Die Bedeutung der Frau für den höfischen Ritter im "Wigalois"


Seminararbeit, 2009
18 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Situation der Frau im Mittelalter und ihre Darstellung in der höfischen Literatur

2. Die Bedeutung der Frau für den höfischen Ritter im ‚Wigalois’
2.1 Frauen in abhängiger Relation zu Männern
2.1.1 Die Frau, ein freudebringendes Wesen für den Ritter
2.1.2 Die aufrichtige Liebe und die Einheit im Ehestand
2.2 Frauen in Konkurrenz zu Männern
2.2.1 Amazonen im ‚Wigalois’ am Beispiel der Marine
2.2.2 Die Jungfräulichkeit der Amazone und ihr besiegeltes Schicksal

3. Gegenüberstellung der beiden Frauentypen und Zusammenfassung

4. Literaturverzeichnis

1. Die Situation der Frau im Mittelalter und ihre Darstellung in der höfischen Dichtung

Die Rolle der Frau im Mittelalter wird in der Forschungsliteratur als nicht eindeutig definierbar eingeordnet, da sich das Frauenbild der höfischen Dichtung grundsätzlich von der christlichen Tradition unterscheidet. Die literarischen Darstellungen geben meist nur Wunschbilder wieder, während die heiligen Schriften der Bibel auf eine frauenverachtende Grundeinstellung hinweisen. „Die Frauen sollen ihren Männern untergeordnet sein wie Gott dem Herrn; denn der Mann ist das Haupt der Frau.“[1] Das betonte schon der Apostel Paulus in seinen Briefen. Zudem unterstreicht die scholastische Theologie des 13. Jahrhunderts die Minderwertigkeit der Frau, indem sie nach Thomas von Aquin nicht nur geringere Körperkraft habe, sondern auch geistig und moralisch dem Mann unterlegen sei: „Die Frau ist von Natur aus geringer an Tugend und Würde als der Mann.“[2]

Ganz im Gegensatz zu diesem Bild der Frau im Mittelalter wird ihre Rolle in der Gesellschaft der höfischen Literatur beschrieben. Am Ende des 12. Jahrhunderts trat die geistliche Dichtung zunehmend in den Hintergrund. Durch den Aufstieg des Rittertums, das zum Träger der neuen höfischen Gesellschaftsform wurde, entstand ein Kulturwandel mit neuen ethischen und sozialen Normen. Eine zentrale Stellung innerhalb der höfischen Kultur nahmen der Minnekult und der Frauendienst ein. Die Frau erfuhr eine erhebliche Aufwertung. Sie war dem Mann nicht mehr untergeordnet, sondern nahm die Position einer ‚Erzieherin’ ein. Ihretwegen konnte der Mann im höfischen Roman aventiuren bestehen und sich somit zu einem vollkommenen und vorbildlichen Ritter entwickeln.

Im Grunde entwirft die höfische Epik ein Frauenbild „jenseits konventioneller Typisierungen und traditioneller Konzeptionen“[3]. In Wirnts von Grafenberg ‚Wigalois’ nehmen die Frauen entgegen der historischen Tradition einen zentralen Platz ein. Aufgrund dessen soll in den folgenden Abhandlungen nun detailliert auf die Rolle der Frau im Leben des Ritters in diesem Werk eingegangen werden. Dabei wird unterschieden zwischen abhängigen und unabhängigen Frauen von Männern, wobei die abhängige Frau dem höfischen Ideal entspricht. Die Tatsache, dass jedoch im Gegensatz zur höfischen Dame noch ein Gegenpol existiert, die Amazone, welcher Wirnt zwar nicht ganz so viel Aufmerksamkeit schenkt wie der Frau, die sich komplett in die höfische Gesellschaft eingliedert, macht eine Gegenüberstellung der beiden Frauentypen besonders interessant. Die Frage, wie Wirnt von Grafenberg diese beiden Frauendarstellungen im ‚Wigalois’ verwendet und welche Bedeutung sie schließlich für den höfischen Ritter einnehmen, soll im Verlauf dieser Arbeit so weit als möglich geklärt werden. Für die Charakterisierung der höfischen Dame lassen sich im ‚Wigalois’ mehrere Beispiele finden, für die Amazone gibt es im Werk genau eines, nämlich Marine, wobei Wirnt im Zuge ihres Auftretens noch kurz auf ihre jungfräulich-ritterliche Gefolgschaft eingeht.

2. Die Bedeutung der Frau für den höfischen Ritter im Wigalois

Beim Blick auf das Äußere der Frau in Wirnts von Grafenberg ‚Wigalois’ fällt auf, dass ihre Schönheit vor allem auf ein festes Ideal ausgerichtet und nicht durch individuelle Züge gekennzeichnet ist. Dieses Schönheitsideal wurde durch bestimmte Merkmale festgelegt.[4] Die Frau zeichnet sich aus durch ihre Kleidung, ihren Schmuck und vor allem ihren Körper:

ir hâr daz was kleine,

goltvar unde reit;

ir scheitel wîz und niht ze breit.

diu stirne was ir sinwel.

eben und lûter was ir vel,

von rôsen varwe wîze

getempert mit vlîze.

ir brâ brûn, sleht unde smal.

dâ bî hiengen ir zetal

reide löcke goltvar.

ir ougen lûter unde klâr. (Wirnt von Grafenberg: Wigalois. V. 868 ff.)

Zudem ist Schönheit in Verbindung mit moralischer Reinheit und innerer Tugendhaftigkeit ein wesentlicher Aspekt der Darstellung der Frau. Sie verkörpert die Tugenden, die der Mann als Ritter erst noch im Kampf erwerben muss. Jedoch ist „des wunsches âmîe“ (V. 10629) eine Erfindung der Dichter. Die Vorstellung, dass die Männer ehrenvoll zu ihren Frauen aufblickten weil sie ihnen ihre ritterliche Kraft zu verdanken hatten, kehrte das reale gesellschaftliche Verhältnis der Geschlechter um. Auf dieses dichterische Konstrukt macht Wirnt von Grafenberg im Wigalois sogar direkt aufmerksam. Nachdem die prachtvolle Kleidung der Frau Larie detailliert beschrieben wurde fügt er hinzu:

alsus hât gemeistert dar

nâch dem wunsche ditze werc

mit worten Wirnt von Grâfenberc. (V. 10574 ff.)

2.1 Frauen in abhängiger Relation zu Männern

Grundsätzlich sollte eine Frau im Mittelalter, wie schon einleitend erwähnt, ihrem Mann dienen. Sie war ihm stets nachgeordnet. Anders wird das Verhältnis zwischen Männern und Frauen von Wirnt dargestellt, da sich der Ritter seiner Frau oftmals unterwirft und ihren Wünschen unterliegt. Wigalois leistet Nereja zum Beispiel auf seiner Reise nicht nur Gesellschaft, sondern begleitet sie als höflicher und ihre Wünsche erfragender Ritter. Er bittet sie sogar um Erlaubnis, eine klagende Jungfrau, die von zwei Riesen gequält wird, zu retten und fragt nach seiner Rückkehr erneut, ob seine Anwesenheit erwünscht sei:

erloubet mir, vrouwe, daz ich

mit iu rîte disen tac. (V. 2196 f.)

Der Wille der Frau steht also über dem Handeln des Ritters und dieser hält sich auch in jeder Situation an dieses Gebot. So kommt es auch, dass Wigalois die Jungfrau aus den Fängen der Riesen retten darf, denn

ezn sol ouch noch dhein biderbe man

nimmer gerne übersehen,

swâ dehein schade mac geschehen

deheinem reinem wîbe,

ern wendez mit sînem lîbe. (V. 2091 ff.)

Die Frau bleibt zwar das physisch schwächere Geschlecht, jedoch hindert sie das nicht daran, einen Mann mit ihren Wünschen zu beherrschen. Der Ritter aber sieht das nicht als „Herrschaft“ an, es erfüllt ihn mit wahrer Freude, eine Frau zu retten und zu ehren, denn mit ihrem „gewissen und […] güete“, ihrer „guote[n] handelunge“, mit der sie „des herzen nôt“ (V. 10466 ff.) heilen kann, schenkt sie dem Ritter das größte Glücksgefühl.

2.1.1 Die Frau, ein freudebringendes Wesen für den Ritter

Aufgrund der Freude herbeiführenden Eigenschaften der Frauen begeben sich die Ritter, wann immer sie Freude erleben wollen, in ihre Nähe. Dabei ist es jedoch nicht zwingend notwendig, seine eigene und geliebte Frau zu betrachten. Oft begeben sich die Männer zur Königin, die von Schönheit und Tugend nicht zu übertreffen ist und zu ihrem jungfräulichen Gefolge. Das Gleiche tun Erec und seine Gefährten in der Namur-Episode. Der Anblick der Schönen erweckt in den Rittern innerste und heiligste Gefühle und nimmt jeden Kummer von ihnen:

nie niemen wart sô leide,

und solder zuo der vrouwen gên,

ern müese leides âne gestên. (V. 10603 ff.)

Ähnlich ergeht es Gawein, als er seine spätere Frau Florie erblickt, die sein Herz „alsô der sunnen schîn / tuot den liehten sumertac“ (V. 956 f.) erleuchtet. Sogar Wirnt selbst wird ergriffen von der Perfektion ihres Äußeren und gesteht:

Und hêt si im gelîche

sîne mâge alle ersterbet,

in selben sô verderbet

daz er vil kûme mohte genesen –

und soldez dannoch alsô wesen

daz er si kuste an ir munt,

sô wær vergezzen sâ zestunt

aller sîne swære,

als ez nie worden wære. (V. 908 ff.)

Die Frau in ihrer vollkommenen Erscheinung, aber auch mit ihrem Verstand und ihrer Tugend bereitet also auch inmitten des größten Schmerzes Freude und Befreiung von Leid. Wirnt stellt diese Tatsache hier mit dem Motiv des Verwandtenmordes heraus, was in einem Mann eigentlich Rachegedanken und tiefste Erschütterung auslösen sollte. Durch einen einzigen Kuss der angebeteten und gleichzeitig mörderischen Frau sollen diese Gefühle jedoch sofort vergessen sein.

[...]


[1] Joachim Bumke: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. München 200511 . S. 455. Bumke zitiert den Apostel Paulus hier aus der altlateinischen Bibel: Ad Ephesios 5, 22-23

[2] Ebd. S. 456.

[3] Petra Giloy-Hirtz: Frauen unter sich. Weibliche Beziehungsmuster im höfischen Roman. In: Helmut Brall, Barbara Haupt/ Urban Küsters (Hrsg.): Personenbeziehungen der mittelalterlichen Literatur. Düsseldorf 1994. S.65.

[4] Bumke: S. 452.

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Details

Titel
Die Bedeutung der Frau für den höfischen Ritter im "Wigalois"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
Wirnt von Grafenberg: 'Wigalois'
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
18
Katalognummer
V123552
ISBN (eBook)
9783640286607
ISBN (Buch)
9783640286690
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bedeutung, Frau, Ritter, Wigalois, Wirnt, Grafenberg
Arbeit zitieren
Stefanie Schauer (Autor), 2009, Die Bedeutung der Frau für den höfischen Ritter im "Wigalois", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/123552

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