufgehen einer Sonne vergleicht. Es scheint, dass er sich seiner Gefühle sicher ist.

Im Anschluss daran folgt die Frauenstrophe. Hier tritt das Element Minneklagen ganz eindeutig hervor. Die Frau beginnt nämlich ihr mit dem Ruf „owê“, der ihre Verzweiflung ausdrückt. Während der Mann sozusagen prospektiv und freudvoll auf die Beziehung blickt, ruft sich die Frau diese schmerzvoll in Erinnerung. Ihr wird noch einmal bewusst, wie qual­voll der Abschied von ihm war. Doch auch für sie gibt es Linderung ihres Schmerzes: Ihn überkommt das Weinen, während sie trauert und er bittet sie, doch von ihrer Traurigkeit abzulassen und fröhlich gestimmt zu sein. Seine Bitte erfüllt sich, da seine Tränen sie zwar berühren, ihr Herz sich aber trotz der äußeren Trauer wieder fröhlich stimmt.

In der dritten Strophe kommt der Mann nun auf das eigentliche Problem ihrer Beziehung zu sprechen: Das Thema Verleumdung wird eingeführt. Er verflucht die Menschen, die seiner Minnepartnerin Schlechtes nachreden und verwünscht sie. Die Gesellschaft ist es nämlich, die ihn zwingt, dass er sich von seiner Geliebten fernhält.

Er verflucht die Neider, doch trotzdem schadet es ihnen nicht; warum bleibt allerdings ungeklärt. Im letzten Vers dieser Strophe vergleicht er ihr Auftreten wiederum mit dem der aufgehenden Sonne.

[...]


1 Köhler, Jens: Der Wechsel, Winter-Verlag, Heidelberg 1997, S. 9

2 Schnell, Rüdiger: Frauenlied, Manneslied und Wechsel im deutschen Minnesang, Überlegungen zu “gender“ und Gattung, In: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur. Band 128; Stuttgart: Franz Steiner Verlag 1999, S.153

3 Schnell, S. 153

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Wechsel bei Heinrich von Morungen
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Proseminar Heinrich von Morungen
Note
2
Autor
Jahr
2003
Seiten
21
Katalognummer
V12351
ISBN (eBook)
9783638182591
ISBN (Buch)
9783638757720
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wechsel, Heinrich, Morungen, Proseminar, Heinrich, Morungen
Arbeit zitieren
Lydia Ostler (Autor), 2003, Die Wechsel bei Heinrich von Morungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12351

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