Die Ausgestaltung der Sozialen Marktwirtschaft in den 50er Jahren. Das Konzept und seine wirtschaftspolitische Umsetzung


Seminararbeit, 2000

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft
2. 1 Die Genese der Sozialen Marktwirtschaft
2. 2 Grundsätze und Ziele der Sozialen Marktwirtschaft

3. Die wirtschaftspolitische Umsetzung des Konzepts
3. 1 Die Startphase des Wirtschaftswunders 1948-1951
3. 2 Die Konsolidierungsphase des Wirtschaftswunders 1952-1960

4. Zusammenfassung und Diskussion

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die Soziale Marktwirtschaft ist das tragende Ordnungsprinzip, nach dem das Wirtschaftsleben in der Bundesrepublik gestaltet worden ist und das die Voraussetzung für den außerordentlichen großen wirtschaftlichen Aufschwung war, den wir heute verzeichnen können und der im Ausland oft fälschlich als Wirtschaftswunder [1] bezeichnet wird. Das Wesen dieser Marktwirtschaft besteht hauptsächlich darin, daß der Wirtschaftsprozeß, d. h. Produktion, Güter- und Einkommensverteilung, nicht durch obrigkeitlichen Zwang gelenkt, sondern innerhalb eines wirtschaftspolitisch gesetzten Ordnungsrahmens durch die Funktion freier Preise und den Motor eines freien Leistungswettbewerbs selbständig gesteuert wird. Freiheit, Selbstverantwortung und persönliche Initiative bei der Berufswahl, Erwerbstätigkeit und dem Konsum, die jedem als Produzenten und als Verbraucher die Wahrnehmung der wirtschaftlichen Chancen eröffnen, sowie eine leistungsbedingte Einkommensverteilung sind die Antriebskräfte, die in der Marktwirtschaft zu einem Höchstmaß an Produktion und einer Steigerung des Wohlstands der gesamten Bevölkerung führen. Die Marktwirtschaft ist damit diejenige Wirtschaftsordnung, die ein Maximum an Produktivität, Wohlstandsvermehrung und persönlicher Freiheit verbindet“ (Erhard 1962, S. 302).

Soziale Marktwirtschaft ist zu einem häufig und emphatisch benutzten Schlagwort geworden, um den wirtschaftlichen Erfolg der Bundesrepublik Deutschland nach dem 2. Weltkrieg zu charakterisieren. Dieser wird um so erstaunlicher, wenn man die deutsche Ausgangslage im Gefolge der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 bedenkt: Das Dritte Reich war zusammengebrochen und mit dem nationalsozialistischen Regime lebensnotwendige Einrichtungen wie Verkehrs- und Transporteinrichtungen, Behörden, Versorgungseinrichtungen usw.. Fünf Millionen Wohnungen waren zerstört oder beschädigt, besonders in den Großstädten verschärfte sich das Wohnungsproblem durch den anhaltenden Zustrom von Flüchtlingen und Vertriebenen aus dem Osten. Die Sorge der Besatzungsmächte galt zwar der Existenzerhaltung der Menschen, gleichzeitig bemühten sie sich um völlige Abrüstung, Entmilitarisierung und der Ausschaltung der auf Kriegsproduktion eingestellten Industrie (vgl. Müller 1996, S. 308ff). Daß angesichts dieser hoffnungslosen wirtschaftlichen und sozialen Situation der Deutschen, die von der Geschichtsschreibung als Stunde Null bezeichnet wurde, wenige Jahre später ein neu geordnetes Wirtschaftssystem[2] für wachsenden Wohlstand breiter Bevölkerungsschichten sorgte, war schlechthin unvorstellbar.

Im Blickpunkt der vorliegenden Arbeit befindet sich die Soziale Marktwirtschaft. Einerseits soll sie als Idee oder Konzept[3] in ihren Entstehungszusammenhang (2.1) und von ihren ordnungstheoretischen Grundlagen bzw. Zielen (2.2) aus betrachtet werden; andererseits soll der wirtschaftspolitischen Umsetzung der Sozialen Marktwirtschaft Beachtung geschenkt werden. Die Beschränkung der Darstellung auf die Start- (3.1) und Konsolidierungsphase (3.2) des sogenannten Wirtschaftswunders in der ersten Dekade bundesrepublikanischer Existenz ist dem Charakter und dem Umfang dieser Arbeit geschuldet. Trotzdem wird in der Ergebniszusammenfassung (4.) eine Diskussion der Entwicklung und der Zukunftsperspektiven des wirtschaftspolitischen Konzepts [4] nicht ausbleiben.

Es ist außerdem anzumerken, daß für die Abfassung des Textes nur eine kleine, aber hoffentlich repräsentative Auswahl an Literatur (5.), darunter einige Quellentexte, zumeist aber Sekundärliteratur, verwendet wurde. Abstriche mußten hier allein wegen der Flut an Publikationen über die Soziale Marktwirtschaft gemacht werden.

Die Soziale Marktwirtschaft hat nach der Ära Adenauer, die gleichzeitig eine Ära Erhard gewesen ist (vgl. Koerfer 1988, S. 759), keineswegs zu existieren aufgehört, sondern blieb als Wirtschaftsordnung prädominierend. Allerdings unter den Vorzeichen einer „zunehmenden Umwertung und Aushöhlung ihrer Grundsätze [...], so daß sich schließlich von Randgruppen abgesehen alle tragenden politischen Kräfte auf sie berufen konnten“ (Cassel/Rauhut 1998, S. 5). So begann unter der großen Koalition 1966, nachdem die Regierung Erhard pikanterweise an der ersten großen Nachkriegsrezession scheiterte, in harmonischer Zusammenarbeit des Bundeswirtschaftsministers Karl Schiller mit dem Bundesfinanzminister Franz Josef Strauß die Umsetzung der interventionistischen Ideen des Keynesianismus. Die vom Optimismus der 60er Jahre getragenen Steuerungsinstrumente zur Globalsteuerung und Investitionslenkung, der Ausbau des Sozialstaates liefen dem ursprünglichen Konzept der Sozialen Marktwirtschaft zuwider. Die ordnungspolitische Wende der 80er Jahre vermochte die Überbeanspruchung sozialstaatlicher Fürsorge nicht abzumildern, so daß nach „50 Jahren Sozialer Marktwirtschaft [...] eine erhebliche Diskrepanz zwischen der ursprünglich entwickelten Konzeption und ihrer wirtschaftspolitischen Umsetzung“ (ebenda, S. 6) konstatiert werden muß. Das Erbe Ludwig Erhards (Zitat oben) läuft eingedenk der gegenwärtigen desolaten Wirtschaftslage in Deutschland Gefahr, unverschuldet verspielt zu werden.

2. Das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft

2. 1 Die Genese der Sozialen Marktwirtschaft

In der Einleitung ist darauf hingewiesen worden, daß der Begriff einer Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft nicht unumstritten ist. Dieter Cassel und Siegfried Rauhut beschreiben daher, was darunter zu verstehen sei:

„Unter einer wirtschaftspolitischen Konzeption versteht man einen langfristig angelegten Orientierungsrahmen für wirtschaftspolitische Entscheidungsträger, bestehend aus (1) einem Zielsystem, (2) zielkonformen Ordnungsprinzipien zur Bestimmung individueller Entscheidungs- und Handlungsspielräume sowie (3) ziel- und ordnungskonformen Prinzipien und Methoden für das ökonomische Handeln des Staates [...]. Gemessen an dieser Definition handelt es sich bei der Sozialen Marktwirtschaft kaum um eine einheitliche und geschlossene wirtschaftspolitische Konzeption, denn je nach Interpretation ergeben sich unterschiedliche Zielsysteme, Ordnungsprinzipien und Handlungsspielräume“ (Cassel/Rauhut 1998, S. 5).

Dennoch halten sie und andere Autoren an dem Begriff fest, dessen Interpretationsfähigkeit nicht zuletzt von seinen ideengeschichtlichen Wurzeln herrührt. Diese sind nachfolgend herauszuarbeiten.

Die älteste Wurzel der Sozialen Marktwirtschaft ist in dem ökonomischen Liberalismus des 18. Jahrhunderts in England zu entdecken. Tief verbunden mit den Namen Adam Smith, David Ricardo und John Stuart Mill sind Antietatismus, Markt und Arbeitsteilung und ein individueller Rechts- und Freiheitsbegriff. Über die Auseinandersetzung mit der Sozialen Frage, der Proletarisierung und den Kartell- bzw. Syndiaktsbildungen, die der extreme Manchesterkapitalismus aufwarf, gelangte die marxistische Kapitalismusforschung und später von 1900-1930 die nachmarxistische zur Blüte. Die Anhänger des Liberalismus (Friedrich Naumann, Heinrich Dietzel u. a.) waren zum Versöhnungsversuch von Freihandel und Sozialpolitik gezwungen (vgl. Gutmann 1998, S. 53). Im 20. Jahrhundert führte die Kritik an den negativen Folgen des alten Liberalismus zur neoliberalen Erneuerung. Auslöser dafür war die Desillusionierung der Nationalökonomie infolge der Großen Depression der 30er Jahre. Während im angelsächsischen Raum Keynes‘ Beschäftigungstheorie ihren Siegeszug antrat, erstarkte in Deutschland die nationalsozialistische Wirtschaftsideologie. Die Neoliberalen nahmen sie zum Anlaß vertiefter Studien[5]. Anders als der Nationalsozialismus, für den der Staat das „Mittel zur Erhaltung der Rasse, die Wirtschaft wiederum eine vom Staat gesteuerte Tätigkeit der Volksgemeinschaft“ (Reuter 1998, S. 80) war, forderten sie den Staat als Hüter der Wettbewerbsordnung, Garanten der persönlichen Freiheit, des Privateigentums und des Friedens nach innen und außen[6].

[...]


[1] Der - populistisch gesprochen - zum Vater des Wirtschaftswunders stilisierte Ludwig Erhard verwahrte sich gegen diese Mystifizierung des wirtschaftlichen Aufschwunges, den er als das Ergebnis einer konsequenten Ordnungspolitik sah (Erhard 1957, S. 157f).

[2] Deutsche Selbstverwaltung blieb bis 1949 weitestgehend auf wirtschaftliche Fragen beschränkt. Zeugnis davon gab der bizonale Wirtschaftsrat in Frankfurt, der als parlamentarisches Organ dem Bundestag vorausging. Hier hat das Wirtschaftssystem das politische System gewissermaßen prädeterminiert. Vgl. Ambrosius 1989, S. 45f.

[3] Einige Wirtschaftswissenschaftler bezweifeln in Anbetracht der „inhaltlichen Unbestimmtheit“ die Rede von der Konzeption der Sozialer Marktwirtschaft „bei enger Begriffsauslegung“. Die breite gesellschaftliche Akzeptanz der Sozialen Marktwirtschaft als „Leitbild zur Gestaltung der Wirtschaftsordnung in Westdeutschland und nach der Wiedervereinigung von 1990 [...] in ganz Deutschland“ ist dagegen ein Faktum. (Cassel/Rauhut 1998, S. 5).

[4] Diese synthetische Formulierung trifft die immanente Logik der vorliegenden Arbeit. Sie besteht in der Gegenüberstellung von Theorie und Praxis, die sich im übrigen in den Akteuren damaliger Wirtschaftspolitik widerspiegelt. Erhard, Müller-Armack u. a. waren sowohl Wirtschaftspolitiker als auch Wissenschaftler, wenngleich Volker Hentschel dem Ersteren wissenschaftliche Untauglichkeit in seiner unausgewogenen Erhard-Biographie zu attestieren beabsichtigt (vgl. Hentschel 1996). Siehe auch Koerfer 1988.

[5] Hans-Georg Reuter hat herausgestellt, daß der Versuch Werner Abelshausers und Haselbachs, „die Genese der Sozialen Marktwirtschaft in das Kontinuum der nationalsozialistischen Ordnungsvorstellungen [...] bzw. schon in das der geistigen Wegbereiter des Dritten Reiches einzubinden“ (Reuter 1998, S. 68) von zweifelhaften argumentativen Ableitungen begleitet wird.

[6] Die Position der Neoliberalen kam der des Liberalismus darin nahe. „Was die Neoliberalen vom klassischen Liberalismus unterschied, war die Erkenntnis, daß sich selbst überlassene wirtschaftliche Freiheit nicht zu einer natürlichen Wettbewerbsordnung führe, sondern Privatmacht erzeuge, die die Freiheit des einzelnen zumindest beeinträchtige“ (Reuter 1998, S.71).

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Ausgestaltung der Sozialen Marktwirtschaft in den 50er Jahren. Das Konzept und seine wirtschaftspolitische Umsetzung
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften)
Veranstaltung
Grundkurs: Von der Sozialen Marktwirtschaft zur Politik der Neuen Mitte. Staat und Wirtschaftspolitik in der Bundesrepublik Deutschland
Note
1,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
23
Katalognummer
V12355
ISBN (eBook)
9783638182638
ISBN (Buch)
9783638698504
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziale Marktwirtschaft/50er Jahre
Arbeit zitieren
Christian Schwießelmann (Autor), 2000, Die Ausgestaltung der Sozialen Marktwirtschaft in den 50er Jahren. Das Konzept und seine wirtschaftspolitische Umsetzung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12355

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